Themen
lage

Donnerstag, 23. Juli 2026
Zurück zur Übersicht

CDU-Geheimdienstexperte warnt vor Kooperation mit russischem Atom-Unternehmen in Lingen

Medienspektrum

Links Mitte Rechts
23. Juli
Die Welt (Politik)

CDU-Geheimdienstexperte warnt vor Kooperation mit russischem Atom-Unternehmen in Lingen

CDU-Geheimdienstexperte warnt vor Kooperation mit russischem Atom-Unternehmen in Lingen CDU-Geheimdienstkontrolleur Henrichmann sieht im Rosatom-Deal für die Brennelementefabrik Lingen ein Sicherheitsrisiko. Er warnt vor russischem Zugriff auf kritische Infrastruktur. Auch Umweltverbände sprechen von einem „unkalkulierbaren Risiko“. Der Vorsitzende des Parlamentarischen Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestages (PKGr), CDU-Politiker Marc Henrichmann, hat die Zusammenarbeit mit dem russischen Staatskonzern Rosatom bei der Herstellung von Brennelementen im niedersächsischen Lingen scharf kritisiert. „Der Einfluss des russischen Nuklearsektors in der EU ist nach wie vor ein großes Problem, dem wir uns entschieden entgegenstellen müssen“, sagte Henrichmann am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Der CDU-Politiker warnte vor damit verbundenen Sicherheitsrisiken. „Während sich die russische Führung mit dem Beginn des Angriffskrieges aus der friedlichen Staatengemeinschaft entfernt hat, versuchen sie über Umwege weiterhin zentrale Knotenpunkte unserer kritischen Infrastruktur, beispielsweise im Energiesektor, unter ihrer Kontrolle zu halten“, sagte Henrichmann. „Diese Entwicklungen müssen wir frühzeitig erkennen und entschieden bekämpfen.“ Das niedersächsische Landesumweltministerium hatte zuvor auf Anweisung des von Carsten Schneider (SPD) geführten Bundesumweltministeriums und entgegen eigener Bedenken die Zusammenarbeit mit Rosatom in Lingen genehmigt, wenn auch unter Auflagen. Der russische Staatskonzern soll dort direkt in die Produktion einbezogen werden. Konkret geht es um ein Vorhaben des Kraftwerksunternehmens Advanced Nuclear Fuels (ANF), einer Tochter des französischen Atomkonzerns Framatome. ANF plant, in Lingen zusätzlich zu den bisherigen Brennelementen auch sechseckige Brennelemente des russischen Typs VVER herzustellen. Dafür will die Framatome-Tochter mit Rosatom zusammenarbeiten und dabei auch russische Komponenten und Technologien nutzen. „Anstatt dass der französische Mutterkonzern Framatome ein Joint-Venture mit dem russischen Staatskonzern bildet, sollten sich unsere französischen Freunde lieber an anderen Produzenten orientieren“, forderte Henrichmann. Er wies darauf hin, dass beispielsweise ukrainische Atomkraftwerke seit einiger Zeit aus den USA mit Brennelementen versorgt würden, um die Abhängigkeit von Russland zu verringern. Der Umweltverband BUND kündigte rechtliche Schritte gegen das Projekt in Lingen an. „Die Zusammenarbeit mit Rosatom stellt ein unkalkulierbares Risiko für die innere und äußere Sicherheit dar“, warnte Geschäftsführerin Verena Graichen. Die Bundesregierung sei jedoch verpflichtet, „die Sicherheitsinteressen Deutschlands zu schützen“. Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) forderte die Stilllegung der Fabrik in Lingen.

Artikel lesen
22. Juli
ZDF heute

Atomkooperation mit Russland: Darum geht es

Brennelementewerk in Niedersachsen:Atomkooperation mit Russland: Darum geht es Im niedersächsischen Lingen sollen künftig Brennelemente gebaut werden - mit russischer Technik und Lizenzen. Es hagelt Kritik. Worum es geht - wichtige Fragen und Antworten. Mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine soll eine Fabrik in Niedersachsen künftig Brennelemente russischer Bauart für Atomkraftwerke fertigen, und zwar mit russischer Technik und Lizenzen. Die Genehmigung für das Vorhaben in Lingen löst scharfe Kritik aus. Warum wurde das Go erteilt? Und welche Auflagen sollen die Risiken begrenzen? Ein Überblick: Was wurde genehmigt? Die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF) darf ihre Brennelementefabrik in Lingen erweitern. Das zum französischen Framatome-Konzern gehörende Kernkraft-Unternehmen kann dort künftig sechseckige Brennelemente für Atomkraftwerke, genauer für Druckwasserreaktoren russischer Bauart herstellen. Solche VVER-Reaktoren stehen vor allem in Mittel- und Osteuropa. Die Fertigung soll mit russischen Lizenzen, russischer Technik und Maschinen der Rosatom-Tochter TVEL erfolgen. Nach Fukushima schien Atomkraft weltweit geächtet, auch Deutschland stieg aus. Doch die Energiekrise ändert das Denken. Viele Staaten denken wieder über mehr Kernkraft nach. 26.04.2026 | 1:25 minWarum ist Russland beteiligt? Die Technik der VVER-Reaktoren stammt aus der Sowjetunion. Lange wurden passende Brennelemente fast ausschließlich von Rosatom geliefert. Framatome und TVEL gründeten in Frankreich ein Gemeinschaftsunternehmen für die Lizenzfertigung. In dessen Auftrag soll nun in Lingen produziert werden. Ein ursprünglich in Deutschland geplantes Gemeinschaftsunternehmen war nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nicht verwirklicht worden. Anschließend wurde die Kooperation nach Frankreich verlagert. Atommüll, Tschernobyl, teurer Strom: Jan Fleischhauer und die ehemalige Grünen-Abgeordnete Bärbel Höhn diskutieren, ob Deutschlands Atomausstieg vernünftig war - oder fatal. 07.05.2026 | 28:57 minSoll Europa dadurch unabhängiger von Russland werden? ANF und Framatome stellen das Vorhaben als Beitrag zur Versorgung osteuropäischer Kraftwerke dar. Kritiker bezweifeln jedoch, dass eine Fertigung mit russischen Lizenzen, Maschinen und zugelieferten Bestandteilen die Abhängigkeit verringert. Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) nannte die Annahme von Befürwortern der Genehmigung "naiv", Russlands Präsident Wladimir Putin wolle mit einer solchen Kooperation helfen, Deutschland und die EU von Russland unabhängiger zu machen. Für VVER-Reaktoren gibt es laut Meyer auch Brennelemente eines US-Konzerns. Merz und Macron wollen Europas Sicherheit stärken. Erstmals nimmt die Bundeswehr an einer französischen Nuklearübung teil. Ziel sei mehr Abschreckung und Souveränität. 17.07.2026 | 2:33 minWarum wurde die Genehmigung erteilt? Das niedersächsische Umweltministerium prüfte den Antrag nach dem Atomgesetz im Auftrag des Bundes. Nach einer Bewertung der Bundesregierung lassen sich mögliche Risiken durch Auflagen so weit verringern, dass eine rechtssichere Ablehnung nicht möglich sei. Das Bundesumweltministerium erklärte, eine Genehmigung müsse erteilt werden, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt seien. Politische Vorbehalte gegen Rosatom müssten über EU-Sanktionen gelöst werden. Niedersachsens Umweltminister Meyer hält die Entscheidung politisch dennoch für "grundfalsch". Sein Ministerium habe wegen der maßgeblichen Sicherheitsbewertung des Bundes keine rechtliche Möglichkeit gehabt, den Antrag abzulehnen. Welche Sicherheitsbedenken gibt es? Im Verfahren ging es unter anderem um mögliche Spionage, Sabotage, Cyberangriffe und Manipulationen an Maschinen, Software oder zugelieferten Brennstäben. Auch könnten russische Mitarbeiter durch technische Kontakte sicherheitsrelevante Erkenntnisse erhalten. Meyer betonte, eine Brennelementefabrik sei kritische Infrastruktur: "Das ist keine Schokoladenanlage." Die Beteiligung eines Staatskonzerns aus einem Land, das einen Angriffskrieg führe, sei eine besondere Herausforderung. In zwölf der 27 EU-Staaten wird Atomenergie produziert. Allerdings in unterschiedlichen Mengen. Eine Übersicht zur Energieproduktion und zum Stromverbrauch in der EU. 23.04.2026 | 1:21 minWelche Auflagen gelten? Beschäftigte von TVEL und Rosatom dürfen das Werksgelände grundsätzlich nicht betreten. Ausnahmen sind nur in eng begrenzten Fällen und unter Begleitung der Aufsichtsbehörde möglich. Hard- und Software der russischen Maschinen müssen extern überprüft und von der übrigen IT des Werks getrennt werden. Aus Russland gelieferte Brennstäbe sollen vollständig mit Scannern und im Vier-Augen-Prinzip auf Manipulationen kontrolliert werden. Beschäftigte müssen zudem regelmäßig zu möglichen Spionage- und Sabotageversuchen geschult werden. Bei neuen Erkenntnissen können weitere Auflagen verhängt werden. Im äußersten Fall könnte die Genehmigung auch entzogen werden. Warum gibt es keine Sanktionen? Uran und große Teile der russischen Nuklearindustrie sind bislang nicht von EU-Sanktionen erfasst. Dafür gibt es unter den Mitgliedstaaten keine ausreichende Mehrheit. Das Bundesumweltministerium erklärte, Deutschland setze sich weiter für europäische Sanktionen im Nuklearbereich ein. Solange diese fehlten, seien Einfuhren russischen Urans und Geschäfte mit Rosatom grundsätzlich nicht verboten. Mehr zu Atomkraft - Umweltminister will Gewissheit bis 2050:So soll die Endlager-Suche beschleunigt werdenvon Johannes Liebermit Video4:46 - AKW-Drosselungen in Frankreich:Wie anfällig sind Kernkraftwerke im Hitzestress?von Mark Hugomit Video2:30 - WISO - Wirtschaft erklärt:Atomkraft: Was für und gegen eine Rückkehr sprichtvon Mischa Ehrhardt und Florian Neuhannmit Video10:47 - Reaktorkatastrophe Tschernobyl:Überlebender: "Ein Tag, der das Leben verändert hat"Anne Brühl, Tschernobylmit Video6:37

Artikel lesen
22. Juli
Die Zeit (Politik)

Brennelemente-Produktion: Niedersachsen genehmigt Fertigung russischer Brennelemente in Lingen

In Lingen im Emsland werden künftig Brennelemente russischen Typs hergestellt. Das niedersächsische Umweltministerium teilte mit, dass es eine entsprechende Erweiterung der dortigen Anlage genehmige – unter strengen Auflagen. Das zum französischen Framatome-Konzern gehörende Kernkraft-Unternehmen Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF) will auf dem Gelände in Lingen sechseckige Brennelemente für Atomkraftwerke russischer Bauart produzieren. Dazu soll Technik des Atomkonzerns TVEL verwendet werden, eine Tochter des russischen Staatskonzerns Rosatom. Land konnte Antrag laut Umweltminister nicht ablehnen Trotz der erteilten Genehmigung kritisierte Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) die Zusammenarbeit deutlich. Das Geschäft halte er politisch für »grundfalsch«, da gerade im Nuklearsektor Abhängigkeiten von Russland verringert werden müssten. Das Land habe nach dem Atomgesetz den Antrag des Unternehmens allerdings nicht ablehnen können. Der Grund: Der Bund sei nach einer Prüfung zu dem Ergebnis gekommen, dass keine ausreichenden Risiken durch mögliche Spionage oder Sabotage vorlägen. Daran sei das Land gebunden. Auch der Vorsitzende des Parlamentarischen Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestages (PKGr), Marc Henrichmann (CDU), kritisierte die Zusammenarbeit mit Rosatom. »Der Einfluss des russischen Nuklearsektors in der EU ist nach wie vor ein großes Problem, dem wir uns entschieden entgegenstellen müssen«, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Russische Maschinen müssen extern überprüft werden Henrichmann sieht sehr wohl Sicherheitsrisiken. »Während sich die russische Führung mit dem Beginn des Angriffskrieges [in der Ukraine] aus der friedlichen Staatengemeinschaft entfernt hat, versuchen sie über Umwege weiterhin zentrale Knotenpunkte unserer kritischen Infrastruktur, beispielsweise im Energiesektor, unter ihrer Kontrolle zu halten«, sagte Henrichmann. »Diese Entwicklungen müssen wir frühzeitig erkennen und entschieden bekämpfen.« Zu den Auflagen, die das Land Niedersachsen mit der Genehmigung für die ANF verbunden hat, gehört ein grundsätzliches Zutrittsverbot für Beschäftigte von TVEL und Rosatom zur Anlage in Lingen. Russische Maschinen und Software müssen demnach extern überprüft und von der übrigen IT der Fabrik getrennt werden. Aus Russland gelieferte Brennstäbe sollen zudem vollständig auf Manipulationen kontrolliert werden.

Artikel lesen
22. Juli
taz (Öko & Co)

Deutsche Brennelementefabrik: Putins Einfluss wächst

Deutsche Brennelementefabrik: Putins Einfluss wächst Der Kreml-Konzern Rosatom darf bei der Lingener Atomfabrik einsteigen. Hintergrund könnte ein Deal von Merz mit Frankreichs Präsident Macron sein. Die Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz zwingt Niedersachsens grünen Umweltminister Christian Meyer, den Einstieg des in den Ukrainekrieg verwickelten russischen Staatskonzerns Rosatom bei der Atombrennelementefabrik Lingen zu genehmigen. Zwar macht Meyer klar, dass er „Geschäfte und eine enge Kooperation mit Putins Atomkonzern“ wie schon seit Jahren politisch weiter „für grundfalsch“ halte. Allerdings habe Berlin „in einem bundesaufsichtlichen Schreiben an das Land“ klargestellt, dass es keine Möglichkeit gebe, „eine Genehmigung rechtlich zu versagen“, teilte Meyers Ministerium am Mittwoch in Hannover mit – und dies komme „einer Weisung gleich“. In Lingen im Emsland kann damit künftig mit russischem Uran und russischer Technik Brennstoff für osteuropäische Atomkraftwerke hergestellt werden. Diese benötigen spezielle sechseckige Brennelemente. Diese würde allerdings längst auch in der Ukraine oder von dem US-Konzern Westinghouse in Schweden hergestellt, kritisierte Meyer gegenüber der taz am Telefon. Und „gerade im sensiblen Atomsektor“ müsse es darum gehen, „Abhängigkeiten von Russland zu verringern und nicht zu erhöhen“, findet der grüne Minister. Heftige Kritik an der Entscheidung der Bundesregierung kommt selbst aus der Kanzlerpartei CDU. Die Genehmigung des Rosatom-Einstiegs in Lingen müsse widerrufen werden, forderte der christdemokratische Außenpolitiker Roderich Kiesewetter. Rosatom kontrolliert das russische Atomwaffenprogramm „Diese Entscheidung ist sicherheitsgefährdend und muss rückgängig gemacht werden“, sagte der Bundeswehroberst, der seit 2009 Mitglied des Bundestags ist, dem Nachrichtenportal Politico. Die Genehmigung lasse sich „fast nur noch als erfolgreiche russische Einflussoperation bewerten oder unfassbare Verantwortungslosigkeit“, so Kiesewetter. Denn Rosatom werden nicht nur Menschenrechtsverletzungen etwa bei der Übernahme der von der russischen Armee besetzten ukrainischen Atomkraftwerke Tschernobyl und Saporischschja vorgeworfen – der Putin direkt unterstellte Konzern versorgt und kontrolliert auch das russische Atomwaffenprogramm. „Während die Bundesregierung einerseits Russland zu Recht sanktioniert und vor hybriden Bedrohungen warnt, schafft sie ausgerechnet im hochsensiblen Nuklearbereich zusätzliche Risiken für russische Sabotage und Spionage“, warnt deshalb auch Mareike Hermeier, Sprecherin für nukleare Sicherheit der Bundestagsfraktion der Linken. Zusätzlich finanzierten Einnahmen des Rosatom-Konzerns etwa durch die Brennelementeproduktion in Lingen „die russische Kriegsmaschinerie“, kritisierte die atompolitische Sprecherin der Grünen im niedersächsischen Landtag, Britta Kellermann. Die undurchsichtige Rolle Emmanuel Macrons Auch Anti-Atom-Intitativen wie ausgestrahlt oder das Bündnis Atomkraftgegner:innen im Emsland nannten den Rosatom-Einstieg „unverantwortlich“. Putin baue damit „ungehindert weiter seine geopolitische Macht über kritische Energieinfrastruktur in Europa aus“, kritisierte auch Wladimir Sliwjak, Träger des Alternativen Nobelpreises und Co-Vorsitzender der in Russland verbotenen Umweltorganisation Ecodefense. In Berlin kursieren dagegen längst Gerüchte, Kanzler Merz stehe bei Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Wort, den Rosatom-Einstieg zu ermöglichen. Denn betrieben wird die Lingener Brennelementefabrik von der Firma Advanced Nuklear Fuels (ANF), einer Tochter von Framatome, die wiederum ein Tochterunternehmen des hoch verschuldeten französischen Energieversorgers Électricité de France (EDF) ist. EDF wiederum gilt für die französische Atomstreitmacht Force de frappe als unverzichtbar – und auf den Schutz der einzigen Atommacht der Europäischen Union setzen angesichts des drohenden Rückzugs der US-Streitmacht immer mehr Staaten: Ende Mai ist Norwegen unter Frankreichs nuklearen Schutzschirm geschlüpft. Und erst in der vergangenen Woche kündigte Kanzler Merz nach einem Treffen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron an, dass die Bundeswehr in diesem Jahr erstmals an einer Nuklearübung der französischen Armee teilnehmen wird. Merz müsse deshalb dringend erläutern, „ob es eine Absprache mit Präsident Macron gab“, fordert Niedersachsens Umweltminister Meyer. „Ich erwarte von Bundeskanzler Merz“, sagte Meyer der taz, „dass er angesichts der massiven Warnungen seiner eigenen Sicherheitsdienste vor hybrider Kriegsführung durch Russland öffentlich erklärt, wie die Bundesregierung nun zu dem Schluss kommt, dass eine Genehmigung für die Brennelementefabrik in Lingen trotz der engen Beteiligung Russlands im Hinblick auf die innere und äußere Sicherheit zwingend erteilt werden muss.“ Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen meistkommentiert

Artikel lesen
22. Juli
FAZ (Wirtschaft)

Brennelemente aus Lingen: Atom-Kooperation mit Russland ist genehmigt

Brennelemente aus Lingen : Atom-Kooperation mit Russland ist genehmigt Brennelemente für Atomreaktoren können aus einer deutschen Fabrik kommen – mit einer russischen Lizenz. Der niedersächsische Umweltminister hat widerwillig die Genehmigung erteilt. Jetzt ist es amtlich: Die Advanced Nuclear Fuels GmbH, eine Tochtergesellschaft des französischen Atomkonzerns Framatome, bekommt die atomrechtliche Genehmigung zur „Fertigung hexagonaler Druckwasser-Brennelemente des Typs VVER“. Konkret heißt das: ANF darf in Lingen im Emsland Brennelemente für Atomkraftwerke russischer Bauart herstellen, und zwar auf Basis einer Lizenz von Rosatom. Diesem Unternehmen werden schwere Menschenrechtsverletzungen und die Beteiligung am Krieg gegen die Ukraine vorgeworfen. Dennoch gibt es keine EU-Sanktionen gegen den Atomkonzern, der auch ein wichtiger Lieferant von Uran ist. „Im Atomrecht gebunden“ „Ich halte es für grundfalsch, so eine Kooperation mit Russland zu machen“, stellte Christian Meyer (Grüne) klar, der als Umweltminister die atomrechtliche Genehmigung zu verantworten hat. „Wir sind im Atomrecht gebunden“, rechtfertigte Meyer in der Landespressekonferenz die nun erteilte Genehmigung für die seit dem Jahr 2022 beantragte Atom-Kooperation. Sie werde unter hohen Auflagen erteilt. Zur sicherheitspolitischen Beurteilung kenne er keine Details, sagte Meyer. Laut dem bundesaufsichtsrechtlichen Schreiben gebe es in Bezug auf Sabotage oder Spionage keine Möglichkeit, die Genehmigung zu versagen. „Das ist eine außenpolitische Angelegenheit. Man fühlt sich etwas klein als Niedersachse“, sagte Meyer in der Landespressekonferenz in Hannover. Wie öffentlich bekannt geworden sei, hätten sich auch Bundeskanzler Merz und Frankreichs Präsident Macron über das Thema ausgetauscht. Auch Kiesewetter kritisiert die Entscheidung Meyer bekommt in seinem ausdrücklichen Widerwillen nicht nur Schützenhilfe aus der eigenen Partei sowie von Organisationen wie „Ausgestrahlt“, sondern auch vom CDU-Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter, der in der Union eine wichtige sicherheitspolitische Stimme ist. Dass die Genehmigung für Lingen erteilt werden solle, lasse sich fast nur noch als erfolgreiche russische Einflussoperation bewerten oder unfassbare Verantwortungslosigkeit, sagte Kiesewetter dem Nachrichtenmagazin „Politico“: „Diese Entscheidung ist sicherheitsgefährdend und muss rückgängig gemacht werden.“ Rechtskräftig ist die Genehmigung noch nicht, betonte Umweltminister Christian Meyer in Hannover. Man habe die Genehmigung – ein 148 Seiten langes Dokument – auf der Internetseite des niedersächsischen Umweltministeriums hochgeladen. So müssten mögliche Kläger nicht warten, bis die Entscheidung im Bundesanzeiger veröffentlicht werde. Unterdessen hat auch ANF die Möglichkeit, einen Antrag auf Sofortvollzug der Genehmigung zu stellen. „Wichtig für die europäische Energiesouveränität“ „Wir sind bereit, unverzüglich mit den Anpassungen unserer Anlage zu beginnen“, wird ANF-Geschäftsführer Jürgen Krämer in einer Pressemitteilung des Unternehmens zitiert. Die notwendigen Maschinen für die Produktion wurden schon vor zwei Jahren nach Lingen gebracht und außerhalb des Werksgeländes zur Schulung der ANF-Mitarbeiter genutzt. Mario Leberig, Manager der Brennelemente-Sparte von Framatome, bezeichnete die Entscheidung aus Hannover als „wichtigen Schritt in Richtung europäischer Energiesouveränität“. Die europäischen Betreiber der Druckwasserreaktoren könnten sich darauf verlassen, dass Framatome eine „sichere und robuste Alternative für die Brennstoffversorgung“ bereitstelle: „Wir sind in der Lage, sie ab 2027 zu beliefern.“ Aktuell gibt es 19 VVER-Reaktoren nach russischer Bauart in fünf Ländern der EU: in Bulgarien, der Tschechischen Republik, Ungarn, der Slowakei und Finnland. Die sechseckige Bauart der Brennelemente, die für den Betrieb dieses Reaktortyps benötigt werden, ist allerdings kein Monopol von Rosatom. Der amerikanische Konzern Westinghouse stellt ebenfalls solche Brennelemente her und beliefert damit die Ukraine, mittlerweile aber auch Atomkraftwerke in der Tschechischen Republik, Finnland und Ungarn, wie Niedersachsens Umweltminister Meyer betonte. „Westinghouse hat öffentlich erklärt, dass eine Kooperation mit ANF möglich wäre“, sagte Meyer. Insofern wäre die Lizenz von Rosatom gar nicht nötig. „Es gab kein Kooperationsangebot“, betonte dagegen ein Sprecher von ANF auf Anfrage der F.A.Z. Das Unternehmen hat nach Angaben des Sprechers in den vergangenen Jahren unter anderem durch neue Serviceangebote für die Atomindustrie die Belegschaft in Lingen um fast ein Drittel auf 420 Beschäftigte ausgebaut. ANF hatte schon bei Antragstellung erklärt, man wolle bis zum Jahr 2030 selbst Brennelemente dieses Typs entwickelt haben.

Artikel lesen
22. Juli
Der Spiegel (Wirtschaft)

Lingen – Rosatom: Fabrik im Emsland darf Brennelemente mit Russland-Beteiligung herstellen

Trotz heftiger Kritik Fabrik im Emsland darf Brennelemente mit russischer Beteiligung herstellen Geschäfte mit dem russischen Atomkonzern Rosatom im emsländischen Lingen rufen harsche Kritik hervor. Eine Fabrik in der Stadt darf nach einer Entscheidung des niedersächsischen Umweltministeriums künftig Brennelemente russischen Typs herstellen . Das französische Kernkraftunternehmen Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF) betreibt die Fabrik in Lingen. Es will sechseckige Brennelemente für Atomkraftwerke russischer Bauart produzieren. Dafür soll Technik des russischen Atomkonzerns TVEL verwendet werden, der zum Staatskonzern Rosatom gehört. Grünenfraktionschefin Britta Haßelmann bezeichnete die Entscheidung, russische Atomgeschäfte trotz des Ukrainekriegs in Deutschland zu ermöglichen, als »unverantwortlich«. »Sie machen Deutschland und Europa abhängig, erpressbar und füllen Putins Kriegskassen.« Nachrichtendienste warnten ständig, dass es keine Abhängigkeit durch Geschäfte mit Russland mehr geben dürfe, sagte Haßelmann. »Wir alle kennen die Risiken von Spionage, Sabotage und Desinformation durch Russland und durch seinen Angriffskrieg auf die Ukraine, der eine massive Gefahr für ganz Europa darstellt.« Merz müsse jedwede Kooperation in Atomgeschäften mit Russland konsequent stoppen. Umweltminister hält Entscheidung für »grundfalsch« Selbst der niedersächsische Umweltminister Christian Meyer (Grüne) kritisiert die Zusammenarbeit scharf. Er halte Geschäfte mit dem russischen Atomkonzern politisch für »grundfalsch«, wie er der Nachrichtenagentur dpa sagte. Abhängigkeiten von Russland müssten gerade im sensiblen Nuklearsektor verringert werden. Das Land habe den Antrag nach dem Atomgesetz jedoch nicht ablehnen können. Der Bund sei zum Ergebnis gekommen, dass keine ausreichenden Risiken durch mögliche Spionage oder Sabotage vorliegen. Niedersachsen handele in dem Verfahren demnach im Auftrag des Bundes und war an dessen Einschätzung gebunden. Die Genehmigung des niedersächsischen Umweltministeriums erfolgte unter strengen Sicherheitsauflagen. Dazu gehört ein grundsätzliches Zutrittsverbot für Beschäftigte von TVEL und Rosatom. Russische Maschinen und Software müssen demnach extern überprüft und von der übrigen IT der Fabrik getrennt werden. Aus Russland gelieferte Brennstäbe sollen vollständig auf Manipulationen kontrolliert werden. Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums sagte der Nachrichtenagentur Reuters, man sehe die Kooperation auch in Berlin kritisch. Die Entscheidung über den Antrag von ANF sei aber nach Recht und Gesetz gefallen. Wenn alle Voraussetzungen erfüllt seien, müsse eine atomrechtliche Genehmigung erteilt werden. Bislang gebe es für EU-Sanktionen gegen den russischen Nuklearsektor keine Mehrheit unter den EU-Mitgliedstaaten. Deutschland setze sich jedoch weiter dafür ein.

Artikel lesen
© 2026 Themenlage