15. Juli Wirtschaftswoche
Goldener Windbeutel: Ein Saft für 100 Euro pro Liter ist die Werbelüge des Jahres
Goldener Windbeutel: Ein Saft für 100 Euro pro Liter ist die Werbelüge des Jahres
66.000 Verbraucher haben über die „dreisteste Werbelüge“ des Jahres abgestimmt – und sich für das Saftkonzentrat „Fit fürs Leben“ des Herstellers LaVita entschieden. 39 Prozent der Teilnehmenden hievten das „Mikronährstoffkonzentrat“ bei der Wahl der Verbraucherorganisation Foodwatch auf den ersten Platz.
Das Unternehmen aus dem bayerischen Kumhausen wirbt bei dem Saft mit über 70 Sorten Obst, Gemüse, Kräutern, pflanzlichen Ölen und wertvollen Mikronährstoffen als Inhalt und preist ihn als „Naturprodukt ohne Konservierungs- und Zusatzstoffe“ an. Zwischenzeitlich nutzte der Hersteller sogar den Werbeclaim „Saubertrank“.
Doch Foodwatch sieht das anders: LaVita bestehe zu 70 Prozent aus Fruchtsaftkonzentrat, zugesetzt seien 26 isolierte Vitamine und Nährstoffe – teilweise überdosiert. Nach Ansicht der Verbraucherorganisation stehe das Produkt beispielhaft für die „Gesundheits-Abzocke“ auf dem Lebensmittelmarkt. „Hersteller machen Gesundheitsversprechen, die häufig irreführend sind, und kassieren die Verbraucher dafür ordentlich ab“, schreibt die Organisation in einer Mitteilung.
Hersteller räumt ein, dass nicht alle Zutaten restlos natürlich sind
Für einen Liter des Safts verlangt LaVita laut Webseite 100 Euro. Diana Rubin, Leiterin des Zentrums für Ernährungsmedizin und Diabetologie des Vivantes Humboldt-Klinikums, kritisierte das Produkt laut Foodwatch-Mitteilung ebenfalls: Die Werbung für das Produkt suggeriere, LaVita sei die natürliche Rundum-Formel für ein fittes, gesundes Leben.
„Die tägliche Basis der Gesundheit ist aber eine ausgewogene Ernährung“, sagt sie. Wer einen Nährstoffmangel vermute, solle zunächst ärztlichen Rat einholen, statt zu hoch dosierten und teuren Mitteln wie LaVita zu greifen.
LaVita hat sowohl in einer Stellungnahme an Foodwatch als auch gegenüber dem Magazin „Der Spiegel“ auf die Kritik reagiert: Den Slogan „Fit fürs Lebens“ wolle das Unternehmen erneut rechtlich prüfen lassen, die Werbung mit dem Claim „Saubertrank“ habe man mittlerweile gestoppt. Der Hersteller räumte demnach zudem ein, dass nicht alle Zutaten „restlos“ natürlich seien.
Der Aussage, dass die tägliche Basis der Gesundheit eine ausgewogene Ernährung sei, stimme LaVita grundsätzlich uneingeschränkt zu. Nahrungsergänzung im Allgemeinen oder LaVita im Besonderen seien nicht dafür geschaffen, gesunde Ernährung zu ersetzen, gab das Unternehmen gegenüber dem „Spiegel“ an. Vielmehr gehe es darum, die gesunde Ernährung zu optimieren.
Backpulver auf dem zweiten Platz, Kaugummi auf dem fünften
Fast 22 Prozent der Teilnehmenden stimmten außerdem für das Airfryer-Backpulver Backin von Dr. Oetker. Die Verbraucherschützer kritisierten hier, dass das Backergebnis sich nicht vom deutlich günstigeren Standardbackpulver unterscheide. Auch hier äußerte sich der Hersteller auf Nachfrage von Foodwatch und „Spiegel“: Die neue Zutat Glucono-delta-lacton sorge für ein lockereres und gleichmäßigeres Backergebnis im Airfryer und dafür, dass die Oberfläche nicht so schnell bräunt. Kritische Rückmeldungen von Kunden habe es nicht gegeben.
Knapp hinter dem Backpulver landete der Bio-Joghurt Matcha Mango von Andechser Natur. Mit 14,4 Prozent belegt das Oh Yeah Bear Libido Vitamin von Beautybears Platz vier. Auf Rang fünf landete das Kaugummi Airwaves Cool Cassis von Mars.
Den Negativpreis lobte Foodwatch in diesem Jahr zum 15. Mal aus. Im vergangenen Jahr wurde er an die Milka-Alpenmilch des Lebensmittelkonzerns Mondelēz vergeben. Damals stimmten 34 Prozent der Teilnehmenden für die Schokolade. Die Begründung damals: Mondelēz hatte den Packungsinhalt von 100 auf 90 Gramm verringert – und vorher den Preis von 1,49 Euro auf 1,99 erhöht. Nach Ansicht von Foodwatch blieb die Verpackung aber gleich, also sprach die Verbraucherorganisation von einer versteckten Preiserhöhung von 48 Prozent.
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