29. Juli Süddeutsche Zeitung (Wirtschaft)
Fed-Zinsentscheidung: „Die Fed ist dran, sie wird sich kümmern“
Die US-Notenbank Federal Reserve lässt den Leitzins unverändert. Der Zentralbankrat stimmte mit neun zu drei Stimmen für eine erneute Zinspause. Die drei abweichenden Stimmen sprachen sich für eine Zinserhöhung um einen Schritt aus. Die abweichenden Meinungen kamen dabei alle aus dem Lager der Präsidenten der regionalen Zentralbanken. Die sieben Fed-Gouverneure, unter ihnen der ehemalige Fed-Chef Jerome Powell, stimmten dafür, das aktuelle Zinsniveau beizubehalten.
Dabei hätte der neue Chef der Notenbank mit Gegenstimmen vermutlich kein Problem gehabt. Denn Kevin Warsh, der im Frühjahr den zu einer Art Lieblingsfeind von Präsident Donald Trump gewordenen Powell ablöste, will einen neuen Stil pflegen. Nach dem ersten Treffen des Zentralbankrats im Juni hatte Warsh gesagt, er wünsche sich weniger ritualisierten Austausch zwischen den Notenbankern. Dissens ist bei ihm ausdrücklich erwünscht. Neue Ideen sollen her, die bekomme man nicht mit Einigkeit.
In der Pressekonferenz nach der Entscheidung betonte Warsh erneut, dass sich die Zentralbank nicht mit der dauerhaft erhöhten Inflation zufriedengeben werde. Er könne verstehen, wenn es Bürger gebe, die nach fünf Jahren mit durchgängigen Preissteigerungen daran zweifeln, ob das alte Ziel von zwei Prozent überhaupt noch gelte. „Es gibt kein weiches Ziel. Es gibt nur ein Ziel.“ Auf die Frage eines Journalisten, was denn nun die Nachricht für US-Haushalte sei, erwiderte Warsh: „Die Fed ist dran, sie wird sich kümmern.“
Wo sind die neuen Ideen, die Warsh haben möchte?
Präsident Trump wollte eine brummende Wirtschaft und Rekordgewinne, die er sich dann auf die Fahne schreiben kann. In Trumps Augen war das Einzige, das diesem Ziel im Weg stand, der hohe Zinssatz, zu dem sich die US-Wirtschaft refinanzieren musste.
Die Erwartung war, dass der neue Chef, Warsh, bald die Geldschleusen öffnen dürfte. Doch dann flammte der Krieg mit Iran wieder auf und sorgte für neue Inflationssorgen, auch beim ersten Meeting im Juni hatte der Fed-Rat die Zinsen stabil gehalten. Die Abstimmung in dem 12-Köpfe-Gremium damals: einstimmig. Zumindest das hat sich geändert.
Mitte Juni kündigte Warsh fünf Expertengremien an, die über die Rolle der US-Notenbank beraten sollten. Die Gremien sind hochkarätig besetzt, mit ehemaligen Chefs großer Unternehmen wie Walmart und einem Nobelpreisträger. Fed-Gouverneur Christopher Waller soll einem Bericht des Wall Street Journal zufolge etwas genervt auf diesen Schritt reagiert haben. „Sagen Sie mir die Namen und ich werde Ihnen genau sagen, was die empfehlen“, entgegnete er seinem neuen Chef demnach. Den Wunsch nach neuen Ideen scheint Waller eher überflüssig zu finden: Welche Ideen sollen das denn sein? Wir wissen doch alle genau, wie das Spiel funktioniert, scheint er zu sagen.
Das Spiel, auf das sich Waller bezieht, wurde von allen Fed-Präsidenten der letzten Jahrzehnte gespielt. Mal erfolgreicher, mal weniger. Es geht dabei um einen komplizierten Tanz am Abgrund, der einerseits die Inflation in Zaum, andererseits die Bürger in Beschäftigung halten soll.
Ziemlich erfolgreich war dabei pikanterweise Warshs Vorgänger Powell. Er schaffte einen Spagat, ein sogenanntes „Soft Landing“, also die Zinsen genau im richtigen Tempo zu erhöhen, sodass zwar die Inflation sinkt, die Wirtschaft aber nicht in eine Rezession rutscht. Was – so Waller - soll da eine Expertenkommission an neuen Ideen finden?
Die aktuelle Entscheidung scheint ihm recht zu geben. Die Inflation ist nicht besiegt, Zinsen können also steigen oder höchstens stabil bleiben. Drei Stimmberechtigte waren für eine Erhöhung, neun für Zinsstabilität. Wo also sind die neuen Einfälle?
In einer solch angespannten Stimmung kann viel passieren
Eine Priorität Warshs scheint zu sein, die Fed weniger berechenbar zu machen. Der Prozess der Fed war in den vergangenen Jahrzehnten fast zu einem Ritual verkommen. Die Gouverneure beraten, entscheiden, danach erklärt der Präsident, wie es aller Wahrscheinlichkeit nach weitergeht mit den Zinsen. Regionale Zentralbankchefs geben Interviews. Kommen noch weitere Erhöhungen in diesem Jahr, wo liegt das Niveau am Ende des Jahres.
„Forward Guidance“ nennt sich diese konstante Kommunikationsstrategie der Fed der vergangenen Jahrzehnte. Zusätzlich dazu spielen die Fed-Gouverneure und Regionalbankenchefs alle paar Monate eine Art Tippspiel, bei dem sie die Zinsniveaus der kommenden ein bis drei Jahre vorhersagen, jeder für sich. Das Ergebnis wird im sogenannten Dot-Plot veröffentlicht, eine Art Publikumsjoker für die Zinsvorhersagen.
Für die Wirtschaft war diese Berechenbarkeit gut, sie hatte Planungssicherheit. Kevin Warsh scheint das für überschätzt zu halten. Wahrscheinliche Szenarien gibt es von ihm nicht, weder im Privaten noch öffentlich. Er hielt sogar seine Vorhersagen im jüngsten Tippspiel zurück. Das Orakel von Washington, es schweigt.
Das kann aber dazu führen, dass andere Orakel an Einfluss gewinnen. Auch die großen Investmentbanken und Hedgefonds und Market Maker beschäftigen Wahrsager. Die Plattform Fedwatch war sich zuletzt meist ziemlich sicher, wie die Fed entscheiden dürfte. Diesmal beziffert sie die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung kurz vor der Entscheidung auf 31 Prozent.
In einer solch angespannten Stimmung kann viel passieren. Als dann das Orakel des großen US-Finanzdienstleisters Citadel Securities am Dienstag überraschend klar eine Zinserhöhung voraussagte, führte das zu einer Verstärkung des ohnehin schon begonnenen Abverkaufs von Tech-Aktien an der Börse.
Nach der Fed-Entscheidung am Abend reagierten die Börsen zunächst verhalten. Der S&P 500 stieg zunächst leicht, der NASDAQ mit mehr Tech-Schwergewichten legte etwas mehr zu.