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Dienstag, 24. März 2026
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Rücktritt von Christian Dürr: Sie haben es sich zu leicht vorgestellt

Medienspektrum

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23. März
taz (Öko & Co)

Rücktritt von Christian Dürr: Sie haben es sich zu leicht vorgestellt

Rücktritt von Christian Dürr: Sie haben es sich zu leicht vorgestellt Der Zustand der FDP ist jämmerlich. Wäre die Partei relevant, könnte man das als tragisch bezeichnen. Die Folgen sind dennoch durchaus düster. W enn der eigene Rückzug als ehemals wichtiger politischer Player nur noch eine Randnotiz wird, ist klar, dass man auf allen Ebenen versagt hat. Der Rücktritt der FDP-Führung am Montagabend fällt in die Kategorie politischer Ereignisse, die dramatisch wären, wenn sie denn relevant wären. Das eigentlich Dramatische ist, dass die FDP so konsequent wie kraftvoll an ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit gearbeitet hat – und dass sie diesen Weg bis zu dem jetzt angekündigten Rücktritt Christian Dürrs auch noch als Erfolgsstrategie sah. Es galt die Maxime: Profilieren auf Kosten der anderen. Hätte die FDP stattdessen an dem Erfolg der damaligen Regierung gearbeitet, hätte es viel zu gewinnen gegeben. Aber das ist Geschichte. Die gegenwärtige Lage ist, dass es auch durch das Abkacken der Liberalen an der Seitenlinie bundesweit keine Machtoptionen mehr jenseits der Union gibt. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind die Landesparlamente konservativ-rechtsextreme Gruselkabinette, in denen sich eine Handvoll Abgeordnete aus der SPD (Stuttgart) und den Grünen (Mainz) als linke Opposition auf den Gängen fürchten müssen. Es ist ehrenvoll, dass die Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz, Daniela Schmitt, die Ampel bis zum Ende als Erfolgsprojekt verstanden wissen wollte. Sie konnte sich gegen Dürr und die restlichen verbliebenen Christian-Lindner-Jünger nicht durchsetzen, die den Grund für alle Übel in Deutschland im Sozialstaat, der Umweltpolitik und manchmal auch in der Migration sahen. Dieser FDP, die sich auch noch hinterrücks gegen das eigene Regierungsprojekt stellte, gibt es nichts hinterherzutrauern. Nun hat Dürr das Rennen um den FDP-Vorsitz zwei Monate vor dem Parteitag nochmal eröffnet. Das bringt Politikerinnen wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Dürrs Führung zwar öffentlich kritisiert, aber selbst bislang keine Verantwortung übernehmen will, in Zugzwang. Dass zumindest strategisch wieder Vernunft in der FDP-Führung einkehrt, ist nicht nur der Partei zu wünschen. Sonst werden die Machtoptionen jenseits der politischen Rechten auch weiterhin versperrt bleiben. Gemeinsam für freie Presse Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen meistkommentiert

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24. März
FAZ (Politik)

Nach den Wahlniederlagen: Die FDP ist ein Opfer der radikalen Mitte

Nach den Wahlniederlagen : Die FDP ist ein Opfer der radikalen Mitte Der Rücktritt von Christian Dürr gibt so viele Rätsel auf wie die Partei selbst: Was will, was kann, was soll die FDP? Der „Rücktritt“ von Christian Dürr ist so verworren wie die Lage seiner Partei, der FDP. Wieso tritt jemand zurück, wenn er sofort wiedergewählt werden will? Geht es nach zwei enttäuschenden Landtagswahlen um das Eingeständnis des Scheiterns? Dann erübrigt sich die Kandidatur zur Wiederwahl. Oder geht es nur um den Zeitpunkt der Vorstandswahl, die um ein Jahr vorgezogen werden soll? Wozu dann der Rücktritt? Dürr steht insofern für seine Partei: Man weiß nicht so recht, was sie eigentlich will. Das liberale Programm, das Dürr vor gut zwei Monaten als „radikale Mitte“ auf dem Dreikönigstreffen in Stuttgart beschrieb, vereint so gut wie alles, was auch im schwarz-roten Koalitionsvertrag steht – nur eben radikaler: Die Stichworte dafür sind Staatsreform, Steuerreform, Sozialreform. Seit jener Rede gab es in Wahlkämpfen die Möglichkeit, die radikale Mitte zu kommunizieren. Wirklich gelungen ist das nicht. Kann Strack-Zimmermann die Partei noch retten? Das liegt auch an einem Post-Lindner-Problem: Wo sind die Personen, die ein solches Programm verkörpern? Jede Partei ist darauf angewiesen, dass Inhalte durch Köpfe identifiziert werden können. Davon gibt es in der FDP viel zu wenige. Sind sie bekannt, wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Linda Teuteberg oder Wolfgang Kubicki, ist zumindest innenpolitisch nicht immer klar, was sie wollen. Mag sein, dass im Mai die neue Vorsitzende Strack-Zimmermann heißen wird. Sie allein wird die Partei aber nicht retten. Doch selbst wenn es diese Köpfe wieder gäbe, hätte die FDP bei allen Wahlen Schwierigkeiten, sich zu rechtfertigen: Die FDP wird derzeit nicht mehr gebraucht. Weder als Klientel- noch als Funktionspartei. Die FDP war über Jahrzehnte das liberale Korrektiv zur CDU/CSU und zur SPD – mal links, mal rechts, mal Bürgerrechte, mal Wirtschaft, links Baum/Hirsch, rechts Lambsdorff/Möllemann. Ihr Vorteil: Ohne sie gab es keine Regierungsmehrheit. Damit ist es schon lange vorbei. Denn die Mehrheiten von damals gibt es nicht mehr. Wir leben in einer Zeit großer Koalitionen. Heute müssen, wenn die FDP dabei sein will, drei Parteien zusammenfinden. In einer Jamaika- oder Ampelkoalition gibt es aber schon ein Rechts und ein Links. Die FDP ist in Dreierbündnissen nur noch ein Anhängsel, ein reiner Mehrheitsbeschaffer. In Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz war dieses Dilemma ausschlaggebend: Die FDP hatte keine Aussicht, als Regierungspartei einen Unterschied zu machen. Der Todesstoß kam von der CDU: Die Zeiten einer Zweitstimmenkampagne sind längst vorbei. Und die liberale Klientel? Die Selbständigen und Landwirte, die Handwerker und Ärzte, die Familienbetriebe und Mittelständler suchen aus Enttäuschung über Stillstand, Illusionen und mangelhafte Repräsentanz eine neue politische Heimat. Das ist in vielen Fällen die CDU, sind in vielen Fällen die Freien Wähler, in vielen Fällen ist es aber auch die in Teilen „neoliberale“ und „libertäre“ AfD. Die Radikalisierung der Mitte ist von der radikalen Mitte gar nicht so weit entfernt. Die AfD hat einen Zug ins Rollen gebracht, auf den die FDP zu spät aufspringen wollte. Sie ist das erste Opfer der radikalen Mitte.

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24. März
FAZ (Politik)

Zukunft der FDP: Dürr gegen – ja, wen?

Zukunft der FDP : Dürr gegen – ja, wen? FDP-Chef Dürr tritt zurück, um gleich wieder anzutreten. Seine Kritiker zeigen sich „entsetzt“. Und Strack-Zimmermann sucht einen Partner, um ihn zu schlagen. Seit Montag ist die FDP in einer neuen Krise. Neben der Frage, ob sie zu retten sei, stellt sich jetzt auch jene, von wem, neu. Als am Nachmittag der Parteivorsitzende Christian Dürr in Berlin vor die Presse trat, kündigte er an, der Bundesvorstand werde sich auf dem Parteitag im Mai neu legitimieren lassen. Dafür trete er dort gesammelt zurück. Aber er, Dürr, werde sich sogleich wieder als Vorsitzender bewerben. Das Manöver erschien seltsam. Wenn ein Gremium es für nötig hielt, gesammelt zurückzutreten, dann gab es ja wohl ein Problem. Aber der Chef des Gremiums sah das Problem nicht bei sich? Er „denke nicht daran“, sich nun zurückzuziehen, sagte Dürr vor den Journalisten in der Parteizentrale. Da musste etwas grundsätzlich im Argen liegen. Was es war, hatte sich in den Stunden, Tagen und Wochen vorher gezeigt. Viele in der Partei sind unzufrieden damit, was die FDP unter der Führung von Dürr bisher erreicht hat. Oder eher verpasst hat. Den Wiedereinzug in die Parlamente von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz etwa. Beides sind besonders schmerzhafte Niederlagen, in Baden-Württemberg, weil die FDP dort bisher immer im Landtag saß, in Rheinland-Pfalz, weil sie dort sogar noch mitregierte. Bitter – und keine Änderung in Sicht. Eine Seite muss die Unwahrheit sagen Auch Dürr ist nicht zufrieden damit. Doch er beschreibt sich als jemanden mit langem Atem und einem Plan, der nicht von heute auf morgen umzusetzen ist. Der Plan beinhaltet etwa ein neues Grundsatzprogramm, das in den vergangenen Monaten aufwändig, unter Verwendung von KI-Tools, Mitgliederbeteiligung und dem Einsatz einer Programmkommission erarbeitet wurde. Das neue FDP-Profil müsse schärfer werden, ist Dürr überzeugt, und er sei jeden Tag dabei, es zu schärfen. Noch am Sonntagabend warb er mit einer Power-Point-Präsentation, die er im Führungskreis herumschickte, für seine Strategie für die nächsten Wochen und Monate. Auch eine neue Bildsprache, ein neues Mindset sollten her. Seine Kritiker im Bundesvorstand halten ihn für gescheitert. Bis Montag beschrieben sie Dürr als einen netten Kerl, dessen Plan nur leider nicht klar genug, dessen Auftreten nicht mitreißend genug sei. Nun aber reden sie anders. Dürr hat sie überrascht. Wie sie es beschreiben, sogar geschockt. Das hat mit dem Verlauf der Sitzung zu tun, nach deren Ende Dürr am Montag vor die Presse trat. Zum Geschehen machten Teilnehmer der F.A.Z. gegenüber unterschiedliche Angaben, die in einem entscheidenden Punkt so widersprüchlich sind, dass eine Seite die Unwahrheit sagen muss. Übereinstimmend berichten Teilnehmer, dass Dürr angeboten habe, persönlich die Vertrauensfrage zu stellen. Das sei von seinen Vorstandskollegen abgelehnt worden. Aus Sicht von Dürrs Kritikern lehnte man nur ab, um ihm eine Lösung zu ermöglichen, die gesichtswahrend gewesen wäre. Wenn alle zurückträten und Dürr dann erklärte, nicht noch einmal zu kandidieren, wäre das für alle besser als ein Vorsitzender, der allein in Sack und Asche ginge. So die Idee. Wer ist die Alternative? Dass überhaupt jemand zurücktreten müsste, hatte sich schon am Vormittag abgezeichnet. Da war Präsidiumssitzung. In der brach sich der Frust über die zurückliegenden Wahlschlappen Bahn. Man war sich einig: So wie bisher konnte es nicht weitergehen. Inhaltlich, aber auch personell. Die EU-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann habe sich in Rage geredet und auch ins Gespräch gebracht, selbst für eine Doppelspitze zu kandidieren. Halb im Spaß, halb im Ernst habe sie Wolfgang Kubicki angesprochen: Ob der nicht dabei sein wolle. Der habe geunkt, er sei schon verheiratet. Das musste man als Absage deuten; jedenfalls für den Moment. FDP-Vizechef Kubicki zählt zu denen, die bisher zu Dürr stehen oder sich jedenfalls nicht gegen ihn stellen. In früheren Sitzungen hatte er das auch damit begründet, dass die Partei keine aussichtsreiche Alternative zu bieten habe. Andere Vorstandsmitglieder ließen sich nicht hinreißen, ihr Interesse an einer Kandidatur klar zu bekunden. Gehandelt wird immer wieder auch der Vizechef der Partei, Henning Höne, der in NRW Landes- und Fraktionsvorsitzender ist. Auf dessen Instagram-Profil erschien am Montag ein Video, das ihn auf der Bühne des Dreikönigstreffens bei einer Kursbestimmung der FDP zeigte. „Schauen wir nach vorne und stellen uns den Herausforderungen“, stand im Text dazu. Das klang nicht nur kämpferisch, sondern nach einer Ansage auch an andere. In die Sitzung am Nachmittag ging Dürr also in dem Wissen, dass er umstritten war. In den vergangenen Wochen war sein Argument immer gewesen, dass er die Partei als Team führe; wem etwas nicht passe, der solle eigene Vorschläge machen. Man könne über alles reden. Doch nun war der Unmut zu groß. Blieb die Frage: Was war die Alternative – oder vielmehr: wer? Doppelspitze würde Satzungsänderung notwendig machen Dass sein Angebot, die Vertrauensfrage zu stellen, abgelehnt wurde, deutete Dürr offenbar als Bestätigung seiner Überzeugung, dass sein Abgang die Probleme nicht lösen würde. Die Lesart, man habe ihm bloß einen gesichtswahrenden Rückzug ermöglichen wollen, ist seine nicht. Aus Dürrs Umfeld ist zu erfahren, er habe in der Sitzung durchaus deutlich gemacht, dass er dem gemeinsamen Rücktritt des Vorstandes zustimme, aber auf dem Parteitag abermals antreten wolle. Davon wollen seine Kritiker nichts mitbekommen haben. „Entsetzt“ sei man gewesen, als man es in der Pressekonferenz erfahren habe, hieß es gegenüber der F.A.Z. Auf dem Parteitag Ende Mai wird es zu einer Kampfkandidatur um den Parteivorsitz kommen. Dürr gegen – ja, wen? Strack-Zimmermann ist auf der Suche nach einem Partner für die Doppelspitze. Weitere Kandidaten dürften in den nächsten Woche auf sich aufmerksam machen. Die Frage ist, ob sie Chancen haben. Dürrs Kalkül dürfte sein, dass er zwar nicht als der edle Retter auf dem weißen Pferd erscheint, aber auch niemand sonst. Strack-Zimmermann polarisiert, Höne ist bundesweit kaum bekannt. Dazu kommen praktische Fragen: Für eine Doppelspitze müsste die Satzung geändert werden, dafür wäre eine Zweidrittelmehrheit notwendig. Unklar, ob es die geben würde. Und würde die neue Führung ganz von vorn anfangen, jetzt, wo auf dem Parteitag das Grundsatzprogramm beschlossen werden soll, das unter Dürrs Führung entstanden ist? Eine denkbar verfahrene Lage, an der sich in den nächsten zwei Monaten wenig ändern wird. Dem Vertrauen der Wähler in die FDP dürfte sie nicht zuträglich sein.

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