4. April Neues Deutschland
Osterappell zur Seenotrettung | 128 Abgeordnete fordern erneut EU-Seenotrettung
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128 Abgeordnete fordern erneut EU-Seenotrettung
Koalitionsinterne Kritik: SPD-Parlamentarier unterzeichnen mit Linken und Grünen Appell gegen das Ende der Förderung für zivile Rettungsflotte
Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang: 32 Abgeordnete der SPD, die gemeinsam mit der Union die Bundesregierung trägt, haben sich mit Parlamentarier*innen der Linken und der Grünen zusammengetan, um die eigene Regierung öffentlich unter Druck zu setzen. Ihr gemeinsamer »Osterappell« verlangt, dass sich die schwarz-rote Koalition auf europäischer Ebene für ein koordiniertes, staatlich getragenes Rettungsprogramm im Mittelmeer starkmacht.
Angestoßen wurde der Appell von dem grünen Innenpolitiker Marcel Emmerich, der Linke-Parlamentarierin Clara Bünger sowie dem SPDler Lars Castellucci, der dem Innenausschuss angehört und im Auswärtigen Amt als Beauftragter für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe tätig ist. Auf SPD-Seite finden sich unter den Unterzeichnenden außerdem die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wiebke Esdar, der außenpolitische Sprecher Adis Ahmetović sowie die frühere Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze. Aus den Reihen der Union hat niemand unterschrieben.
Kritik an konservativem Politikwechsel
Der Appell ist eine Kritik an dem Politikwechsel, den die schwarz-rote Koalition nach ihrer Regierungsübernahme vollzog: Die vorherige Ampel-Regierung hatte nach einem Bundestagsbeschluss von 2022 über vier Jahre jeweils rund 1,5 Millionen Euro an die deutschen Organisationen SOS Humanity, SOS Méditerranée, Resqship und Sea Eye gezahlt, die zivile Rettungsschiffe im Mittelmeer betreiben. Mit dem Amtsantritt von CDU-Außenminister Johann Wadephul und CSU-Innenminister Alexander Dobrindt im Frühjahr 2025 wurde diese Förderung beendet.
Die Dringlichkeit für eine staatliche Seenotrettung begründen die Abgeordneten mit Zahlen der Internationalen Organisation für Migration: In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 wurden demnach rund 660 Todes- und Vermisstenfälle im Mittelmeer gezählt – ein Höchststand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2014.
Erst am Donnerstag hatte die italienische Küstenwache die Leichen von 19 Geflüchteten aus dem Mittelmeer geborgen, weitere 19 Menschen starben, nachdem ein türkisches Küstenwachboot ein Schlauchboot in der Ägäis gerammt hatte. Zwei Kinder wurden nach einer mutmaßlich von der Polizei verhinderten Überfahrt tot im Ärmelkanal geborgen.
Castellucci erklärte, wer in Seenot sei, habe Anspruch auf Rettung – auch durch die immer mehr unter Druck geratene zivile Rettungsflotte. »Solange es keine funktionierende staatliche Seenotrettung gibt, dürfen private Retter nicht an ihrer lebensrettenden Arbeit gehindert werden.« Emmerich nannte es »beschämend, dass zivile Retterinnen und Retter staatliche Aufgaben übernehmen müssen und einspringen, wo es keine Alternative gibt: Menschenleben zu retten«.
»Aurora« holt 44 Menschen von Bohrinsel
Die Passage adressiert besonders Italien: Seit Oktober 2022 seien Schiffe ziviler Seenotretter*innen dort mehr als 40 Mal festgesetzt worden – in allen abgeschlossenen Verfahren hätten Gerichte dies aber für rechtswidrig befunden. Gleichzeitig würden die Behörden Rettungsschiffe nach Einsätzen regelmäßig in weit entfernte Häfen im Norden des Landes schicken, was ihre Einsatzbereitschaft im Mittelmeer einschränke und Überlebende um das Recht bringe, den nächstgelegenen sicheren Hafen anzulaufen.
Ähnlich geht es gerade der ebenfalls von Sea-Watch betriebenen »Aurora«: Das auf Lampedusa stationierte, schnelle Schiff nahm 44 Menschen an Bord, die auf einer Bohrinsel gestrandet waren. Italien hat die »Aurora« jedoch angewiesen, die Menschen in Sizilien von Bord gehen zu lassen.
Laut der Antwort auf eine Kleine Anfrage wurden 2025 insgesamt 10 263 Menschen durch zivile Seenotrettungsorganisationen im zentralen Mittelmeer aus dem Wasser geholt.
Der »Osterappell« richtet sich aber auch an die EU, die humanitäre Hilfe auf See mit Kriminalisierung bedrohe: »Die neue EU-Schleuserrichtlinie riskiert, dass Seenotrettung EU-weit strafrechtlich verfolgt werden könnte«, heißt es in dem Text. Ebenfalls Teil des Forderungskatalogs: Deutschland solle sich nicht an Ausrüstung und Ausbildung der libyschen Küstenwache beteiligen. Hilfsorganisationen werfen deren Einheiten vor, die von Milizen betrieben werden, die Rettungsschiffe »Ocean Viking« und »Sea-Watch 5« beschossen zu haben. 2023 und 2025 wurden auch Schüsse in Richtung der Schiffe von SOS Humanity und Louise Michel abgegeben.
Letztes Jahr 10 263 Menschen durch NGOs gerettet
Laut der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion wurden 2025 insgesamt 10 263 Menschen durch zivile Seenotrettungsorganisationen im zentralen Mittelmeer aus dem Wasser geholt. Die 128 Abgeordneten halten das für unzureichend – auch weil Küstenstaaten wie Malta und Italien ihrer Pflicht zur Koordinierung von Seenotfällen nicht nachkämen und zivile Rettungsschiffe planmäßig behindert würden.
Einen »Osterappell« hatte es bereits 2019 gegeben, damals mit 210 Unterzeichner*innen, unter ihnen noch vier aus der CDU. Die Kernforderungen von damals – ein europäisch organisiertes Rettungssystem, ein rechtsstaatlich gestalteter Verteilmechanismus innerhalb der EU, Unterstützung aufnahmebereiter Kommunen sowie die Evakuierung internierter Schutzsuchender aus Libyen – sind auch sieben Jahre später noch aktuell.
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