Themen
lage

Freitag, 17. Juli 2026
Zurück zur Übersicht

Klimaschutz - EU-Kommission lockert Regeln für Emissionshandel

Medienspektrum

Links Mitte Rechts
17. Juli
Deutschlandfunk

Klimaschutz - EU-Kommission lockert Regeln für Emissionshandel

Im Gegenzug sollen sie mehr finanzielle Unterstützung erhalten, wenn sie verbindlich in klimafreundliche Verfahren investieren. Vorgesehen ist auch, dass es in bestimmten Bereichen mehr kostenlose Zertifikate gibt. Änderungen am Emissionshandel waren insbesondere von der Industrie gefordert worden. Wie funktioniert der europäische Emissionshandel? Der Emissionshandel ETS ist das wichtigste Instrument der EU zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen. Seit 2005 müssen Industriebetriebe und Kraftwerke für jede Tonne CO2, die sie ausstoßen, ein Zertifikat vorweisen. Dies soll einen finanziellen Anreiz schaffen, Treibhausgase einzusparen und in sauberere Technologien zu investieren. Unternehmen müssen jedes Jahr genügend CO2-Zertifikate vorweisen, um ihre Emissionen abzudecken. Die EU begrenzt die Menge der jährlich auf den Markt gebrachten Zertifikate, um sicherzustellen, dass die Kohlendioxid-Emissionen in Europa schrittweise sinken. Die Zertifikate, auch Verschmutzungsrechte genannt, werden an Energiebörsen gehandelt. Unternehmen, die weniger CO2 ausstoßen, können dort überschüssige Zertifikate verkaufen, während große Emittenten bei Bedarf zusätzliche kaufen müssen. Der CO2-Preis schwankt und liegt derzeit bei rund 80 Euro pro Tonne. Wer weniger emittiert, profitiert von dem System, und wer viel ausstößt, zahlt mehr. Besonders energieintensive Industrien, bei denen der internationale Wettbewerb besonders groß ist, erhalten einen Teil ihrer Zertifikate kostenlos. Das gilt etwa für die Stahl- und Chemieindustrie. Diese kostenlosen Zertifikate werden immer weiter reduziert. EU-Kommission will Emissionshandel verlängern Der europäische Emissionshandel war bisher darauf ausgelegt, das EU-Klimaziel für 2040 zu erreichen. Die Zahl der Zertifikate sollte demnach bis Ende 2039 auf Null sinken. Da viele Industrie-Bereiche bis dahin jedoch noch keine Nullemissionen erreicht haben werden, soll der Emissionshandel nun auch in den 2040er-Jahren weitergehen. Es könnte bis 2046 oder 2048 dauern, bis die betroffenen Industrien ihre CO2-Emissionen vollständig ausgleichen, sagte eine EU-Sprecherin in Brüssel.  Bei den kostenlosen Zertifikaten will die EU-Kommission die Frist bis 2037 verlängern, damit den betroffenen Firmen im internationalen Wettbewerb keine Nachteile durch die Kosten entstehen. Eigentlich sollten 2034 die letzten kostenlosen Zertifikate ausgegeben werden. In Zukunft soll die Vergabe aber an Investitionen in die Abkehr von Öl und Gas geknüpft werden. ETS-Kritiker: Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie gefährdet Europäische Länder, in denen fossile Brennstoffe bei der Stromgewinnung nach wie vor eine große Rolle spielen, hatten zuletzt zunehmend Vorbehalte an der grünen Agenda Europas geäußert. Kritiker wie Italien und Polen argumentieren, dass diese die globale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie untergrabe und fordern Lockerungen. Der deutsche Industrieverband BDI sieht Europa wegen der hohen Energiepreise auf dem Weltmarkt benachteiligt und befürchtet ohne "Kurskorrekturen" die Gefahr von Werksschließungen und Produktionsverlagerungen ins Ausland. ETS-Befürworter: Investitionen in grüne Technologien auch weiter unterstützen Andere, wie etwa der schwedische Stahlhersteller SSAB, wünschen sich auch weiter einen hohen ETS-Preis, weil sie stark in CO2-reduzierende Technologien investiert haben. Diese Investitionen in eine klimafreundliche Produktion würden sich nur dann rechnen, wenn die großen Verursacher von Treibhausgasen höhere Preise zahlen müssten, argumentieren sie. Die Grünen kritisierten die Vorschläge der Kommission als Rückschlag für den Klimaschutz. Die klimapolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Badum, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, den Emissionshandel jetzt aufzuweichen, bestrafe die Vorreiter und belohne die Sitzenbleiber. Über die Vorschläge der Kommission wird nun im Rat der 27 EU-Länder und im Europaparlament verhandelt. Zu den Streitpunkte dürfte auch gehören, was mit den milliardenschweren Einnahmen aus dem Emissionshandel passiert. Die Kommission will, dass mindestens die Hälfte des Geldes zweckgebunden in Investitionen in der Industrie fließt und nicht mehr in den allgemeinen Haushalt der Mitgliedstaaten. Diese Nachricht wurde am 17.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.

Artikel lesen
17. Juli
ZDF heute

So will die EU-Kommission Klimaschutz-Vorgaben aufweichen

Vorschlag zum Emissionshandel:So will die EU-Kommission Klimaschutz-Vorgaben aufweichen Die EU-Kommission will mit dem Emissionshandel ein zentrales Klimaschutzinstrument für die Wirtschaft abschwächen. Worum geht es genau? Hohe Energiepreise, Konkurrenz aus China und den USA und strenge Klimaschutzvorgaben: Die Industrie in Deutschland und Europa ächzt. Die Politik versucht, den Kontinent wettbewerbsfähiger zu machen und nimmt dafür auch das System der CO2-Bepreisung der EU in den Fokus. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten. Was ist das europäische Emissionshandelssystem? Das EU-Emissionshandelssystem (Emission Trading System, ETS) wurde 2005 eingerichtet, um Emissionen zu senken. Die Vorgaben sollen besonders in energieintensiven Sektoren wie der Stromerzeugung und Industrie als Anreiz dienen, Treibhausgase einzusparen. Das System wurde nun planmäßig überprüft, um es an die veränderten wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen sowie an das EU-Klimaziel für 2040 anzupassen. Wie funktioniert der Emissionshandel? Die betroffenen Unternehmen bekommen Zertifikate für den Ausstoß klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) zugeteilt. Damit können sie nach Bedarf handeln oder weitere ersteigern. So entsteht ein Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2. Die Menge der verfügbaren Zertifikate sinkt kontinuierlich. Dadurch sollen die Zertifikate teurer werden und Klimaschutzinvestitionen sich mehr lohnen. Besonders energieintensive Industrien - dazu zählen die Chemie- und die Stahlindustrie - erhalten einen Teil ihrer Zertifikate kostenlos. Diese kostenlosen Zertifikate werden immer weiter reduziert. Nicht genutzte Zertifikate werden in einer Art Ablage, der Marktstabilitätsreserve (MSR), gehalten. Damit soll das Angebot auf dem Markt sinken, wenn viele Zertifikate im Umlauf sind. Gibt es eine Verknappung, werden Emissionszertifikate aus der Reserve auf den Markt gebracht. So sollen zu große Preissprünge abgefedert werden. Internationale Vereinbarungen sind beim Klimaschutz schwierig. Positive Anreize wie etwa technologischer Austausch sollen Staaten zu mehr Kooperation bewegen. 14.06.2026 | 1:18 minWas schlägt die Kommission jetzt vor? Die Brüsseler Behörde schlägt vor, dass die Gesamtzahl verfügbarer Rechte langsamer abnimmt als bislang geplant. Damit wird der Druck auf Firmen, Emissionen zu senken, etwas geringer. Außerdem soll es in bestimmten Bereichen mehr kostenlose Zertifikate geben. Damit sei man immer noch auf Kurs, das neue EU-Klimaziel zu erreichen: Bis 2040 müssen die Treibhausgasemissionen um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden. Bis 2050 will die EU-Kommission klimaneutral sein. Um die Emissionen weiter zu reduzieren, will die EU-Kommission nun auch Müllverbrennungsanlagen in das System miteinbeziehen. Zudem sollen mehr Vorgaben für den Flug- und Seeverkehr gelten. Die Vorschläge der EU-Kommission müssen nun von den EU-Staaten und dem Europaparlament beraten werden. Erst wenn sie sich einigen, können mögliche Änderungen in Kraft treten. Laut Klimaschutzgesetz soll der Treibhausgasausstoß bis 2030 um 65 Prozent und bis 2040 um 88 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Der Expertenrat für Klimafragen hält das für nicht erreichbar. 18.05.2026 | 1:48 minWie stehen die Mitgliedsländer dazu? Vor dem Hintergrund hoher Energiepreise sowie eines hohen Wettbewerbsdrucks auf Europas Industrie rückte der Emissionshandel zunehmend in den Fokus. Vor allem in Ländern, in denen fossile Brennstoffe in der Stromgewinnung eine große Rolle spielen, wächst der Unmut. Länder wie Polen fordern Lockerungen, nordeuropäische Länder wie Schweden und Finnland befürworten ein strenges Emissionshandelssystem. Deutschland will am ETS festhalten, setzt aber zunehmend auf Wettbewerbsfähigkeit und will bestimmte Ausnahmen für die Industrie. Der Klimawandel sei allein aus Deutschland und Europa heraus nicht aufzuhalten, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz jüngst. Eine zentrale Aufgabe sei daher, Maßnahmen zu ergreifen, um mit seinen Folgen zu leben. 15.07.2026 | 2:25 minWie stehen Industrie und Umweltschützer dazu? Der Industrieverband BDI fordert, den Emissionshandel so zu reformieren, dass industrielle Produktion langfristig in Europa erhalten bleibe - und sieht ohne "Kurskorrekturen" die Gefahr von Werksschließungen und Produktionsverlagerungen. Die Chemieindustrie pocht ebenfalls auf Entlastungen: Der Emissionshandel in seiner aktuellen Form verleite Unternehmen dazu, Produktion in Europa stillzulegen, kritisierte BASF-Chef Markus Kamieth, der auch Präsident des europäischen Chemieverbands Cefic ist. Die deutsche Stahlindustrie ist gespalten. Da einige Unternehmen bereits riesige Investitionen hin zu einer emissionsfreien Stahlerzeugung getätigt haben, pochen sie auf Planbarkeit beim eingeschlagenen Kurs - während andere Entlastungen fordern. Umweltorganisationen sehen den Emissionshandel als zentrales Steuerungsinstrument für die Klimapolitik und wollen das System eher verschärfen als abschwächen. Mehr zum Thema Klimaschutz - Starker Anstieg bei Windenergie:Erneuerbare Energien erzeugen 58 Prozent des Stromsmit Video0:27 - Umweltsoziologe im Gespräch:Klimaschutz: Was kann jeder Einzelne überhaupt tun?von Kai Remenmit Video1:36 - InterviewOhne Zusammenarbeit kein Klimaschutz:Die Macht der internationalen Kooperationmit Video1:18 - Bundestag beschließt Neuregelungen:Neues "Heizungsgesetz": Was sich jetzt ändern sollmit Video1:51

Artikel lesen
17. Juli
Tagesschau

EU-Kommission will Emissionshandel aufweichen

Zentrales Klimaschutz-Instrument EU-Kommission will Emissionshandel aufweichen Der EU-Emissionshandel sieht vor, dass Unternehmen Verschmutzungsrechte kaufen müssen. Einige Mitgliedsstaaten und die Industrie haben immer lauter über hohen Kostendruck geklagt. Nun will die EU-Kommission das System aufweichen. Die EU-Kommission will mit dem Emissionshandel ein zentrales Instrument für den Klimaschutz in der Wirtschaft abschwächen. Die Brüsseler Behörde schlägt vor, die verfügbaren Rechte für den Ausstoß klimaschädlicher Gase langsamer zu verknappen als bisher geplant. Damit wird der Druck auf Unternehmen, Emissionen zu senken, etwas geringer. Außerdem soll es in bestimmten Bereichen mehr kostenlose Zertifikate geben. Die Menge der verfügbaren Zertifikate sinkt kontinuierlich, damit sie teurer werden und Klimaschutzinvestitionen sich mehr lohnen. Besonders energieintensive Industrien - dazu zählen die Chemie- und die Stahlindustrie - erhalten auch jetzt schon einen Teil ihrer Zertifikate kostenlos. Druck von Industrie und Mitgliedsstaaten Teile der Industrie und einige Mitgliedsländer hatten zuletzt massiv auf Änderungen an dem EU-Treibhausgashandelssystem (Emission Trading System, ETS) gedrängt. Sie warnten vor einem Wettbewerbsnachteil gegenüber China und den USA, der zu mehr Werksschließungen und Produktionsverlagerungen führen könnte. Dem bisherigen Gesetz zufolge sollte die Zahl der Zertifikate bis 2040 auf Null sinken. Die Kommission will sie nun langsamer reduzieren, so dass der Emissionshandel auch in den 2040er-Jahren noch läuft. Ein festes Enddatum soll es erstmal nicht geben, in der Kommission ist von 2046 oder 2048 die Rede. EU-Kommission hält an Klimazielen fest Die Behörde betonte, auch mit diesen Abschwächungen sei man immer noch auf Kurs, das neue EU-Klimaziel zu erreichen: Bis 2040 müssen die Treibhausgasemissionen um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden. Bis 2050 will die EU-Kommission klimaneutral sein. Die Grünen äußerten umgehend scharfe Kritik an der Entscheidung. "Den Emissionshandel jetzt aufzuweichen, bestraft die Vorreiter und belohnt die Sitzenbleiber", sagte ihre klimapolitische Sprecherin Lisa Badum. Unternehmen, die Milliarden in die Dekarbonisierung investierten, würden "zum Bauernopfer für die Trittbrettfahrer gemacht".

Artikel lesen
17. Juli
FAZ (Wirtschaft)

Klimaschutz in Europa: So will Brüssel den Emissionshandel reformieren

Klimaschutz in Europa : So will Brüssel den Emissionshandel reformieren Monatelang hat die energieintensive Industrie Druck ausgeübt. Jetzt ist klar: Die EU schwächt ihr wichtigstes Klimaschutzinstrument ab. Und nun? Hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen. Was ist der Emissionshandel? Der Emissionshandel soll sicherstellen, dass die EU ihre Klimaziele zu möglichst geringen Kosten erreicht. Der CO₂-Ausstoß erhält einen Preis. Die Unternehmen haben damit einen Anreiz, nach CO₂-armen Alternativen für die Produktion zu suchen. Wer dabei kreativ ist, kann viel Geld sparen. Konkret müssen die Unternehmen für jede ausgestoßene Tonne CO₂ ein Emissionsrecht vorweisen. Die Menge dieser Zertifikate wird stetig geringer. Je strikter die EU-Klimaziele, desto weniger Zertifikate. Das treibt den Preis nach oben und soll den Anreiz erhöhen, mehr in die Dekarbonisierung zu investieren. Der Emissionshandel existiert seit dem Jahr 2005. Einbezogen sind in diesen sogenannten ETS 1 Energieerzeuger, Industrie und Teile des See- und Luftverkehrs. Der Preis betrug zuletzt 80 Euro je Tonne. Vom Jahr 2028 an gibt es noch einen zweiten Emissionshandel für Gebäude und Verkehr (ETS 2). Der ist von der aktuellen Reform aber nicht betroffen. Was hat der Emissionshandel bislang bewirkt? Die Emissionen sind in den betroffenen Sektoren seit dem Jahr 2005 um 50 Prozent gesunken. Ihr Anteil an den Gesamtemissionen der EU liegt heute noch unter 40 Prozent. Die EU hat seit seiner Einführung 270 Milliarden Euro aus der Versteigerung von Zertifikaten erzielt. Rechte im Wert von 255 Milliarden Euro wurden kostenlos an die Industrie vergeben. Warum will Brüssel jetzt den CO₂-Preis anpassen? Solange die Wirtschaftslage gut war und die Klimaziele relativ niedrig, gab es wenig Kritik am Emissionshandel – wenngleich mitteleuropäische EU-Staaten wie Polen immer schon skeptisch waren. Seitdem sich die Lage der Wirtschaft insgesamt und einzelner Sektoren wie der Chemie besonders stark verschlechtert hat, ist indes der Ruf nach Entlastungen gewachsen. Das hat auch mit Versäumnissen einzelner Branchen zu tun, die zu wenig investiert haben. Wie genau will die Kommission den Emissionshandel anpassen? Die Europäische Kommission setzt vor allem an drei Stellen an, um die Industrie nicht zu stark zu belasten: • Sie wird die Ausgabe von Emissionsrechten nicht so stark verringern wie bisher vorgesehen und damit über einen längeren Zeitraum strecken. • Sie wird einen neuen Preisdeckel einführen. • Sie wird mehr und länger kostenlose Zertifikate ausgeben. Dafür soll es aber Bedingungen geben. Außerdem wird der ETS 1 auf die Verbrennung von Siedlungsabfällen, kleinere Schiffe sowie Flüge, die in der EU starten und in benachbarten Drittstaaten landen, ausgedehnt. Wie viele Zertifikate werden künftig noch ausgegeben? Die Zahl der Emissionsrechte wird jedes Jahr um einen bestimmten Faktor verringert. So will die EU zielgenau ihre Klimaziele erreichen. Im Jahr 2028 steigt dieser „lineare Reduktionsfaktor“ auf 4,4 Prozent. In dem Jahr kämen also 4,3 Prozent weniger Zertifikate neu hinzu als im Vorjahr, und von Anfang des Jahres 2039 an stünden gar keine neuen Zertifikate im ETS 1 mehr zur Verfügung. Die Kommission schlägt nun vor, den Faktor vom Jahr 2031 an auf 3,7 Prozent zu senken. Im Jahr 2036 soll er weiter auf 1,7 Prozent sinken. Der Emissionsminderungspfad wird damit bis in die Mitte der 2040er-Jahre hinein gestreckt. Den Spielraum dafür hat die EU, weil sie das Klimaziel für das Jahr 2040 im vergangenen Jahr faktisch von 90 auf 85 Prozent Minderung gegenüber dem Jahr 1990 verringerte. Wie soll der Preisdeckel aussehen? Schon heute hat die EU einen Mechanismus, um zu starke Preisschwankungen zu verhindern: die Marktstabilitätsreserve. Diese Reserve wurde einst geschaffen, um zu verhindern, dass der Preis nicht zu stark sinkt. Denn der Preis war lange Zeit unter Druck, weil es am Markt einen Überschuss an Zertifikaten gab. Sobald es zu viele Zertifikate am Markt gibt, nimmt die Reserve einen Teil davon aus dem Markt, um den Preis nach oben zu treiben. Nun soll die Reserve stärker in die andere Richtung wirken. Die Basis dafür hatte die Kommission schon im April gelegt. Überschüssige Zertifikate werden nicht mehr gelöscht. Das soll einen Puffer schaffen, aus dem Zertifikate wieder in den Markt gegeben werden können. Das geschieht, sobald eine bestimmte Menge von Zertifikaten am Markt unterschritten wird, die Jahr für Jahr um vier Prozent sinkt. Wie sieht es mit kostenlosen Emissionsrechten aus? Dieser Punkt ist vor allem der deutschen Chemiebranche wichtig. Bisher gilt: Um die Unternehmen im internationalen Wettbewerb nicht zu benachteiligen und sie von der Verlagerung der Produktion abzuhalten („Carbon Leakage“), erhalten sie – anders als die Energieerzeuger – 85 Prozent der Rechte umsonst. Den Rest müssen sie am Markt erwerben. Voraussetzung dafür ist, dass die Betriebe bestimmte CO₂-Effizienzstandards („Benchmarks“) für ihre Produkte erfüllen. Diese „Benchmarks“ sind gerade verschärft worden, was die Kosten für die Unternehmen nach oben treibt. Die Industrie sollte eigentlich von September an nur noch 75 Prozent der Zertifikate kostenlos erhalten – die Kommission will nun einige dieser Benchmarks so anpassen, dass sie doch wieder auf 78 Prozent kommen, und das rückwirkend. Sektoren, die durch den CO₂-Grenzausgleich CBAM geschützt werden, sollen erst 2038 gar keine kostenlosen Zertifikate mehr erhalten, also später als geplant. Was für Bedingungen stellt Brüssel für die Reform? Die Kommission will die Unternehmen nun verpflichten, dass sie den Gegenwert der gesamten kostenlosen Zertifikate in die Dekarbonisierung stecken. Dafür sollen sie für mehrere Jahre Dekarbonisierungspläne vorlegen. 80 Prozent der freien Zertifikate erhalten sie dann sofort, 20 Prozent nach der Umsetzung. Verlagern sie ihre Produktion aus der EU heraus, müssen sie das Geld zurückzahlen. Gleichzeitig verlangt sie auch von den Mitgliedstaaten, mehr Geld in die Dekarbonisierung der Industrie zu stecken. Bisher investieren sie nach Schätzungen der Kommission nur fünf Prozent der Einnahmen aus dem Emissionshandel direkt dort hinein. Künftig sollen die Mitgliedstaaten mindestens 50 Prozent ihrer Einnahmen in die Dekarbonisierung der ETS1-Sektoren stecken. Ärmere Staaten wie Polen sollen dafür länger als bisher geplant Geld aus dem Modernisierungsfonds erhalten. Eine neue „Industrie-Dekarbonisierungs-Bank“ soll vom Jahr 2031 an 100 Milliarden Euro für die Dekarbonisierung der Industrie bereitstellen. Eine ähnliche Funktion soll zuvor schon ein „Investitionsbooster“ übernehmen, der mit 400 Millionen Zertifikaten ausgestattet wird. Das entspricht zu heutigen Preisen etwa 30 Milliarden Euro. Werden die Vorreiter durch die Reform nicht benachteiligt? Die große Herausforderung für die Kommission war von Anfang an, nicht diejenigen zu bestrafen, die schon in den Klimaschutz investiert haben, etwa Stahlunternehmen wie Salzgitter oder auch Heidelberg-Cement. Sie haben damit gerechnet, dass die Zertifikate knapper werden, und entsprechend investiert. Diese Rechnung geht nun nicht mehr auf. Sie sollen immerhin ein wenig dadurch kompensiert werden, dass die besten zehn Prozent der Unternehmen ihre kostenlosen Zertifikate ohne jede Auflage erhalten. Rechnet die EU künftig Projekte in Drittstaaten an? Kann die Industrie sich Projekte für CO₂-Speicher anrechnen lassen? Wenn Unternehmen CO₂ abscheiden und dauerhaft speichern, müssen sie für diese Menge keine Zertifikate vorlegen. Künftig wird die dauerhafte Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre auch direkt in den ETS 1 einbezogen. Das gilt für die direkte Abscheidung aus der Luft und anschließende Speicherung (DACCS) wie für die Abscheidung in Bioenergieanlagen (BECCS). So soll ein Markt für negative Emissionen entstehen. Der dürfte auch eine wichtige Rolle auf dem Weg zur avisierten Klimaneutralität im Jahr 2050 spielen. Werden dadurch nicht die Klimaziele infrage gestellt? Ja und nein. Die EU schreitet durch die Reform langsamer auf dem Weg zur Klimaneutralität voran. Daran gibt es keinen Zweifel. Andererseits ist dem Klima auch nicht geholfen, wenn Industriezweige wie die Chemie in andere Regionen der Welt abwandern. Zudem hat die Industrie recht, wenn sie mangelnde Voraussetzungen beklagt. Es fehlt etwa an der Infrastruktur für grünen Wasserstoff. Auch das Stromnetz ist nicht ausreichend ausgebaut. Dafür gewinnt die EU mit der Reform einige Jahre Zeit, mehr aber auch nicht. Was ist mit dem Elektrifizierungsziel? Die Kommission will, dass bis 2040 46 Prozent des Endenergieverbrauchs durch Strom gedeckt werden. Momentan sind es 23 Prozent. Damit will sie den Import von fossilen Brennstoffen um bis zu 260 Milliarden Euro im Jahr senken und die Dekarbonisierung von Industrie und Haushalten vorantreiben. Um dieses Ziel zu erreichen, will sie unter anderem vorschreiben, dass die Steuern auf Strom nicht mehr höher sein dürfen als auf Gas. Das ist auch in Deutschland bisher nicht der Fall. Das Verhältnis von Strom- zu Gaspreis soll bis zum Jahr 2030 für Haushalte auf 2,5 und für die Industrie auf 2 sinken. Dafür will die Kommission auch Beihilfen für fossile Energieträger schrittweise beenden. Weiterhin will Brüssel das Ausrollen intelligenter Stromzähler vorantreiben. Jeder zweite Haushalt soll 2030 über einen sogenannten Smart Meter verfügen. Der Einbau soll den Stromkunden ermöglichen, ihren Verbrauch an dynamische Preise anzupassen und so das Netz zu stabilisieren. Auch Elektroautos sollen als Batterie auf Rädern einen Beitrag dazu leisten. Die Zahl der eingebauten Wärmepumpen soll von 2,4 Millionen auf 4 Millionen im Jahr 2030 steigen. Wie geht es nun weiter? Die Vorschläge der Europäischen Kommission sind zunächst nur das: Vorschläge. Nur wenn EU-Parlament und Ministerrat sie annehmen, treten sie in Kraft. Sie können diese auch noch grundlegend ändern. Schnell gehen muss es vor allem bei den Benchmarks, weil diese die Industrie ansonsten direkt belasten. Der Beschluss soll bis Weihnachten stehen. Die gesamte Reform soll im ersten Quartal 2027 fertig sein. Es ist nicht nur im Parlament Widerstand gegen die Aufweichung des Emissionshandels zu erwarten – Schweden, Finnland und die Niederlande, aber auch Frankreich sind bislang dagegen.

Artikel lesen
17. Juli
Handelsblatt

Klimaschutz: EU-Kommission will zentrales Klimaschutzinstrument lockern

Klimaschutz: EU-Kommission will zentrales Klimaschutzinstrument lockern Brüssel. Hohe Energiepreise und Konkurrenz aus dem Ausland setzen Europas Industrie unter Druck - nun will die EU-Kommission mit dem Emissionshandel ein zentrales Klimaschutzinstrument für die Wirtschaft abschwächen. Die Gesamtzahl verfügbarer Rechte für den Ausstoß klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) soll langsamer abnehmen als bislang geplant, wie die Brüsseler Behörde vorschlägt. Damit wird der Druck auf Firmen, Emissionen zu senken, etwas geringer. Außerdem soll es in bestimmten Bereichen mehr kostenlose Zertifikate geben. Druck von Industrie und Mitgliedsstaaten Änderungen an dem EU-Treibhausgashandelssystem (Emission Trading System, ETS) waren zuletzt intensiv von Teilen der Industrie und Mitgliedsländern gefordert worden. Sie warnten vor mehr Werksschließungen und Produktionsverlagerungen. Beim ETS bekommen die betroffenen Unternehmen Zertifikate für den Ausstoß klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) zugeteilt und können nach Bedarf auch damit handeln oder weitere ersteigern. So entsteht ein Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2. Die Menge der verfügbaren Zertifikate sinkt kontinuierlich, damit sie teurer werden und Klimaschutzinvestitionen sich mehr lohnen. Besonders energieintensive Industrien - dazu zählen die Chemie- und die Stahlindustrie - erhalten auch jetzt schon einen Teil ihrer Zertifikate kostenlos. Langsamer weniger Zertifikate Konkret schlägt die Kommission nun als Resultat ihrer Überprüfung vor, dass ab 2031 mehr Zertifikate zur Verfügung stehen. Derzeit ist vorgesehen, dass es bis 2027 pro Jahr 4,3 Prozent und ab 2028 4,4 Prozent weniger Zertifikate geben soll. Danach soll die Anzahl nun weniger stark abnehmen - nach dem Willen der Behörde von 2031 bis 2035 um 3,7 Prozent und von 2036 bis 2040 um 1,7 Prozent. Damit sei man immer noch auf Kurs, das neue EU-Klimaziel zu erreichen: Bis 2040 müssen die Treibhausgasemissionen um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden. Bis 2050 will die EU-Kommission klimaneutral sein. Mehr Vorschriften für Flugverkehr Um die Emissionen weiter zu reduzieren, will die EU-Kommission nun auch Müllverbrennungsanlagen in das System miteinbeziehen. Zudem sollen mehr Vorgaben für den Flug- und Seeverkehr gelten. Das EU-Treibhausgashandelssystem wurde 2005 eingerichtet, um Emissionen zu senken. Die Vorgaben sollen besonders in energieintensiven Sektoren wie der Stromerzeugung und Industrie als Anreiz dienen, Treibhausgase einzusparen. Dem Umweltbundesamt zufolge konnten die europaweiten Emissionen, die dem System unterliegen, seitdem um rund 50 Prozent reduziert werden. In Deutschland beträgt die Reduktion den Angaben nach 47 Prozent. Das System wurde nun planmäßig überprüft, um es an die veränderten wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen sowie an das EU-Klimaziel für 2040 anzupassen. Verwandte Themen Neues System für Brennstoffe ab 2028 Losgelöst von den Reformvorschlägen der Kommission steht fest, dass ab 2028 Brennstoffe wie Benzin und Erdgas in ein zweites EU-System einbezogen werden - mit dem Namen ETS2. Der Preis der Zertifikate beeinflusst dann indirekt die Kosten für Heizöl, Erdgas, Diesel oder Benzin. Die Vorschläge der EU-Kommission müssen nun von den EU-Staaten und dem Europaparlament als Mitgesetzgebern beraten werden. Erst wenn sie sich einigen, können mögliche Änderungen in Kraft treten. Linda Kalcher von der Brüsseler Denkfabrik Strategic Perspectives kritisiert, wieder einmal habe politischer Druck Vorrang vor wirtschaftlichen und marktbezogenen Realitäten. „Der ETS-Vorschlag ist ein Trojanisches Pferd: Er sieht aus wie ein Geschenk für Unternehmen, um ihre Emissionsreduktionen hinauszuzögern. In Wirklichkeit verschafft er aber einen Wettbewerbsnachteil gegenüber chinesischen Unternehmen, die in der Zeit ihre Anteile an sauberen Märkten erhöhen.“

Artikel lesen
17. Juli
FAZ (Wirtschaft)

Klimaschutz in Europa: Wie geht es mit dem Emissionshandel in der EU weiter?

Klimaschutz in Europa : Wie geht es mit dem Emissionshandel in der EU weiter? Steht Klimaschutz gegen Wettbewerbsfähigkeit? Die Europäische Kommission legt Vorschläge vor, wie die CO2-Bepreisung in der Staatengemeinschaft künftig funktionieren soll. Hohe Energiepreise, Konkurrenz aus China und den USA und strenge Klimaschutzvorgaben: Die Industrie in Deutschland und Europa ächzt. Die Politik versucht, den Kontinent wettbewerbsfähiger zu machen und nimmt dafür auch das System der CO2-Bepreisung der EU in den Fokus. Während manche das zentrale Klimaschutzinstrument für unverzichtbar halten, dringen andere auf eine Abschwächung und wollen so Werksschließungen und Produktionsverlagerungen vermeiden. Die EU-Kommission schlägt heute eine Reform des Treibhausgashandelssystems vor. Hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen. Was ist das europäische Emissionshandelssystem? Das EU-Treibhausgashandelssystem (Emission Trading System, ETS) wurde im Jahr 2005 eingerichtet, um Emissionen zu senken. Die Vorgaben sollen besonders in energieintensiven Sektoren wie der Stromerzeugung und Industrie als Anreiz dienen, Treibhausgase einzusparen. Ab dem Jahr 2028 sollen auch Brennstoffe wie Benzin und Erdgas in ein zweites EU-System einbezogen werden (ETS2). Der Preis der Zertifikate beeinflusst dann indirekt die Kosten für Heizöl, Erdgas, Diesel oder Benzin. Nun steht eine Überprüfung des Systems an, das schon in Kraft ist (ETS1). Dabei soll geschaut werden, wie es an die veränderten wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen sowie an das neue EU-Klimaziel für das Jahr 2040 angepasst werden kann. Demnach muss die EU bis dahin ihre Treibhausgasemissionen um 90 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 senken. Wie funktioniert der Emissionshandel? Die betroffenen Unternehmen bekommen Zertifikate für den Ausstoß von Gasen wie Kohlendioxid (CO2) zugeteilt und können nach Bedarf auch damit handeln oder weitere ersteigern. So entsteht ein Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2. Die Menge der verfügbaren Zertifikate sinkt kontinuierlich. Dadurch sollen die Zertifikate teurer werden und Klimaschutzinvestitionen sich mehr lohnen. Besonders energieintensive Industrien (dazu zählen die Chemie- und die Stahlindustrie) erhalten einen Teil ihrer Zertifikate kostenlos. Diese kostenlosen Zertifikate werden immer weiter reduziert. Schon kürzlich hatte die Kommission allerdings vorgeschlagen, Klimazertifikate an die Industrie großzügiger als bislang geplant herauszugeben. Nicht genutzte Zertifikate werden in einer Art Ablage gehalten, der Marktstabilitätsreserve (MSR). Damit soll das Angebot auf dem Markt sinken, wenn viele Zertifikate im Umlauf sind. Gibt es eine Verknappung, werden Emissionszertifikate aus der Reserve auf den Markt gebracht. So sollen zu große Preissprünge abgefedert werden. Was will die Kommission jetzt vorschlagen? Die Kommission will im Rahmen der Überprüfung unter anderem vorschlagen, wie schnell die Gesamtzahl verfügbarer CO2-Zertifikate jedes Jahr sinkt. Dadurch wird bestimmt, wie stark der Druck auf Unternehmen wächst, Emissionen zu verringern. Derzeit ist vorgesehen, dass es bis zum Jahr 2027 pro Jahr 4,3 Prozent und ab dem Jahr 2028 dann 4,4 Prozent weniger Zertifikate geben soll. Somit würden ab dem Jahr 2039 keine neuen Zertifikate auf den Markt kommen, was Unternehmen Sorgen bereitet. Außerdem wird erwartet, dass die Brüsseler Behörde neue Vorschläge dazu macht, wie lange und in welchem Umfang welche Industrie weiter kostenlose Zertifikate bekommt. Die Formel, nach der berechnet wird, wer wie viele kostenlose Zertifikate bekommt, heißt im Brüsseler Fachjargon Benchmarks. Auch eine Änderung der Regeln der Marktstabilitätsreserve dürfte vorgeschlagen werden sowie die Einbindung von CO2-Entnahmen, also etwa Verfahren, mit denen CO2 aus der Atmosphäre entzogen und gespeichert wird. Außerdem könnte das Treibhausgashandelssystem auf weitere Bereiche ausgeweitet werden – diskutiert wird etwa eine stärkere Einbeziehung des Flug- und Seeverkehrs oder auch von Müllverbrennungsanlagen. Wie stehen die Mitgliedsländer dazu? Vor dem Hintergrund hoher Energiepreise sowie eines hohen Wettbewerbsdrucks auf Europas Industrie rückte das Klimaschutzinstrument zunehmend in den Fokus. Vor allem in Ländern, in denen fossile Brennstoffe in der Stromgewinnung eine große Rolle spielen, wächst der Unmut. Länder wie Polen fordern Lockerungen, nordeuropäische Länder wie Schweden und Finnland befürworten ein strenges Emissionshandelssystem. Deutschland will am ETS festhalten, setzt aber zunehmend auf Wettbewerbsfähigkeit und will bestimmte Ausnahmen für die Industrie. Was fordern Industrie und Umweltschützer? Der Industrieverband BDI fordert, den Emissionshandel so zu reformieren, dass industrielle Produktion langfristig in Europa erhalten bleibe - und sieht ohne „Kurskorrekturen“ die Gefahr von Werksschließungen und Produktionsverlagerungen. Die Chemieindustrie pocht ebenfalls auf Entlastungen. Der Emissionshandel in seiner aktuellen Form verleite Unternehmen dazu, Produktion in Europa stillzulegen, kritisierte BASF-Chef Markus Kamieth, der auch Präsident des europäischen Chemieverbands CEFIC ist. „Der Emissionshandel hilft dem Planeten nicht, aber verursacht wirtschaftlichen Schaden.“ Die deutsche Stahlindustrie ist gespalten. Da einige Unternehmen bereits riesige Investitionen hin zu einer emissionsfreien Stahlerzeugung getätigt haben, pochen sie auf Planbarkeit beim eingeschlagenen Kurs – während andere Entlastungen fordern. Umweltorganisationen sehen den Emissionshandel als zentrales Steuerungsinstrument für die Klimapolitik und wollen das System eher verschärfen als abschwächen. Linda Kalcher von der Brüsseler Denkfabrik Strategic Perspectives nennt den Emissionshandel ein Vorzeigeprojekt, da er das Wirtschaftswachstum von den Emissionen entkoppele und weltweit Nachahmer finde. Sie fordert von der Kommission nun ein pragmatisches Gleichgewicht zwischen „berechtigten Sorgen der Industrie und unbegründeten politischen Angriffen“. „Gelingt dies nicht, wird der Marktpreis einbrechen und das Vertrauen der Anleger auf Jahre hinaus untergraben“, so Kalcher. Was für Stimmen gibt es aus dem Europaparlament? Der CDU-Politiker Peter Liese mahnt an, der Kampf gegen den Klimawandel müsse weiterhin ganz oben auf der Agenda der EU stehen. Gleichzeitig sei das ETS in seiner gegenwärtigen Form mit zu großen Belastungen für viele Unternehmen verbunden, so der umweltpolitische Sprecher der EVP-Fraktion. Es seien mehr kostenlose Zertifikate nötig, als im derzeitigen System vorgesehen sind - geknüpft an klare Bedingungen. „Am sinnvollsten wäre es, sie an Investitionen am jeweiligen Standort zu koppeln“, so Liese. Der Grünen-Abgeordnete Michael Bloss warnt die Kommission davor, beim Klimaschutz auf die Bremse zu treten. „Ausbaden müssen das die kommenden Generationen, denn ihre Gesundheit, ihre Lebensqualität und ihre Freiheit stehen auf dem Spiel“, sagte er. Außerdem kritisiert er: „Wer den Emissionshandel aufweicht, entzieht genau jenen Betrieben den Boden, die früh auf saubere Produktion gesetzt und damit Beschäftigung und Wohlstand gesichert haben. Vorreiter dürfen nicht zu Verlierern gemacht werden.“ Nach den Worten des SPD-Politikers Tiemo Wölken entscheidet die Reform darüber, „ob Europa Klimaschutz und industrielle Stärke miteinander verbinden kann, oder ob wir unsere Industrie in die fossile Sackgasse laufen lassen“. Das Tempo der Dekarbonisierung müsse hoch bleiben. Für die Dekarbonisierung in der Breite der Industrie sei aber auch mehr Flexibilität nötig. Hilfen etwa in Form freier Zuteilungen müssten fest an verpflichtende Zusagen für Investitionen und den Erhalt der Arbeitsplätze in Europa geknüpft werden.

Artikel lesen
17. Juli
Handelsblatt

Klimaschutz: Wie geht es mit dem Treibhausgashandelssystem der EU weiter?

Klimaschutz: Wie geht es mit dem Treibhausgashandelssystem der EU weiter? Brüssel. Hohe Energiepreise, Konkurrenz aus China und den USA und strenge Klimaschutzvorgaben: Die Industrie in Deutschland und Europa ächzt. Die Politik versucht, den Kontinent wettbewerbsfähiger zu machen und nimmt dafür auch das System der CO2-Bepreisung der EU in den Fokus. Während manche das zentrale Klimaschutzinstrument für unverzichtbar halten, dringen andere auf eine Abschwächung und wollen so Werksschließungen und Produktionsverlagerungen vermeiden. Die EU-Kommission schlägt heute eine Reform des Treibhausgashandelssystems vor. Worum geht es genau? Was ist das europäische Emissionshandelssystem? Das EU-Treibhausgashandelssystem (Emission Trading System, ETS) wurde 2005 eingerichtet, um Emissionen zu senken. Die Vorgaben sollen besonders in energieintensiven Sektoren wie der Stromerzeugung und Industrie als Anreiz dienen, Treibhausgase einzusparen. Ab 2028 sollen auch Brennstoffe wie Benzin und Erdgas in ein zweites EU-System einbezogen werden (ETS2). Der Preis der Zertifikate beeinflusst dann indirekt die Kosten für Heizöl, Erdgas, Diesel oder Benzin. Nun steht eine Überprüfung des Systems an, das bereits in Kraft ist (ETS1). Dabei soll geschaut werden, wie es an die veränderten wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen sowie an das neue EU-Klimaziel für 2040 angepasst werden kann. Demnach muss die EU bis dahin ihre Treibhausgasemissionen um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Wie funktioniert der Emissionshandel? Die betroffenen Unternehmen bekommen Zertifikate für den Ausstoß klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) zugeteilt und können nach Bedarf auch damit handeln oder weitere ersteigern. So entsteht ein Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2. Die Menge der verfügbaren Zertifikate sinkt kontinuierlich. Dadurch sollen die Zertifikate teurer werden und Klimaschutzinvestitionen sich mehr lohnen. Besonders energieintensive Industrien - dazu zählen die Chemie- und die Stahlindustrie - erhalten einen Teil ihrer Zertifikate kostenlos. Diese kostenlosen Zertifikate werden immer weiter reduziert. Schon kürzlich hatte die Kommission allerdings vorgeschlagen, Klimazertifikate an die Industrie großzügiger als bislang geplant herauszugeben. Nicht genutzte Zertifikate werden in einer Art Ablage, der Marktstabilitätsreserve (MSR), gehalten. Damit soll das Angebot auf dem Markt sinken, wenn viele Zertifikate im Umlauf sind. Gibt es eine Verknappung, werden Emissionszertifikate aus der Reserve auf den Markt gebracht. So sollen zu große Preissprünge abgefedert werden. Was will die Kommission jetzt vorschlagen? Die Kommission will im Rahmen der Überprüfung unter anderem vorschlagen, wie schnell die Gesamtzahl verfügbarer CO2-Zertifikate jedes Jahr sinkt. Dadurch wird bestimmt, wie stark der Druck auf Firmen wächst, Emissionen zu senken. Derzeit ist vorgesehen, dass es bis 2027 pro Jahr 4,3 Prozent und ab 2028 4,4 Prozent weniger Zertifikate geben soll. Somit würden ab 2039 keine neuen Zertifikate auf den Markt kommen, was Unternehmen Sorgen bereitet. Außerdem wird erwartet, dass die Brüsseler Behörde neue Vorschläge dazu macht, wie lange und in welchem Umfang welche Industrie weiter kostenlose Zertifikate bekommt. Die Formel, nach der berechnet wird, wer wie viel kostenlose Zertifikate bekommt, heißt im Brüsseler Fachjargon Benchmarks. Auch eine Änderung der Regeln der Marktstabilitätsreserve dürfte vorgeschlagen werden sowie die Einbindung von CO2-Entnahmen, also etwa Verfahren, mit denen CO2 aus der Atmosphäre entzogen und gespeichert wird. Außerdem könnte das Treibhausgashandelssystem auf weitere Bereiche ausgeweitet werden - diskutiert wird etwa eine stärkere Einbeziehung des Flug- und Seeverkehrs oder auch von Müllverbrennungsanlagen. Wie stehen die Mitgliedsländer dazu? Vor dem Hintergrund hoher Energiepreise sowie eines hohen Wettbewerbsdrucks auf Europas Industrie rückte das Klimaschutzinstrument zunehmend in den Fokus. Vor allem in Ländern, in denen fossile Brennstoffe in der Stromgewinnung eine große Rolle spielen, wächst der Unmut. Länder wie Polen fordern Lockerungen, nordeuropäische Länder wie Schweden und Finnland befürworten ein strenges Emissionshandelssystem. Deutschland will am ETS festhalten, setzt aber zunehmend auf Wettbewerbsfähigkeit und will bestimmte Ausnahmen für die Industrie. Was fordern Industrie und Umweltschützer? Der Industrieverband BDI fordert, den Emissionshandel so zu reformieren, dass industrielle Produktion langfristig in Europa erhalten bleibe - und sieht ohne „Kurskorrekturen“ die Gefahr von Werksschließungen und Produktionsverlagerungen. Die Chemieindustrie pocht ebenfalls auf Entlastungen. Der Emissionshandel in seiner aktuellen Form verleite Unternehmen dazu, Produktion in Europa stillzulegen, kritisierte BASF-Chef Markus Kamieth, der auch Präsident des europäischen Chemieverbands CEFIC ist. „Der Emissionshandel hilft dem Planeten nicht, aber verursacht wirtschaftlichen Schaden.“ Die deutsche Stahlindustrie ist gespalten. Da einige Unternehmen bereits riesige Investitionen hin zu einer emissionsfreien Stahlerzeugung getätigt haben, pochen sie auf Planbarkeit beim eingeschlagenen Kurs - während andere Entlastungen fordern. Umweltorganisationen sehen den Emissionshandel als zentrales Steuerungsinstrument für die Klimapolitik und wollen das System eher verschärfen als abschwächen. Linda Kalcher von der Brüsseler Denkfabrik Strategic Perspectives nennt den Emissionshandel ein Vorzeigeprojekt, da er das Wirtschaftswachstum von den Emissionen entkoppele und weltweit Nachahmer finde. Sie fordert von der Kommission nun ein pragmatisches Gleichgewicht zwischen „berechtigten Sorgen der Industrie und unbegründeten politischen Angriffen“. „Gelingt dies nicht, wird der Marktpreis einbrechen und das Vertrauen der Anleger auf Jahre hinaus untergraben“, so Kalcher. Verwandte Themen Was für Stimmen gibt es aus dem Europaparlament? Der CDU-Politiker Peter Liese mahnt an, der Kampf gegen den Klimawandel müsse weiterhin ganz oben auf der Agenda der EU stehen. Gleichzeitig sei das ETS in seiner gegenwärtigen Form mit zu großen Belastungen für viele Unternehmen verbunden, so der umweltpolitische Sprecher der EVP-Fraktion. Es seien mehr kostenlose Zertifikate nötig, als im derzeitigen System vorgesehen sind - geknüpft an klare Bedingungen. „Am sinnvollsten wäre es, sie an Investitionen am jeweiligen Standort zu koppeln“, so Liese. Der Grünen-Abgeordnete Michael Bloss warnt die Kommission davor, beim Klimaschutz auf die Bremse zu treten. „Ausbaden müssen das die kommenden Generationen, denn ihre Gesundheit, ihre Lebensqualität und ihre Freiheit stehen auf dem Spiel“, sagte er. Außerdem kritisiert er: „Wer den Emissionshandel aufweicht, entzieht genau jenen Betrieben den Boden, die früh auf saubere Produktion gesetzt und damit Beschäftigung und Wohlstand gesichert haben. Vorreiter dürfen nicht zu Verlierern gemacht werden.“ Nach den Worten des SPD-Politikers Tiemo Wölken entscheidet die Reform darüber, „ob Europa Klimaschutz und industrielle Stärke miteinander verbinden kann - oder ob wir unsere Industrie in die fossile Sackgasse laufen lassen“. Das Tempo der Dekarbonisierung müsse hoch bleiben. Für die Dekarbonisierung in der Breite der Industrie sei aber auch mehr Flexibilität nötig. Hilfen - etwa in Form freier Zuteilungen - müssten fest an verpflichtende Zusagen für Investitionen und den Erhalt der Arbeitsplätze in Europa geknüpft werden.

Artikel lesen
14. Juli
Handelsblatt

ETS-Reform: Wirtschaft und Klimaschützer überraschen mit gemeinsamen Reformideen

Wirtschaft und Klimaschützer legen gemeinsame Reformideen vor Brüssel, Berlin. Die Umweltforschungsorganisation Öko-Institut und das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) haben einen gemeinsamen Vorschlag für eine Reform des Emissionshandels für Industrie und Energiebranche (ETS 1) vorgelegt. Ihre zentrale Forderung: Kostenlose Emissionszertifikate sollen erst ab 2033 reduziert werden, nicht wie aktuell geplant 2028. Außerdem fordern die Autoren, dass die Ausgabe neuer Zertifikate erst 2048 endet – statt 2039. Die 160 Seiten umfassende Untersuchung von IW und Öko-Institut liegt dem Handelsblatt vor. Bemerkenswert ist daran vor allem, dass die beiden Organisationen gemeinschaftlich agieren. Und der Zeitpunkt der Vorstellung. » Lesen Sie auch: „Radikaler Wandel notwendig“ – EU will schnellere Umstellung auf Strom In den vergangenen Monaten hatten Klimaschützer kritisiert, die Industrie wolle sich mit ihren Forderungen nach einer Reform des Emissionshandels ihrer Verantwortung für den Klimaschutz entziehen. Chemie- und Stahlbranche dagegen hatten gewarnt, ohne grundlegende Reformen werde der Emissionshandel große Teile der energieintensiven Industrie aus Europa vertreiben. Einzelne Industriemanager hatten sogar die Abschaffung des Emissionshandels gefordert. Nun zeigen Öko-Institut und IW eine Kompromisslinie auf. Thilo Schaefer vom IW sagte dem Handelsblatt, die europäische Industrie sei in einer schwierigen Situation. Hohe Energiekosten, US-Zölle und massive chinesische Subventionen setzten die Geschäftsmodelle gerade energieintensiver Unternehmen gewaltig unter Druck. „Die Reform des europäischen Emissionshandels muss das im Blick haben, damit nicht weitere europäische Produktionsstandorte schließen müssen und wir verstärkt klimaschädliche Produkte importieren“, sagte Schaefer. Felix Matthes vom Öko-Institut sagte dem Handelsblatt, der Emissionshandel müsse grundlegend überarbeitet werden. „Alle Kernelemente müssen angepasst werden. Wenn man nur einzelne Elemente verändert, bringt man das Gesamtsystem aus dem Gleichgewicht.“ Zertifikate weit über 2039 hinaus Öko-Institut und IW greifen mit ihrem gemeinsamen Plan der EU-Kommission vor. Die Behörde will unter Leitung von EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra am Freitag ihre Pläne für eine Reform des Emissionshandels vorstellen. Der ETS ist das wichtigste Klimaschutzinstrument der EU. Zur Teilnahme verpflichtet sind seit der Einführung im Jahr 2005 die Sektoren Energie und Industrie, später kamen auch die Bereiche Luft- und Seeverkehr hinzu. Der Emissionshandel sorgt dafür, dass der Ausstoß von CO2 und anderen Klimagasen Geld kostet. Für jede Tonne CO2, die eine zur Teilnahme am Emissionshandel verpflichtete Anlage emittiert, muss das betreibende Unternehmen ein Emissionszertifikat nachweisen. Damit steigt der Anreiz, in klimafreundliche Technologien zu investieren. Außerdem sinkt die Menge der zur Verfügung stehenden Zertifikate von Jahr zu Jahr. Nach den aktuell geltenden Regeln werden 2039 die letzten Zertifikate ausgegeben. Ein Zertifikat kostet aktuell etwa 80 Euro. Nach Informationen des Handelsblatts wird die EU-Kommission vorschlagen, auch über 2039 hinaus Zertifikate auszugeben, da es als ausgeschlossen gilt, dass die Industrie bis dahin klimaneutral ist. Die jüngste Anpassung der EU-Klimaziele im vergangenen Jahr eröffnet dafür den Spielraum. Grundlegender Wandel bei Benchmarks gefordert Energieintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, erhalten einen Teil der Zertifikate kostenlos zugeteilt. Die freie Zuteilung von kostenlosen Zertifikaten richtet sich nach sogenannten Benchmarks. Die Benchmarks sind Referenzwerte, die sich auf bestimmte Anlagen und Verfahren beziehen. Nur besonders effizient arbeitende Anlagen haben die Chance, für einen großen Teil ihrer CO2-Emissionen kostenlose Zuteilungen zu erhalten. IW und Öko-Institut appellieren an die EU-Kommission, dieses Benchmark-System grundlegend zu überarbeiten. „Die Benchmark-Regelung ist in ihrer jetzigen Form nicht mehr haltbar“, sagte Matthes. Sie werde zunehmend unkalkulierbar. Darum schlagen IW und Öko-Institut einen Systemwechsel vor: „Statt die Berechnung der Benchmarks an den jeweils besten zehn Prozent einer Anlagenkategorie zu orientieren, sollten die Benchmarks pro Jahr um 0,3 Prozent verschärft werden. Das macht das System berechenbar“, sagte er. Grenzausgleich ist bislang lückenhaft Außerdem äußern sich IW und Öko-Institut zum CO2-Grenzausgleich, offizieller Begriff: Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM). Ihm zufolge müssen diejenigen Unternehmen, die Produkte aus Nicht-EU-Staaten importieren, in denen keine oder eine geringere CO2-Bepreisung anfällt, eine Abgabe zahlen, die den europäischen CO2-Kosten entspricht. Dies betrifft im Wesentlichen die Branchen Eisen, Stahl, Zement, Aluminium, Strom, Düngemittel und Wasserstoff. Doch der CBAM ist lückenhaft. Ungeklärt ist bislang beispielsweise, wie Exporte der EU in Drittländer geschützt werden. Sie sind mit den CO2‑Kosten in Europa belastet, bekommen aber bei der Ausfuhr keine Unterstützung. Bislang wird dieses Problem mit der kostenlosen Zuteilung von Emissionszertifikaten gelöst. Doch die Zuteilung soll in den kommenden Jahren stark abschmelzen. IW und Öko-Institut warnen nun: Die vorgesehene Abschmelzung der kostenlosen Zuteilung solle nicht erfolgen, wenn der CBAM noch nicht belastbar funktioniere. Deshalb solle die Abschmelzung erst fünf Jahre später starten. „Erst wenn wir uns sicher sein können, dass der CO2-Grenzausgleich funktioniert, können wir damit beginnen, die kostenlose Zuteilung deutlich zu reduzieren“, sagte Matthes. Bislang scheiterten die Pläne des CO2-Grenzausgleichs auch an dem Einwand, sie würden die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) verletzen. Matthes rät zu Pragmatismus: „Um hier zu einer Lösung zu kommen, sollten wir sanfte Verletzungen von WTO-Regeln in Kauf nehmen. Europa muss nicht mit blütenreiner Weste dastehen, wenn auf der anderen Seite die USA und auch China die WTO-Regeln schon lange nicht mehr ernst nehmen.“ Gleichzeitig betonen IW und Öko-Institut, dass sie CBAM nicht grundsätzlich infrage stellen: „Wir brauchen einen solchen Mechanismus“, sagte Schaefer. Doch solange die Funktionsfähigkeit des Systems nicht sichergestellt sei, könne CBAM die kostenlose Zuteilung nicht ersetzen. IW und Öko-Institut wollen die Verlängerung der kostenlosen Zuteilung zudem an Bedingungen knüpfen. „Die Mittel aus der Verlängerung der kostenlosen Zuteilung dürfen nicht für Aktienrückkäufe verwendet werden. Es muss eine möglichst bürokratiearme Regelung geben, damit die kostenlose Zuteilung über zehn bis 15 Jahre zu zusätzlichen Investitionen führt“, sagt Matthes. Dafür sei auch eine Eigenleistung der Unternehmen nötig. Damit bewegen sich IW und Öko-Institut auf einer Linie mit anderen Thinktanks. So empfiehlt die Denkfabrik Agora Energiewende ebenfalls, kostenlose Zertifikate nur noch an Unternehmen auszugeben, die in heute verfügbare, klimaschonende Technologien und Produktionsverfahren investieren. Am Dienstag legte Agora ein entsprechendes Impulspapier vor. Viele Industrieunternehmen argumentieren hingegen, sie benötigten die kostenlose Zuteilung, um im globalen Preiswettbewerb bestehen zu können. Zusätzliche Instrumente erforderlich IW und Öko-Institut legen den Fokus ihrer Untersuchung nicht allein auf den Emissionshandel. Sie befassen sich auch mit der Frage, welcher zusätzlichen Maßnahmen es bedarf, um die Transformation der Industrie voranzubringen. „Der ETS 1 allein kann die Transformation nicht bewirken. Es muss parallel zusätzliche Instrumente geben. Der Staat muss den Wasserstoff-Hochlauf fördern, den Aufbau einer CCS-Infrastruktur unterstützen und die Elektrifizierung voranbringen“, sagt Matthes. CCS steht für Carbon Capture and Storage, also für das Auffangen und Speichern von CO2. Diesen Aspekt betont auch Sebastian Bolay, Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK): „Solange Stromnetze, Wasserstoffinfrastruktur sowie Transport- und Speicherlösungen für CO2 nicht in ausreichendem Maße verfügbar sind, gibt es auch keine Möglichkeiten für betriebliche Transformation.“ Die DIHK hatte am Montag ein Impulspapier zur Reform des Emissionshandels vorgestellt. Darin fordert die Organisation unter anderem, die EU-Mitgliedstaaten dazu zu verpflichten, regional differenzierte Infrastrukturpläne vorzulegen, aus denen hervorgeht, wann, wo und in welchem Umfang Strom-, Wasserstoff- und CO2-Anschlüsse verfügbar sein werden. DIHK fordert Zweckbindung für ETS-Einnahmen Außerdem fordert die DIHK eine stringente Mittelverwendung und eine Zweckbindung der ETS-Einnahmen für Dekarbonisierungsmaßnahmen. Bei IW und Öko-Institut heißt es dazu, ein „großer Teil“ der Einnahmen aus dem ETS 1 müsse „gezielt und verlässlich in die Industrietransformation fließen“. Aktuell kann die Bundesregierung über die Einnahmen aus dem Emissionshandel, die in den Klima- und Transformationsfonds (KTF) fließen, frei verfügen. Verwandte Themen Politische Veränderungen in den EU-Mitgliedsstaaten könnten eine ETS-Reform jedoch erschweren. Denn über eine Reform entscheiden das Europäische Parlament und der Rat der EU, also die dort vertretenen Regierungschefs der Mitgliedstaaten. So ist unsicher, ob der neue französische Präsident oder die neue französische Präsidentin, die im April 2027 gewählt werden, die Pläne unterstützen. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte seine Meinung zum ETS zwischenzeitlich geändert: Noch vor Monaten hatte er eine starke Aufweichung der Regeln gefordert, inzwischen spricht er sich für eine Reform aus.

Artikel lesen
14. Juli
Handelsblatt

Gastbeitrag: Europas Industrie braucht mehr Zeit für ihre Transformation

Gastbeitrag: Europas Industrie braucht mehr Zeit für ihre Transformation Europa steht vor einer historischen Herausforderung. Wir wollen den Klimazielen gerecht werden, ohne dabei unsere industrielle Basis und damit Arbeitsplätze und Wohlstand zu gefährden. Der Europäische Emissionshandel für den CO2-Ausstoß von Fabriken und Kraftwerken, im Fachjargon ETS I, ist eines der zentralen Instrumente zur Reduktion von CO2-Emissionen. Doch die Annahmen, auf denen die Regeln dieses Systems beruhen, stammen aus einer anderen Zeit – einer Zeit, die nicht geprägt war von multiplen Krisen und quasi täglich neuen, kaum prognostizierbaren Herausforderungen. Wir erleben steigende Energiepreise, politische Verwerfungen und tektonische Verschiebungen im Welthandel. Gleichzeitig fehlt es noch immer an der notwendigen Infrastruktur, um die heimische Industrie klimagerecht zu modernisieren. Vor allem aber sind andere Weltregionen dem europäischen Beispiel eines Emissionshandels mit Steuerungswirkung nicht oder nicht ausreichend gefolgt. Länder wie die USA, China oder Indien kennen keine vergleichbaren Kostenbelastungen durch CO2-Zertifikate. Europa geht diesen Weg bislang weitgehend allein. Chemieunternehmen wandern bereits ab Das bleibt nicht ohne Folgen. Besonders sichtbar sind sie derzeit in der chemischen Industrie. Anlagen werden stillgelegt, Investitionen verschoben und Produktion verlagert – und mit ihnen die Arbeitsplätze.

Artikel lesen
© 2026 Themenlage