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Montag, 23. März 2026
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Demonstrationen in Israel: Gemeinsam gegen die Gewalt

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1. Februar
FAZ (Politik)

Demonstrationen in Israel: Gemeinsam gegen die Gewalt

Demonstrationen in Israel : Gemeinsam gegen die Gewalt In Israel werden jedes Jahr Hunderte Menschen von kriminellen Banden ermordet, vor allem palästinensische Bürger. Die Betroffenen suchen nach Verbündeten in der jüdischen Gesellschaft. Mehr als zwei Jahre war der Anblick des „Geiselplatzes“ in Tel Aviv von gelben Schleifen, Israel-Flaggen und Bildern der Entführten geprägt. Die Symbolik, die den Platz vor dem Kunstmuseum am Samstagabend füllte, war ähnlich und doch anders. Auch die Tausenden, die sich dort zu einer Protestkundgebung versammelt hatten, schwangen Flaggen – aber sie waren schwarz. Auch sie präsentierten Schleifen – aber sie waren lila. Auch auf ihren Plakaten waren Menschen abgebildet – aber es waren nicht Geiseln der Hamas, sondern Opfer einer mörderischen Gewaltwelle, die Israel seit mehreren Jahren überrollt. Hunderte, oftmals junge Menschen sind im vergangenen Jahrzehnt ermordet worden, zumeist im Zuge von Auseinandersetzungen krimineller Banden. Die meisten wurden erschossen, zum Teil am helllichten Tag und auf offener Straße. Praktisch alle gehörten der palästinensischen Minderheit an. Die macht rund ein Fünftel der Bevölkerung aus, aber 2025 kamen aus ihr mehr als 80 Prozent aller Todesopfer von Gewaltverbrechen. Die Mordquote unter palästinensischen Israelis gehört laut einer Studie zu den höchsten auf der Welt. Scharfe Kritik an Polizeiminister Ben-Gvir In den vergangenen drei Jahren – seit dem Antritt der rechtsnationalistisch-religiösen Regierung von Benjamin Netanjahu und unter dem rechtsradikalen Polizeiminister Itamar Ben-Gvir – hat sich die ohnehin dramatische Krise nochmals deutlich verschärft. 2021 waren 126 Todesopfer der historische Höchststand – 2023 waren es mit mehr als 240 schon fast doppelt so viele. Im vergangenen Jahr gab es etwa 250 Tote. Auch 2026 hat die Gewalt nicht nachgelassen: 27 Menschen wurden seit dem 1. Januar ermordet. Der bislang letzte, ein 25 Jahre alter Mann, wurde nur Stunden vor der Kundgebung erschossen. Ein Video zeigt, wie in Lod ein vermummter Mann mit einem Gewehr vor einem Auto steht und auf die Insassen feuert. Aus Lod kommt auch Abed Shehadeh. Der 40 Jahre alte Mann hat seine Familie zu der Kundgebung mitgebracht. „Wir sind nach Tel Aviv gekommen, weil das Problem der Gewalt nicht nur das Problem der arabischen Gemeinschaft ist – sondern das Problem aller Bürger“, sagt er. Viele palästinensische Bürger beklagen, dass die Mordepidemie von der jüdischen Mehrheit nicht als generelles Problem wahrgenommen werde – und vor allem nicht von der Regierung und der Polizei. Manche äußern diesen Vorwurf wesentlich schärfer: Ben-Gvir „sieht tatenlos zu, wie Menschen einander umbringen“, sagt Rula Hardal, die Ko-Direktorin von „Zusammenstehen“, einer jüdisch-palästinensischen zivilgesellschaftlichen Initiative. Der Polizeiminister äußere sogar lautstark, dass er glücklich darüber sei, wenn Araber einander umbringen. „Gewalt neigt dazu, sich auszubreiten“ Bislang beschränkten die Hilferufe und Protestaktionen der Betroffenen sich überwiegend auf die Wohngebiete der palästinensischen Israelis. Inzwischen ist die Verzweiflung aber so groß, dass der Dachverband der palästinensischen Israelis und Organisationen wie „Zusammenstehen“ die Kundgebung in Tel Aviv organisierten. Sie soll ein Weckruf sein und ein Versuch, Verbündete zu gewinnen. Sie hoffe, dass „die jüdische Gesellschaft sieht, was in der arabischen Gemeinschaft in den vergangenen Jahren geschehen ist“, sagt Rula Hardal. Die Wahl des Ortes ist bemerkenswert: Tel Aviv gilt als jüdische Stadt, viele Palästinenser fremdeln mit der liberal-hedonistischen Metropole. An diesem Abend aber sind sie zu Tausenden gekommen und erzeugen ungewohnte Bilder: Menschen mit Kufijas und mit Kopftüchern ziehen durch die Straßen. Auffallend viele sind jung. Auf Postern und in Parolen fordern sie „Genug mit dem Verbrechen – wir wollen leben“, „Die Polizei schützt die Verbrecher“ oder „Ben-Gvir raus!“. Auch zahlreiche jüdische Bewohner der Stadt mischen sich unter die Demonstranten. Die arabischen Sprechchöre und Plakate sind oft eine Herausforderung für sie. Und manchmal merkt man auch, dass unterschwelliges Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen herrscht. Als in einem Sprechchor das Wort „Israel“ zu hören ist, geht eine ältere Frau auf zwei palästinensische Demonstrantinnen zu und bittet sie, zu übersetzen, was da gerufen wird. An einer anderen Stelle entreißt ein palästinensischer Junge einem Mann dessen Israel-Fahne. Insgesamt herrscht aber ein großes Gefühl der Solidarität. Etwa 40.000 Menschen versammelten sich am Ende auf dem Habima-Platz, wo jüdische und palästinensische Redner die Regierung dazu aufriefen, endlich tätig zu werden. Der gemeinsame Protest stimme sie optimistisch, sagt Tammy Razi, eine 61 Jahre alte Historikerin aus Tel Aviv. „Diese extreme Situation bringt Juden und Araber zusammen, die in friedlichen Zeiten vielleicht nicht gemeinsam protestiert hätten oder nicht verstanden hätten, dass sie ein gemeinsames Ziel haben.“ Denn auch wenn Juden wie sie diese Art von Gewalt bislang nicht erlebten, könne das noch passieren – „denn Gewalt neigt dazu, sich auszubreiten“.

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1. Februar
taz (Öko & Co)

40.000 Menschen demonstrieren in Israel: „Ich will keine Rache, sondern Gerechtigkeit“

40.000 Menschen demonstrieren in Israel: „Ich will keine Rache, sondern Gerechtigkeit“ Israels Polizei ist zunehmend politisiert, die Mordrate unter der palästinensisch-arabischen Bevölkerung steigt. Das könnte auch im Wahlkampf Thema werden. Minuten vor dem Beginn der Demonstration in Tel Aviv traf es am Samstag ein weiteres Opfer: In der wenige Kilometer entfernten Stadt Lod (arabisch: Al-Lyd) erschoss am helllichten Tag ein maskierter Mann einen 25-Jährigen auf offener Straße. Der Getötete Omer Taysir al-Schamali ist das 23. Opfer einer Welle an Morden unter Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft – allein seit Jahresbeginn. Beobachter machen dafür systematische Vernachlässigung durch die Polizei unter dem rechtsextremen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir verantwortlich. „Ich bin nicht hier, um zu weinen, sondern um zu schreien“, rief am Abend dann Hitam Abu Fani, Mutter des im vergangenen Jahr erschossenen Fares Abu Fani, auf dem Habima-Platz. „Ich will keine Rache, sondern Gerechtigkeit und Schutz.“ 40.000 Teilnehmer aus dem ganzen Land waren gekommen, vor allem aus der palästinensisch-arabischen Minderheit, die rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ausmacht – aber auch jüdisch-israelische Regierungskritiker. Viele Teilnehmer trugen schwarze Fahnen, die zum Symbol einer wachsenden Bewegung gegen die Morde in der palästinensischen Bevölkerung Israels geworden sind. Eine Gruppe Teilnehmer hielt Fotos von getöteten Angehörigen hoch. Andere forderten in Sprechchören auf Arabisch und Hebräisch den Rücktritt von Ben-Gvir und verlangten, arabische Bürger Israels ebenso zu schützen wie jüdische. Die Polizei praktiziere in vielen arabischen Ortschaften eine „tödliche Zurückhaltung“, sagte Jamal Zahalka, der Vorsitzende des Dachverbands der arabischen Minderheit in Israel, der zu dem Protest aufgerufen hatte. Seit dem Amtsantritt der in Teilen rechtsextremen Regierung unter Premier Benjamin Netanjahu vor drei Jahren sind die Mordraten in den arabisch-palästinensischen Gemeinden sprunghaft angestiegen – von rund 100 auf 250 Fälle pro Jahr. Der Wahlkampf in Israel hat begonnen Ben-Gvir hat zahlreiche erfahrene Polizeikommandeure aus dem Dienst gedrängt und durch loyale Kandidaten ersetzt, die seiner nationalreligiösen Ideologie nahestehen. In vielen arabischen Ortschaften breiten sich organisierte Kriminalität und Schutzgelderpressung aus. Zahalka forderte, die Polizei müsse gegen kriminelle Gruppen vorgehen, Waffen konfiszieren und die Mordfälle aufklären. Die Proteste hatten vergangene Woche Fahrt aufgenommen, nachdem Ladenbesitzer im Ort Sachnin in Nordisrael nach Drohungen von kriminellen Banden in einen Streik getreten waren. Die Bewegung könne ein „Wendepunkt“ sein, der jüdische und palästinensische Israelis zusammenbringe, sagte der palästinenisch-israelische Politiker Ayman Odeh der Times of Israel. Laut Umfragen kommt im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen in diesem Jahr bisher weder die rechtsextreme Regierungskoalition von Benjamin Netanjahu noch die Opposition auf eine Mehrheit. Arabische Parteien könnten vor diesem Hintergrund eine Schlüsselrolle spielen. Der Wahlkampf hat auch für die israelische Regierung längst begonnen. Sie setzt darauf, die Erzählung der Ereignisse seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 zu ihren Gunsten zu drehen. So ward der Geisel-Koordinator der israelischen Regierung, Gal Hirsch, den Angehörigen der Ex-Geiseln am Wochenende vor: Sie hätten mit ihren Protesten für ein Abkommen und einen Gefangenenaustausch in den vergangenen zweieinhalb Jahren Hamas-Propaganda „verstärkt“. Die ehemalige Hamas-Geisel Or Levy wies diese Vorwürfe in einem offenen Brief am Sonntag empört zurück. Und beschuldigte Hirsch und die Regierung, die Entführten im Stich gelassen zu haben. „Eure Wahlkampagne ist das Einzige, was euch wichtig ist“, schrieb er. Wie geht es weiter im Gazastreifen? Eine Rolle im Wahlkampf dürfte auch spielen, wie es im Gazastreifen weitergeht. Der Friedensplan des US-Präsidenten Donald Trump sieht einen schrittweisen Abzug der israelischen Armee und eine Entwaffnung der Hamas vor. Die radikalislamische Gruppe lehnt eine Demilitarisierung bisher jedoch ab. Die israelische Armee macht ihrerseits keine Anzeichen, sich von der sogenannten gelben Linie zurückzuziehen, hinter der sie weiter mehr als 50 Prozent des Gazastreifens besetzt hält. Seit Beginn der Waffenruhe haben israelische Soldaten mehr als 500 Palästinenser in Gaza getötet. Bei einer der schwersten Angriffsserien starben laut palästinensischen Angaben am Samstag mehr als 30 Menschen, darunter auch Frauen und Kinder. Das Militär erklärte, man habe zuvor mehrere bewaffnete Palästinenser gesichtet. Ein kleiner Fortschritt im Sinne des Trump-Plans könnte indes die Wiedereröffnung des Grenzübergangs Rafah sein. Er verbindet den Küstenstreifen mit Ägypten. Am Sonntag sollen Tests durchgeführt werden, am Montag soll dann – nachdem Israels Führung dies länger hinausgezögert hatte – der Personenverkehr in beide Richtungen beginnen. Gemeinsam für freie Presse Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. 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