Demonstrationen in Israel: Gemeinsam gegen die Gewalt
Demonstrationen in Israel : Gemeinsam gegen die Gewalt
In Israel werden jedes Jahr Hunderte Menschen von kriminellen Banden ermordet, vor allem palästinensische Bürger. Die Betroffenen suchen nach Verbündeten in der jüdischen Gesellschaft.
Mehr als zwei Jahre war der Anblick des „Geiselplatzes“ in Tel Aviv von gelben Schleifen, Israel-Flaggen und Bildern der Entführten geprägt. Die Symbolik, die den Platz vor dem Kunstmuseum am Samstagabend füllte, war ähnlich und doch anders.
Auch die Tausenden, die sich dort zu einer Protestkundgebung versammelt hatten, schwangen Flaggen – aber sie waren schwarz. Auch sie präsentierten Schleifen – aber sie waren lila. Auch auf ihren Plakaten waren Menschen abgebildet – aber es waren nicht Geiseln der Hamas, sondern Opfer einer mörderischen Gewaltwelle, die Israel seit mehreren Jahren überrollt.
Hunderte, oftmals junge Menschen sind im vergangenen Jahrzehnt ermordet worden, zumeist im Zuge von Auseinandersetzungen krimineller Banden. Die meisten wurden erschossen, zum Teil am helllichten Tag und auf offener Straße. Praktisch alle gehörten der palästinensischen Minderheit an. Die macht rund ein Fünftel der Bevölkerung aus, aber 2025 kamen aus ihr mehr als 80 Prozent aller Todesopfer von Gewaltverbrechen. Die Mordquote unter palästinensischen Israelis gehört laut einer Studie zu den höchsten auf der Welt.
Scharfe Kritik an Polizeiminister Ben-Gvir
In den vergangenen drei Jahren – seit dem Antritt der rechtsnationalistisch-religiösen Regierung von Benjamin Netanjahu und unter dem rechtsradikalen Polizeiminister Itamar Ben-Gvir – hat sich die ohnehin dramatische Krise nochmals deutlich verschärft. 2021 waren 126 Todesopfer der historische Höchststand – 2023 waren es mit mehr als 240 schon fast doppelt so viele. Im vergangenen Jahr gab es etwa 250 Tote.
Auch 2026 hat die Gewalt nicht nachgelassen: 27 Menschen wurden seit dem 1. Januar ermordet. Der bislang letzte, ein 25 Jahre alter Mann, wurde nur Stunden vor der Kundgebung erschossen. Ein Video zeigt, wie in Lod ein vermummter Mann mit einem Gewehr vor einem Auto steht und auf die Insassen feuert.
Aus Lod kommt auch Abed Shehadeh. Der 40 Jahre alte Mann hat seine Familie zu der Kundgebung mitgebracht. „Wir sind nach Tel Aviv gekommen, weil das Problem der Gewalt nicht nur das Problem der arabischen Gemeinschaft ist – sondern das Problem aller Bürger“, sagt er. Viele palästinensische Bürger beklagen, dass die Mordepidemie von der jüdischen Mehrheit nicht als generelles Problem wahrgenommen werde – und vor allem nicht von der Regierung und der Polizei.
Manche äußern diesen Vorwurf wesentlich schärfer: Ben-Gvir „sieht tatenlos zu, wie Menschen einander umbringen“, sagt Rula Hardal, die Ko-Direktorin von „Zusammenstehen“, einer jüdisch-palästinensischen zivilgesellschaftlichen Initiative. Der Polizeiminister äußere sogar lautstark, dass er glücklich darüber sei, wenn Araber einander umbringen.
„Gewalt neigt dazu, sich auszubreiten“
Bislang beschränkten die Hilferufe und Protestaktionen der Betroffenen sich überwiegend auf die Wohngebiete der palästinensischen Israelis. Inzwischen ist die Verzweiflung aber so groß, dass der Dachverband der palästinensischen Israelis und Organisationen wie „Zusammenstehen“ die Kundgebung in Tel Aviv organisierten. Sie soll ein Weckruf sein und ein Versuch, Verbündete zu gewinnen. Sie hoffe, dass „die jüdische Gesellschaft sieht, was in der arabischen Gemeinschaft in den vergangenen Jahren geschehen ist“, sagt Rula Hardal.
Die Wahl des Ortes ist bemerkenswert: Tel Aviv gilt als jüdische Stadt, viele Palästinenser fremdeln mit der liberal-hedonistischen Metropole. An diesem Abend aber sind sie zu Tausenden gekommen und erzeugen ungewohnte Bilder: Menschen mit Kufijas und mit Kopftüchern ziehen durch die Straßen. Auffallend viele sind jung. Auf Postern und in Parolen fordern sie „Genug mit dem Verbrechen – wir wollen leben“, „Die Polizei schützt die Verbrecher“ oder „Ben-Gvir raus!“.
Auch zahlreiche jüdische Bewohner der Stadt mischen sich unter die Demonstranten. Die arabischen Sprechchöre und Plakate sind oft eine Herausforderung für sie. Und manchmal merkt man auch, dass unterschwelliges Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen herrscht. Als in einem Sprechchor das Wort „Israel“ zu hören ist, geht eine ältere Frau auf zwei palästinensische Demonstrantinnen zu und bittet sie, zu übersetzen, was da gerufen wird. An einer anderen Stelle entreißt ein palästinensischer Junge einem Mann dessen Israel-Fahne.
Insgesamt herrscht aber ein großes Gefühl der Solidarität. Etwa 40.000 Menschen versammelten sich am Ende auf dem Habima-Platz, wo jüdische und palästinensische Redner die Regierung dazu aufriefen, endlich tätig zu werden.
Der gemeinsame Protest stimme sie optimistisch, sagt Tammy Razi, eine 61 Jahre alte Historikerin aus Tel Aviv. „Diese extreme Situation bringt Juden und Araber zusammen, die in friedlichen Zeiten vielleicht nicht gemeinsam protestiert hätten oder nicht verstanden hätten, dass sie ein gemeinsames Ziel haben.“ Denn auch wenn Juden wie sie diese Art von Gewalt bislang nicht erlebten, könne das noch passieren – „denn Gewalt neigt dazu, sich auszubreiten“.