11. Juli Neues Deutschland
Landespolitik | Evers wird CDU-Spitzenkandidat: Vom Strippenzieher zum Platzhirsch
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Evers wird CDU-Spitzenkandidat: Vom Strippenzieher zum Platzhirsch
Als Berliner Finanzsenator hielt sich Stefan Evers im Hintergrund. Nachdem Kai Wegner über Falschaussagen stolperte, soll er nun CDU-Spitzenkandidat werden.
Mehr Schein als Sein: In einer ehemaligen Zigarettenfabrik empfing die Berliner CDU vor einem Monat ihre Delegierten zum Landesparteitag. Die mächtige Halle war abgedunkelt, sodass sich alle Blicke auf den bühnenbreiten Bildschirm am Ende der Halle richteten. Derartige Dimensionen kennt man sonst nur von Bundesparteitagen. Das Aufprotzen half dabei, die Reihen hinter dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner zu schließen. 92,6 Prozent der Stimmen erhielt Wegner damals. Auch das »nd« urteilte, Wegners Führung sei »unumstritten etabliert« worden.
Wenige Wochen später erweist sich die überdimensionierte Krönungsmesse als Makulatur. Wegner wird die CDU doch nicht in den Wahlkampf zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September führen. Er stolperte über ein Lügengebilde, das er selbst schuf. Offenbar, um darüber hinwegzutäuschen, dass er bei der Bewältigung der Folgen des Stromausfalls im Berliner Südwesten nach einem Anschlag auf Starkstromleitungen am 3. Januar nur eine Nebenrolle spielte, behauptete Wegner bei einer Pressekonferenz am darauffolgenden Tag, er habe sich »den ganzen Tag eingeschlossen« und Unterstützung vom Bund und den anderen Bundesländern organisiert. Wenig später kam heraus, dass er in Wahrheit lieber Tennis spielte.
Das war nicht die letzte Lüge. Immer wieder musste Wegner seine Version des schicksalhaften Tages korrigieren. Am Dienstag platzte dann die letzte von vielen Bomben. Bis zur Mittagszeit hatte Wegner überhaupt keine Telefonate geführt, musste die Senatskanzlei zugeben, nachdem der »Tagesspiegel« diese Information eingeklagt hatte. »Ich habe in der Tat um 8.08 Uhr begonnen, die Telefonate zu führen«, hatte Wegner im Januar in einem TV-Interview gesagt – offenbar die Unwahrheit. In Hintergrundgesprächen, so berichten beteiligte Journalisten, soll Wegner sogar detailreich ausgeschmückte Geschichten über seine Koordinationsarbeit erzählt haben.
Nachdem sich nach der letzten Enthüllung kritische Stimmen im CDU-Landesverband häuften, zog Wegner nun die Reißleine. Er werde nicht mehr als Spitzenkandidat antreten, sagte er am Freitagnachmittag. Bis zur Wahl bleibt er allerdings Regierender Bürgermeister. Offenbar kam er, wie sich nun herausstellt, einer weiteren Enthüllung zuvor. Wenige Stunden nach dem Rückzug brachte eine erneute »Tagesspiegel«-Klage hervor, dass Wegner entgegen anderslautender Aussagen während des Stromausfalls nie direkt mit dem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gesprochen hatte.
Nach dem Beben steht der ohnehin angeschlagene CDU-Landesverband nun auf wackeligen Füßen. In einer schon vor Wegners Rückzug veröffentlichten Umfrage rutschten die Konservativen mit 17 Prozent auf den vierten Platz – hinter Linke, Grüne und sogar der AfD. Kurzfristig soll jetzt der bisherige Finanzsenator Stefan Evers die Partei wieder auf Erfolgskurs bringen. Für die Nominierung wählt man nun einen deutlich bescheideneren Rahmen. Am Montag soll er bei einer Sitzung des CDU-Landesvorstands zum neuen Spitzendkandidaten gekürt werden, auch den Landesvorsitz soll er übernehmen. Die Wahl gilt als sicher, weil sich alle großen Kreisverbände hinter Evers gestellt haben. Eine letzte Niederlage für Wegner, der dem Vernehmen nach Justizsenatorin Felor Badenberg als Nachfolgerin bevorzugt hätte.
Evers selbst soll, so berichten mehrere Hauptstadtmedien übereinstimmend, den Karrieresprung nicht gerade forciert haben. Er sei »gedrängt« worden, die Spitzenkandidatur zu übernehmen, schreibt die »Morgenpost« unter Berufung auf Parteikreise. Evers selbst äußerte sich bereits am Freitagnachmittag in einem Post auf dem Netzwerk X. Für seine »schwere persönliche Entscheidung« habe Wegner »Respekt« verdient, schreibt Evers. Und weiter: »Jetzt können wir wieder darüber sprechen, worum es am 20. September wirklich geht.« Man stünde vor einer »Schicksalswahl«.
Schon im Vorfeld des Landesparteitags kursierte Evers als einer der Namen, die Wegner im Falle des Falles ersetzen könnten – obwohl er dort dann nur eine kurze Rede hielt. Selbstverständlich erscheint das nicht. Der 46-Jährige nahm während der schwarz-roten Regierungszeit eher eine zurückhaltende Rolle ein. Der auch im persönlichen Auftreten eher leise Politiker beschränkte sich auf ein Wirken im Hintergrund, wo viele Fäden der Landespolitik beim Finanzsenator zusammenlaufen. Statt scharfer Rhetorik setzt er im Abgeordnetenhaus auf überlange technische Erklärungen seiner finanzpolitischen Grundsätze.
Auf diese Weise gelang es ihm, persönlich kaum für das Haushaltswirrwarr der vergangenen Jahre verantwortlich gemacht zu werden. Zweimal beschloss das Landesparlament in den vergangenen drei Jahren neue Haushalte – und jedes Mal waren die Beschlüsse von Chaos begleitet. Am Jahresende 2023 beschloss das Abgeordnetenhaus einen von Evers’ Haus ausgearbeiteten Haushaltsentwurf, der sich nur wenige Monate später als hinfällig erwies. Zahlreiche Posten waren als sogenannte Pauschale Minderausgaben veranschlagt worden und mussten kurzfristig wieder eingespart werden. Nach der Rasenmähermethode mussten alle Ressorts daraufhin ihren Anteil an den insgesamt 1,75 Milliarden Euro einzusparender Mittel erbringen. Evers selbst sprach damals von einer »haushaltspolitischen Wende«.
Der nächste Doppelhaushaltsbeschluss am Ende des vergangenen Jahres verlief da glimpflicher. Statt einer zuvor angekündigten Kürzungswelle blähte der Senat den Haushalt auf den Rekordwert von 45,5 Milliarden Euro auf. Behilflich dabei waren eine überraschend positive Steuerschätzung und die im Bund beschlossene Lockerung der Schuldenbremse. Die andauernden Querelen um den Haushalt sorgten in der schwarz-roten Koalition für Dauerstreit, der allerdings selten in direkter Kritik an Evers mündete. Im Frühjahr trat er sogar noch als Gast bei einer Klausurtagung der SPD-Abgeordnetenhausfraktion auf.
Aus dem Hintergrund steuerte Evers auch zwei kontroverse CDU-Vorhaben: Mindestens seit Jahresbeginn, musste die Finanzverwaltung auf Anfrage des Linke-Abgeordneten Michael Efler herausgeben, wusste Evers von den Plänen eines Architektenduos, auf dem Tempelhofer Feld 21 000 Wohnungen zu bauen. Öffentlich bekannt wurden die Pläne erst im Mai, Evers erhielt dagegen schon im Januar eine exklusive Präsentation. Er beauftragte daraufhin die Landesbank IBB mit einer Finanzierungsstudie, die wenig überraschend das Mammutprojekt als »grundsätzlich durchführbar und finanzierbar« bewertete. Illegal ist das nicht, wirft aber die Frage auf, wie beeinflussbar der Finanzsenator ist.
Ebenfalls im besten Interesse der Immobilienlobby handelte Evers auf der Konferenz der Finanzminister im saarländischen Perl im Juni. Dort brachte er gemeinsam mit dem Hamburger Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) einen Antrag ein, der die Vergesellschaftung von privaten Wohnungsbeständen durch ein bundesweites Verbot verhindern sollte. Zuvor war bei den Finanzministern ein Brief des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen eingegangen, der diesen Schritt forderte. Die Argumentation in den beiden Schreiben ähnele sich auffällig, wie die »Taz« berichtet. Die Bundesregierung griff die Verbotsforderung zuletzt in den Beschlüssen aus dem Koalitionsausschuss auf.
Evers war nicht immer der Strippenzieher im Hintergrund. Zwischen 2017 und 2023 fungierte er als Generalsekretär der Berliner CDU. Als solcher organisierte er die Wahlkampagne seiner Partei zur Abgeordnetenhauswahl 2023, die mit scharfen Aussagen zu vemeintlich migrantischer Kriminalität spielte. Auch Evers selbst machte sich mit Polemik bekannt. 2017 forderte er auf seinem Facebook-Profil, »dieses Nest von Linksfaschisten« – gemeint waren Hausprojekte in der Rigaer Straße – »auszuräuchern«.
Gleichzeitig vertritt Evers in gesellschaftspolitischen Fragen für CDU-Verhältnisse liberale Positionen. 2015 initiierte er eine Mitgliederbefragung innerhalb der Berliner CDU über die Gleichstellung Homosexueller im Eherecht, die allerdings deutlich scheiterte. Später profitierte er selbst von der 2017 gegen den Widerstand der Berliner Christdemokraten beschlossenen Ehe-Öffnung. Er heiratete seinen Partner, mit dem er zuvor in einer Lebenspartnerschaft gelebt hatte. Heute, eine Dekade später, ist es nur noch eine Randnotiz, dass Evers der erste offen schwule Mann an der Spitze der Berliner CDU sein wird.
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