Anschläge in Norwegen vor 15 Jahren: "Das Trauma sitzt in deinem Körper"
Erinnern an die Anschläge in Norwegen "Das Trauma sitzt in deinem Körper"
15 Jahre nach dem rechtsextremistischen Anschlag in Norwegen gedenkt das Land mit einem neuen Denkmal der Opfer. Die damals 17-jährige Hanne überlebte den Anschlag auf der Insel Utøya. Das Trauma begleitet sie bis heute.
Hanne ist 17, als sie nach Utøya aufbricht. Doch vor der Abreise geht sie noch shoppen in Oslo. Sie kauft sich Gummistiefel für das Sommerferienlager, so richtig hohe, die fast bis zu den Knien reichen. "Ich war ja jung und habe Shopping geliebt. Und ich hab' die dann auch die ganze Zeit angehabt, obwohl es, so wie heute, vielleicht 30 Grad waren. Ich war so stolz."
Es gibt ein Foto von ihr vor der Abreise nach Utøya. Hanne Aukrust-Waagan sitzt da auf dem Dach des Osloer Opernhauses, neben ihrer Freundin Astrid Hoem. Die beiden lächeln in die Kamera, die Sonne scheint, sie trägt ein ärmelloses blaues Sommerkleid mit weißen Punkten - und dazu die hohen Gummistiefel.
Ein unbeschwerter Moment, kurz vor der Reise nach Utoya, die so dramatisch enden wird: Hanne Aukrust-Waagan und Astrid Hoem auf dem Dach des Opernhauses in Oslo.
Wenn Hanne von Utøya spricht, sagt sie nur: "die Insel". Und dort, auf der Insel, sind die Gummistiefel geblieben. "Meine Stiefel sind dann auf der Insel geblieben, weil ich es nicht mehr geschafft hab, mir die Stiefel anzuziehen an dem Tag. Es hat krass geregnet und als ich mich versteckt habe, habe ich es nicht mehr geschafft."
Am 22. Juli vor 15 Jahren tötet Anders Behring Breivik 77 Menschen. Erst zündet er eine Autobombe im Regierungsviertel von Oslo, dann fährt er auf die Insel Utøya. Da campen mehr als 500 Jugendliche. Es ist das Sommerferienlager der Jugendorganisation der Arbeiterpartei.
Erinnern an ein nationales Trauma
Ein neues Denkmal erinnert in Oslo an die Terrorangriffe, an dieses nationale Trauma Norwegens. Es sieht aus wie ein riesengroßes Gemälde. Ein Vogel von Utøya spiegelt sich im Wasser. Das Denkmal besteht aus 300.000 kleinen Steinen.
Hanne und andere Überlebende haben einige der Steine selbst gelegt. "Es ist groß, es ist monumental. Aber das ist ja auch Sinn der Sache", sagt sie. "Man muss dazu Stellung nehmen, sozusagen. Aber auch mit dem Vogel, der sich spiegelt - für mich ist das so dieses Lebensreich, Todesreich."
Die nationale Gedenkstätte für die Terroranschläge im Regierungsviertel von Oslo.
Hanne ist nach dem Abitur nach Berlin gezogen, hat fünf Jahre in Deutschland gelebt und spricht gut Deutsch. Sie brauchte Abstand, sagt sie. Und die neue Sprache habe ihr geholfen, andere, neue Worte zu finden für das, was sie erlebt hat.
Sie habe lange gekämpft mit der sogenannten Überlebendenscham, mit dem Gefühl, die anderen, die Toten, im Stich zu lassen. Zum Beispiel, als sie aufhörte, sich in der Jugendorganisation der Arbeiterpartei zu engagieren.
Das Mädchen in Gummistiefeln
Hanne ist jetzt 32 und studiert Jura. In diesem Frühjahr hatte ihr erstes Theaterstück Premiere. Es handelt davon, erwachsen zu werden, sich selbst zu finden mit einem solchen Trauma. Der Name des Stücks: "Das Mädchen in Gummistiefeln".
Das Theater passt als Kunstform für ihre Erzählung, sagt sie. Weil es so körperlich ist und weil man die Körper sieht. "Weil das Trauma im Körper sitzt - deswegen haben wir eigentlich das Theater als Format gewählt." Hanne erklärt: "Der Körper erinnert sich an sein Leben, sozusagen, und trägt alles mit sich, was ich je erlebt habe. Und auch so starke Gefühle wie Lebensgefahr sitzen im Körper. Es geht nicht weg."
Auf die Steine, die Hanne für das Denkmal gelegt hat, hat sie auch etwas geschrieben: auf einen ihren Namen, auf einen "Wir geben nie auf". Und auf dem dritten Stein steht "Das Mädchen in Gummistiefeln". Erst 13 Jahre nach dem Terrorangriff, zu ihrem 30. Geburtstag, kaufte sie sich wieder neue Gummistiefel.