1. August Der Spiegel (Wirtschaft)
Leopold Aschenbrenner: Deutscher »KI-Nostradamus« entschuldigt sich bei Investoren
Hedgefonds im Notverkauf Deutscher »KI-Nostradamus« entschuldigt sich bei Investoren
Der viel beachtete Erfolgslauf eines aus Deutschland stammenden jungen Hedgefondsgründers im Silicon Valley hat ein jähes Ende gefunden. Der jüngste Kursrutsch bei Halbleiteraktien traf den Fonds Situational Awareness von Leopold Aschenbrenner so hart, dass er laut Medienberichten den Großteil des Portfolios in einem Notverkauf abtreten musste.
Aschenbrenner war für seinen Fokus auf KI-Aktien als Börsenstar gefeiert worden. Im Juli hatte sein Fonds Situational Awareness allerdings zwei Drittel seines Werts verloren. Der Hedgefonds Citadel des Milliardärs Ken Griffin habe nun in einem über Nacht geschlossenen Deal die meisten Anteile börsennotierter Unternehmen mit Rabatt übernommen, berichten »Wall Street Journal« und »Financial Times«.
Quote in this story: “The real question is how did anyone invest so much money, and then lend so much money, to a . . . kid with no personal experience and no infrastructure?” as.ft.com/r/5f7537a7-0...
— Tony Tassell (@tonytassell.bsky.social) 2026-07-31T06:16:15.220Z
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Citadel und Situational Awareness äußerten sich auf Nachfrage nicht. Jedoch bestätigte Aschenbrenner in einem Brief an seine Investoren in der Nacht zum Freitag, dass »ein Teil« der Anteile an börsennotierten Unternehmen als Paket verkauft worden sei. »Wir haben Sie in diesem Monat enttäuscht«, schrieb Aschenbrenner. Er übernehme die volle Verantwortung für die »sehr teuren Narben«.
Zugleich betonte er, dass der Fonds nicht geschlossen oder liquidiert worden sei und bestehen bleibe. Sein persönliches Kapital stecke auch in dem Fonds, und er werde beweisen, dass er nun ein klügerer Investor sei. »Mein Kernversprechen an Sie heißt, dass wir die Gelegenheit nicht verschwenden werden, aus diesen Ereignissen zu lernen«, schrieb Aschenbrenner.
»Wunderkind« und »KI-Nostradamus«
Der Mittzwanziger Aschenbrenner, der zwischenzeitlich beim ChatGPT-Entwickler OpenAI gearbeitet hatte, machte erstmals vor rund zwei Jahren von sich reden. Er veröffentlichte einen Essay mit dem Titel »Situational Awareness« (etwa: Situationsbewusstsein). Darin argumentierte er, dass künstliche Intelligenz die Welt radikal verändern werde – und die meisten sich dessen noch nicht bewusst seien. Wenig später startete er einen Hedgefonds unter demselben Namen mit dem Versprechen, in die Zukunft zu investieren.
Das ging auf der Welle des KI-Booms zunächst gut – sehr gut sogar. Situational Awareness investierte laut öffentlich verfügbaren Unterlagen in alles rund um KI – Infrastruktur, Chips, Energie für Rechenzentren. Dank kräftiger Kursanstiege wuchs das Portfolio von Situational Awareness dem »Wall Street Journal« und dem Wirtschaftssender CNBC zufolge von einigen Hundert Millionen auf 45 Milliarden Dollar. Andere Investoren kopierten Aschenbrenners Strategie, er wurde gefeiert als »Wunderkind«, »Orakel« und »KI-Nostradamus« – in Anlehnung an den für seine Prophezeiungen berühmten französischen Astrologen.
Von Talfahrt kalt erwischt
Im Juli jedoch setzte eine steile Talfahrt unter anderem der Aktienkurse von Chipherstellern ein, in die Situational Awareness groß investiert hatte. Das wäre an sich nicht katastrophal, doch CNBC zufolge hatte der Fonds in großem Stil auf Pump investiert und etwa viermal mehr geliehenes Geld als eigenes Kapital im Einsatz. Entsprechend hätten Banken gefordert, Sicherheiten nachzuschießen, wofür Situational Awareness plötzlich Geld finden musste. Auf diese Praxis der »gehebelten« Wetten will Aschenbrenner künftig verzichten.
Erschwerend kam Medienberichten zufolge hinzu, dass der Fonds auch noch mit sogenannten Leerverkäufen auf sinkende Kurse bei Aktien von Softwarefirmen gewettet hatte, deren Geschäft wegen KI unter Druck gerät. Bei solchen Deals werden geliehene Aktien verkauft – in der Hoffnung, sie später zu niedrigeren Preisen zurückzukaufen. Doch im Juli setzte bei Softwareaktien nach langer Talfahrt eine deutliche Erholung ein. Damit drohten Situational Awareness auch bei den Leergeschäften Verluste.
Den Medienberichten zufolge behielt der Fonds entgegen ersten Überlegungen seine Beteiligung an der KI-Firma Anthropic. Der Anteil ist demnach 3,5 bis 5 Milliarden Dollar wert.
Griffin und sein Fonds Citadel profitierten von den Nöten von Situational Awareness mit einem Rabatt von mehr als zehn Prozent auf den aktuellen Wert des gekauften Portfolios, wie das »Wall Street Journal« schreibt. Die verbliebenen Investments des Fonds hätten einen Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar. Aschenbrenner betonte in seinem Brief, Situational Awareness sei seit Jahresbeginn gerechnet immer noch um 80 Prozent im Plus.