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Samstag, 15. August 2026
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Fünf Jahre Rückkehr der Taliban: Westlicher Selbstbetrug

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15. August
taz (Öko & Co)

Fünf Jahre Rückkehr der Taliban: Westlicher Selbstbetrug

Fünf Jahre Rückkehr der Taliban : Westlicher Selbstbetrug Die Herrschaft der Taliban in Afghanistan lässt sich nur durch die Verbrechen der westlichen Besatzung verstehen, die ihnen den Weg bereitet haben. D ass ihr hierherkommt, um mit uns zu sprechen – das ist ehrenhaft.“ Der Mann mit dem grauen Bart in der ostafghanischen Provinz Kunar sagte diesen Satz im Jahr 2021, wenige Monate bevor die letzten US-Soldaten abzogen und die Taliban zurückkehrten. Ich war dort, um über Kriegsverbrechen in ländlichen Gebieten zu recherchieren. Es ging damals praktisch um alle Parteien, die dort Zivilist:innen töteten: Die afghanische IS-Zelle sowie die Taliban, das US-Militär und die Nato-Truppen, der afghanische Geheimdienst, aber auch die pakistanische Armee, die entlang der Grenze immer wieder Dörfer bombardierte. Orte wie Kunar wurden zwei Jahrzehnte lang übersehen. Die westliche Berichterstattung über den Krieg war auf Kabul konzentriert; die meisten ausländischen Korrespondent:innen arbeiteten von dort aus. Sie verbrachten zu viel Zeit in ihren abgesicherten Hotels. Im Schatten der pompösen Villen, die proamerikanische Warlords mit Hilfs- und Auftragsgeldern errichteten, wuchsen die Slums. Der Drogenhandel blühte. Auf dem Land waren amerikanische Drohnen und Todesschwadronen für viele zivile Opfer verantwortlich und radikalisierten ganze Regionen. Das waren Dinge, über die man lange nicht sprechen wollte. Dann war alles plötzlich vorbei. Vor fünf Jahren hoben die letzten Transportmaschinen des US-Militärs vom Kabuler Flughafen ab. Ein zwanzigjähriges imperiales Experiment endete in einer Demütigung. Doch nach Wochen der Schockstarre und der Selbstkritik wandelte sich die westliche Afghanistan-Erzählung zu etwas Bequemerem. ist ein österreichisch-afghanischer Journalist und Buchautor. Sein 2021 erschienenes Buch „Der längste Krieg – 20 Jahre War on Terror“ über den Krieg in Afghanistan wurde zum Bestseller und erschien 2024 auch in den USA. Die Jahrestagsberichte werden sich – zu Recht – mit der Unterdrückung von Frauen und Mädchen befassen, mit Bildungs- und Arbeitsverboten und mit der Zerschlagung der Zivilgesellschaft unter dem Taliban-Regime. All das ist real und verdient Aufmerksamkeit. Aber die Erzählung, die darum herum gebaut wurde, erlaubt dem Westen seine liebste Pose: die des großzügigen Wohltäters, dessen edles Projekt an einem undankbaren, rückständigen Volk gescheitert ist. Was in dieser Geschichte fehlt, ist jene Gewalt, die die Rückkehr der Taliban überhaupt erst ermöglichte. Jenseits der klimatisierten Büros in Kabul lag das ländliche Afghanistan, wo Millionen Menschen die westliche Intervention nicht als Befreiung erlebten, sondern als zwei Jahrzehnte des Terrors: nächtliche Razzien, Menschen, die dem kollektiven Terrorverdacht ausgesetzt waren, ausgelöschte Hochzeitsgesellschaften und Beerdigungen – und Drohnen, die den blauen Himmel zur Hölle machten. Fünf Jahre danach scheint eine Aufarbeitung vieler dieser Verbrechen dennoch voranzukommen. In Großbritannien untersucht eine öffentliche Kommission die Tötung von rund 80 Menschen durch Einsätze britischer Spezialkräfte zwischen 2010 und 2013. Was bis jetzt klar ist: Es gab „kill lists“ von unbewaffneten Afghan:innen, die in ihren Betten erschossen wurden, und „drop weapons“, also Kalaschnikows, die Soldaten mitführten, um sie neben Zivilisten zu legen und die Tötungen als Gefechte zu protokollieren. Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums. In Australien fand der Brereton-Bericht 2020 glaubhafte Hinweise auf mindestens 39 rechtswidrige Tötungen. Im April 2026 wurde Ben Roberts-Smith, der höchstdekorierte Soldat des Landes, verhaftet und wegen fünffachen Mordes und Kriegsverbrechen angeklagt. Er bestreitet die Vorwürfe. In Neuseeland stellte eine Untersuchung fest, dass bei einer Operation im Jahr 2010 Zivilist:innen starben – und dass die Streitkräfte jahrelang ihre eigene Regierung in die Irre führten, um ihre Taten zu verdecken. Und Deutschland? Mindestens 90 Menschen starben, als der damalige Bundeswehroberst Georg Klein 2009 bei Kundus einen Luftangriff auf zwei Tanklastzüge befahl, während Zivilisten sie umringten. Das Verfahren wurde eingestellt, einige der Angehörige bekamen ein paar Tausend Dollar Entschädigung – und Klein wurde 2012 befördert. Keine Aufarbeitung in den USA, im Gegenteil Zugleich wurde das Land ein Spielplatz westlicher Eliten. Die Epstein-Akten haben das in diesem Jahr gezeigt. Unter den vom US-Justizministerium freigegebenen Dokumenten findet sich eine E-Mail des Hyatt-Erben Tom Pritzker an Jeffrey Epstein aus dem Juni 2011, mitten in der blutigsten Phase des Krieges: Er sei in einem abgelegenen Tal Afghanistans; „Boys with Toys“, das sei sein Geburtstagswunsch gewesen, tags zuvor habe er Zeit mit General David Petraeus verbracht. Patraeus war zum damaligen Zeitpunkt der ranghöchste US-General in Afghanistan. Er empfing Pritzker und höchstwahrscheinlich auch andere Milliardäre. Die USA hingegen wollen von kritischer Aufarbeitung weiterhin nichts wissen. Dort geschieht de facto seit Jahren eher Gegenteiliges. Donald Trump begnadigte 2019 Clint Lorance, der wegen des Befehls zur Ermordung unbewaffneter Afghan:innen im Gefängnis saß, und Mathew Golsteyn, dem der Prozess wegen der Tötung eines Gefangenen bevorstand. Dem Soldaten und Mitglied einer Spezialtruppe, Eddie Gallagher, der für zahlreiche Kriegsverbrechen in Afghanistan und im Irak verantwortlich sein soll, gab er den Dienstgrad zurück. Heute führt Pete Hegseth das Pentagon, der jahrelang im Fernsehen mutmaßliche Kriegsverbrecher verteidigte. Im September 2025 beschossen US-Kräfte in der Karibik ein mutmaßliches Drogenboot – und danach ein zweites Mal die Überlebenden im Wasser. Abgeordnete beider Parteien sprachen von einem möglichen Kriegsverbrechen. Hegseth nannte es „die richtige Entscheidung“. Nichts anderes hatte Hegseth während seiner Einsätze im „War on Terror“ gelernt. Die Tragödie Afghanistans lässt sich nicht verstehen, wenn man nur auf die Herrschaft der Taliban blickt. Man muss sie durch jene Verbrechen verstehen, die ihnen den Weg bereitet haben – und durch das Schweigen darüber. Solange sich der Westen dem nicht stellt, bleibt jede seiner Reden über Menschenrechte in Afghanistan unglaubwürdig. Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen meistkommentiert

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15. August
ZDF heute

Afghanistan fünf Jahre nach der Machtübernahme

Im grausamen Griff der Taliban:Afghanistan fünf Jahre nach der Machtübernahme von Katrin Eigendorf Vor fünf Jahren haben die Taliban in Kabul die Macht übernommen. Seitdem haben die Islamisten vor allem den Frauen nahezu alle Rechte genommen. In den Straßen von Kabul ist spürbar, wie sehr sich Afghanistan verändert hat. In den Cafés und Parks sitzen fast nur noch Männer, nur in den Bazaren sind die Frauen unterwegs, immer mehr tragen auch in der Hauptstadt die traditionelle Burka. Bärtige, grimmig aussehende Kämpfer wachen über die öffentliche Ordnung und tragen all das zur Schau, was die USA beim Abzug ihrer Truppen vor fünf Jahren hinterlassen haben: Amerikanische Waffen, Militärfahrzeuge, Uniformen. Afghanistan - weltweit einzigartige Unterdrückung von Frauen und Mädchen Niemand wagt mehr, öffentlich zu protestieren. Die wenigen mutigen Frauen, die noch in den ersten Monaten Demonstrationen organisierten, sind verschwunden, die Gefahr ist zu groß, niedergeknüppelt oder gar erschossen zu werden. In Afghanistan erleben wir heute eine weltweit einzigartige Unterdrückung von Frauen und Mädchen, ihre systematische Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben. Fünf Jahre Taliban-Herrschaft: In Kabul werden Fahnen verkauft und die Straßen „geschmückt vorbereitet“, berichtet ZDF-Reporter Dominik Lessmeister aus Afghanistan. 15.08.2026 | 2:02 minJournalistinnen, die in den ersten Monaten nach der Machtübernahme der Taliban noch berichteten, verstecken sich. Immer weniger internationale Reporter sind im Land, das Regime erteilt nicht mehr viele Genehmigungen und kontrolliert genau, was berichtet wird. Hasina unterrichtet Mädchen heimlich in einer Untergrundschule Eine junge Ingenieurin möchte mit dem ZDF reden, ihre Geschichte erzählen. Wir können sie zuhause treffen. Seit drei Jahren darf Hasina ihren Beruf nicht mehr ausüben, sie verlässt das Haus nur noch, um heimlich in einer Untergrundschule Mädchen zu unterrichten. Wie lange ihr Erspartes noch zum Leben reicht, ist unklar. Ihre einzige Hoffnung ist der Westen. Wir werden weiter für unsere Rechte kämpfen, versuchen, Veränderung zu bewirken, bis zu unserem Tod. Entweder überleben wir oder wir werden mutig sterben. Hasina, Ingenieurin Taliban-Regierung verteidigt ihre Regeln für Frauen Regierungssprecher Zabihulla Mudschahid hat dem ZDF ein Interview zugesagt, das Treffen soll in Kandahar stattfinden, der Stadt, die als die Hochburg der Taliban gilt und wo sich inzwischen immer mehr Regierungsmitglieder niederlassen. Die Straße, die von Kabul in den Süden führt, galt früher als eine der gefährlichsten im Land, vor allem wegen der vielen Sprengstoffanschläge, die die Taliban dort verübten. Heute ist sie streckenweise neu asphaltiert, die Löcher, die durch Explosionen entstanden, sind verschwunden. Die Sicherheitslage hat sich verbessert. Armut eines der größten Probleme des Landes Nach anfänglichem Zögern hat der Regierungssprecher sich einverstanden erklärt, das Interview mit einer Frau zu führen. Zabihulla Mudschahigd gesteht ein, dass Armut eines der größten Probleme des Landes ist. Auch aus diesem Grund möchte seine Regierung Kooperation und Unterstützung aus dem Westen, auch aus Deutschland. Investitionen in Bildung und Gesundheit. Und vor allem internationale Anerkennung. Kritik am eigenen Regime will der Sprecher nicht gelten lassen. Wenn wir etwas verbessern, dann nicht für die westlichen Gesellschaften. Sie können denken, was immer sie wollen, es interessiert uns nicht. Uns ist wichtig, dass die Gesetze für die Frauen, die gemacht wurden, ordentlich und gut umgesetzt werden. Zabihulla Mudschahigd, Regierungssprecher Vor fünf Jahren haben die radikalislamistischen Taliban in Afghanistan die Macht übernommen. Diejenigen, die in Deutschland leben, sorgen sich weiter um Freunde und Familie. 14.08.2026 | 1:38 minDie Macht der Taliban und die Stimmung im Land Nur wenige Menschen wollen offen sprechen. Der Politiker und Analyst Ramzan Bashardost schätzt die Lage kritisch ein. "Es ist schwierig eine Aussage über den Willen des afghanischen Volkes zu treffen, denn es gibt keine Umfragen." Ich habe aber nicht den Eindruck, dass ein Großteil der Bevölkerung für die Taliban ist. Die Wirtschaft, das Klima, Wassermangel – all das sind Probleme, für die die Taliban keine Lösung haben. Ramzan Bashardost, Politiker und Analyst Hunger in Afghanistan bedroht Millionen Kinder Es sind Probleme, die unübersehbar sind. In den Straßen von Kabul werden die Kinder, die sich flehentlich an die vorbeifahrenden Autos hängen oder Passanten bedrängen, immer jünger. Manche scheinen kaum älter als fünf Jahre. Im Juli erst hat Unicef die Lage als dramatisch beschrieben. Mehr als 3,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind von akutem Hunger bedroht. In den Kinderkrankenhäusern drängen sich Eltern mit ausgehungerten Babys und Kleinkindern, nach Berichten afghanischer Ärzte kann nur jede zweite Mutter ihr Kind stillen. Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zeigt sich auf einer Kinderstation in Kabul die Not am deutlichsten. Das Land versinkt in Hunger und Armut. 12.08.2026 | 6:13 min"Wir haben selbst nicht genug Babynahrung zur Verfügung", erzählt Kinderarzt Haji Gul. Auf seinem Handy hat er Videos von der Frühgeborenenstation seines Krankenhauses, wo in Brutkästen teilweise drei bis vier Kinder zusammenliegen. "Die stärksten überleben, eine andere Lösung haben wir nicht". Haji Gul selbst hatte im August 2021 das Land verlassen wollen und gehörte zu denen, die sich verzweifelt am Flughafen drängten, um auf eine der Maschinen in den Westen zu gelangen. Er ist einer der Zurückgebliebenen, der nach fünf Jahren Taliban Herrschaft wenig Hoffnung hat, dass sich bald etwas an der Lage ändert. Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen. → Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen. - Bundesverfassungsgericht:Urteil: Aufnahme von Afghanen muss einzeln geprüft werdenmit Video1:39 - Aus Iran abgeschoben - ohne Perspektive:Hunderttausende Rückkehrer verschärfen Not in Afghanistanvon Christian Hauser und Katrin Eigendorfmit Video2:32 - Politik | auslandsjournal:die doku: Die Kinder der TalibanVideo46:45

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15. August
Tagesschau

Fünf Jahre Taliban-Herrschaft - zwei Schwestern blicken zurück

Fünf Jahre Taliban-Herrschaft "Wir werden weiterkämpfen" Vor fünf Jahren fiel Afghanistan an die Taliban. Einige Zehntausend Afghanen kamen über das Evakuierungsprogramm nach Deutschland. Zwei Schwestern erinnern sich an die wohl schwierigste Zeit in ihrem Leben. Es sind Bilder, die sich bis heute ins Gedächtnis eingebrannt haben: Menschen, die sich vor den Toren des Flughafens von Kabul drängen. Verzweifelte Menschen, die über Mauern klettern, Kinder weiterreichen, Dokumente in den Händen halten. Für Menschen in Afghanistan begann damit eine neue Zeit - auch für Zarmine und Tamana Paryani. Die beiden Schwestern lebten damals in Kabul. Heute leben sie in Deutschland. Doch die Erinnerungen begleiten die Schwestern auch heute. Zarmine und Tamana Paryani schauen zurück auf eine Zeit, über die sie nur schwer sprechen können. "Für mich ist es traurig. Afghanistan war das Land, das den Menschen gehörte. Ich glaube, das sind einige der schmerzhaftesten und beschämendsten Bilder, mit denen ich in meinem ganzen Leben konfrontiert wurde", sagt Tamana. Der Morgen, an dem Kabul fiel Am Morgen des 15. August 2021 ist Kabul voller Menschen. Viele sind aus anderen Teilen Afghanistans in die Hauptstadt geflohen. Parks, Moscheen und öffentliche Plätze werden zu provisorischen Unterkünften. Die Taliban haben in kurzer Zeit eine Stadt nach der anderen erobert. Zarmine Paryani arbeitete damals als Hebamme. Sie hat Nachtschicht in einem Krankenhaus. Als sie am Morgen nach Hause fahren will, erlebt sie Kabul im Ausnahmezustand. "Alle rannten weg. Es war beängstigend, als würde die Welt untergehen. Alle rannten in eine andere Richtung. Die Taxis haben nicht mal angehalten." Noch am selben Tag verlassen Präsident Aschraf Ghani und seine Regierung das Land. Die staatliche Ordnung bricht innerhalb weniger Stunden zusammen. Die Taliban übernehmen Kabul und damit die Macht in ganz Afghanistan. Ein Land verändert sich Seit fünf Jahren kontrollieren die Taliban das gesamte Land - seit fünf Jahren herrschen Gewalt, Hunger und massive Unterdrückung. Heute erscheint das Land sicherer als vor fünf Jahren. Doch das Bild trügt. Die radikal-islamische Taliban, die heute das Land regieren, brachten im Afghanistan-Krieg über Jahre Gewalt und Schrecken, auch gegen die eigene Bevölkerung. Eben jene Terrorgruppe kontrolliert nun den Staat und die Sicherheitsapparate. Wer die Taliban kritisiert oder gegen ihre Politik protestiert, muss weiterhin mit massiven Konsequenzen rechnen. Eingeschränkter Alltag Besonders stark verändert sich das Leben von Frauen und Mädchen. Mädchen dürfen nach der sechsten Klasse keine weiterführende Schule besuchen. Universitäten sind für Frauen geschlossen. Viele Frauen können ihren Beruf nicht mehr ausüben. Auch ihre Bewegungsfreiheit und ihre Möglichkeiten, am öffentlichen Leben teilzunehmen, sind stark eingeschränkt. Zarmine und ihre Schwester Tamana Paryani wollten diese Entwicklung nicht hinnehmen. Sie gingen mit anderen Frauen auf die Straße, protestierten für ihre Rechte und ihre Freiheit. Es dauerte nicht lange, bis die Taliban die Schwestern ins Visier nahmen: Sie wurden festgenommen, inhaftiert und gefoltert. Über diese Zeit wollen sie auch heute nicht im Detail sprechen. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. "Ich kann hier nicht ruhig und tief schlafen. Ich denke hier ständig an den Vorfall, als meine Tür aufgebrochen wurde. Es vergeht keine Nacht, in der ich nicht auf meine Tür achte", sagt Zarmine. Ein neues Leben in Deutschland Seit fast vier Jahren leben Zarmine und Tamana in Deutschland. Ihr Alltag ist sicherer geworden. Doch die Vergangenheit ist nicht verschwunden. Zarmine lernt Deutsch. Tamana macht ihren Master in Politikwissenschaften. Während andere Kommilitonen in den Sommerferien sind, planen sie weitere Protestaktionen gegen die Taliban. "Wir haben einen sehr langen und schwierigen Weg vor uns, auf dem wir ignoriert und nicht gehört werden. Doch das spielt für uns keine Rolle. Wir werden weiterkämpfen, solange wir können." sagt Tamana. Armut und humanitäre Krise Auch wirtschaftlich bleibt Afghanistan in einer schwierigen Lage. Millionen Menschen können ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft sichern. Dürren und Überschwemmungen verschärfen die Situation. Nach Angaben der Vereinten Nationen benötigen fast die Hälfte der Menschen humanitäre Hilfe. Gleichzeitig kehren viele Afghaninnen und Afghanen aus den unmittelbaren Nachbarstaaten zurück. Seit September 2023 sollen es nach UN-Angaben etwa 5,9 Millionen Menschen sein. Viele kommen aus Pakistan und Iran, die seit drei Jahren rigoros nach Afghanistan abschieben. Für ein Land, in dem bereits Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen sind, bedeutet das eine erhebliche Mehrbelastung. Tamana und Zarmina setzen sich weiterhin für die Rechte von Frauen und Mädchen in ihrem Heimatland ein.

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15. August
Tagesschau

Fünf Jahre Taliban: Afghanistan, ein Land als Gefängnis

Fünf Jahre Taliban-Herrschaft Die meisten Afghanen haben nichts zu feiern Vor fünf Jahren übernahmen die Taliban wieder die Macht in Afghanistan. Während sie heute ihren Sieg feiern, hat für den Großteil der Bevölkerung damit eine aussichtslose Zeit begonnen. In Kabul sind die Straßen mit Fahnen der Taliban gesäumt, der "stolze Tag des Augusts", wie die Islamisten ihn nennen, soll gefeiert werden: der 15. August 2021, an dem die extremistischen Kämpfer in einer Blitzoffensive in die Hauptstadt Afghanistans vordrangen und ihr "Islamisches Emirat Afghanistan" ausriefen. Vor der ehemaligen US-Botschaft sollen sich die Führungsriege der Taliban und mehr als 1.000 geladene Gäste zu einer Festveranstaltung einfinden. Doch ein Großteil der afghanischen Bevölkerung hat nichts zu feiern. Die humanitäre Lage ist katastrophal - und wird sich weiter verschlechtern, sagt Sajjid Sajad, Landesdirektor für Afghanistan von der Welthungerhilfe: "Im Jahr 2026 werden voraussichtlich 21,9 Millionen Menschen - das entspricht 45 Prozent der Bevölkerung Afghanistans - humanitäre Hilfe benötigen." Zehn Prozent der Kinder mangelernährt Eine von ihnen ist Sadiqa. Sie besucht eine der wenigen verbliebenen Gesundheitseinrichtungen. Hunderte solcher Einrichtungen mussten schon schließen, denn seit der Machtergreifung der Taliban haben internationale Organisationen ihre Hilfen drastisch reduziert. Doch in der Provinz Helmand gibt es noch eine überfüllte Klinik, in die Sadiqa mit ihren kleinen, hungernden Töchtern geht. Dort wird der Umfang der Oberarme der Kinder gemessen, ein Indikator für Unterernährung. Sadiqa selbst braucht ebenfalls Nahrung, sie hat Typhus und sagt Sätze, die keine Mutter der Welt sagen müssen sollte: "Ich wünschte, entweder ich oder sie wären gestorben. Ich kann sie nicht stillen, denn dann beginne ich, am ganzen Körper zu zittern. Ich kann mein Kind nicht ernähren, wenn ich selbst nichts esse." Jedes zehnte Kind ist mangelernährt. Das heißt, der Hunger ist nicht nur akut, sondern die dadurch entstandenen Schäden bei diesen Kindern bleiben ein Leben lang. Naturkatastrophen, Ernteausfälle, Arbeitslosigkeit - das Land ist krisengeschüttelt. Vor allem die ländlichen Bereiche leiden Not. Sinkender Lebensstandard trotz Wachstum Gleichzeitig kehren Millionen von Flüchtlingen zurück, freiwillig, unter Druck oder abgeschoben: in den vergangenen zwei Jahren allein sechs Millionen Menschen, berichtet die Welthungerhilfe. Darunter seien viele, die Jahrzehnte oder sogar ihr ganzes Leben im Ausland verbracht haben und jetzt ein Dasein in überfüllten Flüchtlingslagern fristen. Die fragile Wirtschaft steht am Rand des Zusammenbruchs. Dabei brüsten sich die Taliban eines stabilen Wirtschaftswachstums von mehr als vier Prozent im vergangenen Jahr, das jedoch stark von der Binnennachfrage getragen ist. Die wächst, theoretisch, durch die steigenden Zahlen derjenigen, die nach Afghanistan zurückgekehrt sind. Viele von ihnen sind gut qualifiziert, finden in Afghanistan aber keine Jobs - die Arbeitslosigkeit ist hoch. Zuvor konnten die jetzt Zurückgekehrten Geld zu ihren Verwandten nach Afghanistan überweisen, etwa aus Iran oder Pakistan. Dieses Geld fehlt dem Land nun. Deshalb sinkt der durchschnittliche Lebensstandard trotz steigenden Wirtschaftswachstums: Im Schnitt verdient ein Afghane kaum mehr als 400 Euro im Jahr. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung lebt an oder unter der Armutsgrenze. Afghanistan - "ein Gefängnis für Frauen" Die Zahl von bettelnden Menschen hat zugenommen - auch von Frauen, obwohl sie eigentlich nicht alleine draußen sein dürften, nur in Begleitung und von Kopf bis Fuß verhüllt. Das Regime hat Frauen systematisch ihrer Grundrechte beraubt. Das berichtet auch Asma Kakar, die mit ihrer Tochter aus Afghanistan geflohen ist. Sie bezeichnet ganz Afghanistan als "ein Gefängnis für Frauen". Universitäten, Schönheitssalons, Fitnessstudios, alles ist für Frauen geschlossen. Der Besuch von Parks ist verboten. Alleine zum Arzt zu gehen, Urlaub zu machen, zu arbeiten, alles ist verboten. Auch das trägt zur Armut vieler Familien bei. Zweimal im Monat aus dem Haus Laut Unesco ist 2,4 Millionen afghanischen Mädchen mittlerweile der Zugang zu weiterführender Bildung verwehrt, eine ganze Generation verliert ihre Zukunft. Doch einige lernen heimlich weiter, Unesco-Programme helfen dabei. Zu lernen sei ein grundlegendes Menschenrecht für afghanische Mädchen und Frauen, sagt Hoda Jaberian, Programmkoordinatorin der Unesco. Sie appelliert an die Weltöffentlichkeit, die Not dieser Mädchen und Frauen nicht zu ignorieren: "Die Welt darf sie nicht im Stich lassen, bis ihre Menschenrechte wiederhergestellt sind." Die Vereinten Nationen schätzen, dass die Hälfte der Frauen in Afghanistan nur noch etwa zweimal im Monat das Haus verlässt. "Wir hatten 40 Jahre lang Krieg in Afghanistan, mehr als eine Million Frauen haben ihre Ehemänner und Söhne verloren", erklärt Kakar. Und so sie hätten sie niemanden, der sie bewachend begleitet.

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15. August
Die Zeit (Politik)

Taliban: Afghanistan fünf Jahre unter den Taliban

Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan zwar verbessert, allerdings bleibt die humanitäre Situation schwierig. Die Bewohner des Landes leiden unter Unterernährung, Dürren und Überschwemmungen. Seit September 2023 sind zudem fast 5,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt, viele aus Pakistan und Iran. Gleichzeitig schränken die Taliban insbesondere die Rechte von Frauen und Mädchen ein. Der Zugang zu höherer Bildung und Arbeit ist stark begrenzt, hinzu kommen Kleidervorschriften und weitere Einschränkungen im Alltag. Auch die Presse- und Meinungsfreiheit ist eingeschränkt. Die Taliban kontrollieren inzwischen weitgehend das gesamte Land. Wolfgang Bauer, Reporter der Chefredaktion der ZEIT, ordnet ein, wie es den Menschen in Afghanistan geht. Das Niedrigwasser führt derzeit zu Einschränkungen für die Schifffahrt auf dem Rhein. Zwar fahren weiterhin Schiffe, allerdings weniger als üblich. Sollte der Wasserstand weiter sinken, könnte der Rhein an einigen Stellen für die Schifffahrt unpassierbar werden, weil die Fahrrinne dann zu flach wäre und Schiffe den Grund berühren könnten. In diesem Fall wäre der Rhein erstmals in zwei Abschnitte geteilt: Schiffe aus dem Süden könnten noch bis Mainz fahren, Schiffe aus dem Norden bis Köln. Güter müssten an diesen Punkten auf andere Verkehrsmittel umgeladen werden. In den Häfen werden solche Transporte bereits angepasst. Was das bedeutet und in welchem Umfang die Situation Auswirkungen auf Verbraucher haben könnte, erklärt ZEIT-Autorin Maike Rademaker im Podcast. Und sonst so? Hund wird nach acht Jahren über Facebook wiedergefunden Moderation und Produktion: Erica Zingher Redaktion: Helena Schmidt Mitarbeit: Susanne Hehr und Celine Yasemin Rolle Alle Folgen unseres Podcasts finden Sie hier. Fragen, Kritik, Anregungen? Sie erreichen uns unter wasjetzt@zeit.de. Wenn Sie immer auf dem Laufenden bleiben wollen, abonnieren Sie hier die ZEIT auf Whatsapp.

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14. August
Handelsblatt

Menschenrechte: Fünf Jahre Taliban-Herrschaft – wie geht es den Afghanen?

Menschenrechte: Fünf Jahre Taliban-Herrschaft – wie geht es den Afghanen? Kabul. Vor fünf Jahren eroberten die islamistischen Taliban in einer Blitzoffensive Afghanistan. Am 15. August 2021 nahmen sie die Hauptstadt Kabul ein. Seither beschneiden sie systematisch Frauenrechte, die humanitäre Lage im Land hat sich massiv verschlechtert. Wie geht es den Menschen? Zwar hat sich die Sicherheitslage in dem Land deutlich verbessert, in anderen Bereichen wie Ernährung und der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen allerdings gibt es Rückschritte. „Obwohl Afghanistan jetzt recht sicher vor Explosionen und Krieg ist, bewegt es sich – auf die menschliche Entwicklung bezogen - in eine düstere Richtung“, sagt die Unternehmerin Fosan aus Kabul der Deutschen Presse-Agentur. Afghanistan mit seinen mehr als 48 Millionen Einwohnern steckt derzeit in einer schweren humanitären Krise. Die Unterernährung habe ein bislang nicht dagewesenes Ausmaß erreicht, warnte zuletzt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. 47 Prozent der Minderjährigen seien im ersten Quartal dieses Jahres unterernährt gewesen. „Meistens gibt es in einem Land Konflikte, eine Hungersnot oder eine Naturkatastrophe. In Afghanistan gibt es all das gleichzeitig“, sagt Thamindri de Silva der dpa. Sie leitet das Büro der Hilfsorganisation World Vision International in der westafghanischen Stadt Herat und ist seit über zwei Jahrzehnten in Krisengebieten unterwegs. „Die Not hier ist so chronisch und groß, dass sie sich kaum mit Situationen vergleichen lässt, die ich bisher erlebt habe.“ Dennoch gelten die internationalen Hilfsprogramme für das Land als massiv unterfinanziert - im vergangenen Jahr seien etwa lediglich 42 Prozent der nötigen Gelder auch bereitgestellt worden, berichtet der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC). Was sind die größten Herausforderungen für Afghanistan? Afghanistan leidet stark unter den Folgen des Klimawandels: Bei Überflutungen kamen in diesem Jahr bereits zweimal Dutzende Menschen ums Leben, gleichzeitig führen jahrelange Dürren zu schlechten Ernten. Effektive Schutz- und Vorsorgemaßnahmen scheitern an fehlenden Mitteln und mangelnder politischer Planung. Verschärft wird die Lage durch massive Migration: Seit September 2023 sind nach UN-Angaben fast 5,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt – ein Bevölkerungsanstieg von zehn bis zwölf Prozent. Insbesondere die Nachbarländer Pakistan und Iran verschärfen ihre Regelungen für Afghanen. Viele Flüchtlinge reisen zurück in ihr Heimatland, um der Abschiebung zuvorzukommen. Mehr als 90 Prozent der Rückkehrer leben nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks von weniger als fünf US-Dollar am Tag. Die Taliban haben auch die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt, Medien können kaum noch frei berichten. Nach drei Jahren schwerster körperlicher Arbeit hatte der Journalist Nadschib aus Kabul wieder einen Job in einem Medienunternehmen gefunden. „Aber aufgrund der schwierigen Bedingungen und der Atmosphäre der Angst und Unsicherheit habe ich es nur ein paar Tage ausgehalten“, sagt er der dpa. Wie hat sich die Lage der Frauenrechte verändert? Die Situation der Frauen verschlechtert sich seit der Machtübernahme der Taliban zusehends. Frauen müssen in der Öffentlichkeit oder bei Arztbesuchen von einem Mann begleitet werden und es gelten strenge Kleidervorschriften. Erst im Juni kam es zu Protesten in Herat, nachdem Sittenwächter der Taliban etwa 30 Frauen wegen angeblicher Verstöße gegen die Kleiderordnung verhaftet hatten. Die Vereinten Nationen dokumentieren auch Fälle, bei denen Geschäftsinhaber von Sittenwächtern bestraft werden, weil sie Frauen ohne Begleiter und vorschriftsmäßige Verschleierung bedient haben sollen. Tatsächlich werden die Regeln jedoch unterschiedlich ausgelegt - so sind Frauen etwa in der Hauptstadt Kabul sehr wohl auch allein unterwegs. Dass die Taliban Frauen den Zugang zu höherer Bildung verwehren, sorgt für viel Unmut. „Als Vater schäme ich mich vor meinen Töchtern, dass ich ihnen nicht die Grundlagen für ihre weitere Ausbildung bieten kann. Das ist eine Hilflosigkeit, die ich noch nie in meinem Leben verspürt habe“, sagt der Journalist Nadschib. Frauen erhalten auch kaum noch Arbeitsberechtigungen für Anstellungsverhältnisse, wie Experten berichten. Selbstständig Unternehmen zu führen, ist ihnen jedoch weitestgehend erlaubt. Nach Angaben der UN-Hilfsmission für Afghanistan (Unama) ermöglicht ein Dekret von Mai implizit die Verheiratung von Kindern – die Taliban hatten die UN-Darstellung als übertrieben zurückgewiesen. Ein Gesetzestext vom Beginn des Jahres erlaube etwa auch die Inhaftierung von Frauen oder ihrer Angehörigen, wenn sie ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns häufig das Haus eines Verwandten aufsuchen, schrieb die Organisation UN Women im Februar. Allerdings hat die Machtübernahme der Taliban unterschiedliche Konsequenzen für die Frauen im Land, wie Beobachter sagen. Während die urbane, gebildete Mittelschicht besonders unter der Beschneidung ihrer Rechte leidet, sind Frauen in ländlichen Gebieten nun sicherer vor Anschlägen. Für sie bestand in den patriarchalen Strukturen auch vor der Machtübernahme der Taliban keine mit dem Westen vergleichbare Gleichstellung. UN Women berichtete kürzlich unter Berufung auf eine repräsentative Umfrage, dass 52 Prozent der befragten Frauen in Afghanistan nur zweimal oder seltener im Monat ihr Haus verließen. Dies stehe im krassen Gegensatz zu 96 Prozent der befragten Männer, die täglich außer Haus gingen. Die Organisation berichtete von schweren psychischen Problemen von Frauen infolge der Restriktionen. Kontrollieren die Taliban ganz Afghanistan? Ja, weitestgehend. Nach der Übernahme der Regierung in Kabul konnten die Taliban ihre Kontrolle auf das gesamte Staatsgebiet ausweiten. Die Sicherheitslage gilt seither als eher stabil. Verwandte Themen Seit Oktober 2025 steht Kabul jedoch im Konflikt mit dem Nachbarland Pakistan. Islamabad wirft den Taliban vor, Terroristen zu beherbergen, die in Pakistan Anschläge verüben. Kabul bestreitet das. Immer wieder kommt es zu gegenseitigen Angriffen, die sich meist auf das bergige Grenzgebiet beschränken. Pakistan flog jedoch auch mehrfach Luftangriffe auf die Städte Kabul und Kandahar im Inneren des Landes. Die Vereinten Nationen dokumentierten seit Oktober letzten Jahres 499 getötete afghanische Zivilisten nach pakistanischen Angriffen. Wie stabil ist die Regierung der Taliban? Es scheint interne Konflikte bei den Taliban zu geben. So gilt die Fraktion der Bewegung in Kabul als eher pragmatisch. Diese strebe etwa nach ökonomischer Stabilität, einer Öffnung des Landes nach außen und einem verbesserten Zugang zu Bildung für Mädchen und Frauen, schreibt die britische BBC. Demgegenüber steht eine Fraktion um den Taliban-Führer Haibatullah Achundsada im spirituellen Zentrum der Bewegung, der südafghanischen Stadt Kandahar. Diese Hardliner-Fraktion soll laut BBC auch hinter einer kurzzeitigen Abschaltung des Internets im vergangenen Jahr stecken. Ferner häuften sich zuletzt Berichte über Kämpfe der Taliban mit Oppositionsgruppen im Norden des Landes. Diese sind schwer zu überprüfen, da aus der Region nicht frei berichtet werden kann. Somit lässt sich bislang auch nicht abschätzen, ob sich nach fünf Jahren ernstzunehmender Widerstand gegen die Taliban-Herrschaft regt.

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13. August
Neues Deutschland

Afghanistan | Land ohne Frauen

- Politik - Afghanistan Land ohne Frauen Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban steht Afghanistan vor einer humanitären und menschenrechtlichen Katastrophe, die vor allem Frauen trifft Vor fünf Jahren kehrten die Taliban triumphierend an die Macht zurück, zogen siegesbewusst auf ihren Pick-Ups in die afghanische Hauptstadt Kabul ein, besetzten das Büro des geflohenen Staatschefs Aschraf Ghani, wo sich ihr Anführer breitbeinig auf den Präsidentensessel hockte, um zu zeigen, wer jetzt das Sagen hat. Es war der 15. August 2021. Diese Bilder gingen damals um eine Welt, die nicht so recht verstand, was da vor sich ging, am fernen Hindukusch, wo ein längst verstorbener Verteidigungsminister einstmals die Sicherheit Deutschlands verteidigen wollte. Die Fernsehbilder wirkten fast irreal, heute würde man vielleicht einen Deepfake vermuten, und sofort tauchte eine Frage auf: Wie konnte es so weit kommen, dass die islamistischen Taliban, 2001 mit einem völkerrechtswidrigen Krieg von der Macht vertrieben, wieder da waren, als wäre in den zurückliegenden 20 Jahren nichts gewesen? Die Besatzungstruppen der Nato-Mächte, allen voran die USA, aber auch Deutschland, verließen Afghanistan überstürzt, flogen ihre Soldaten und Botschaftspersonal aus. Die Afghaninnen und Afghanen jedoch, denen hochbezahlte Strategen, Analysten und Regierungsberater von Washington bis Berlin die Demokratie versprochen hatten, überließen sie sich selbst. Die Bilder der sich an abhebende Militärtransportflieger klammernden Menschen sind bestimmt vielen noch im Gedächtnis, ebenso wie Menschen vom Flieger abrutschen und in die Tiefe stürzen: Greifbarer lässt sich menschliche Verzweiflung kaum in der Fantasie ausmalen, grausamer auch nicht die offensichtliche Gleichgültigkeit der abziehenden westlichen Truppen versinnbildlichen. »Ich habe das nicht erwartet«, sagte die amtierende Bildungsministerin Ranjina Hamidi damals in die Kamera der britischen BBC und mutmaßte, dass der Sturz der alten Regierung, der sie angehörte, für sie persönlich Folgen haben könnte, »die ich mir niemals hätte träumen lassen«. Dabei war die Rückkehr an die Macht vorhersehbar und wurde auch vorhergesehen, nur nahmen Geheimdienste und Regierungskanzleien die Informationen nicht ernst genug. Der damalige deutsche Außenminister Heiko Maas sagte vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags, dass er bei einem Besuch in der afghanischen Hauptstadt Kabul Ende April 2021 »nicht den Eindruck eines zusammenbrechenden Regimes« gehabt habe. Dabei soll bereits im November 2020 in einer Staatssekretärsrunde das intern »Emirat 2.0« genannte Szenario als wahrscheinlich angesehen worden sein. So viel zur deutschen Aufarbeitung. Die Taliban-Kämpfer von 2021 lösten die älteren von 2001 als De-facto-Regierende ab, dazwischen lag ein Intermezzo von 20 Jahren, während dessen die Menschen in Afghanistan bis dato ungeahnte Freiheiten schmecken durften: Frauen konnten studieren und allein das Haus verlassen, mussten sich nicht mehr von Kopf bis Fuß verhüllen, wie dies die Taliban ab 1996 vorgeschrieben hatten. Viele Kinder konnten endlich zur Schule gehen. Unabhängige Medien entstanden, die Menschen konnten sich relativ frei äußern. All das ist Geschichte, fünf Jahre später ist die Lage in Afghanistan desolat. Amnesty International spricht von einer »menschenrechtlichen Abwärtsspirale«, in die das Land seit jenem 15. August gestürzt sei. »Frauen und Mädchen werden systematisch entrechtet, ethnische und religiöse Minderheiten diskriminiert und auch Männer sind Verfolgung, willkürlicher Inhaftierung und Körperstrafen ausgesetzt«, heißt es in einer Pressemitteilung. Menschen würden gefoltert, willkürlich inhaftiert und verschleppt, ohne dass dafür jemand zur Rechenschaft gezogen werde. Meinungs- und Versammlungsfreiheit existierten de facto nicht mehr, ebenso wenig eine unabhängige Justiz. »Allein zwischen Januar und Juni 2026 wurden mindestens 424 Personen körperlich bestraft. Mindestens zwölf Menschen wurden seit der Machtübernahme durch richterlich angeordnete öffentliche Hinrichtungen getötet«, schreibt Amnesty unter Verweis auf Zahlen der Uno. Dazu kommt eine katastrophale humanitäre Lage. Heute hungert fast das halbe Land, über 17 Millionen Menschen, vor allem weil die Geberländer ihre Entwicklungshilfe zusammengestrichen haben. Für 2026 seien lediglich rund 390 Millionen Euro der benötigten 1,48 Milliarden Euro an Hilfsgeldern zugesagt worden, berichtet die Kinderhilfsorganisation »Save the Children«. Dadurch klaffe eine Finanzierungslücke von fast 74 Prozent. Fast 600 Gesundheitseinrichtungen in Afghanistan mussten demnach ihren Betrieb einstellen oder vorübergehend schließen, rund vier Millionen Menschen stehen nun ohne medizinische Versorgung da, davon die Hälfte Kinder. Das Welternährungsprogramm (WFP) könne nur noch eins von neun unterernährten Kindern in dem Land unterstützen, berichtet der WFP-Landesvertreter für Afghanistan, John Aylieff. Er habe bislang nur gut ein Zehntel der rund 780 Millionen Euro erhalten, die für Afghanistan für dieses Jahr veranschlagt waren. Die Unterernährung habe daher ein bislang nicht dagewesenes Ausmaß erreicht: 47 Prozent der Minderjährigen seien im ersten Quartal dieses Jahres unterernährt gewesen. Auch im Stadtbild hat sich die Lage radikal verändert im Vergleich zu der Zeit vor 2021. Wüsste man nicht, dass rund die Hälfte der 48 Millionen Menschen in Afghanistan weiblich sind, würde man heute beim Gang durch die Straßen Kabuls oder Herats denken, in einem Land fast ohne Frauen gelandet zu sein. Knapp fünf Jahre nach der Übernahme Afghanistans durch die islamistischen Taliban verlassen afghanische Frauen kaum noch ihr Zuhause. 52 Prozent der befragten Frauen hätten ihr Haus nur zweimal im Monat oder noch seltener verlassen, berichtet die Frauenorganisation der Vereinten Nationen, UN Women. Dem gegenüber stünden 96 Prozent der befragten Männer, die ihr Haus jeden Tag verließen, schreibt die Organisation in einer aktuellen Publikation, für die landesweit über 2000 Personen als repräsentative Gruppe befragt wurden. Die Taliban haben Mädchen und Frauen systematisch aus der Öffentlichkeit verdrängt und ihre Rechte drastisch eingeschränkt. Für Mädchen ist die höhere Schulbildung nach der 6. Klasse seit März 2022 ausgeschlossen. Laut der UN-Kulturorganisation Unesco betrifft das 2,4 Millionen Mädchen im Land, bis 2030 könnte die Zahl auf knapp vier Millionen steigen. All das hat schwerwiegende Folgen: Sieben von zehn Frauen gaben an, dass sich ihre psychologische Gesundheit im vergangenen Jahr verschlechtert hat. In von UN Women zusätzlich durchgeführten Interviews führten Frauen psychische Probleme auch auf die Restriktionen zurück. »Die systematische Ausgrenzung von Frauen aus dem öffentlichen Leben, berufliche und schulische Verbote sowie die zunehmende Abhängigkeit von männlichen Angehörigen nehmen dem Land jede Zukunftsaussichten«, sagt die Leiterin des Büros von Caritas international in Kabul, Veronika Staudacher. Schon jetzt seien viele Dienstleistungen eingeschränkt, insbesondere im Gesundheitswesen fehlten zunehmend weibliche Fachkräfte. Diese Situation drohe sich durch den Ausschluss von Mädchen von weiterführender Bildung weiter zu verschärfen. Die Zahl von Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen werde weiter sinken. Sind die Taliban 2.0 nun anders, moderater als die erste Generation? Diese regelmäßig aufgeworfene Frage beantworten die Taliban von heute durch ihre Taten. Jüngstes Beispiel ihrer extrem repressiven Regierungspolitik ist das »Gesetz über die gerichtliche Trennung von Ehepartnern« (Dekret Nr. 187) vom Mai dieses Jahres, mit dem nach Ansicht von Amnesty International die Zwangsverheiratung von Kindern legalisiert wird. Es erschwere die Lösung von Ehen, die im Kindesalter arrangiert wurden. Die Taliban von heute sind versierter im Ausarbeiten von Gesetzen, in die sie ihre restriktiven Vorgaben gießen. Sie haben dazugelernt. »Es ist wie ein Déjà-vu dessen, was wir in den 1990er Jahren gesehen haben«, sagte Farkhondeh Akbari, die an der Monash University in Melbourne zu Frauenrechten forscht, schon im Dezember 2024 dem »nd«. Sie ist selbst aus Afghanistan und hat das Land 1998 verlassen. »Wenn man über die Ideologie und die Geschlechterpolitik der Taliban 2.0 spricht, sind sie sogar noch viel restriktiver geworden als zuvor. Aber in Bezug auf ihre Fähigkeiten in Kommunikation und Diplomatie sind sie jetzt viel versierter«, betont Akbari. Wir stehen zum Verkauf. Aber nur an unsere Leser*innen. Die »nd.Genossenschaft« gehört denen, die sie lesen und schreiben. Sie sichern mit ihrem Beitrag, dass unser Journalismus für alle zugänglich bleibt – ganz ohne Medienkonzern, Milliardär oder Paywall. 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