13. August Neues Deutschland
Afghanistan | Land ohne Frauen
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Land ohne Frauen
Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban steht Afghanistan vor einer humanitären und menschenrechtlichen Katastrophe, die vor allem Frauen trifft
Vor fünf Jahren kehrten die Taliban triumphierend an die Macht zurück, zogen siegesbewusst auf ihren Pick-Ups in die afghanische Hauptstadt Kabul ein, besetzten das Büro des geflohenen Staatschefs Aschraf Ghani, wo sich ihr Anführer breitbeinig auf den Präsidentensessel hockte, um zu zeigen, wer jetzt das Sagen hat. Es war der 15. August 2021. Diese Bilder gingen damals um eine Welt, die nicht so recht verstand, was da vor sich ging, am fernen Hindukusch, wo ein längst verstorbener Verteidigungsminister einstmals die Sicherheit Deutschlands verteidigen wollte.
Die Fernsehbilder wirkten fast irreal, heute würde man vielleicht einen Deepfake vermuten, und sofort tauchte eine Frage auf: Wie konnte es so weit kommen, dass die islamistischen Taliban, 2001 mit einem völkerrechtswidrigen Krieg von der Macht vertrieben, wieder da waren, als wäre in den zurückliegenden 20 Jahren nichts gewesen?
Die Besatzungstruppen der Nato-Mächte, allen voran die USA, aber auch Deutschland, verließen Afghanistan überstürzt, flogen ihre Soldaten und Botschaftspersonal aus. Die Afghaninnen und Afghanen jedoch, denen hochbezahlte Strategen, Analysten und Regierungsberater von Washington bis Berlin die Demokratie versprochen hatten, überließen sie sich selbst. Die Bilder der sich an abhebende Militärtransportflieger klammernden Menschen sind bestimmt vielen noch im Gedächtnis, ebenso wie Menschen vom Flieger abrutschen und in die Tiefe stürzen: Greifbarer lässt sich menschliche Verzweiflung kaum in der Fantasie ausmalen, grausamer auch nicht die offensichtliche Gleichgültigkeit der abziehenden westlichen Truppen versinnbildlichen.
»Ich habe das nicht erwartet«, sagte die amtierende Bildungsministerin Ranjina Hamidi damals in die Kamera der britischen BBC und mutmaßte, dass der Sturz der alten Regierung, der sie angehörte, für sie persönlich Folgen haben könnte, »die ich mir niemals hätte träumen lassen«.
Dabei war die Rückkehr an die Macht vorhersehbar und wurde auch vorhergesehen, nur nahmen Geheimdienste und Regierungskanzleien die Informationen nicht ernst genug. Der damalige deutsche Außenminister Heiko Maas sagte vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags, dass er bei einem Besuch in der afghanischen Hauptstadt Kabul Ende April 2021 »nicht den Eindruck eines zusammenbrechenden Regimes« gehabt habe. Dabei soll bereits im November 2020 in einer Staatssekretärsrunde das intern »Emirat 2.0« genannte Szenario als wahrscheinlich angesehen worden sein. So viel zur deutschen Aufarbeitung.
Die Taliban-Kämpfer von 2021 lösten die älteren von 2001 als De-facto-Regierende ab, dazwischen lag ein Intermezzo von 20 Jahren, während dessen die Menschen in Afghanistan bis dato ungeahnte Freiheiten schmecken durften: Frauen konnten studieren und allein das Haus verlassen, mussten sich nicht mehr von Kopf bis Fuß verhüllen, wie dies die Taliban ab 1996 vorgeschrieben hatten. Viele Kinder konnten endlich zur Schule gehen. Unabhängige Medien entstanden, die Menschen konnten sich relativ frei äußern.
All das ist Geschichte, fünf Jahre später ist die Lage in Afghanistan desolat. Amnesty International spricht von einer »menschenrechtlichen Abwärtsspirale«, in die das Land seit jenem 15. August gestürzt sei. »Frauen und Mädchen werden systematisch entrechtet, ethnische und religiöse Minderheiten diskriminiert und auch Männer sind Verfolgung, willkürlicher Inhaftierung und Körperstrafen ausgesetzt«, heißt es in einer Pressemitteilung. Menschen würden gefoltert, willkürlich inhaftiert und verschleppt, ohne dass dafür jemand zur Rechenschaft gezogen werde. Meinungs- und Versammlungsfreiheit existierten de facto nicht mehr, ebenso wenig eine unabhängige Justiz. »Allein zwischen Januar und Juni 2026 wurden mindestens 424 Personen körperlich bestraft. Mindestens zwölf Menschen wurden seit der Machtübernahme durch richterlich angeordnete öffentliche Hinrichtungen getötet«, schreibt Amnesty unter Verweis auf Zahlen der Uno.
Dazu kommt eine katastrophale humanitäre Lage. Heute hungert fast das halbe Land, über 17 Millionen Menschen, vor allem weil die Geberländer ihre Entwicklungshilfe zusammengestrichen haben. Für 2026 seien lediglich rund 390 Millionen Euro der benötigten 1,48 Milliarden Euro an Hilfsgeldern zugesagt worden, berichtet die Kinderhilfsorganisation »Save the Children«. Dadurch klaffe eine Finanzierungslücke von fast 74 Prozent. Fast 600 Gesundheitseinrichtungen in Afghanistan mussten demnach ihren Betrieb einstellen oder vorübergehend schließen, rund vier Millionen Menschen stehen nun ohne medizinische Versorgung da, davon die Hälfte Kinder.
Das Welternährungsprogramm (WFP) könne nur noch eins von neun unterernährten Kindern in dem Land unterstützen, berichtet der WFP-Landesvertreter für Afghanistan, John Aylieff. Er habe bislang nur gut ein Zehntel der rund 780 Millionen Euro erhalten, die für Afghanistan für dieses Jahr veranschlagt waren. Die Unterernährung habe daher ein bislang nicht dagewesenes Ausmaß erreicht: 47 Prozent der Minderjährigen seien im ersten Quartal dieses Jahres unterernährt gewesen.
Auch im Stadtbild hat sich die Lage radikal verändert im Vergleich zu der Zeit vor 2021. Wüsste man nicht, dass rund die Hälfte der 48 Millionen Menschen in Afghanistan weiblich sind, würde man heute beim Gang durch die Straßen Kabuls oder Herats denken, in einem Land fast ohne Frauen gelandet zu sein. Knapp fünf Jahre nach der Übernahme Afghanistans durch die islamistischen Taliban verlassen afghanische Frauen kaum noch ihr Zuhause. 52 Prozent der befragten Frauen hätten ihr Haus nur zweimal im Monat oder noch seltener verlassen, berichtet die Frauenorganisation der Vereinten Nationen, UN Women.
Dem gegenüber stünden 96 Prozent der befragten Männer, die ihr Haus jeden Tag verließen, schreibt die Organisation in einer aktuellen Publikation, für die landesweit über 2000 Personen als repräsentative Gruppe befragt wurden.
Die Taliban haben Mädchen und Frauen systematisch aus der Öffentlichkeit verdrängt und ihre Rechte drastisch eingeschränkt. Für Mädchen ist die höhere Schulbildung nach der 6. Klasse seit März 2022 ausgeschlossen. Laut der UN-Kulturorganisation Unesco betrifft das 2,4 Millionen Mädchen im Land, bis 2030 könnte die Zahl auf knapp vier Millionen steigen. All das hat schwerwiegende Folgen: Sieben von zehn Frauen gaben an, dass sich ihre psychologische Gesundheit im vergangenen Jahr verschlechtert hat. In von UN Women zusätzlich durchgeführten Interviews führten Frauen psychische Probleme auch auf die Restriktionen zurück.
»Die systematische Ausgrenzung von Frauen aus dem öffentlichen Leben, berufliche und schulische Verbote sowie die zunehmende Abhängigkeit von männlichen Angehörigen nehmen dem Land jede Zukunftsaussichten«, sagt die Leiterin des Büros von Caritas international in Kabul, Veronika Staudacher. Schon jetzt seien viele Dienstleistungen eingeschränkt, insbesondere im Gesundheitswesen fehlten zunehmend weibliche Fachkräfte. Diese Situation drohe sich durch den Ausschluss von Mädchen von weiterführender Bildung weiter zu verschärfen. Die Zahl von Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen werde weiter sinken.
Sind die Taliban 2.0 nun anders, moderater als die erste Generation? Diese regelmäßig aufgeworfene Frage beantworten die Taliban von heute durch ihre Taten. Jüngstes Beispiel ihrer extrem repressiven Regierungspolitik ist das »Gesetz über die gerichtliche Trennung von Ehepartnern« (Dekret Nr. 187) vom Mai dieses Jahres, mit dem nach Ansicht von Amnesty International die Zwangsverheiratung von Kindern legalisiert wird. Es erschwere die Lösung von Ehen, die im Kindesalter arrangiert wurden.
Die Taliban von heute sind versierter im Ausarbeiten von Gesetzen, in die sie ihre restriktiven Vorgaben gießen. Sie haben dazugelernt. »Es ist wie ein Déjà-vu dessen, was wir in den 1990er Jahren gesehen haben«, sagte Farkhondeh Akbari, die an der Monash University in Melbourne zu Frauenrechten forscht, schon im Dezember 2024 dem »nd«. Sie ist selbst aus Afghanistan und hat das Land 1998 verlassen. »Wenn man über die Ideologie und die Geschlechterpolitik der Taliban 2.0 spricht, sind sie sogar noch viel restriktiver geworden als zuvor. Aber in Bezug auf ihre Fähigkeiten in Kommunikation und Diplomatie sind sie jetzt viel versierter«, betont Akbari.
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