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Dienstag, 24. März 2026
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IEA-Chef warnt vor schwerster Energie-Krise seit Jahrzehnten

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23. März
ZDF heute

IEA-Chef warnt vor schwerster Energie-Krise seit Jahrzehnten

"Kein Land wird verschont bleiben":IEA-Chef warnt vor schwerster Energie-Krise seit Jahrzehnten Hat der Iran-Krieg schlimmere Folgen als die Ölkrisen in den 1970er-Jahren? Davor warnt jetzt der Chef der Internationalen Energieagentur. Während der zwei aufeinanderfolgenden Ölkrisen in den 1970er-Jahren habe die Welt "jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag verloren", sagte Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), am Montag vor dem nationalen Presseklub im australischen Sydney. Und weiter: Bis heute haben wir elf Millionen Barrel pro Tag verloren, also mehr als zwei große Ölschocks zusammengenommen. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energiebehörde (IEA) Der Krieg im Nahen Osten treibt den Ölpreis in die Höhe. An der Zapfsäule und im Supermarkt spüren die Verbraucher die Folgen. ZDF-Wirtschaftsexperte Frank Bethmann berichtet. 09.03.2026 | 2:30 minBirol: Blockade der Straße von Hormus bedroht globale Wirtschaft Birol sprach außerdem angesichts der Blockade der für den weltweiten Seehandel wichtigen Straße von Hormus von einer "großen Bedrohung" für die Weltwirtschaft. Kein Land wird von den Auswirkungen dieser Krise verschont bleiben, wenn sie sich weiter in diese Richtung entwickelt. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energiebehörde (IEA) Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA). Quelle: dpaDaher seien globale Anstrengungen erforderlich. "Ich hoffe sehr, dass dieses Problem so bald wie möglich gelöst wird." Birol brachte dabei auch die Freigabe weiterer Ölreserven ins Spiel. Man berate sich dazu mit Regierungen in Asien und Europa. "Falls nötig, werden wir das natürlich tun", sagte Birol. Aus Solidarität mit ihren Partnern erleichtert die Bundesregierung Waffenlieferungen in den Golf. Hintergrund sind die anhaltenden Angriffe in der Region. 20.03.2026 | 1:46 minIEA reagiert auf steigende Ölpreise mit Notfall-Freigabe Seit Beginn des Iran-Krieges am 28. Februar ist die von den iranischen Revolutionsgarden kontrollierte Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports passiert, faktisch gesperrt. Die Blockade sowie auch iranische Angriffe auf Öl- und Gasanlagen in der Golfregion ließen die Öl- und Gaspreise in die Höhe schnellen. Als Reaktion auf die Preissteigerungen beschloss die IEA Mitte März, 426 Millionen Barrel Öl ihrer Notvorräte freizugeben. Es ist die sechste Freigabe strategischer Reserven in der Geschichte der vor mehr als 50 Jahren gegründeten IEA und die bislang größte. In Nahost ist kein Ende der Kämpfe in Sicht. Öllieferungen sind stark beeinträchtigt, der Ölpreis steigt. Die Sorge vor einer ausgewachsenen Energiekrise wächst. 09.03.2026 | 2:48 minMehr zum Iran-Krieg - Liveblog Aktuelle Entwicklungen der Eskalation:Iran-Krieg: Alle Nachrichten im Liveblog Öffnung der Straße von Hormus:Trump gibt Iran 48 Stunden - Teheran kontert Ultimatum mit Video0:24IAEA warnt vor Risiken:Iran meldet neuen Angriff auf Atomanlage in Natans mit Video2:34Weltwirtschaft zunehmend in der Krise:Der Preis des Iran-Kriegs - und wer ihn wirklich bezahlt von Frank Bethmannmit Video1:58

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23. März
Süddeutsche Zeitung (Wirtschaft)

Energie: IEA-Chef fürchtet schlimmere Energiekrise als in den 1970ern

Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), bezeichnete die Energiekrise als „sehr schwerwiegend“ und sieht die Weltwirtschaft „einer enormen Bedrohung ausgesetzt“. Die Lage sei schlimmer als die beiden aufeinanderfolgenden Ölkrisen von 1973 und 1979, in denen die Welt täglich rund zehn Millionen Barrel Öl verlor, sowie der Gasmarkteinbruch nach Russlands Invasion in der Ukraine. Birol äußerte sich am Montag im National Press Club of Australia. Der amerikanische Nachrichtensender CNN berichtete darüber. „Nicht nur Öl und Gas, sondern auch einige der wichtigsten Lebensadern der Weltwirtschaft, wie Petrochemikalien, Düngemittel, Schwefel und Helium, sind vom Handel betroffen, was schwerwiegende Folgen für die Weltwirtschaft haben wird“, sagte Birol. Asien stehe aufgrund seiner Abhängigkeit von der Straße von Hormus, der lebenswichtigen Wasserstraße, die Iran faktisch blockiert habe, an vorderster Front der Krise. „Die wichtigste Lösung für dieses Problem ist die Öffnung des Handels durch die Straße von Hormus.“ Die IEA erwägt wegen des Iran-Krieges die Freigabe weiterer Ölreserven. Man berate sich dazu mit Regierungen in Asien und Europa, sagt Birol. „Falls nötig, werden wir das natürlich tun.“ Die IEA-Mitgliedstaaten hatten bereits am 11. März die Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl beschlossen. Der IEA-Chef erklärte, man stehe zudem mit Ländern wie Kanada und Mexiko im Gespräch, um die Ölproduktion zu steigern und die Öllieferungen auf dem Weltmarkt zu erhöhen. „Wir verfügen über Reserven und setzen Anreize für viele Länder mit Raffinerien, ihre Produktion zu beschleunigen“, so Birol. Derweil kritisierte Birol Deutschland angesichts des Iran-Krieges für den Atomausstieg. „Die Situation wäre heute nicht so schlimm, wenn Deutschland die Kernkraftwerke noch hätte“, sagte Birol der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Bundesrepublik habe mit der Abkehr von der Kernenergie einen riesigen strategischen Fehler begangen. Birol betonte: „Ich habe nicht den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger die Tragweite des Problems, in dem wir uns befinden, schon verstanden haben.“ Er sagte der FAZ und anderen Medien, man stehe vor der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“.

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23. März
taz (Öko & Co)

Öl und Gas aus dem Golf: IEA-Chef warnt vor heftigstem Energieschock „aller Zeiten“

Öl und Gas aus dem Golf: IEA-Chef warnt vor heftigstem Energieschock „aller Zeiten“ Die fossile Energiekrise stellt asiatische Staaten vor große Probleme. Ein Gewinner der Krise ist jedoch schon klar: Chinas Batteriesektor. Heftiger als die Gaskrise nach Russlands Angriff auf die Ukraine 2022, sogar drastischer als die Ölpreisschocks der 1970er: Fatih Birol, Präsident der Internationalen Energieagentur IEA, bezeichnet die Lage an den fossilen Energiemärkten als die schwerste Energiekrise aller Zeiten. Daran wird auch eine mögliche Deeskalation im Krieg zwischen Iran und den USA und Israel nichts ändern, obwohl der Ölpreis nach US-Präsident Donald Trumps Ankündigung eines Angriffsstopps auf Energieanlagen sank. Der Angriff der USA und Israels auf Iran führt derzeit zu deutlich geringeren Öl- und Gasexporten aus der Golfregion. Durch die Straße von Hormus wurden vor dem Krieg etwa 20 Prozent der globalen Öl- und Flüssiggasproduktion in fast hundert Schiffen pro Tag transportiert. Derzeit passieren nur eine Handvoll Schiffe die Meerenge. Dazu kommen Angriffe beider Seiten auf Energieinfrastruktur wie Raffinerien oder Gasfelder. Während der zwei aufeinanderfolgenden Ölkrisen in den 1970er-Jahren habe die Welt „jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag verloren“, sagte Birol. „Bis heute haben wir elf Millionen Barrel pro Tag verloren, also mehr als zwei große Ölschocks zusammengenommen“, fügte er hinzu. Selbst ein Kriegsende würde Märkte nicht entspannen Das gleiche Bild zeigt sich beim Gas: Birol zufolge sei doppelt so viel Gas von Verbraucher*innen weltweit abgeschnitten wie nach Kriegsbeginn 2022. Im Verlauf des Krieges seien bislang mindestens 40 Energieanlagen in der Region „schwer oder sehr schwer beschädigt“ worden. Selbst wenn der Krieg ende und die Meerenge wiedereröffnet werde, brauche es eine „lange Zeit“, bis beschädigte oder stillgelegte Öl- und Gasfelder wieder in Betrieb genommen werden könnten. „Bei manchen wird es sechs Monate dauern, bei anderen viel länger“, sagte Birol der Financial Times. Wegen iranischer Angriffe auf die größte Gasförderanlage der Welt, Ras Laffan, wird Katar laut Energieminister Saad al-Kaabi noch drei bis fünf Jahre 17 Prozent weniger Flüssiggas liefern können. Über 80 Prozent der fossilen Energieexporte der Golfregion gehen nach Asien. Die letzten Flüssiggastanker, die noch durch die Straße von Hormus kamen, wurden aber inzwischen Richtung Europa umgelenkt, wo Einkäufer die stark gestiegenen Preise bezahlen können, im Gegensatz zu ärmeren asiatischen Ländern wie Pakistan oder Vietnam. Nur eines der sieben Schiffe blieb auf seinem ursprünglichen Asienkurs und legte am vergangenen Donnerstag in China an, so eine Analyse der Financial Times. Pakistans Flüssiggasterminals erwarten deshalb, Ende des Monats kein Gas mehr ins pakistanische Netz einspeisen zu können. Die Regierung Bangladeschs hat die Universitäten geschlossen, um Energie zu sparen. In den Philippinen und Vietnam werden Unternehmen angehalten, ihre Mitarbeiter*innen von zu Hause aus arbeiten zu lassen, um den Kraftstoffbedarf zu verringern. China und Japan werden das teurere Gas teilweise mit mehr Kohle- und Atomstrom ersetzen. Ein Gewinner der Krise sind Chinas Batteriehersteller Die Denkfabrik Ember warnt in einem Bericht am Montag allerdings die Länder Süd- und Ostasiens davor, sich auf Kohle zu verlassen. Würde zum Beispiel Thailand seine Kohlekraftwerke auf 70 Prozent Kapazität hochfahren – 2024 waren es durchschnittlich 62 Prozent –, würde das etwa 263 Millionen US-Dollar zusätzlich kosten und 3,2 Millionen Tonnen CO₂ ausstoßen. Die gleiche Menge Strom mit neuen, sauberen Solaranlagen zu erzeugen, wäre demnach 35 Prozent billiger. Außerdem, darauf weist Ember hin, kann Kohle auch in Ländern wie Indien und Indonesien, die den Brennstoff vor Ort fördern können und nicht importieren müssen, nur den Gas- und Ölbedarf des Stromsektors kompensieren. Autos, Lkws und Industrie wären weiter von Öl- und Gasimporten aus der Golfregion abhängig. Die einzige Lösung dafür sei es, auch diese Sektoren zu elektrifizieren und mit billigen erneuerbaren Energien zu betreiben. Südkoreas Präsident Lee Jae Myung forderte schon zu Beginn des Irankriegs, den Ausbau der erneuerbaren Energien im Land zu beschleunigen. Die asiatischen Länder stünden am „Scheideweg“, schreiben die Ember-Expert*innen: „Sie können sich zu Elektrostaaten entwickeln, die Emissionen reduzieren und Klimaziele einhalten, oder Petrostaaten bleiben, die größere Energieanfälligkeiten riskieren.“ Ein Gewinner der fossilen Energiekrise ist bereits der chinesische Batteriesektor: CATL, BYD und Sungrow haben sogar die derzeit hohe Profite einstreichenden Ölkonzerne ExxonMobil, BP und Chevron an den Börsen ausgestochen. Die Öl- und Gasschocks „verändern das ganze Energieparadigma“, sagte Neil Beveridge, Analyst bei der Beratungsfirma Bernstein. „Selbst, wenn der Krieg nächsten Monat endet, gibt es kein Zurück.“ (mit afp/rtr) Gemeinsam für freie Presse Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. 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24. März
FAZ (Wirtschaft)

Kriegsfolgen: Die Lieferketten sind schon gestört

Kriegsfolgen : Die Lieferketten sind schon gestört Im Krieg am Golf sind mehr als 40 Energieanlagen getroffen worden. Die Folgen sind dramatisch, denn es geht nicht nur um Öl und Gas. Vier Grafiken zeigen die Bedeutsamkeit eines Elements. Alle Welt schaut derzeit auf die Märkte für Erdöl und Erdgas. Die Einkäufer in den großen Hightechindustrien schauen noch ein wenig weiter: Mit dem Krieg am Golf werden wichtige Glieder der Rohstoff- und Lieferketten nicht nur schwächer, sie stehen mittlerweile kurz vor dem Zerreißen – und das treibt den Managern in den Beschaffungsabteilungen tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Denn wenn sie nicht liefern können, stehen Tausende Fabriken still. Im Zuge des Irankriegs sind nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) bislang rund 40 Energieanlagen des Nahen Ostens schwer getroffen worden. Die Schäden gehen nicht nur in die Milliarden. Sie haben auch Störungen zur Folge, die nach einem möglichen Ende des Konflikts noch lange Zeit anhalten dürften. Nach mehr als drei Wochen Krieg sind nach den Worten von IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol schon heute die vom Nahen Osten ausgehenden Versorgungsketten massiv gestört. Steil steigende Preise So seien die Preise für Öl, Gas und Kraftstoffe rasant gestiegen. Die Auswirkungen der Krise entsprächen schon jetzt denen der beiden großen Ölkrisen der Siebzigerjahre und der Erdgaskrise nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine vor drei Jahren. „Nicht nur Öl und Gas sind betroffen, sondern auch einige der lebenswichtigen Arterien der Weltwirtschaft wie Petrochemikalien, Düngemittel, Schwefel oder Helium. Ihr Handel ist komplett beeinträchtigt, was schwerwiegende Konsequenzen für die Weltwirtschaft haben wird”, sagte Birol weiter. So bangen die koreanischen Speicherchipproduzenten Samsung und SK Hynix um dringend benötigte Bromverbindungen für ihre Produktionsprozesse. Die Substanzen kommen bislang aus Israel und Jordanien. Dort aber schlagen derzeit iranische Raketen ein. Die japanischen Anbieter von Fotolacken für die Halbleiterindustrie benötigen unter anderem Naphta, das bislang von Saudi Aramco und Qatar Petroleum kam. Doch auch sie stehen unter Beschuss. Schwefelsäure ist wichtig etwa für das Ätzen von Chipwafern; zwei der großen Schwefellieferanten sitzen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Iran. Hochtechnologiebranchen wie Luft- und Raumfahrt, die Chip-, Solar- oder Medizintechnik richten ihre Blicke vor allem auf Helium. Der Grund: Das Edelgas ist aufgrund seiner einzigartigen Eigenschaften für viele Wirtschaftszweige unabkömmlich. Daher haben es Europäer und Amerikaner auf ihre Listen der strategisch wichtigsten Rohstoffe gesetzt. Asiaten richten sich derzeit darauf ein, in naher Zukunft satte Preisaufschläge zahlen zu müssen. Helium ist in der Natur nach Wasserstoff zwar das Element, das am häufigsten vorkommt. Doch es ist aufgrund seiner atomaren Struktur nicht leicht zu fassen und sehr flüchtig. Es kann nicht künstlich hergestellt, sondern fast ausschließlich nur als Nebenprodukt bei der Förderung von Erdgas oder Stickstoff aufbereitet werden. Transport und Lagerung sind überaus kompliziert, die Verteil- und Lieferketten hochfragil. Auf den Märkten für Helium werden im Jahr kaum fünf Milliarden Dollar erlöst. Sie sind nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bislang von langfristigen Partnerschaften und sogenannten Take-or-Pay-Lieferverträgen geprägt. Das aber scheint sich mit dem Irankrieg nun zu ändern. Nachdem der zweitgrößte Heliumlieferant der Welt, Qatar, mit seinen unter iranischen Beschuss geratenen Öl- und Gasanlagen von Ras Laffan massive Ausfälle anzeigte, rückte der Spotmarkt plötzlich ins Blickfeld. Während der Preis für Brom um ein Drittel und der für Schwefel um die Hälfte stieg, legte der für Helium um rund zwei Drittel zu. Die Marktanalysten von Fitch halten auf absehbare Zeit eine weitere Preisverdopplung für möglich. Denn ein Ende des Krieges am Golf sei noch nicht in Sicht. Darüber hinaus erklärte das Energieministerium von Qatar, eine rasche Behebung der Kriegsschäden an den Förder- und Produktionsanlagen sei momentan nicht möglich. In Ras Laffan arbeiten drei Heliumanlagen. Sie haben eine Produktionskapazität von 66 Millionen Kubikmetern im Jahr. Das entspricht einem Drittel des Weltbedarfs. Bis 2027 soll eine vierte Anlage mit einer Kapazität von 48 Millionen Kubikmetern dazukommen. Für die darauffolgenden Jahre ist ein fünfter Betrieb mit weiteren 42 Millionen Kubikmetern geplant. Damit würde sich das kleine Land am Golf mit großem Abstand vor den USA zum Weltmarktführer machen, verfügt es doch über ausgesprochen heliumreiche Erdgasfelder, aus denen es das Edelgas durch fraktionierte Destillation relativ einfach gewinnen kann. Derzeit aber sind nicht nur alle Ausbaupläne auf Eis gelegt. Auch Qatars betriebstüchtige Anlagen mussten nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur bis auf Weiteres alle Arbeiten einstellen. Eine Wiederaufnahme zeichnet sich nicht ab. Auch ist der wichtigste Transportweg, die Straße von Hormus, kaum sicher befahrbar. Dieser Krisenmix hat in vielen Industrien die Alarmsignale aufleuchten lassen. Unter allen Elementen ist Helium eine ganz besondere Substanz, besitzt sie doch die niedrigsten Schmelz- und Siedepunkte. Unter Normaldruck behält Helium selbst bei minus 273 Grad Celsius seinen gasförmigen Aggregatzustand bei; und das macht es so wertvoll, lässt es sich dadurch doch beim Schweißen als Schutzgas oder beim Kühlen von Kernreaktoren und MRT-Scannern einsetzen. Ohne Helium startet keine Weltraumrakete; ohne Helium wird keine Solarzelle hergestellt und kein Chip produziert. Die Halbleiterhersteller brauchen daher Helium so dringend wie Öl, Gas oder Silizium. Nach Angaben der Ratingagentur Fitch bezieht Südkorea bislang fast zwei Drittel seines gesamten Heliumbedarfs aus Qatar. Obwohl sich Konzerne wie Samsung oder SK Hynix in den vergangenen Wochen mit genügend Vorräten eingedeckt haben, um ihre Chipfabriken bis zu sechs Monate aus eigenen Lagerbeständen heraus laufen lassen zu können, müssen sie sich nun auch anderweitig umschauen. Den Chipherstellern in Taiwan geht es ganz ähnlich. Auch sie haben massenhaft Rohstoffe für schwierige Zeiten gebunkert; auch sie dürften noch stabil durch die nächsten Wochen kommen; doch auch sie müssen sich auf den Weltmärkten nach validen Alternativen umsehen. Während sich Festland-China das begehrte Helium für seine Hochtechnologie-Industrien derzeit vor allem aus Russland holt, wollen die Taiwaner verstärkt auf die Vereinigten Staaten setzen. Japan ist da schon einen Schritt weiter. Dort bezieht der Industriegasekonzern Iwatani Corp., der größte Heliumhändler des Landes, das Edelgas für seine Kunden zu mehr als der Hälfte aus den USA. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima vor anderthalb Jahrzehnten hatte die gesamte japanische Industrie auf breiter Front ihre Lieferketten neu geknüpft. Sie versah sie mit doppelten und dreifachen Absicherungen und machte sie resistenter gegen Schocks wie den Golfkrieg. Vom Haken sind die Japaner damit allerdings nicht. Denn ein knappes Drittel ihres Heliumbedarfs decken sie bislang über Qatar ab. Russland fand sich als drittgrößter Heliumproduzent der Welt nach seinem Überfall auf die Ukraine auf den Sanktionslisten des Westens wieder und fällt als Lieferant weitgehend aus. Die Amerikaner zeigen keine Anzeichen, den Heliumexport zu forcieren. Und Länder wie Algerien produzieren zu wenig, als dass sie in die durch den Krieg aufgerissene Lücke springen könnten.

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23. März
Der Spiegel (Wirtschaft)

Iran-Krieg: IEA-Chef Birol warnt vor womöglich schwerster Energiekrise seit Jahrzehnten

Irankrieg IEA-Chef warnt vor womöglich schwerster Energiekrise seit Jahrzehnten Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hat angesichts des Irankriegs vor der womöglich schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten gewarnt. Die aktuelle Situation sei »zwei Ölkrisen und ein Gaskollaps in einem«, sagte Birol am Montag dem nationalen Presseclub im australischen Sydney mit Blick auf die Ölkrisen der Siebzigerjahre und die Auswirkungen der russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2022. Die israelische Armee startete derweil eine neue Angriffswelle auf Ziele in Teheran. Die Golfstaaten meldeten Angriffe aus Iran auf ihre Territorien. Während der zwei aufeinanderfolgenden Ölkrisen in den Siebzigerjahren habe die Welt »jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag verloren«, sagte Birol. »Bis heute haben wir elf Millionen Barrel pro Tag verloren, also mehr als zwei große Ölschocks zusammengenommen«, fügte er hinzu. Im Verlauf des Kriegs seien bislang mindestens 40 Energieanlagen in der Region »schwer oder sehr schwer beschädigt« worden. Angesichts der Blockade der für den weltweiten Seehandel wichtigen Straße von Hormus sprach der IEA-Chef außerdem von einer »großen Bedrohung« für die Weltwirtschaft. »Kein Land wird von den Auswirkungen dieser Krise verschont bleiben, wenn sie sich weiter in diese Richtung entwickelt«, sagte er. Daher seien globale Anstrengungen erforderlich. »Ich hoffe sehr, dass dieses Problem so bald wie möglich gelöst wird.« Birol kritisiert Deutschland in dem Zuge für den Atomausstieg. »Die Situation wäre heute nicht so schlimm, wenn Deutschland die Kernkraftwerke noch hätte«, sagte Birol laut der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, die offenbar ebenfalls an dem Gespräch teilnahm. Die Bundesrepublik habe mit der Abkehr von der Kernenergie einen riesigen strategischen Fehler begangen. Seit Beginn des Irankriegs am 28. Februar ist die von den iranischen Revolutionswächtern kontrollierte Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports transportiert wird, faktisch gesperrt. Die Blockade sowie auch iranische Angriffe auf Öl- und Gasanlagen in der Golfregion ließen die Öl- und Gaspreise in die Höhe schnellen. Als Reaktion auf die Preissteigerungen beschloss die IEA Mitte März, 426 Millionen Barrel Öl ihrer Notvorräte freizugeben. Es ist die sechste Freigabe strategischer Reserven in der Geschichte der vor mehr als 50 Jahren gegründeten Behörde – und die bislang größte. Die Ölpreise stiegen trotzdem weiter an. Unterdessen startete die israelische Armee erneut eine »groß angelegte« Angriffswelle auf Ziele in Irans Hauptstadt Teheran. Die Angriffe zielten auf »Infrastruktur des iranischen Terrorregimes« ab, erklärte die israelische Armee im Onlinedienst Telegram. Später meldete die israelische Armee neuen Raketenbeschuss aus Iran. Die Abwehrsysteme seien dabei, die Bedrohung abzufangen. Raketentreffer in Teheran Iranische Medien berichteten derweil von Explosionen und Angriffen in Teheran. Die den Revolutionswächtern nahestehende Nachrichtenagentur Fars nannte fünf Gebiete in Teheran, aus denen Explosionen gemeldet worden seien. Ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete, dass von einer Stelle im Osten der Stadt mehr als eine Stunde nach den Berichten immer noch dichter schwarzer Rauch aufsteige. Auch in anderen Teilen Irans schlugen Raketen ein. Nahe einer Rundfunkstation in Bandar-e Abbas gegenüber der Straße von Hormus im Süden Irans wurde iranischen Staatsmedien zufolge mindestens ein Mensch getötet und weitere verletzt. In mehreren Golfstaaten gab es ebenfalls Raketenalarm. Das saudi-arabische Verteidigungsministerium erklärte, ein Marschflugkörper im Anflug auf die Hauptstadt Riad sei abgefangen worden, ein weiterer sei in unbewohntem Gebiet abgestürzt. In Bahrain waren Luftschutzsirenen zu hören. Die Behörden riefen die Bürger auf, sich an einen sicheren Ort zu begeben. Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Arabischen Emirate erklärte, die Streitkräfte des Landes »reagieren derzeit auf eingehende Raketen- und Drohnenbedrohungen aus Iran«. Wenige Stunden zuvor hatten die Behörden im emiratischen Abu Dhabi gemeldet, dass ein indischer Staatsbürger durch herabfallende Trümmer eines abgefangenen Marschflugkörpers verletzt worden sei.

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