15. Juli Neues Deutschland
Fußball-WM | Fifa-Präsident Gianni Infantino greift nach der Menschheit
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Fifa-Präsident Gianni Infantino greift nach der Menschheit
Die nächste Erweiterung der WM auf 64 Teams soll dazu führen, dass auch die bevölkerungsreichsten Länder der Erde mitspielen – und konsumieren.
Für die Reichen und Mächtigen der Welt ist Miami ein idealer Ort: Glamour und Luxus ohne Ende. Auch Gianni Infantino hat sich ein Anwesen im wohlhabenden Vorort Pinecrest zugelegt. Südwestlich von Downtown Miami liegt die Residenz des Fifa-Präsidenten inmitten der riesigen Grundstücke mit luxuriösen Villen. Auch aus der Lebens- und Gedankenwelt des Alleinherrschers im Fußball-Weltverband leitet sich also ab, dass der Impresario seine XXL-Weltmeisterschaft noch mal ausweiten will – von 48 auf dann 64 Mannschaften. Wäre dann Konfektionsgröße XXXL.
Über die nächste Aufstockung wurde vor allem in den USA schon länger geraunt. »Das ist auf jeden Fall ein Thema, das man nach dieser WM anschauen und in den Gremien diskutieren wird«, kündigte der Fifa-Präsident an. Der Schweizer wird vermutlich schon das Spiel um den dritten Platz am Sonnabend in Miami und das Finale am Sonntag in New Jersey dazu nutzen, um seine treu ergebene Funktionärsfamilie für diesen Plan zu begeistern. Wobei der 56-Jährige öffentlich nicht erwähnt, worum es ihm wirklich geht: Acht der zehn bevölkerungsreichsten Länder der Welt haben bei dieser WM nur zugeschaut. Aus diesem Ranking waren nur die USA und Brasilien dabei. Es sollen aber mehr von diesen Ländern mit ihrer jungen Bevölkerung mitspielen. Denn ihr Konsum könnte den Geschäften der Fifa noch mal einen weiteren Kick geben. Infantino will jetzt nach der ganzen Menschheit greifen.
Indien und China haben zusammen rund 2,8 Milliarden Einwohner und stellen damit mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung. Das Problem: In Indien ist Cricket unangefochtener Volkssport Nummer eins. Die Erfolge der milliardenschweren Indian Premier League binden Talente, Geld und Aufmerksamkeit – zum Nachteil des Fußballs, für den allein schon die Infrastruktur fehlt. Doch das Interesse für Fußball als britische Kronkolonie ist vorhanden, viele verehren immer noch Diego Armando Maradona von der WM 1986. Zur WM 2026 scheiterte Indien in der zweiten Qualifikationsrunde in Asien an Katar und Kuwait.
Auch China ist ein Sorgenkind: Staatschef Xi Jinping gab zwar mal das Ziel aus, aus seinem Land eine große Fußballnation zu machen. Doch mit der Brechstange ließ sich eine Topliga als Katalysator nicht installieren. Dazu beschädigen Wettbetrügereien und Korruptionsfälle das Image. Vereine und Ligen können sich nicht entwickeln, weil die regierende Kommunistische Partei über Jahrzehnte ein Geflecht aus bürokratischen Hürden und Kontrolle aufgebaut hat. Bei der einzigen WM-Teilnahme 2002 erzielte die chinesische Nationalelf nicht mal ein Tor.
Andere Hürden struktureller Art bestehen in Indonesien. Im größten Inselstaat der Welt mit 280 Millionen Einwohnern ist Fußball zwar die mit Abstand beliebteste Sportart, die einzige WM-Teilnahme datiert jedoch aus dem Jahr 1938 – damals noch als Niederländisch-Indien. Auch Bangladesch mit seinen 180 Millionen Menschen wäre ein interessanter Markt. Die Jubelbilder von Tausenden Argentinien-Fans gingen um die Welt: Im Trikot von Lionel Messi feierten sie euphorisch die WM-Auftritte ihres Superstars. Vielleicht verteilt Infantino ja allein dafür eine Wildcard? Unmöglich scheint nichts mehr.
Asien gilt bei der Fifa noch als riesiger Wachstumsmarkt, in vielen Schwellenländern wird bislang aber der europäische Vereinsfußball und da insbesondere die englische Premier League mit ihren Weltstars genau verfolgt. Eine WM-Teilnahme könnte den Fokus auf die Nationalteams, ein Fifa-Turnier und deren Sponsoren verlagern.
Sollte die nächste Aufstockung bis zur WM 2030 umgesetzt werden, muss es schnell gehen. Die ganze Welt müsse von der WM träumen dürfen und »nicht nur Europa und Südamerika«, rechtfertigt Infantio, der wissen müsste, dass die letzte Ausweitung auf 48 Teams nur mit einem moderaten Anstieg der europäischen Startplätze von 13 auf 16 erfolgte. Vorrangig profitierten jene Konföderationen, die bei seiner Wiederwahl sofort applaudieren. Es ist also ziemlich sicher davon auszugehen, dass gerade die Startplätze für Asien und Afrika erhöht würden. Ein Argument: Von zehn afrikanischen Teilnehmern erreichten neun die K.-o.-Runde. Mit Nigeria aber schaffte es das mit 242 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land Afrikas nicht zur WM, weil die Super Eagles die Qualifikation im Elfmeterschießen gegen DR Kongo vermasselten. Das krisengeplagte Land aus Zentralafrika legte einen beherzten Auftritt gegen England hin. Auch Kap Verde war drauf und dran, die Argentinier und Messi zu schlagen – womit Infantino die gestiegene Qualität rechtfertigte.
Unterstützt wird Infantinos Plan unter anderem von Alejandro Domínguez, Präsident des südamerikanischen Fußballverbandes. Schon beim Turnier in vier Jahren seien 64 Teams noch besser, um das 100-jährige WM-Jubiläum von 1930 in Uruguay zu würdigen. Eröffnungsspiele sind auch in Paraguay und Argentinien vorgesehen, danach wird in Marokko, Portugal und Spanien gespielt.
Der argentinische Fußballweise Jorge Valdano mag sich trotzdem nicht freuen, wenn dann statt 13 Mannschaften wie bei der ersten Auflage wirklich bald 64 mitmachen. »Mit dem Fußball verhält es sich wie mit dem Klimawandel: Jeder weiß, wie sich das Problem lösen ließe, aber niemand unternimmt wirklich etwas, weil er damit beschäftigt ist, morgen Geld zu verdienen«, sagte der 70-Jährige jüngst. »Seit Langem beklagen wir, dass dieses Spiel nur einen einzigen Rohstoff kennt – den Menschen – und dass dieser einer enormen Belastung ausgesetzt wird. Die Lösung wäre: weniger Spiele. Doch dazu ist niemand bereit – auch nicht die Spieler selbst.«
So dreht sich das Rad weiter. Einen Vorteil hätte das Format: Bei 16 Vierergruppen würden die Gruppendritten nicht mehr weiterkommen, die Rechenspiele und Taktikspielchen am letzten Gruppenspieltag entfielen. Nur: Es wären dann 128 statt 104 Spiele. Zu viel Masse? Was kümmert das jemanden, dem in Miami jeden Tag vor Augen geführt wird, was alles möglich ist, wenn man nur genug Geld und Macht hat.
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