Geplanter Bürokratieabbau: Trendwende oder nur Kosmetik?
Reformpaket der Regierung:Geplanter Bürokratieabbau: Trendwende oder nur Kosmetik?
von Frank Bethmann
Weniger Nachweise, schnellere Genehmigungen - Bürokratieabbau wird seit Jahren gefordert, nun soll er zum Befreiungsschlag für den Standort Deutschland werden. Kann das gelingen?
Die Bundesregierung hat den Bürokratieabbau in ihrem Reformpaket zur politischen Kernaufgabe erklärt. Bürokratiekosten für Unternehmen sollen innerhalb von zwölf Monaten um 25 Prozent sinken, die finanziellen Kosten und der messbare Zeitaufwand für Wirtschaft, Bürger und Verwaltung um mindestens zehn Milliarden Euro.
"Es ist ein guter Aufschlag, um Verbesserungen zu bringen", sagt Lutz Goebel mit Blick auf die neuen Pläne. Goebel ist der Chef des Nationalen Normenkontrollrats (NKR), der die Bemühungen des Staates, Berichtspflichten zu vereinfachen oder abzuschaffen, seit Jahren begleitet.
Das Problem ist, dass jede einzelne Regel plausibel wirken kann, die Summe von nicht immer aufeinander abgestimmten Pflichten aber Unternehmen, Verwaltung und Bürgerinnen und Bürger überfordern kann.
Lutz Goebel, Vorsitzender des Nationalen Normenkontrollrats (NKR)
Hohe Hürden für Bürokratieabbau
Bürokratie, so Goebel weiter, entstehe immer aus guten Gründen: "Sicherheit, Kontrolle, Gerechtigkeit, Nachvollziehbarkeit." Trotzdem sei es wichtig, Berichtspflichten zu lockern.
Dass sich bislang so wenig getan habe, läge auch an den Beharrungskräften in den Ministerien, so Goebel: "Wer eine Regel geschaffen hat, schafft sie nicht gern wieder ab."
Die Praxen würden bei einem Wegfall der telefonischen Krankschreibung mit unnötiger Bürokratie geflutet, so Blumenthal-Beier zu den vorgestellten Reformen der Krankschreibung.
03.07.2026 | 3:33 minVon hohem Beharrungsvermögen als Ursache spricht auch Jörg Rocholl. Rocholl ist Präsident der ESMT Berlin. Die internationale Wirtschaftshochschule hat einen eigenen Bürokratieindex entwickelt. Das aktuelle Barometer 2026 kommt zu einem ernüchternden Befund: Das Gesetzgebungsvolumen ist seit 2010 kontinuierlich gestiegen. Die neuen Pläne hätten aber das Zeug zur Trendwende.
Die jetzigen Maßnahmen sind vor allem ein wichtiges Symbol dafür, dass die Politik nicht länger die Bürokratie weiter ausbauen möchte.
Prof. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT Berlin
Schnellere Genehmigungen und weniger Berichtspflichten
In den Reformen sticht besonders das geplante Berichtsentlastungsgesetz hervor, weil es die bisherige Logik umdreht. Bislang muss der Antragsteller oft umfassend nachweisen, dass alles rechtens ist: Umweltstandards, Bauvorschriften, Sicherheitsauflagen. Künftig sollen Behörden stärker begründen müssen, wenn sie nicht fristgerecht entscheiden oder warum sie ablehnen. Im Zweifelsfall kann die Behörde auch noch Unterlagen nachverlangen.
Mit der Einführung des Gebäudetyp E will die Bundesregierung einfachere Baustandards schaffen und so Kosten und Bürokratie abbauen.
07.07.2026 | 1:40 minÄhnlich wichtig ist die Vier-Monats-Frist für Genehmigungen, die jetzt zum Regelfall werden soll. Vier Monate sind in vielen Bereichen ein Bruch mit der bisherigen Realität: Großansiedlungen, Industrieprojekte, Infrastrukturvorhaben kennen Fristen eher im Mehrjahresformat. Die politische Botschaft lautet: Wenn der Staat zu langsam ist, ist der Staat das Problem, nicht der Investor. Genau das trifft den Nerv einer Wirtschaft, die sich seit Jahren über zähe Planungsprozesse und unklare Zuständigkeiten beklagt.
Aus Sicht des Mittelstands gehen die vorgestellten Maßnahmen über reine Kosmetik hinaus.
Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bundes (DMB)
Insbesondere mit schnelleren Genehmigungen, weniger Berichtspflichten und einer digitalen Verwaltung greife die Bundesregierung zentrale Anliegen kleiner und mittlerer Unternehmen auf, erklärt Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bundes (DMB).
Bürokratie belastet Unternehmen stark. Die Koalition setzt zwar auf Digitalisierung, doch echter Abbau von Regeln fehlt. Einige Fortschritte gibt es, viele Maßnahmen müssen aber noch umgesetzt werden.
08.06.2026 | 2:37 minKonsequente Umsetzung der Reformpläne entscheidend
Längst nicht alles, was der DMB in einem Positionspapier jüngst forderte, findet sich in den Reformvorhaben wieder. Grundsätzlich aber gilt: Die Vorschläge für den Bürokratieabbau sind oft nicht das eigentliche Problem, sondern ihre konsequente Umsetzung. Deswegen, so Goebel, komme es nun darauf an, dass alle Ministerien hinter den Maßnahmen stehen.
Eine echte Trendwende wird erst eingeläutet, wenn die Ressorts tatsächlich vor der eigenen Haustür kehren - also Pflichten im großen Umfang streichen, bestehende Regeln hinterfragen und nicht bei jeder Ausnahme wieder neue Bürokratie schaffen.
Lutz Goebel, Vorsitzender des Nationalen Normenkontrollrats (NKR)
Der NKR werde da sehr genau hinschauen, sagt Lutz Goebel.
Werden Fabriken, Windparks oder Bahnprojekte künftig schneller genehmigt? Sinken die Dokumentationspflichten für Unternehmen tatsächlich? Genau daran wird sich entscheiden, ob dieser neuerliche Reformvorstoß einen Wendepunkt einleitet oder doch nur ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte des angekündigten Bürokratieabbaus ist.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
Mehr zum Thema Bürokratie und Bürokratieabbau
- Schrittweise ab 2027:Bundestag macht Weg frei für antragsloses Kindergeldmit Video2:34
- Pilotprojekt mehrerer Länder:Wenn das Finanzamt die Steuererklärung für die Bürger machtvon Susanne Biedenkopf-Kürtenmit Video3:05
- WISO - Wirtschaft erklärt:Drei Gründe, warum der Wohnungsbau stocktvon Mischa Ehrhardt, Valerie Hallermit Video10:28
Mehr zum Thema Reformpaket
- GrafikenModellrechnungen für Versicherte:Was die Krankenkassen-Reform für Ihre Beiträge bedeutetvon Marie Riesmit Video2:04
- GKV-Reform, Heizungsgesetz & Co.:Bundestag und Bundesrat: Wichtige Beschlüsse im Überblickmit Video1:51
- Reform soll Kassenbeiträge stabilisieren:Bundestag stimmt Gesundheits-Sparpaket zumit Video1:44
- Geplante GKV-Reform:Psychotherapeuten laufen Sturm gegen geplante Einschnittemit Video3:40