16. August Süddeutsche Zeitung
Reit-WM: Wenn Pferd und Reiter eins werden
Zweimal klapperte es hörbar, zweimal bebten die Hindernisstangenstangen in den Auflagen, brachten fast 40 000 Zuschauer an den Rand des Nervenzusammenbruchs, bevor sie sich entschlossen, doch liegen zu bleiben.
Mit dem denkbar knappen Abstand von 0,4 Punkten wurde Michael Jung in Aachen Weltmeister im Vielseitigkeitsreiten, zum zweiten Mal nach 2010. Der 18-jährige Hannoveraner Chipmunk krönte mit dieser Glanzleistung eine außergewöhnliche Pferdekarriere. Nach der Ziellinie parierte Jung durch und ließ sein Pferd den Jubel der Menge genießen. Vater Michael Jung hielt es nicht mehr im Hintergrund, er lief ins Stadion mitten auf den Rasen, seinem Sohn entgegen.
Es war der Moment für Emotionen, denn es war ja so eng gewesen. Drei englische Topreiter waren Jung nach dem Gelände auf den Fersen, Ros Canter weniger als einen Springfehler entfernt. Mit Graffalo sicherte sich die Weltmeisterin von 2018 die Silbermedaille, Bronze ging an Laura Collett auf dem Pferd London.
Ungefährdet holten sich die Briten allerdings das Mannschaftsgold. Sie kann man wohl nur schlagen, wenn sie vom Pferd fallen. Das deutsche Team, zu dem außer Jung noch Malin Hansen-Hotopp auf Quidditch (Platz neun), Julia Krajewski auf Nickel (17.) und Libussa Lübbecke auf Cara Mia (41.) gehörten, freute sich über Silber. Die Schweizer verloren erst im Springen die Bronzemedaille an die USA, wurden Fünfte hinter den Iren, haben aber ihr Etappenziel, die Olympiaqualifikation, erreicht.
Der Geländetag am Samstag war gut abgelaufen. Selbst das Wetter spielte mit, keine glühende Hitze wie zuletzt, sondern bewölkter Himmel – und am Nachmittag sogar ein kleiner Schauer.
„Ich habe versucht, in ihn reinzuhören: Wie ist er drauf? Wie galoppiert er?“, so Jung
Der italienische Parcourschef Giuseppe della Chiesa sollte recht behalten mit seiner Prognose: Sechs Reiter blieben in der Bestzeit von 9:50 Minuten – das hatten von den Aktiven keiner erwartet – darunter der deutsche Einzelreiter Christoph Wahler auf D’Accord und eben Michael Jung. Ganz frisch, aber keinen Zentimeter höher springend als nötig, galoppierte Chipmunk über den kringeligen Kurs. Mit seiner riesigen Galoppade meterte er über die Wiesen, um sich gleichwohl an den Sprüngen wieder schnell drehen und wenden zu lassen. Niemals sah der Ritt hastig oder übereilt aus, ganz ruhig steuerte der 44-jährige Jung seinen Braunen über alle Klippen, immer auf dem kürzesten Weg. Er musste ihn an den Hindernissen weder zügeln, noch danach wieder Gas geben. „Chipmunk hat einfach super gekämpft. Ich habe versucht, in ihn reinzuhören: Wie ist er drauf? Wie galoppiert er?“, sagte Jung. „Ich habe mich nur einmal aufrichten müssen, dann war er schon wieder gedanklich bei mir.“ Dieses Einverständnis von Reiter und Pferd sparte Zeit, Kraft und Nerven. Es war Chipmunks letztes Championat, vielleicht geht er noch die eine oder andere lukrative Prüfung, wie in Kentucky im nächsten Jahr.
Mit einer soliden schnellen Geländeleistung und makellosem Parcours ritt sich Malin Hansen-Hotopp auf Platz neun, während die amtierende deutsche Meisterin Julia Krajewski, die als Dressurbeste ins Gelände startete, auf Platz 17zurückfiel. Der zwölfjährige Nickel sprang im Cross alle Hindernisse brav und sauber, aber sein Galopp war nicht schnell genug für eine gute Zeit.
20 von 87 Reitern gaben auf oder schieden aus. Die Fuchsstute Zinny des Italieners Paolo Torlinia verletzte sich vor dem letzten Hindernis, das Pferd wurde zur Veterinärstation geführt und behandelt. Es habe eine Weichteilverletzung, teilte Turniertierarzt Friedrich-Wilhelm Hanbücken mit. Die Prognose sei gut, Zinna konnte nach Hause entlassen werden.
Es war gewiss kein Zufall, dass Michael Mronz, Vermarkungschef der Reit-Weltmeisterschaft in Aachen, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Kirsty Coventry ausgerechnet am Samstag in die Soers eingeladen hatte. Tagsüber strömten 35 000 Menschen auf die Geländestrecke, bis die Tore geschlossen werden mussten, abends riss es 45 000 Zuschauer von den Sitzen, als die Dressurreiter zu Klängen von Beatles bis Klassik ihre Pferde tanzen ließen.
„Amazing“ und „incredible“: Kirsty Conventry lobt die familiäre Atmosphäre trotz allen Trubels
Hat einer behauptet, Reiten sei ein elitärer Sport für einige Nationen mit hoher Milliadärsdichte? Der sollte nach Aachen kommen. Der hohe Gast war beeindruckt, hatte sich die Hindernisse in der Soers von ganz nah angeschaut, fand es äußerst „remarkable“, was Reiter und Pferde leisten, „amazing“ und „incredible“. Kirsty Conventry lobte die familiäre Atmosphäre trotz allen Trubels, die Versammlung aller Generationen vom Baby bis zum Großvater und versprach, wiederzukommen, mit ihrer Familie. Denn ihre Tochter will auch reiten. Ob die schönen Worte hilfreich sind, wenn es im IOC mal wieder darum geht, ob der Pferdesport, vor allem die Vielseitigkeit, im olympischen Programm bleiben soll, wird man sehen.
Ein Ziel hat Mronz, der auch die Olympiabewerbung der Rhein-Ruhr-Region vorantreibt, erreicht. Aachen zeigt in diesen beiden WM-Wochen, dass es Olympia kann wie wohl sonst kein zweiter Pferdesportplatz in Deutschland. Auf der Ehrentribüne standen der höchsten Sportfunktionärin Vertreter aller drei Olympiabewerber für Detailfragen zur Verfügung. Neben NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Berlins regierender Bürgermeister Kai Wegner.