29. Juli Neues Deutschland
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Telegram-Gründer Pawel Durow soll international zur Fahndung ausgeschrieben werden – um ihn zum Dialog mit der russischen Regierung zu zwingen
Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem russischen Staat und Russlands beliebtestem Messenger Telegram geht in eine neue Runde und wird immer undurchsichtiger.
Der Inlandsgeheimdienst FSB habe Telegram-Gründer Pawel Durow zur internationalen Fahndung ausgeschrieben, meldete unter anderem die Nachrichtenagentur Interfax am Mittwochmorgen. Der Vorwurf: Unterstützung von Terrorismus. Kurz darauf ruderte der FSB zurück, erklärte, man sei noch in der Vorbereitung, nach Durow fahnden zu lassen. Es ist nicht die einzige Ungereimtheit in dem Fall, der überhastet konstruiert zu sein scheint.
Chatbot läuft auch auf Staatsplattformen
Das Verfahren gegen Durow soll bereits seit Februar dieses Jahres laufen. Damals berichteten sowohl »Rossijskaja Gaseta« als auch »Komsomolskaja Prawda«. In seinem Telegram-Kanal bezeichnete Durow das Verfahren als »trauriges Schauspiel eines Staates, der Angst vor der eigenen Bevölkerung hat«.
Konkret wirft der FSB Telegram vor, sich zu weigern, Chats und Bots zu schließen, die von ukrainischen Geheimdiensten und Terrororganisationen genutzt würden, um in Russland Personal für Sabotageakte und Terroranschläge anzuwerben.
Beim Ausmaß scheinen sich die Behörden jedoch nicht abgesprochen zu haben. Während der FSB von 46 Verhaftungen spricht, sind es beim Ermittlungskomitee 19. Auch über die Frage, ob der Chatbot, der als Grundlage für die Anklage dient, überhaupt verboten ist, herrscht Uneinigkeit. Laut FSB ist besagter Chatbot bereits auf der Liste verbotener Seiten, beim Ermittlungskomitee wurde »die Frage der Ergreifung von Maßnahmen zur Sperrung der genannten Website auf die Tagesordnung« gesetzt.
Peinlich für die Ermittler auch: Der angeblich verbotene Chatbot ist auch in den staatlichen Messengern VK und Max zugänglich. Überhastet präsentierte der Staatssender RT dann auch einen Bericht, der die Anwerbung über Telegram zeigen soll. Zu sehen im Clip ist jedoch ein Dialog bei VK.
Viele Länder wollen Telegram sperren
Für Durow und Telegram ist es nicht der erste Konflikt mit einem Staat, was vor allem an der undurchsichtigen Struktur und dem Freiheitsgedanken des Messengers liegt. Diese erlauben es Rechtsradikalen oder Pädophilen, sich ungehindert auszutauschen, helfen in vielen Teilen der Welt aber auch Oppositionellen, die staatliche Zensur zu umgehen.
Bekannt ist, dass die ukrainische Regierung Telegram am liebsten sperren würde, weil hier Kritik geübt wird, die in Medien kaum möglich ist. Auch in Deutschland wird von Zeit zu Zeit ein Telegram-Verbot gefordert, von Politikern und Aktivisten, die keinerlei Verständnis vom Funktionieren des Messengers haben.
Frankreich ging noch einen Schritt weiter und leitete 2024 Ermittlungen gegen Durow, der im Land lebt, ein. Auch hier waren kriminelle und extremistische Inhalte der Grund. Durow durfte zwischenzeitlich Frankreich nicht verlassen.
Damals erhielt Durow noch volle Rückendeckung aus Moskau. Von »politischer Verfolgung« war die Rede. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow fragte, ob man nicht auch die Chefs von Renault oder Citroën verhaften müsste, fahren doch Extremisten und Terroristen auch Auto. Für Außenminister Sergej Lawrow hatte Frankreich mit der Festnahme Durows die Zuverlässigkeit von Telegram bewiesen.
Jahrelanger Konflikt mit der Regierung
In Russland bekommt Durow solche Unterstützung nur äußerst selten von Politikern. Seit Jahren liegt sein Messenger hier mit dem Staat im Clinch. 2018 blockierte die Zensurbehörde Roskomnadsor Telegram, weil der sich weigerte, dem FSB Zugang zu persönlichen Chats der Nutzer zu gewähren. Nach Protesten aus der Wirtschaft, die Milliarden einbüßte, endete die Blockade 2020.
Im März 2025 kündigte die Regierung schließlich den »nationalen Messenger« Max an, zu dessen Nutzung immer mehr Russen gezwungen werden. Telegram ist seit August vergangenen Jahres nur noch mit VPN, einer verschlüsselten Internetverbindung, nutzbar.
In regelmäßigen Abständen wird die Einstufung von Telegram als extremistisch gefordert, womit jede Überweisung an den Messenger zu einem Verbrechen würde. Viele Menschen, die über Telegram ihr Business betreiben, würden damit auch ihre Einnahmequelle verlieren. »Ein Verbot von Telegram ist ein Schlag gegen die Interessen der Zukunft Russlands«, prognostiziert der Journalist Maxim Schewtschenko im Fernsehsender RTVI. Beim Kampf gegen Telegram gehe es nicht um Sicherheit, vielmehr handele es sich um eine Auseinandersetzung verschiedener Gruppen innerhalb des Regierungsapparates. Daran habe er keinerlei Zweifel, so Schewtschenko.
Per Druck zum Dialog
Tatsächlich fallen die Anschuldigungen des FSB in eine Phase des Austausches zwischen Regierung und Messenger über die Deblockierung von Telegram. Im Juni hatte der stellvertretende Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Informationspolitik, Andrej Swinzow, die Aufhebung der Sperre ins Spiel gebracht.
Vor zwei Wochen rief auch der stellvertretende Vorsitzende des Duma-Ausschusses für die Entwicklung der Zivilgesellschaft, Sergej Obuchow, zur Entsperrung Telegrams auf. Man müsse mit Durow reden und »Gemeinsamkeiten« finden, sagte er RTVI. Hintergrund waren neue EU-Sanktionen, in deren Folge Max und VK aus dem App Store und bei Google Play verschwanden.
Am 27. Juli bestätigte Peskow schließlich Kontakte zum Messengerdienst, dessen Vertreter jedoch keine »große Aktivität« zeigten. Gegenüber RTVI bezeichnete Obuchow die jetzige Fahndung als »eine Art Zwang zum Dialog«. »Wir erinnern uns an die Anweisung des Genossen Peskow, dass man in einen Dialog treten müsse. Das bedeutet also, dass die Einleitung eines Strafverfahrens ebenfalls eine Form des Dialogs ist, bei der die Behörden sagen: Vielleicht wirst du doch irgendwie mit uns zusammenarbeiten?«, erklärt Obuchow seine Logik.
Telegram äußerte sich bislang nicht zu den Anschuldigungen, veröffentlichte aber direkt nach Bekanntwerden ein Foto, das Durow mit ausgestrecktem Mittelfinger zeigt. Später änderte Durow sein Profilfoto in seinen sozialen Medien. Dort ist er nun als islamistischer Terrorist zu sehen.
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