Themen
lage

Donnerstag, 16. Juli 2026
Zurück zur Übersicht

Brücken-Einsturz in Genua: Gemischte Gefühle nach Urteil gegen Top-Manager

Medienspektrum

Links Mitte Rechts
16. Juli
Tagesschau

Brücken-Einsturz in Genua: Gemischte Gefühle nach Urteil gegen Top-Manager

Brücken-Einsturz in Genua Gemischte Gefühle nach Urteil gegen Top-Manager Vor acht Jahre stürzte die Morandi-Brücke in Genua zusammen, 43 Menschen starben. Nun ist ist der Ex-Chef des Autobahnbetreibers verurteilt worden. Betroffene sehen das Urteil mit gemischten Gefühlen. Zu zwölf Jahren Haft haben die Richter in Genua den Hauptangeklagten verurteilt. Giovanni Castellucci ist der ehemalige Geschäftsführer von Autostrade per l’Italia, der Firma, die die Morandi-Brücke in Genua betrieben hat. Ihm wird vorgeworfen, von den Mängeln gewusst zu haben und die Arbeiten an dem später eingestürzten Pfeiler verschoben zu haben. Die Staatsanwaltschaft hatte 18 Jahre Haft gefordert. Anwohner findet Urteil zu milde Giuseppe Rodinò blickt mit gemischten Gefühlen auf dieses Urteil: Positiv, weil es endlich ein Urteil gibt. Aber es sei viel zu milde ausgefallen, sagt er. 40 Jahre lang hat Rodinò unter der Morandi-Brücke gewohnt. Als im August vor acht Jahren ein Brückenpfeiler zusammenbricht, ist er gerade zu Hause. Er bekommt mit, wie ein Großteil der Fahrbahn einstürzt und die Autos mitreißt, die gerade auf ihr fahren. Richter verkünden am Gericht in Genua ein Urteil. "So etwas kann man nicht vergessen", sagt er. Tagelang suchen Rettungskräfte mit schwerem Gerät nach Überlebenden in den Trümmern. 43 Menschen sterben an jenem Tag. Die Reste der Brücke ragen lange wie wackelige Zähne aus Stahlbeton in die Höhe. Als klar wird, dass sie gesprengt werden müssen, wird Giuseppe Rodinò klar, dass er nie wieder in sein Zuhause zurückkehren wird. Wie er müssen 700 Menschen nach dem Brückeneinsturz ihre Häuser verlassen. Das Wichtigste können sie zwar mitnehmen, aber vieles wird unter den gesprengten Brückenresten begraben. Vier Jahre bis Prozessbeginn Den Prozess, sagt Giuseppe Rodinò, habe er vor allem mit zwei Gefühlen verfolgt: "Trauer und Wut". Wut vor allem darüber, dass es so lange gedauert habe, bis der Prozess überhaupt angefangen habe. Er startet erst vier Jahre nach dem Unglück. Dann dauert es weitere vier Jahre, bis jetzt endlich ein erstes Urteil gefällt wurde. Einen Tag vor Prozessbeginn hat Autostrade per l’Italia noch einen Entschuldigungsbrief veröffentlicht. Der kam nicht gut an bei Giuseppe Rodino: "Den hätten sie gleich schreiben müssen. So ist es ein bisschen wie vor ein paar Jahren, als die USA sich bei den Ureinwohnern entschuldigt haben, für das, was sie ihnen damals angetan haben." Haftstrafen von insgesamt fast 200 Jahren Der Prozess, sagt Giuseppe Rodinò, war aber wichtig für ihn und andere Opfer. Denn es müsse endlich jemand zur Verantwortung gezogen werden. Insgesamt waren 57 Menschen angeklagt. Überwiegend Führungskräfte von Autostrade per l’Italia aber auch Angestellte des italienischen Infrastrukturministeriums. 25 von ihnen wurden freigesprochen. die anderen zu insgesamt fast 200 Jahren Haft verurteilt. Mit dieser Höhe sind die Richter bei der Hälfte von dem, was die Staatsanwaltschaft gefordert hat. Die Staatsanwaltschaft wirft Autostrade per l’Italia vor, die Brücke nicht richtig gewartet zu haben, um Geld zu sparen und Profit zu machen. Die Verteidigung argumentierte, dass die Schäden an der Brücke versteckte Baumängel waren und gar nicht hätten festgestellt werden können. Urteil wohl noch nicht das Ende Der Prozess warf in den letzten Jahren immer auch ein Schlaglicht auf den maroden Zustand von Italiens Verkehrsinfrastruktur und die fragwürdige Rolle von Autostrade per l‘Italia. Das Urteil heute ist ein erster Schritt in der juristischen Aufarbeitung. Denn es ist davon auszugehen, dass der Prozess in höheren Instanzen noch weitergehen wird.

Artikel lesen
16. Juli
FAZ (Politik)

Brückeneinsturz in Genua: Zwölf Jahre Haft für früheren Chef des Autobahnbetreibers

Brückeneinsturz in Genua : Zwölf Jahre Haft für früheren Chef des Autobahnbetreibers Acht Jahre nach dem Brückeneinsturz in Genua wird der Hauptangeklagte verurteilt. Bei dem Unglück kamen 43 Menschen ums Leben. Knapp acht Jahre nach dem Brückeneinsturz von Genua ist am Donnerstag mehr als die Hälfte der Angeklagten verurteilt worden. Am 14. August 2018 waren beim Einsturz des Viadukts über das breite Flusstal des Polcevera 43 Menschen ums Leben gekommen. Für die insgesamt 57 Angeklagten hatten die Staatsanwälte wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung zusammen rund 400 Jahre Haft gefordert. Insgesamt hat das Gericht 32 Angeklagte schuldig gesprochen. Als Hauptangeklagter wurde der 66 Jahre alte ehemalige Vorstandsvorsitzende des Autobahnbetreibers „Autostrade per l’Italia“ (ASPI), Giovanni Castellucci, am Strafgericht in Genua in erster Instanz schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Auch gegen Beamte des Verkehrsministeriums wurden langjährige Haftstrafen verhängt. Urteil noch nicht rechtskräftig Der Richterspruch ist noch nicht rechtskräftig, da es als sicher gilt, dass es zu weiteren Verfahren vor Berufungsgerichten und in dritter Instanz vor dem Kassationsgericht in Rom kommen wird. Bis dahin könnten viele der den Angeklagten zur Last gelegten Straftaten verjährt sein. Auslöser der Katastrophe vom 14. August 2018 war der Bruch eines Brückenpfeilers. Daraufhin stürzte ein rund 200 Meter langes Fahrbahnstück der Autobahnbrücke in die Tiefe und riss Dutzende Fahrzeuge mit sich. Nach Erkenntnissen der Ermittler waren seit der Fertigstellung der Brücke im Jahr 1967 „nicht einmal minimale Instandhaltungsmaßnahmen ergriffen“ worden, um die Stahlträger innerhalb der Konstruktion aus Spannbeton zu erhalten, zu sanieren und zu verstärken. Die Verteidigung hatte argumentiert, Ursache des Unglücks sei ein Konstruktionsfehler gewesen, weil die fortgesetzte Korrosion des Stahls zur Armierung des Betons nicht habe festgestellt werden können. Giovanni Castellucci sitzt bereits seit April 2025 im Gefängnis. Er wurde 2025 in dritter Instanz rechtskräftig wegen eines Busunglücks auf einer ASPI-Autobahn in der süditalienischen Region Kampanien verurteilt. Bei dem Unfall im Juli 2013 hatte ein Reisebus wegen Bremsversagens eine nicht sachgemäß angebrachte Leitplanke durchbrochen und war von einer Brücke gestürzt. Dabei waren 40 Menschen gestorben. Castelluccis Anwalt hatte in Genua argumentiert, sein wegen des Unfalls von 2013 bereits zu sechs Jahren Haft verurteilter Mandant solle abermals als „Sündenbock“ für systemische Verfehlungen herhalten. Autobahnbetreiber wurde verstaatlicht Das Verfahren gegen zunächst 59 Angeklagte hatte im Juli 2022 begonnen, zwei Angeklagte sind seit Prozessbeginn verstorben. Die Brücke über den Polcevera gehört zur Autobahn 10, die von Genua nach Ventimiglia an der französischen Grenze führt. Hauptaktionär von ASPI war zum Zeitpunkt des Unglücks die Familie Benetton, die nach Erfolgen im Modegeschäft vor allem in Infrastrukturunternehmen investiert hatte. Die 2018 amtierende Regierung unter dem linkspopulistischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte verfügte als Reaktion auf die Katastrophe die Wiederverstaatlichung des Autobahnbetreibers. Im Gegenzug flossen 9,3 Milliarden Euro an die Holding der Benettons. Die nun wieder staatliche ASPI stimmte in einem Vergleich der Zahlung von 63 Millionen Euro an die Hinterbliebenen sowie von 30 Millionen Euro Strafe an den Staat zu. Außerdem übernahm sie die Kosten für den Abriss der Brückenruine und für den Bau der neuen San-Giorgio-Brücke über den Polcevera. Am Vorabend des Urteils in Genua hatte sich Arrigo Giana, der neue ASPI-Vorstandsvorsitzende, in einem offenen Brief erstmals im Namen des Unternehmens entschuldigt. „Es ist unsere moralische Pflicht, uns für das Geschehene zu entschuldigen“, schrieb Giana. Es sei an der Zeit, das Schweigen zu brechen. Giana sagte auch, dass „diese Geste den Schmerz niemals auslöschen wird“. Er verwies darauf, dass das neu aufgestellte Unternehmen nunmehr kompetent und transparent geführt werde. Die Vorsitzende des Hinterbliebenenkomitees, Egle Possetti, bezeichnete das Schreiben Gianas, der im April 2025 zum ASPI-Vorstandschef berufen wurde, als „verspätet und unangemessen“. Possetti hatte bei dem Unglück ihre Schwester, deren Kinder sowie ihren Schwager verloren. In dem Prozess trat sie als Nebenklägerin auf. Die Zahlung von 9,3 Milliarden Euro an die Benetton-Holding im Zuge der Wiederverstaatlichung der ASPI bezeichnete Possetti als „die größte Schande, die Italien jemals gesehen hat“.

Artikel lesen
16. Juli
Tagesschau

Urteil zum Einsturz der Morandi-Brücke in Genua erwartet

Urteil in Italien erwartet Wer ist Schuld am Einsturz der Morandi-Brücke? Im August 2018 stürzte in Genua die Morandi-Brücke ein. Die Bilder davon sorgten weltweit für Entsetzen. Wer ist verantwortlich für das Unglück, bei dem 43 Menschen starben? Heute soll in erster Instanz ein Urteil fallen. Genua, 14. August 2018, 11:36 Uhr. Es stürmt, es gewittert, es regnet in Strömen. Ein grüner Kleinlaster fährt auf die Morandi-Brücke, Richtung Innenstadt. Ein anderes Auto überholt ihn, schert vor ihm ein, der Fahrer des Kleinlasters bremst. Plötzlich ist das Auto weg, in die Tiefe gestürzt, zusammen mit einem Teil der Brücke. In italienischen Medien werden später Videos von Augenzeugen kursieren, die nicht glauben können, was sie da filmen. Der Fahrer des Kleinlasters (links im Bild - am Rand des Brückenrests) konnte sich zu Fuß in Sicherheit bringen (Foto vom 14.08.2018). "Er hat geschrien: lauft!" Der Fahrer des Kleinlasters fährt ein paar Meter rückwärts, springt aus dem Wagen, flüchtet zu Fuß - in Sicherheit. Sein grüner Kleinlaster bleibt auf dem Brückenrest stehen, noch tagelang. Er wird zum Symbol des Einsturzes. Dieser Fahrer ist nicht der Einzige, der sich retten kann - auch andere Menschen auf der Brücke kommen mit dem Schrecken davon und berichten darüber später Zeitungen und Fernsehsendern aus aller Welt. "Wir haben versucht, rückwärts zu fahren, ich war schon 600 Meter weit auf der Brücke", berichtet eine Frau. "Und dann habe ich einen Typen gesehen, der viel intelligenter und geistesgegenwärtiger war als ich: Er ist aus dem Auto ausgestiegen und hat geschrien: lauft!" Alle hätten dann ihre Autos stehen gelassen und seien losgerannt, erzählt sie. Ex-Fußball-Profi überlebt Sturz nahezu unverletzt Ich bin nach Genua gefahren, und als ich über die Brücke bin, habe ich plötzlich gesehen, dass sie vor mir zusammenbricht. Und auch mein Auto und ich sind nach unten gestürzt. Ich bin dann mit dem Auto an einem Pfeiler hängen geblieben, ich weiß es nicht genau. Deshalb bin ich nicht nach ganz unten gefallen. Davide Capello, ehemaliger Profi-Fußballer, überlebt den Sturz Dutzende Meter in die Tiefe so gut wie unverletzt. Andere haben weniger Glück: Insgesamt 43 Menschen sterben. Brücke ins Nichts: So ragten die Überreste der Ponte Morandi nach dem Einsturz in die Landschaft (Foto vom 15.08.2018). "Es wäre ein einziges Grab geworden" Tagelang suchen Rettungskräfte mit schwerem Gerät nach Überlebenden in den Trümmern. Und: Unter dem einsturzgefährdeten Brückenrest stehen Häuser - Häuser, die die Bewohner dann verlassen müssen, sie können dort nicht mehr wohnen. Giuseppe Rodinò war einer von ihnen. Er erinnerte sich einige Zeit nach dem Unglück an das Warten, die Unsicherheit. An das schlechte Gewissen, sich entwurzelt, als Opfer zu fühlen, während doch andere Menschen gestorben waren, Angehörige oder Freunde verloren hatten. Und an das Wissen, wie knapp sie am Tod vorbeigeschrammt waren: Der einzige Brückenbogen über dem Fluss ist zusammengebrochen. Und das war ein sehr, sehr großes Glück für uns - leider nicht für die, die gestorben sind. Wenn die Schrägseile über unseren Häusern gebrochen wären - die waren nur 30 Meter entfernt von der Stelle, an der die Brücke zusammengebrochen ist - dann wäre alles auf unsere Häuser gestürzt. Es wäre ein einziges Grab geworden. 2020 wurde die neue San-Giorgio-Brücke in Genua fertiggestellt - sie wurde in nur knapp zwei Jahren entworfen und gebaut. Neue Brücke in Rekordzeit entstanden Der Einsturz der Morandi-Brücke hat Genua, hat Italien tief getroffen. Nicht umsonst wurde in Rekordzeit eine neue Brücke gebaut: Nur knapp zwei Jahre hat das gedauert, bei der Planung und beim Bau wurde geltendes Recht außer Kraft gesetzt. Das Brückenprojekt sollte ein Symbol werden für das Wiederauferstehen Italiens. Eine Frage bleibt: Wer trägt die Schuld an diesem Unglück, an dem Tod der 43 Menschen? 57 Angeklagte stehen vor Gericht, die meisten der Hauptangeklagten haben für die Betreibergesellschaft der Brücke, die Autostrade per l‘Italia, gearbeitet. Aber auch einem Angestellten des Infrastruktur-Ministeriums droht eine langjährige Haftstrafe. Rund acht Jahre nach dem Einsturz soll jetzt das Urteil in erster Instanz fallen. Doch die Aufarbeitung dürfte damit nicht zu Ende sein. Es gilt als sicher, dass sich dieser Prozess durch alle Instanzen ziehen wird.

Artikel lesen
© 2026 Themenlage