18. Juli Süddeutsche Zeitung
Fußball-WM: 6:4 in Miami – England gewinnt Bronze in einem wilden Match
Thomas Tuchels Engländer haben sich nach einem wahren Offensivspektakel mit viel Glück ihr bestes WM-Ergebnis seit dem Titelgewinn vor 60 Jahren gesichert. Im Spiel um Platz drei gegen Frankreich dominierte das Team des deutschen Trainers lange Zeit, gab aber fast noch eine Vier-Tore-Führung aus der Hand: Am Ende rettete sich England nach einer verrückten Schlussphase durch ein 6:4 (4:0) über die Ziellinie. Frankreich bewies Moral zum Ende der Ära ihres Trainers Didier Deschamps.
Declan Rice (3.), Ezri Konsa (18.) und Bukayo Saka (37., 45.+1) sorgten für ein Novum in der Historie Frankreichs. Nie zuvor hatte die stolze Fußballnation bei einem WM-Spiel vier Gegentreffer in nur einer Halbzeit kassiert. Nach der Pause veränderte sich das Spiel: Kylian Mbappé (48., 66.) sowie Bradley Barcola (54.) verkürzten. Mit jetzt 22 WM-Toren löste Mbappé Lionel Messi als WM-Rekordschütze ab. Er führt nun auch vor dem Finale die WM-Torjägerliste mit zehn zu acht Toren vor dem Argentinier an. Saka erhöhte per Foulelfmeter mit seinem dritten Treffer des Spiels (87.), Ousmane Dembélé verkürzte noch einmal (90.+6), ehe der eingewechselte Jude Bellingham für die Entscheidung sorgte (90.+8).
„Massives Kompliment für die Mentalität“, sagte Tuchel: „Das war absolut brillant. Wenn du siehst, wie diese Mannschaft kämpft, gibt das Energie“, sagte der 52-Jährige. „Es war ein verrücktes Spiel“, sagte der dreifache Torschütze Bukayo Saka. „Nach wie vor sind wir enttäuscht, dass wir nicht das Finale erreicht haben. Aber wir haben einen guten Abschluss erzielt.“
Didier Deschamps verabschiedete sich trotz der Niederlage in seinem letzten Spiel als gefühlter Sieger. „Es war ein wunderschönes Erlebnis, ein Abenteuer mit dieser Mannschaft, mit der wir acht Wochen zusammen verbracht haben“, sagte der französische Nationaltrainer. „Das ist die WM. Es ist wunderschön, es gibt nichts Schöneres.“
Sein Kapitän Kylian Mbappé fand die Niederlage „für den Trainer sehr schade“. Denn: „Wir wollten für ihn das Spiel gewinnen, ihm ein Geschenk machen“, sagte der 27-Jährige: „Aber leider hatte man in der ersten Halbzeit das Gefühl, dass wir ihn enttäuscht haben. Wir wollten ihm danke sagen, für alles, was er gemacht hat, aber dieses Spiel wird die Legende von Didier Deschamps nicht beschädigen.“
Trotz des Erfolgs wird Tuchel abermals unangenehme Fragen beantworten müssen. Bereits im Halbfinale gegen Argentinien hatte England nach einer Führung nachgelassen. Im Duell mit Frankreich genügte selbst ein 4:0 zur Halbzeit nicht für ein souveränes Ende. Vor dem Anpfiff bekam Tuchel einen Einblick, wie die Stimmung aktuell in England ist. Als am Ende der Verlesung der Mannschaftsaufstellung der Schwabe auf der Anzeigetafel eingeblendet wurde, waren zahlreiche Buhrufe deutlich vernehmbar.
Dabei stimmten in einem Spiel, das laut Tuchel „niemand spielen wollte“, zunächst Einsatz und Moral. Auch ohne Jude Bellingham und Harry Kane, die zunächst auf der Bank saßen, gaben die Engländer das Tempo vor. Rice durfte bei seinem Treffer ungehindert durchs Mittelfeld spazieren, gegen seinen platzierten Schlenzer war Frankreichs Torhüter Mike Maignan chancenlos.
Deschamps blickte in der Seitenlinie finster. Der Weltmeistertrainer von 2018 hört nach diesem Turnier auf, Zinedine Zidane steht bereits als Nachfolger in den Startlöchern. „Die französische Nationalmannschaft wird mir fehlen“, hatte Deschamps wehmütig vor dem Spiel gesagt: „Ich hatte das Privileg, 14 Jahre lang magische, aber auch schwierige Momente zu erleben.“ 2022 hatte er das WM-Finale gegen Lionel Messis Argentinier verloren, in diesem Jahr galten die Franzosen als Top-Favorit.
Doch im Halbfinale wurden sie vom sehr effizienten Europameister Spanien jäh gestoppt. Das Spiel um Platz drei sei dennoch wichtig, sagte Deschamps: „Wenn man für Frankreich spielt, hat man Pflichten. Wir werden alles tun, damit dieses Spiel gut verläuft.“
Davon war bei schwierigen äußeren Bedingungen mit hohen Temperaturen und extremer Luftfeuchtigkeit zunächst nichts zu sehen. Die Anfangsphase gehörte klar den Engländern, die sich schnell mit dem zweiten Treffer belohnten. Diesmal war Konsa nach einer Ecke von Rice erfolgreich.
Die Franzosen, die immerhin mit Mbappé und Michael Olise gestartet waren, wirkten völlig ratlos. Mbappé strahlte zwar etwas Gefahr aus, verweigerte aber die Defensivarbeit. Nach einem Ballverlust des Kapitäns veredelte Saka einen Konter und traf unmittelbar vor der Pause erneut.
Deschamps reagierte mit vier Wechseln auf die desolate Leistung und rüttelte sein Team damit wach. Mbappé und Barcola ließen Frankreich auf eine irre Aufholjagd hoffen.
England taumelte, fand kaum noch Entlastung und beschränkte sich wie im Halbfinale nur auf die Defensive. Entlastung fand Tuchels Team kaum noch. Michael Olise hatte die größte Chance zum 4:4, doch der Spieler des FC Bayern schoss aus bester Position neben das Tor. Sakas Elfmetertreffer, sein drittes Tor des Tages, schien die Entscheidung zu sein – aber sogar darauf hatte Frankreich nochmal durch Dembélé eine Antwort. Erst Bellingham sichert England die Bronzemedaille.