13. Juli Die Welt (Politik)
„Kann gut sein, dass Putin eines Tages aus dem Fenster springt“, sagt Estlands Außenminister
„Kann gut sein, dass Putin eines Tages aus dem Fenster springt“, sagt Estlands Außenminister
Estlands Außenminister schätzt Wladimir Putin als Kremlchef mit schwindendem Rückhalt ein. Die Gespräche zwischen Washington und Moskau hält Margus Tsahkna zudem für gescheitert. Für Putin sieht er deshalb nur zwei Optionen.
Estlands Außenminister Margus Tsahkna sieht Kremlchef Wladimir Putin zunehmend in der Defensive und hält auch ein abruptes Ende von dessen Präsidentschaft für möglich.
Aus seiner Sicht blieben Putin nur zwei Optionen: ernsthafte Verhandlungen über ein Kriegsende oder: „Es kann aber genauso gut sein, dass er eines Tages gemeinsam mit seiner Familie aus dem Fenster springt“, sagte Tsahkna dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „So etwas kommt in Russland schließlich vor.“
Die Alternative dazu knüpfte der estnische Chefdiplomat an eine Bedingung: „Putin könnte seine Ziele ändern und ernsthafte Verhandlungen aufnehmen – wenn er rational handelt.“
Den wachsenden Druck auf den Kreml führt Tsahkna auf die westlichen Sanktionen und die ukrainischen Angriffe tief im russischen Hinterland zurück, die zuletzt Raffinerien und Infrastruktur trafen. „Zum ersten Mal sehen wir deutlich, dass unsere Strategie wirkt“, sagte er. Die russische Wirtschaft stehe unter Druck, der Krieg sei in Russland selbst angekommen: „Mittlerweile spürt jeder Russe, dass dieser Krieg nicht irgendwo weit entfernt stattfindet, sondern das eigene Land erreicht hat.“
Auch im Umfeld des Präsidenten nähmen die Spannungen zu. „Selbst im Kreis der Oligarchen zweifeln mehr und mehr an Putins Krieg“, so Tsahkna. „Viele, die vor einem Jahr noch von einem Sieg gesprochen haben, glauben inzwischen nicht mehr daran.“
Tsahknas Fenster-Vergleich zielt auf eine Serie ungeklärter Todesfälle: Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine kamen mehrere russische Manager und Kremlkritiker bei Stürzen aus Fenstern ums Leben. Die Umstände blieben in den meisten Fällen ungeklärt.
Warnungen vor einem unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff auf Nato-Gebiet wies der Este dagegen zurück. „Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass Russland derzeit einen größeren Angriff vorbereitet“, sagte er dem RND. „Dafür fehlen Russland die Kräfte.“ Damit widerspricht Tsahkna dem Chef des polnischen Auslandsgeheimdienstes, Pawel Szota, der zuletzt einen russischen Überfall auf Polen schon in den kommenden Wochen oder Monaten für möglich gehalten hatte. Russland bleibe aber ein gefährlicher Nachbar, betonte Tsahkna, Provokationen seien jederzeit möglich.
„Nicht die Zeit, Putin mit Scheingesprächen die Hand zu reichen“
Von US-Präsident Donald Trump erwartet der estnische Außenminister nichts mehr: Die Gespräche zwischen Washington und Moskau seien „faktisch gescheitert“. Stattdessen verlangt er ein selbstbewussteres Auftreten der Europäer. Es sei „nicht die Zeit, Putin mit Scheingesprächen die Hand zu reichen. Jetzt brauchen wir strategische Geduld und mehr Druck“.
In der EU ist weiter umstritten, ob Europa direkte Gespräche mit Moskau aufnehmen soll. Estland lehnt das ab und warnt, die EU liefe damit Gefahr, in die Rolle eines neutralen Vermittlers gedrängt zu werden. In Russland selbst hat sich zuletzt auch die Sprache verändert: Der Kreml spricht inzwischen von „Krieg“ statt von einer „militärischen Spezialoperation“.
In Paris kommt heute die sogenannte Koalition der Willigen in Paris zu Beratungen zusammen. Bei den Gesprächen der von Frankreich und Großbritannien angeführten Koalition zur Absicherung eines möglichen Waffenstillstands oder Friedens zwischen Russland und der Ukraine soll es nach Angaben von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron unter anderem um das Thema Raketenabwehr und mögliche gemeinsame Manöver gehen. Die Bundesregierung hat die Teilnahme von Kanzler Friedrich Merz (CDU) bestätigt.