16. August Süddeutsche Zeitung
Speerwurf-Gold für Julian Weber: Im letzten Wurf passt endlich alles
Julian Weber fasste sich kurz an die Wangen, lächelte, dann sagte er: „Mein Kiefer tut echt weh, ich habe so viel rumgeschrien. Das musste alles raus. Da hat sich so viel über die Monate angestaut, das war die schwerste Vorbereitung, die ich je hatte.“
Die schwerste Vorbereitung, die der 31-jährige Speerwerfer je hatte, mündete nun in seinen größten Erfolg – zusammen mit dem EM-Titel von München 2022. Denn Weber hatte in Birmingham wieder Gold bei einer Europameisterschaft gewonnen, mit einer herausragenden Weite, die ihm erst im letzten Versuch geglückt war. 90,40 Meter leuchteten auf der Anzeigetafel auf, mit denen sich Weber gegen seinen Teamkollegen Nick Thumm durchsetzte. Der 21-jährige Stuttgarter hatte Weber erst im fünften Versuch mit 83,76 Metern überboten, eine neue persönliche Bestleistung.
Nicht selten war Weber als Favorit in ein großes Werfen gegangen. 2021 bei den Sommerspielen in Tokio wurde er jedoch nur Vierter, bei der WM 2022 in Eugene auch, bei der WM 2023 in Budapest wieder. Bei den Sommerspielen 2024 in Paris sprang Rang sechs für ihn heraus, bei der WM 2025 Platz fünf. „Mir wurde mit den vierten Plätzen oft das Mentale vorgeworfen, aber das Mentale war noch nie mein Problem – eher das Körperliche oder andere Sachen.“
Vielleicht steht Weber in dieser Hinsicht auch ein wenig für die gesamte deutsche Leichtathletik, die erst seit Kurzem wieder aufblüht und – von einigen Ausnahmen abgesehen – schwere, nicht wirklich erfolgreiche Jahre hinter sich hat. Er war immer wieder nah dran an der Weltspitze, aber hineingeschafft hat er es dann aus diversen Gründen nie so wirklich.
In Wattenscheid gewann Weber seinen sechsten deutschen Meistertitel – 82,60 Meter waren aber eher mäßig
Webers Geschichte erzählt jedenfalls von vielen Verletzungen, Entbehrungen und davon, oft Pech gehabt zu haben, wenn es um alles ging. Eine Tendinopathie hielt ihn immer wieder davon ab, regelmäßig zu trainieren, die schmerzhafte Erkrankung der Achillessehne wollte einfach nicht besser werden. Zudem hatte er Rückenprobleme, Schulterprobleme. Vor der EM sagte er: „Es war einfach immer irgendwas, das mich ausgebremst hat. Klar, Speerwurf ist eine belastende Disziplin.“
Er machte viel Rehatraining, tastete sich ganz langsam wieder heran, Vollbelastung war nicht möglich. Im Juli in Luzern warf er den Speer dann mit 87,04 Metern plötzlich so weit wie kein Europäer zuvor in diesem Jahr. Fit war er trotzdem nicht, voll trainieren konnte er daher auch nicht, auch deshalb war er in Birmingham so überrascht von seiner Weite. Vor der EM hatte er noch gesagt: „Eigentlich fehlen mir viele Würfe, schweres Gewichtheben, Sprintsprünge.“
Vor drei Wochen in Wattenscheid gewann Weber zwar seinen sechsten DM-Titel in Serie, aber seine Weite von 82,60 Metern war eher mäßig, wieder ein Rückschritt. Die Verletzungszeit sei nicht einfach gewesen, sagt Weber: „Man ist wie ein Tiger im Käfig, will endlich raus und spielen. Ich habe so hart trainiert und kann es einfach die ganze Zeit nicht zeigen“. Eine Medaille wollte er bei der EM trotzdem erreichen. Thumm, der in Stuttgart unter seinem eigenen Vater trainiert, habe ihn dann mit seinem starken fünften Versuch „ein bisschen aufgeweckt“.
Birmingham machte es Weber aber auch nicht einfach. Wieder stand zu befürchten, dass er einen großen Titel oder zumindest eine Medaille verpasst. Der Anlauf sei „unfassbar schwierig“ gewesen, schilderte Weber: „Es geht erst ein bisschen hoch, dann geht’s wieder runter, dann geradeaus. Das hat es nicht einfacher gemacht mit der Achillessehne.“ Doch dann kam der letzte Wurf, und Weber lieferte. Später sagte er: „Das ist der Wurf, nach dem mir der größte Stein vom Herzen gefallen ist und das geilste Feeling, das ich bisher hatte bei einem Wettkampf.“ Und das unter den Augen seiner Eltern und seiner Verlobten.
Thumm war zufrieden, auch wenn er nach dem mental und körperlich extrem zehrenden Wettkampf überhaupt kein Gefühl mehr hatte. Weber musste dem am Boden liegenden Thumm nach dessen letztem Versuch aufhelfen, später sagte der Silbergewinner fix und fertig: „Ich kann fast nicht mehr laufen, ich habe Krämpfe überall.“
Dafür haben Weber und Thumm mit ihrem Doppelsieg für die Medaillen Nummer 13 und 14 bei den Europameisterschaften in Birmingham gesorgt. Die Ausbeute für den Deutschen Leichtathletik-Verband ist wesentlich besser als in Rom bei der jüngsten EM, was auch Weber herausstellte, als er über das Speerwerfen hinaus blickte: „Die deutsche Leichtathletik ist geil, wir sind unfassbar stark und es kommt so viel Gutes hinterher. Man sieht es auch im Laufbereich, wie stark wir dort geworden sind. Ich hoffe, das wird auch so wahrgenommen.“
Außer den Speerwerfern, wie Olympiasieger Thomas Röhler und Weltmeister Johannes Vetter, und Weitspringerin Malaika Mihambo gab es lange Zeit gefühlt nicht viel, was dem DLV Hoffnung machte. Inzwischen, sagte Weber, „tut es auch ganz gut, zu wissen, dass die Medaillenlast nicht nur auf einem selbst liegt“. Er freue sich jedenfalls auf die nächsten Jahre und werde bis Ende 2028 alles geben – und sei es im allerletzten Versuch.