CSD in Berlin: Wir müssen zusammenrücken
CSD in Berlin: Wir müssen zusammenrücken
Endlich mal vom eigenen Truck herunterwinken: Für unsere Autorin ist der Berliner CSD wie Weihnachten. Dann nahm das Fest ein schreckliches Ende.
Die CSD-Saison ist für mich, was für andere Weihnachten ist: Alle Verwandten kommen friedlich zusammen, egal wie man den Rest des Jahres sich politisch versteht. Und nun das: Gegen 22.15 Uhr fand der 48. Berliner CSD ein jähes Ende. Ein 21 Jahre alter polizeibekannter Mann, er wird der islamistischen Szene zugerechnet, fuhr mit einem weißen Transporter in den Tiergarten und verletzte 16 Personen, drei davon lebensbedrohlich. Eine Frau starb.
Seit fast 20 Jahren renne ich aus Überzeugung zu jedem CSD, den ich erreichen kann: Magdeburg, Berlin, Köln, Toronto, sogar zu der World Pride in Sydney 2023, und zum 50-jährigen Jubiläum der Stonewall Riots 2019 in New York tanzte ich durch die amerikanischen Straßen. Aber auf einen CSD-Truck habe ich es in all den Jahren nie geschafft. Im Gegensatz zu den riesigen Prides in Nordamerika und Down Under kann man in Berlin beherzt ohne Anmeldung zwischen den vorbeiziehenden Wagen feiern. Niemand muss sich einer Gruppe zuordnen und kann im bunten Treiben zwischen dem eigenen Musikgeschmack und der politischen Meinung dahinmäandern.
Ich wusste nie, für welchen Wagen ich mich committen sollte. Was passt am besten zu mir? Parteien? Nein. Banken, Verwaltung, Kirche oder ausbeuterische Großunternehmen, wie Vodafone, Telekom, Lieferando und Zalando? Ausgeschlossen. Dann eher der Tierschutzverein für Berlin. Nur, wo sind eigentlich die vielen queeren Vereine und Initiativen der Szene? Lambda, Mann-O-Meter, LesMigras, LesLeFam, Rut, Keshet, die Bären und Fetischleute?
Einige wie das Beratungs- und Informationszentrum Mann-O-Meter haben es immerhin auf eine Fußgruppe gebracht. Etablierte Strukturen, wie die Schwulenberatung, die Berliner Aidshilfe gemeinsam mit der Berliner Sparkasse und der queere Sportverein Vorspiel zusammen mit der Deutschen Bank, schaffen es – auch dank kommerzieller Kooperationen – so einen Supertruck zu stemmen.
Den Massen zuwinken
Und nun legt endlich die taz nach und hat in diesem Jahr einen eigenen Wagen auf dem Berliner CSD. Wie ist es also, von oben auf die Massen herunterzuwinken?
Schon am Morgen wartete in der taz Kantine „gute Musik und schöne Fingernägel“. Da verspricht der Tag noch Leichtigkeit und Spaß. Ich radele nach einer durchtanzten Dyke*-March-Nacht aufgestylt und fröhlich gegen 11 Uhr zum taz Café. Kaum sitze ich etwas verloren zwischen mir unbekannten Gesichtern, meint eine Frau zu ihrer Partnerin: „Ich bin auf jeden Fall vorbereitet. Ich habe Pfefferspray eingesteckt, falls es auf dem Rückweg heute Abend Probleme geben sollte.“
Dieser Satz kam mir am Morgen noch sehr unrealistisch und überängstlich vor. Also drehe ich mich mit hochgezogenen Augenbrauen um, und so komme ich mit den drei Frauen – Generation Ü50 – ins Gespräch. Wir reden über Rechtsruck, die AfD und die Wahlen in Sachsen-Anhalt. Wir überlegen, wie wir der spürbaren Veränderung im Land etwas entgegenhalten können und finden kaum Antworten.
Dann geht es zum großen CSD. Nach viel Getanze, lauter Musik und einem langen Marsch vom Potsdamer Platz aus, erreiche ich gegen 17 Uhr kurz vor der Kurfürstenstraßen endlich den taz-Wagen. Da läuft jemand mit einem Schild „Vulven gegen Weidel“ freudestrahlend vorbei. Daneben entdecke ich „Men of quality don’t fear Equality“. Schön, dass wir uns hier einig waren.
Der taz-Wagen hat keine 120.000 Euro gekostet, wie ihn sich der Regierende Bürgermeister Kai Wegner mit der Senatskanzlei leistet, sondern ist ein klassischer Demo-„Lauti“ für weniger als ein Zehntel des Kanzleipreises. Heißt konkret: Ein kleiner Lkw mit leistungsstarker Lautsprecheranlage und maximal 15 Leuten, die draufsteigen dürfen. Der Tag ist durchgeplant: DJs, Speaker:innen, und wo bleiben eigentlich die vielen queeren Redakteur:innen? Organisiert wird das Ganze von der taz-Genossenschaft und der Marketingabteilung.
Über 80 Wagen und rund 50 Fußgruppen laufen friedlich feiernd zur traditionellen Abschlusskundgebung ans Brandenburger Tor, wo sogar gleich mehrere Bühnen warteten. Hunderttausende Menschen gingen unter dem Motto: „Haltung ist hot“ bei dieser 48. Auflage des Berliner CSD auf die Straße. Touris pilgerten wegen des CSD zahlreich nach Berlin.
„Bildet Banden!“
Kim Naomi, Influencerin
Kaum habe ich es auf den taz-Lauti geschafft, fordert die Schauspielerin und Drag-Queen Lilly Alexander: „Bezahlt trans Frauen fair!“ Sie spricht über Jobprobleme und Wohnungslosigkeit von Transfrauen. Im Anschluss ruft Influencerin Kim Naomi: „Lasst uns über Ländergrenzen schauen, wo es ums Überleben geht. Seid laut, trinkt, aber vergesst nicht, dass dies ein Protest ist … Und wenn der Tag vorbei ist, bildet Banden!“
Die Kollegin aus der taz-Eventabteilung verteilt Papierfähnchen mit „Antihomophobe Aktion“ – und Kids, sporty Gays, angry Butches und Partypeople greifen ekstatisch danach, während Social-Media-Experte Jess Aicher verkündet: „Ich habe Angst, wegen meiner Geschlechtsidentität nie wieder einen Job bekommen.“ Klimawandel, Wohnraum, ein Gehalt, dass zum Leben reicht und Geschlechtsidentität sind Themen auf dem taz-Wagen.
Tagsüber auf dem Lauti denke ich: „Egal wie scheiße alles ist, in mir drin ist Hoffnung! Weil ich ‚ich‘ sein darf… weil ich noch nie so glücklich war!“ Und nachts, auf dem Weg nach Hause, während ständig Polizei an uns vorbeifährt und die Eilmeldungen über den Anschlag übers Smartphone laufen, bricht diese Hoffnung zusammen.
Der Kanzler entdeckt seine Solidarität
Der Regierende Kai Wagner hat es dann nur für einen kurzen Moment auf seinen überteuerten Wagen geschafft, aber nachts, nach dem Anschlag, verkündete er sogleich: „Berlin ist die Stadt der Freiheit und unsere Freiheit ist heute aufs Schrecklichste angegriffen worden“. Selbst Kanzler Friedrich Merz, der seine Absage ans Hissen der CSD-Fahne über dem Reichstagsgebäude vor nicht langer Zeit mit „das ist kein Zirkuszelt“ kommentiert, ist schockiert von dieser „abscheulichen Tat“.
Es braucht definitiv mehr linke und alternative Sichtbarkeit auf diesem durchkommerzialisierten Event der Superlative. Aber wie wichtig die Sichtbarkeit von LGBTIQ* ist, zeigt das schreckliche Ende dieses Abends einmal mehr: Wir müssen alle dringend ein bisschen mehr zusammenrücken – und zwar weit über die Community hinaus. Damit wir auch in Zukunft laut zu Aretha Franklins „Freedom“ mitsingen können.
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