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Sonntag, 26. Juli 2026
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CSD in Berlin: Wir müssen zusammenrücken

Medienspektrum

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26. Juli
taz (Öko & Co)

CSD in Berlin: Wir müssen zusammenrücken

CSD in Berlin: Wir müssen zusammenrücken Endlich mal vom eigenen Truck herunterwinken: Für unsere Autorin ist der Berliner CSD wie Weihnachten. Dann nahm das Fest ein schreckliches Ende. Die CSD-Saison ist für mich, was für andere Weihnachten ist: Alle Verwandten kommen friedlich zusammen, egal wie man den Rest des Jahres sich politisch versteht. Und nun das: Gegen 22.15 Uhr fand der 48. Berliner CSD ein jähes Ende. Ein 21 Jahre alter polizeibekannter Mann, er wird der islamistischen Szene zugerechnet, fuhr mit einem weißen Transporter in den Tiergarten und verletzte 16 Personen, drei davon lebensbedrohlich. Eine Frau starb. Seit fast 20 Jahren renne ich aus Überzeugung zu jedem CSD, den ich erreichen kann: Magdeburg, Berlin, Köln, Toronto, sogar zu der World Pride in Sydney 2023, und zum 50-jährigen Jubiläum der Stonewall Riots 2019 in New York tanzte ich durch die amerikanischen Straßen. Aber auf einen CSD-Truck habe ich es in all den Jahren nie geschafft. Im Gegensatz zu den riesigen Prides in Nordamerika und Down Under kann man in Berlin beherzt ohne Anmeldung zwischen den vorbeiziehenden Wagen feiern. Niemand muss sich einer Gruppe zuordnen und kann im bunten Treiben zwischen dem eigenen Musikgeschmack und der politischen Meinung dahinmäandern. Ich wusste nie, für welchen Wagen ich mich committen sollte. Was passt am besten zu mir? Parteien? Nein. Banken, Verwaltung, Kirche oder ausbeuterische Großunternehmen, wie Vodafone, Telekom, Lieferando und Zalando? Ausgeschlossen. Dann eher der Tierschutzverein für Berlin. Nur, wo sind eigentlich die vielen queeren Vereine und Initiativen der Szene? Lambda, Mann-O-Meter, LesMigras, LesLeFam, Rut, Keshet, die Bären und Fetischleute? Einige wie das Beratungs- und Informationszentrum Mann-O-Meter haben es immerhin auf eine Fußgruppe gebracht. Etablierte Strukturen, wie die Schwulenberatung, die Berliner Aidshilfe gemeinsam mit der Berliner Sparkasse und der queere Sportverein Vorspiel zusammen mit der Deutschen Bank, schaffen es – auch dank kommerzieller Kooperationen – so einen Supertruck zu stemmen. Den Massen zuwinken Und nun legt endlich die taz nach und hat in diesem Jahr einen eigenen Wagen auf dem Berliner CSD. Wie ist es also, von oben auf die Massen herunterzuwinken? Schon am Morgen wartete in der taz Kantine „gute Musik und schöne Fingernägel“. Da verspricht der Tag noch Leichtigkeit und Spaß. Ich radele nach einer durchtanzten Dyke*-March-Nacht aufgestylt und fröhlich gegen 11 Uhr zum taz Café. Kaum sitze ich etwas verloren zwischen mir unbekannten Gesichtern, meint eine Frau zu ihrer Partnerin: „Ich bin auf jeden Fall vorbereitet. Ich habe Pfefferspray eingesteckt, falls es auf dem Rückweg heute Abend Probleme geben sollte.“ Dieser Satz kam mir am Morgen noch sehr unrealistisch und überängstlich vor. Also drehe ich mich mit hochgezogenen Augenbrauen um, und so komme ich mit den drei Frauen – Generation Ü50 – ins Gespräch. Wir reden über Rechtsruck, die AfD und die Wahlen in Sachsen-Anhalt. Wir überlegen, wie wir der spürbaren Veränderung im Land etwas entgegenhalten können und finden kaum Antworten. Dann geht es zum großen CSD. Nach viel Getanze, lauter Musik und einem langen Marsch vom Potsdamer Platz aus, erreiche ich gegen 17 Uhr kurz vor der Kurfürstenstraßen endlich den taz-Wagen. Da läuft jemand mit einem Schild „Vulven gegen Weidel“ freudestrahlend vorbei. Daneben entdecke ich „Men of quality don’t fear Equality“. Schön, dass wir uns hier einig waren. Der taz-Wagen hat keine 120.000 Euro gekostet, wie ihn sich der Regierende Bürgermeister Kai Wegner mit der Senatskanzlei leistet, sondern ist ein klassischer Demo-„Lauti“ für weniger als ein Zehntel des Kanzleipreises. Heißt konkret: Ein kleiner Lkw mit leistungsstarker Lautsprecheranlage und maximal 15 Leuten, die draufsteigen dürfen. Der Tag ist durchgeplant: DJs, Speaker:innen, und wo bleiben eigentlich die vielen queeren Redakteur:innen? Organisiert wird das Ganze von der taz-Genossenschaft und der Marketingabteilung. Über 80 Wagen und rund 50 Fußgruppen laufen friedlich feiernd zur traditionellen Abschlusskundgebung ans Brandenburger Tor, wo sogar gleich mehrere Bühnen warteten. Hunderttausende Menschen gingen unter dem Motto: „Haltung ist hot“ bei dieser 48. Auflage des Berliner CSD auf die Straße. Touris pilgerten wegen des CSD zahlreich nach Berlin. „Bildet Banden!“ Kim Naomi, Influencerin Kaum habe ich es auf den taz-Lauti geschafft, fordert die Schauspielerin und Drag-Queen Lilly Alexander: „Bezahlt trans Frauen fair!“ Sie spricht über Jobprobleme und Wohnungslosigkeit von Transfrauen. Im Anschluss ruft Influencerin Kim Naomi: „Lasst uns über Ländergrenzen schauen, wo es ums Überleben geht. Seid laut, trinkt, aber vergesst nicht, dass dies ein Protest ist … Und wenn der Tag vorbei ist, bildet Banden!“ Die Kollegin aus der taz-Eventabteilung verteilt Papierfähnchen mit „Antihomophobe Aktion“ – und Kids, sporty Gays, angry Butches und Partypeople greifen ekstatisch danach, während Social-Media-Experte Jess Aicher verkündet: „Ich habe Angst, wegen meiner Geschlechtsidentität nie wieder einen Job bekommen.“ Klimawandel, Wohnraum, ein Gehalt, dass zum Leben reicht und Geschlechtsidentität sind Themen auf dem taz-Wagen. Tagsüber auf dem Lauti denke ich: „Egal wie scheiße alles ist, in mir drin ist Hoffnung! Weil ich ‚ich‘ sein darf… weil ich noch nie so glücklich war!“ Und nachts, auf dem Weg nach Hause, während ständig Polizei an uns vorbeifährt und die Eilmeldungen über den Anschlag übers Smartphone laufen, bricht diese Hoffnung zusammen. Der Kanzler entdeckt seine Solidarität Der Regierende Kai Wagner hat es dann nur für einen kurzen Moment auf seinen überteuerten Wagen geschafft, aber nachts, nach dem Anschlag, verkündete er sogleich: „Berlin ist die Stadt der Freiheit und unsere Freiheit ist heute aufs Schrecklichste angegriffen worden“. Selbst Kanzler Friedrich Merz, der seine Absage ans Hissen der CSD-Fahne über dem Reichstagsgebäude vor nicht langer Zeit mit „das ist kein Zirkuszelt“ kommentiert, ist schockiert von dieser „abscheulichen Tat“. Es braucht definitiv mehr linke und alternative Sichtbarkeit auf diesem durchkommerzialisierten Event der Superlative. Aber wie wichtig die Sichtbarkeit von LGBTIQ* ist, zeigt das schreckliche Ende dieses Abends einmal mehr: Wir müssen alle dringend ein bisschen mehr zusammenrücken – und zwar weit über die Community hinaus. Damit wir auch in Zukunft laut zu Aretha Franklins „Freedom“ mitsingen können. Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen meistkommentiert

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25. Juli
Tagesschau

Hunderttausende beim CSD in Berlin erwartet

Hunderttausende erwartet Berlin feiert Vielfalt beim CSD Die Berliner Innenstadt wird voll: Hunderttausende werden zur großen Demonstration zum Christopher Street Day erwartet. Das Motto lautet: "Haltung ist hot". Die Polizei stellt sich auf rechte Gegenproteste ein. Beim Christopher Street Day (CSD) in Berlin ist am Samstagmittag die große Demonstration gestartet. Der Umzug mit rund 80 Wagen setzte sich an der Leipziger Straße in Bewegung und soll unter anderem über den Potsdamer Platz und den Nollendorfplatz zur Siegessäule ziehen. Von dort geht es dann weiter zur Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor, wo am Abend unter anderem Sängerin Sarah Connor auftreten soll. Das rbb Fernsehen sendet von 13:10 bis 15:40 Uhr live von der Strecke. Zuschauer:innen können auch auf dem Youtube-Kanal des rbb einschalten und sich dort mit Kommentaren und Fragen beteiligen. rbb|24 streamt die Veranstaltung ebenfalls. Auch radioeins vom rbb berichtet von 14 bis 18 Uhr mit "radioeins im Queerformat" live vom 48. CSD in Berlin. Verkehrseinschränkungen und Gegendemos Das Motto des diesjährigen CSD lautet "Haltung ist hot". Der Berliner CSD ist laut Veranstaltern eine der größten Veranstaltungen der lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans-, intergeschlechtlichen und queeren Community in Europa. Die Polizei rechnet für Samstag mit Gegenprotesten aus dem rechten Lager. Angemeldet wurde bei der Polizei eine Demonstration der Gruppen "Deutsche Patrioten Voran" (DPV) und "Jägertruppe" (JT). Die Veranstalter rechnen mit mit rund 100 Teilnehmern. Ebenso muss mit zahlreichen Verkehrseinschränkungen rund um die Demoroute gerechnet werden. Dies betrifft sowohl den Straßen- als auch den öffentlichen Nahverkehr. csd-route Erstmals zweitägige Veranstaltung Der Berliner CSD erstreckt sich in diesem Jahr zum ersten Mal über zwei Tage und begann bereits am Freitagabend mit einem Demokratiefest. Mit dem CSD wird an Ereignisse im Jahr 1969 in New York erinnert: Polizisten stürmten damals die Bar "Stonewall Inn" in der Christopher Street und lösten einen mehrtägigen Aufstand von Schwulen, Lesben und Transsexuellen aus. Sendung: Fritz vom rbb, 25.07.2026, 12:30 Uhr Audio: Fritz vom rbb, 25.07.2026, Julia Vismann

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25. Juli
Die Welt (Politik)

„Die queere Community hat Angst“, sagen die CSD-Organisatoren zu den Umfragewerten der AfD

„Die queere Community hat Angst“, sagen die CSD-Organisatoren zu den Umfragewerten der AfD Hunderttausende Menschen werden am Samstag zum Christopher Street Day in Berlin erwartet. Die Organisatoren zeigen sich besorgt – wegen der AfD und zunehmender Gegenproteste. Bei einem Konzert der Rapperin Ikkimel werden mutmaßliche rechte Störer gestoppt. Zum Christopher Street Day (CSD) in Berlin warnen die Organisatoren vor einem raueren gesellschaftlichen Klima. „Queere Menschen stehen weltweit unter mehr Druck“, sagte Vorstandsmitglied Thomas Hoffmann der Deutschen Presse-Agentur. Bestehende Rechte würden teils wieder rückabgewickelt und auch die Hasskriminalität steige an. Mit ihrem zweitägigen CSD wollten sie ein ganz klares Zeichen dagegensetzen und sagen: „Wir werden nicht kleiner, sondern größer. Wir werden nicht leiser, sondern lauter“, sagte Hoffmann, „und zwar so lange, bis alle Menschen in Deutschland frei, sicher und selbstbestimmt leben können“. Die Organisatoren erwarten heute zum Berliner CSD Hunderttausende Menschen. Das Motto lautet „Haltung ist hot“. Die Demonstration soll mittags beginnen und dann zum Brandenburger Tor ziehen. Geplant ist ein Auftritt von Sarah Connor, nachdem am Freitagabend bereits Rapperin Ikkimel („Fußballmänner“) aufgetreten war. Rund 8000 Menschen zählte die Polizei dabei vor Beginn der Veranstaltung nach Angaben eines Sprechers. „Schön, dass ich heute hier spielen darf, Leute, es ist mir eine Ehre“, sagte die Rapperin zum Publikum. In vielen Ländern würden homosexuelle Menschen und die queere Community nicht akzeptiert. Es werde immer gesagt, in Deutschland sei das eine Selbstverständlichkeit, so Ikkimel. Leider merke sie aber immer wieder in Berlin, dass dem leider nicht so sei. „Deswegen bin ich ganz ganz stolz, dass ich heute hier spielen darf, dass ihr hier seid und dass ihr für eure Rechte einsteht, Leute.“ Ikkimel dankte der queeren Community für ihre Unterstützung. „Ich werde immer für uns kämpfen und ich werde auch nie vergessen, dass ihr mich groß gemacht habt, weil ich jetzt langsam im Mainstream angekommen bin.“ Wie alle Künstlerinnen und Künstler auf dem Berliner CSD bekommt Ikkimel für ihren Auftritt keine Gage, wie die Veranstalter vorab mitteilten. Vor Beginn des Konzerts hatte die Polizei vier Männer zur Seite gezogen, die den Angaben nach einer mutmaßlich rechten Gruppierung angehörten. Die Männer hätten offensichtlich stören wollen, sagte Polizeisprecher Florian Nath. Die Polizisten hätten ihre Identitäten festgestellt und eine Gefährderansprache gehalten. Danach hätten die Männer sich entfernt. Polizei rechnet mit Gegenprotest auf rechtem Lager Die CSD-Organisatoren forderten mit der Demonstration etwa, Hasskriminalität wirksam zu bekämpfen und auch queere Räume zu sichern, sagte Hoffmann. Er äußerte sich auch besorgt über die Umfragewerte der AfD in Sachsen-Anhalt, wo Anfang September ein neuer Landtag gewählt wird. „Die Positionen dieser Partei sind eindeutig und die queere Community hat Angst.“ Die Polizei rechnet für Samstag mit Gegenprotest aus dem rechten Lager. Angekündigt ist eine Gegendemonstration mit 100 Teilnehmern. Die Gegendemonstration besorge sie derzeit nicht, sagte Hoffmann. Sie gingen erstmal davon aus, dass das in Berlin wie auch im Vorjahr einen sehr geringen Zuspruch erfahre. „Und wir stehen dort auch in einem sehr vertrauensvollen Austausch mit der Berliner Polizei.“ „Trotzdem ist das natürlich eine sehr besorgniserregende Entwicklung“, sagte Hoffmann. Früher habe es keine Gegendemonstrationen gegen den Berliner CSD gegeben und auch nicht gegen andere CSDs. Wenn man sehe, dass es der rechten Bewegung 2024 in Bautzen, Leipzig und anderen Städten gelungen sei, massiv gegen CSDs zu mobilisieren. „Das ist wirklich eine Entwicklung, die nicht nur unserer Community Angst machen sollte, sondern allen Menschen, die in Freiheit und in Vielfalt leben wollen.“ Beim Berliner CSD wird auch der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) erwartet, der bei der nächsten Abgeordnetenhauswahl nicht mehr antritt. Nach Debatten um sein Tennisspiel und seine Angaben zum Krisenmanagement während eines großen Stromausfalls war er als CDU-Spitzenkandidat zurückgetreten. Der Senat ist beim CSD erstmals mit eigenem Wagen dabei.

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24. Juli
taz (Öko & Co)

CSD in Berlin: Kuschelkurs statt Haltung

CSD in Berlin : Kuschelkurs statt Haltung Der CSD in Berlin will ein Zeichen gegen Queerfeindlichkeit setzen. Doch das eigene Motto „Haltung ist hot“ erfüllen sie selbst nicht. A m kommenden Samstag ruft der CSD Berlin zu seiner Kundgebung für eine offene Gesellschaft, demokratische Werte und die Gleichberechtigung queerer Menschen auf. Dieses Jahr unter dem Motto: Haltung ist hot. Angesichts der queerfeindlichen Austeritätspolitik der vergangenen Jahre und der moralischen Paniken, die sie begleiten, ist davon beim CSD Berlin aber wenig zu sehen. Statt Queer Liberation gibt es neoliberalen Kuschelkurs. Der CSD Berlin war noch nie eine besonders politische Veranstaltung. Er unterschied sich von Anfang an von den ersten Christopher Street Liberation Days. Die waren, in den USA der 70er, der Erinnerung an Straßenschlachten mit der Polizei gewidmet und forderten radikale politische Veränderungen, wie das Ende der Ehe-Privilegien oder gleich ihre Abschaffung. Sie kritisierten die Psychiatrisierung von Homosexualität, setzen sich ein für den Kampf für die Rechte von Transfrauen in der Sexarbeit, auf der Straße und im Gefängnis und für den Kampf für die Rechte queerer Migrant*innen. In Berlin fand der erste CSD (das Wort Liberation ging schon da verloren) 1979 statt und war ein kleiner Party-Umzug. Sicher nicht verkehrt, aber auch sicher nicht radikal oder kritisch. Im Zentrum stand und steht die schwule und lesbische Sichtbarkeit, aber nicht mehr als das. Leere Forderungen Entsprechend hohl klingt auch das diesjährige Motto: Haltung ist hot. Fragt man sich, um welche Haltung es da geht, gibt es die folgende Antwort: „Wir stehen auch in Berlin vor einer wichtigen Wahl. Deshalb rufen wir alle Berliner*innen dazu auf, Parteien zu wählen, welche die Würde des Menschen als unantastbar achten und die Regenbogenhauptstadt erhalten und weiterentwickeln wollen. Unser Ziel ist, dass alle Menschen, die zum CSD kommen, auch von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen“, wird Vorstandsmitglied Julia Miosga des Berliner CSD e. V. auf der Website des Vereins zitiert. Statt einer politischen Forderung ein Aufruf zur Nutzung des Wahlrechts. Hier muss man sagen: Sichtbarkeit ist nicht genug, und es reicht nicht, eine Ablehnung der AfD verklausuliert anzudeuten. Zumal die zu keinen Konsequenzen führt: Der Wagen des AfD-Großspenders Möbel Höffner wurde nicht von den Veranstalter*innen aktiv verhindert, das Unternehmen zog sich von sich aus zurück. Das Problem ist aber auch größer als die AfD. Ein schwuler Finanzsenator Stefan Evers, heute CDU-Bürgermeisterkandidat in Berlin, war genug, um der Regenbogenhauptstadt den Stecker zu ziehen und die meisten queeren Projekte drastisch zu kürzen. Die queersensible Sexualaufklärung an Schulen wurde eingestampft, und auf Bundesebene hat man nun auch den queeren Jugendverband Lambda vollständig gekürzt. Damit war Evers auf Landesebene vor zwei Jahren noch gescheitert. CDU eskaliert weiter Auch die Gründung neuer Projekte wie des Café Julia für Sexarbeiter*innen in Schöneberg wurde verhindert. Gleichzeitig wird nun wahrscheinlich auch der Frauentreff Olga in der Kurfürstenstraße verdrängt, sodass die obdachlosen Sexarbeiter*innen des Kiez, viele von ihnen Transfrauen aus Osteuropa, die vor queerfeindlicher gesellschaftlicher Gewalt fliehen mussten, auf sich allein gestellt wären. Die CDU eskaliert im Wahlkampf aber noch weiter und fordert, ganz Berlin zum Sperrgebiet zu erklären und tradierte Cruising-Spots zu verdrängen. Gleichzeitig hört man von Evers Forderungen nach mehr Polizei und die immer gleichen antimuslimischen Tiraden. Genug Geld hatte man aber für einen gut sichtbaren 375.000 Euro teuren Wagen auf dem CSD. Haltung könnte heißen, diesen Wagen nicht fahren zu lassen. Haltung könnte auch heißen, sich gegen die eskalierende globale Transfeindlichkeit zu wenden. In Großbritannien werden sexuelle Übergriffe wie Upskirting zur Gewohnheit, wenn sie von J. K. Rowling, einer cis-weiblichen Milliardärin, gegen eine Transfrau begangen werden, und die neue Labour-Regierung von Andy Burnham zeigt keine Anzeichen, erniedrigende und menschenrechtsverletzende Praktiken der letzten Jahre zu stoppen. In den USA hat die Regierung „radikale pro-transgender Ideologie“ nach russischem Vorbild gleich als terroristische Bedrohung eingestuft und ihre „Neutralisierung“ und „organisatorische Verstümmelung“ angekündigt. Deutsche Geheimdienste und Polizeibehörden kooperieren indessen weiterhin eng mit genau diesen US-amerikanischen Geheimdiensten und teilen sich zunehmend KI-Software zur Ermittlung und Gefahrenerkennung, während sie zugleich eigene rosa Listen mit Daten über Transpersonen, wie zuletzt in Baden-Württemberg, erhalten. Haltung könnte heißen, dazu nicht zu schweigen und die Polizei vom CSD auszuladen. Alternativen in Berlin Einen Lichtblick gibt es dieses Jahr jedoch: Der Dyke* March geht einen anderen Weg und zeigt die Haltung, von der der CSD redet. Zwar haben die CSD-Veranstaltenden am Freitag zeitgleich zum Drag March aufgerufen, doch das klare Zeichen der Dykes* wird das nicht mindern. Und trotzdem bleibt ein Funke Hoffnung: Vielleicht, wenn wir noch einige Jahre Austerität bekommen und dem CSD auch noch die letzten Großspender*innen abgesprungen sind, gibt es in den kommenden Jahren ja auch dort ein Umdenken. Und endlich ein Pride, der für die Queer Liberation steht! Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. 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