15. August Neues Deutschland
Jason Arday | Rassistische Kampagne trieb Cambridge-Professor in den Tod
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Rassistische Kampagne trieb Cambridge-Professor in den Tod
Der 41-jährige Soziologieprofessor Jason Arday nahm sich wohl das Leben. Nach Plagiatsvorwürfen eines »Rassenrealisten« war er bereits zurückgetreten.
Der britische Soziologe Jason Arday ist tot. Der 41-Jährige, der vor einer Woche inmitten einer Plagiatsaffäre als Professor der Universität Cambridge zurückgetreten war, wurde nach Medienberichten vom Freitagabend an einer Adresse im Süden Londons ohne Lebenszeichen aufgefunden. Die Polizei teilte mit, sie sei deshalb vom Rettungsdienst alarmiert worden, es gebe demnach keinen Hinweis auf Fremdeinwirkung. Ardays Familie bestätigte inzwischen, dass es sich bei dem Toten um Arday handele.
Der Soziologe war 2023 im Alter von 37 Jahren als jüngster Schwarzer Professor und einer von nur sechs schwarzen Lehrstuhlinhabern in der Geschichte Cambridges gefeiert worden. Zu seiner ungewöhnlichen Karriere gehört, dass bei ihm nach eigenen Angaben im Alter von drei Jahren Autismus diagnostiziert worden war. Bis zum elften Lebensjahr habe er nicht sprechen und bis zum 18. Lebensjahr nicht lesen oder schreiben können. Nach seiner Promotion an der Liverpool John Moores University 2015 lehrte er unter anderem in Leeds Beckett, Roehampton, Durham und kurzzeitig Warwick, bevor er 2021 Professor in Glasgow und Anfang 2023 schließlich Professor für Bildungssoziologie in Cambridge wurde.
Plagiatsvorwurf von »Rassenrealist«
In der vergangenen Woche trat Arday allerdings nach rassistisch motivierten Plagiatsvorwürfen mit sofortiger Wirkung von seiner Professur und seiner Fellowship am Jesus College zurück. Die Kampagne gegen Arday begann am 21. Juli durch den US-Wissenschaftler Nathan Cofnas, der sich selbst als »Rassenrealist« bezeichnet und meint, Schwarze Menschen seien aufgrund ihrer Gene weniger intelligent als Weiße. Deshalb war Cofnas vom Emmanuel College in Cambridge entlassen worden; er wechselte daraufhin an die Universität Gent in Belgien.
Cofnas hatte damals erklärt, er habe Ardays Doktorarbeit durch eine Plagiatserkennungssoftware laufen lassen. Diese habe ergeben, dass »viele Passagen mit minimalen Änderungen« von der Arbeit der Studentin Paula Zwozdiak-Myers aus dem Jahr 2009 übernommen worden seien. Teilweise habe Arday sogar Lektoratsfehler der Originalquelle beibehalten.
Nachdem die John Moores University in Liverpool im Jahr 2025 Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in Ardays Doktorarbeit erhalten hatte, leitete sie eine Untersuchung ein. Ein »Gremium für akademisches Fehlverhalten« hielt die Vorwürfe im Februar dieses Jahres für nicht erwiesen. Die betroffenen Stellen seien vermutlich durch einen »ehrlichen und nachvollziehbaren Irrtum« entstanden, hieß es in einer Erklärung.
Cambridge-Universität kündigte neue Untersuchung an
Kurz vor Ardays Rücktritt hatte die Cambridge-Universität ebenfalls eine Untersuchung zu den sich mehrenden Plagiatsvorwürfen hinsichtlich seiner akademischen Qualifikationen und früheren Tätigkeiten eingeleitet. Anlass waren Widersprüche bei mehreren von Arday beanspruchten Gastprofessuren. Die Ohio State University erklärte etwa, Arday sei dort nie beschäftigt gewesen, obwohl er dies in Biografien geschrieben hatte. Ähnliche Aufenthalte hatte der Soziologe auch für andere britische Universitäten sowie für die Nelson Mandela University in Südafrika angegeben.
Die Zeitung »Guardian« hat zuletzt ebenfalls zu Widersprüchen in Ardays Biografie recherchiert. Unglaubwürdig waren etwa Aussagen in Medieninterviews, wonach er über einen Zeitraum von 20 Jahren 5 Millionen Pfund für wohltätige Zwecke gesammelt habe. Dazu sei Arday nach eigenen Angaben 30 Marathons in 35 Tagen gelaufen. Zu seiner ebenfalls angezweifelten Aussage, Arday sei in sechs Tagen 600 Meilen gelaufen, erklärte er später, er habe dazwischen sechs nicht mitgezählte Ruhetage eingelegt.
Laut dem »Guardian« fand sich aber auch zu Ardays Erzählung, maskierte, mit Messern bewaffnete Eindringlinge hätten ihn bedroht und seinen Eltern einen Schweinekopf zugestellt, auch bei der Polizei, die dazu ermittelt haben soll, kein Beleg.
Mit Rücktritt »Frieden und etwas Privatsphäre« finden
Arday selbst wies die Vorwürfe in einer Erklärung vom 5. August zurück. Die unablässigen öffentlichen Angriffe seit seiner Berufung gingen demnach weit über übliche wissenschaftliche Kritik hinaus. »Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der einzige Weg, dieses Kapitel zu beenden, darin besteht, mich zurückzuziehen«, schrieb Arday. Er wolle für seine Familie da sein und wieder »Frieden und etwas Privatsphäre« gewinnen.
Mehr als 12 000 Menschen, darunter Abgeordnete der Labour-Partei und der Grünen sowie viele Cambridge-Akademiker unterzeichneten in den vergangenen Wochen eine von der Kampagnenorganisation Good Law Project initiierte Petition zur Unterstützung Ardays. Auch viele Kolleg*innen zeigten Solidarität: Der Professor für Black Studies an der Birmingham City University, Kehinde Andrews, bezeichnete Arday als Opfer einer »Schmutzkampagne«, die »so vorhersehbar wie unbegründet« sei. Der an der Universität Sussex lehrende Geograf Alan Lester sprach von einer »Nicht-Geschichte«. Der kognitive Neurowissenschaftler Simon Baron-Cohen vom Trinity College in Cambridge forderte ein Ende des »unerbittlichen Mobbings«.
Jedoch räumten Wissenschaftler wie der emeritierte Soziologieprofessor John Preston von der University of Essex ein, dass es Fragen zur akademischen Sorgfalt gebe.
Springer-Medium heizte Kampagne an
Ein Treiber der Kampagne gegen Arday war auch die britische Zeitung »The Telegraph«, die zum Axel-Springer-Konzern gehört. Das Blatt veröffentlichte in den vergangenen zwei Wochen zwei Dutzend Artikel zu Arday und bezeichnete ihn dabei unter anderem als »Aushängeschild der Diversität«. Rechtsgerichtete Kommentator*innen ordneten den Fall in eine grundsätzliche Kritik an Programmen für Diversität, Gleichstellung und Inklusion ein.
Die deutsche »FAZ« schrieb: »Ardays Fall ist die klassische Geschichte eines Hochstaplers, der seinem Aufstiegswillen die Wahrheit unterordnete.« Seine »Entlarvung« verweise darauf, dass die Universität »bei einem weißen Kandidaten womöglich gründlicher nachgeforscht hätte«.
Familie: »Desinformationskampagne war zu viel«
Ardays Familie veröffentlichte in der Nacht zum Samstag über den Verlag Simon & Schuster eine Erklärung. Die Vorwürfe gegen ihn werden darin als Mobbing und Schikane beschrieben. »Die Desinformationskampagne war einfach zu viel für Jason«, hieß es weiter. Arday sei »ein sanftmütiger Mensch« gewesen, »der in jedem stets das Gute sehen wollte«. Die Familie zeigte sich »zutiefst erschüttert über den Verlust dieses wunderbaren Vaters, Partners, Bruders, Onkels und Sohnes«.
Auch die Vizekanzlerin der Universität Cambridge, Deborah Prentice, äußerte sich betroffen. Sie sei »zutiefst betrübt über diese tragische Nachricht«, hieß es in einer kurzen Erklärung. »Unser tiefstes Mitgefühl gilt der Familie und den Freunden von Jason Arday in dieser unglaublich schweren Zeit.«
Simon & Schuster hatte für diesen Monat die Veröffentlichung von Ardays Memoiren mit dem Titel »Great and Unfortunate Things« geplant. Ob das Buch erscheint, ist nach seinem Tod offen.
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