Minderjährige in Ceuta: Viele Kinder aus Marokko irren durch die Straßen
Minderjährige in Ceuta : Viele Kinder aus Marokko irren durch die Straßen
Mehr als tausend minderjährige Marokkaner sind nach Ceuta gekommen. Die Lage ist angespannt, es mangelt an vielem. NGOs helfen, Politiker streiten.
„Was am meisten fehlt, sind Essen und Wasser“, sagt Halima Ahmed. Bis zu 5000 Mahlzeiten bereitet in Ceuta die kleine muslimische Hilfsorganisation „Luna Blanca“ jeden Tag für die Menschen zu, die seit einer Woche obdachlos durch die Straßen irren. Für Frauen mit kleinen Kindern hat die NGO neben ihrer Küche unweit der großen Moschee ein Zelt aufgestellt. „1000 bis 1500 Kinder und Jugendliche sind aus Marokko gekommen“, schätzt Halima Ahmed. Viele hätten noch keine Unterkunft, weil erst jetzt Schulgebäude hergerichtet werden, um sie aufzunehmen, sagt sie am Donnerstag der F.A.Z. am Telefon aus Ceuta.
In der spanischen Exklave setzt der Regionalpräsident Juan Jesús Vivas einen Notruf nach dem anderen ab: Die Lage der gut 1100 Minderjährigen aus Marokko sei „unhaltbar“, sagt er. Der konservative Politiker bittet um die Solidarität des spanischen Festlands und informiert am Donnerstag König Felipe VI. persönlich über die Notlage in der Stadt mit 84.000 Einwohnern – regulär stehen dort für unbegleitete minderjährige Migranten 29 Plätze bereit.
Die linke Minderheitsregierung hat Ceuta 25 Millionen Euro für die Kinder und Jugendlichen zugesagt. Sie sollen so schnell wie möglich aufs Festland gebracht werden, das über die Straße von Gibraltar nur gut 14 Kilometer entfernt ist. Doch dort fangen die politischen Probleme erst an: In Andalusien, das Ceuta gegenüberliegt, regieren die konservative PP und die rechtspopulistische Vox-Partei seit wenigen Wochen zusammen.
Vox: Keine unbegleiteten Minderjährigen mehr
Vox hat zur Bedingung für die neue Koalition gemacht, dort künftig keinen einzigen Minderjährigen aufzunehmen, obwohl ein erst 2025 verabschiedetes Dekret der Zentralregierung diese Umverteilung vorsieht. „Keine unbegleiteten Minderjährigen mehr“, steht auch in den Koalitionsabkommen in Aragón, Kastilien-León und in der Extremadura, wo Vox seit wenigen Monaten mit der PP regiert.
Im Sommer 2024 waren die ersten regionalen Regierungen zwischen Vox und PP schon einmal am Streit über die „Menas“ gescheitert. So werden in Spanien die allein reisenden Kinder und Jugendlichen genannt. Man werde sich an das Gesetz halten, auch wenn man von dem Umverteilungsmechanismus wenig halte, teilte die Führung der PP in Madrid mit. Entscheidet sich die Partei anders, würde sie den PP-Regierungschef in Ceuta alleinlassen.
Die Solidarität, die Spaniens Regierung in der Flüchtlingskrise von der EU fordert, hält sich innerhalb Spaniens in engen Grenzen. So hatte sich die PP-Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso geweigert, weitere Minderjährige in Madrid aufzunehmen. Die wirtschaftsstärkste Region Spaniens regiert sie mit absoluter Mehrheit.
Zeitweise saßen 6000 Minderjährige auf den Kanaren und in Ceuta fest
Um den neuen Umverteilungsmechanismus war wegen des Widerstands der PP, die ihre Regionen benachteiligt sah, lange gerungen worden. Bis vor einem Jahr waren die jeweiligen Regionalregierungen allein für die unbegleiteten Minderjährigen zuständig, die auf ihrem Gebiet ankommen. Die erwachsenen Migranten werden normalerweise schnell aufs Festland gebracht, wo die Behörden sie bald sich selbst überlassen.
Doch zeitweise saßen gut 6000 Minderjährige auf den Kanaren und in Ceuta und Melilla fest. 2023 und 2024, als Zehntausende Migranten mit Booten auf den spanischen Atlantikinseln landeten, musste die Regionalregierung mehr als 5000 unbegleitete Minderjährige betreuen – obwohl auf den Inseln mit 2,2 Millionen Einwohnern die Einrichtungen nur Plätze für gut 700 haben. Inzwischen ist ihre Zahl auf gut 2700 gesunken, liegt aber immer noch über der gesetzlich festgelegten maximalen Aufnahmekapazität.
Aber die neue Umverteilung braucht Zeit. Mit diesem Verfahren kamen im vergangenen Jahr laut Presseberichten nur gut 1700 unbegleitete Minderjährige aufs spanische Festland. Für Ceuta ist es nicht die erste Notlage dieser Art. Bei Einwohnern und Helfern wurden Erinnerungen an den 17. Mai 2021 wach. Ähnlich wie am vergangenen Donnerstag stellten damals die marokkanischen Grenzpolizisten plötzlich ihre Arbeit ein. Sie ließen jeden passieren und ermunterten die Bewohner der benachbarten Orte sogar, nach Ceuta zu gehen. Sogar Schulkinder sollen zum Zaun gebracht worden sein. Mehr als 8000 Marokkaner stürmten und schwammen hinüber, unter ihnen waren etwa tausend Kinder und Jugendliche, die dann erst einmal blieben.
In Ceuta kommen auch zu ruhigeren Zeiten permanent Minderjährige aus Marokko an. Viele von ihnen leben anfangs auf den Straßen, oft neben den Supermärkten unten am Hafen. Einige versuchen, sich im Schutz der Dunkelheit an die Unterseite von Lastwagen zu klammern. Dort verstecken sie sich, bis ein Schiff auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar anlegt. Der Hafenzaun wurde deshalb schon erhöht und Durchleuchtungsanlagen installiert. Helfer erzählen von Jungen, die in den Müll kletterten, der in die Verbrennungsanlagen in Spanien gebracht wird. Andere hätten schon versucht, sich die Taue der Schiffe hinaufzuhangeln. Viele schaffen es nicht so weit. Lassen sich in Marokko keine Angehörigen ermitteln, finden sie ihre letzte Ruhe in einem der namenlosen Gräber auf dem muslimischen Friedhof unter der großen Moschee.