Themen
lage

Montag, 6. April 2026
Zurück zur Übersicht

Parlamentswahl in Ungarn: Und Schuld haben ausländische Kräfte

Medienspektrum

Links Mitte Rechts
5. April
taz (Öko & Co)

Parlamentswahl in Ungarn: Und Schuld haben ausländische Kräfte

Parlamentswahl in Ungarn: Und Schuld haben ausländische Kräfte Bei der Parlamentswahl in Ungarn sieht es für Fidesz und Viktor Orbán nicht gut aus. Doch Orbán könnte sich mit „Einmischung von außen“ herausreden. D ie Aussichten des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seiner Partei Fidesz, die Parlamentswahl am 12. April zu gewinnen, stehen nicht gut. Orbán weiß das – und baut vor: Fidesz (Ungarischer Bürgerbund) führe in den Umfragen, aber es drohen Wahlfälschung und Wahleinmischung durch „liberale Kräfte“ von außen. So sagen es seine Leute. Sollte Fidesz die Wahl verlieren, was die Prognosen nahelegen, wird es also nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Der Verdacht ist durch Orbán und seine Leute gesät, und so lässt sich das Wahlergebnis bei Bedarf aushebeln. Orbán wird zudem eigene „unabhängige Wahlbeobachter“ einsetzen, durch eine eigens dafür gegründete „Liberty Coalition for a Free and Fair Election“. Noch also gibt sich Orbán nicht geschlagen – und beschreibt die Lage dramatisch: Ungarn muss sich gegen ein böses Imperium, die Europäische Union, wehren. Die will Ungarn die Souveränität rauben, sie organisiert Migrationsströme, will die abendländisch-christliche Kultur zerstören und dem Land die Energiezufuhr kappen. Die größte aller Gefahren dabei: Die Achse Brüssel-Berlin will Ungarn in den russischen Krieg gegen die Ukraine hineinziehen. All das könne nur die Regierung Orbán verhindern. Nur wenn Fidesz die Wahl gewinne, können „die ungarischen Familien“ ruhig schlafen. ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig. Demnächst erscheint von ihm: Die Vereinfachung der Gesellschaft. Verschwörungsdenken und Staatssouveränismus (Beltz). An Fidesz wird ein Politikmuster deutlich, das all jene Parteien verbindet, die im Europaparlament in den Fraktionen „Patrioten für Europa“ und „Europa der Souveränen Nationen (ESN)“ organisiert sind. In der Fraktion ESN sind die Parteien, die den „Patrioten“ zu extrem rechts sind, unter anderen die AfD. Zu den „Patrioten“ zählen unter anderen die polnische PiS (Recht und Gerechtigkeit), der französische Rassemblement National, die tschechische Ano („ja“), die FPÖ und die slowakische Partei Smer (Slowakische Sozialdemokratie). Deren Ministerpräsident Robert Fico hatte schon angekündigt, dass er im Fall einer Wahlniederlage Orbáns die Rolle als Nervensäge im EU-Rat übernehmen werde. Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums. Die Politik dieser Parteienfamilien beruht auf zwei Elementen: In den Selbstdarstellungen ihrer Politik gibt es ein Volk, das einen einheitlichen Willen hat, den die Regierung kennt und ausführt. Tatsächlich verläuft die politische Willensbildung aber genau andersrum: Die Regierung tut, was sie für opportun hält und lässt sich dies plebiszitär bestätigen. Vorzugsweise indem der Bevölkerung in Umfragen Suggestivfragen gestellt werden: „Sind Sie für die Beibehaltung der 13. Monatsrente?“ Wenig überraschend stimmten 98 Prozent der Bürger mit ja. So konstruiert diese Politik ihren „Volkswillen“. Kehrseite der einheitlichen Volkskonstruktion ist, dass jegliche Opposition ein Feind ist. So wird die ungarische Oppositionspartei Tisza (Respekt- und Freiheitspartei) tituliert als Marionette ausländischer Kräfte, vor allem der EU. Der Beweis? Die Tisza-Abgeordneten stimmen im EU-Parlament nicht mit den Abgeordneten von Fidesz. Und da Fidesz angeblich die Interessen des ganzen ungarischen Volkes vertritt, stimmen die Tisza-Leute also gegen Ungarn. Sie werden dargestellt als Verräter am eigenen Volk im Auftrag der EU und ihrer Strippenzieher. Da alle Bedrohungen von außen kommen, belästigen Fidesz die Bevölkerung permanent mit Feind- und Kampfrhetorik. Das hat Folgen. Denn diese Rhetorik verfängt zumindest bei einem Teil der Bevölkerung und erzeugt ein Klima des Misstrauens weit über die Wahl hinaus. Die etwas bessere Folge ist, dass diese Art der Politik nur begrenzt bündnisfähig ist. Das erkennt man daran, dass alle Versuche, auf EU-Ebene einen stabilen Block der östlichen EU-Mitglieder zu bilden, bisher gescheitert sind. Die ungarische Regierung gerät regelmäßig mit Rumänien wegen ungarischer Minderheitenpolitik in Konflikt. Mit der Slowakei gibt es einen Dauerkonflikt über Spätfolgen der Beneš-Dekrete, mit Kroatien Konflikte über den Energietransit. Immerhin kann man sich untereinander verständigen, sobald es gegen die EU geht. Und die Haltung gegenüber dem (noch) Nicht-EU-Mitglied Ukraine ist völlig eindeutig: Sie ist neuerdings nicht mehr Gegner, sondern explizit „Feind“. Wirtschaftliche Probleme, die Ungarn verstärkt hat, lassen sich mit damit nicht lösen. Das wird an der widersprüchlichen Haltung gegenüber ausländischem Kapital deutlich. Einerseits werden die Ursachen der Inflation in Ungarn im Ausland gesucht – und gefunden. Schuld tragen die profitgierigen ausländischen Konzerne, die den Einzelhandel in Ungarn dominieren. Folglich wird die Inflation mit Preiskontrollen bekämpft, deren längerfristige Folgen ignoriert werden. Die Rating Agentur Fitch klassifiziert ungarische Staatsanleihen eine Stufe oberhalb von „Ramsch“. Die ungarische Regierung jedoch wiegelt ab: Alles nur Wahlkampftheater und Unterstützung für die Opposition. Im Übrigen habe man zwischen 2010 und 2025 mittels Sondersteuern und Ähnlichem („Robin-Hood-Steuer“) dem „Großkapital“ 39,71 Milliarden Euro entzogen und damit die ungarischen Familien und Unternehmen geschützt. Klar, so stellen es Orbán und seine Regierung dar, dass ein Teil des Großkapitals nun die Opposition hätschelt. Andererseits werden Investitionen ausländischer Konzerne, die Arbeitsplätze versprechen, vom Staat großzügig subventioniert, und es wird jede noch so bescheidene Industrieansiedlung als Riesenerfolg der Regierung verkauft. Das ungarische Wirtschaftsmodell beruht im Wesentlichen auf zwei Säulen: auf billigen Arbeitskräften und billiger Energie. Das bestätigt BMW-Chef Oliver Zipse anlässlich einer Werkseröffnung in Debrecen im September 2025: Ohne billige Energie keine wettbewerbsfähige Produktion. Darum alarmierte das Importverbot russischer Energie durch die US-Regierung die ungarische Regierung. „Wir standen bis zum Hals im Wasser“, sagte Orbán dazu nach seiner Reise zu US-Präsident Donald Trump im vergangenen November: „Dieses allgemeine Sanktionssystem hätte uns in den Ruin getrieben.“ Jetzt aber habe er Trumps Erlaubnis mitgebracht, weiterhin billiges russisches Öl und Gas zu importieren. Dass die Ausnahmeerlaubnis in der ungarischen Lesart auf Dauer gewährt wird, während von US-Seite ihre Befristung auf ein Jahr mehrfach betont wurde, ging unter. Ebenso wird unterschlagen, dass die Steigerungen der Energiepreise, die vor allem die ungarische Bevölkerung hart treffen, etwas mit Trumps unüberlegtem Krieg gegen den Iran zu tun haben. Ungarns Störenfried-Rolle Welche mittelfristigen Folgen hat dieses Getöse? Die Attraktivität solchen Handelns, wie es die Orbán-Regierung und auch andere autokratische Regierungen in Europa an den Tag legen, beruht für all jene, die in den USA, Russland und China die Entwicklung Europas misstrauisch beobachten, auf ihrer Rolle als Störenfriede. Genau das bestätigte US-Außenminister Marco Rubio, als er im Februar in Ungarn war: „Solange Viktor Orbán an der Spitze Ungarns steht, liegt es in unserem nationalen Interesse, dass es Ungarn gut geht.“ Diese Störenfried-Rolle lässt sich so lange spielen, wie wichtige Beschlüsse im Rat einstimmig gefasst werden. Kann oder will eine Regierung die Rolle als Störenfried innerhalb der EU aber nicht mehr einnehmen, ist es um diese Attraktivität geschehen – und die Störerrolle wird zur Außenseiterrolle. Und so fördert die gegenwärtige ungarische Störpolitik auf der EU-Ebene – völlig gegen ihre Absicht – die Ausweitung des Mehrheitsprinzips an Stelle von Einstimmigkeit. Die Folge: Wer bei wichtigen Beschlüssen nicht mitmachen will, bleibt im Integrationsprozess eben zurück. Das läuft auf die Entwicklung eines Kerneuropas hinaus, zu dem Ungarn dann jedenfalls nicht mehr gehört. So arbeiten autokratische Regierungen wie die Viktor Orbáns an ihrer Selbstmarginalisierung – und tragen zur Vertiefung der EU-Integration bei. Was können wir erwarten? Die gute Nachricht: Die vielen Vorkehrungen, um eine Wahlniederlage wegzuinterpretieren, zeigen, dass die Fidesz selbst nicht mehr an einen Erfolg glaubt. Die weniger gute: Wenn die Opposition nicht mit erheblichem Abstand gewinnt, fehlen ihr die politischen Ressourcen, um den Schaden von mehr als 15 Jahren Orbán-Regierung ungeschehen zu machen. Gemeinsam für freie Presse Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen meistkommentiert

Artikel lesen
5. April
FAZ (Politik)

Wahl in Ungarn: Wie Orbáns Hochburgen in der Peripherie bröckeln

Wahl in Ungarn : Wie Orbáns Hochburgen in der Peripherie bröckeln Bei der Wahl am 12. April wird es vor allem auf Ungarns Provinz ankommen. Dort ist einiges in Bewegung geraten. Doch wird das für einen Regierungswechsel reichen? Wer kurz vor der Parlamentswahl wissen will, was in Ungarn in Bewegung geraten ist, sollte in die Provinz fahren. Nach Nagykölked zum Beispiel, im sattgrünen äußersten Westen des Landes. Dort weidet Sandor Mester seine Steppenrinder auf einem kleinen Stück Land. Stolze, weißgraue Tiere, die ihre langen, geschwungenen Hörner in den Himmel recken. Doch hinter dem kleinen Idyll auf der Wiese zeichnet sich eine dunkle Silhouette ab. Ein Gebirge, das die letzte Baumreihe überragt. Bis zu vier Stockwerke hoch stapeln sich alte Autoreifen. Fünf Millionen sollen es sein, mit Lastwagen in aller Offenheit hierhergeschafft. Und passiert ist über Jahre fast nichts. Denn der Mann, der für die illegale Deponie verantwortlich gilt, ist in der Regierungspartei Fidesz bestens vernetzt. Einmal geriet ein Reifenlager in Brand Es gibt viele dieser Beispiele in Ungarn, an denen ein ähnliches Bild zeichnen lässt. Seien es die protzigen Anwesen von Orbáns engstem Kreis oder jüngst der Skandal um die Batteriefabrik in der Kleinstadt Göd, in der Arbeiter über lange Zeit giftigen Substanzen ausgesetzt waren, ohne dass etwas geschah. In 16 Jahren fast unbegrenzter Herrschaft hat Ministerpräsident Viktor Orbán das Land tiefgreifend verändert und eine neue Elite an die Macht gebracht, die sich zum Teil schamlos bereichern kann. Der vielleicht wichtigste Hebel im System ist denkbar einfach: die Kontrolle über die Strafverfolgungsbehörden. Wer sich loyal zur Macht verhält, braucht Konsequenzen nicht zu fürchten. Mester, der Mann mit den Rindern, hatte in seinem Leben schon viele Jobs. Er hat auf österreichischen Baustellen gearbeitet und ist als Fernfahrer durch Europa getourt, bis er sich für seine Rente einen kleinen Hof in Nagykölked kaufen konnte, einem Dorf mit ein paar Dutzend alten Bauernkaten, die sich mit großen Gärten dahinter die Straße entlangziehen. Vor langer Zeit war Mester einmal Feuerwehrmann. Da hatte er mitbekommen, wie ein Lager mit etwa tausend Reifen in Brand geriet. „Es hat Tage gedauert, das zu löschen“, sagt er. Und dann sei er vor einigen Jahren nachts aufgewacht und habe sich vorgestellt, was passieren würde, wenn auf der illegalen Deponie neben seinen Rindern die Millionen Reifen Feuer fangen würden. Der pechschwarze Rauch wäre wohl Hunderte Kilometer weit zu sehen. Die Bürger schrieben der Regierung und blitzten ab Gábor Vamós und seine Frau Eva hatten da schon einige Zeit versucht, etwas gegen die ständig wachsende Deponie zu unternehmen. Die beiden haben die alte Bauernkate von Gábors Großeltern mit viel Herzblut restauriert und hätten in dem kleinen Straßendorf ihre Rente genießen können. Als Orbán 2010 mit fulminanter Zweidrittelmehrheit zurück an die Macht gekommen war, hatte Gabor Vamós genau wie Mester noch für den Fidesz gestimmt. Nur Eva war schon damals skeptisch. Danach klang die Begeisterung schnell ab. „Aber es gab niemanden, dem ich zugetraut hätte, etwas zu verändern“, sagt Vamós. Also gingen sie gar nicht mehr wählen. Doch dann seien immer mehr Lastwagen mit alten Reifen in den Ort gekommen. „Während der Pandemie hat es richtig angefangen“, erzählt Vamós unter der niedrigen Holzdecke in der gepflegten Stube, während seine Frau Holundersirup aus dem Garten in großen Flaschen serviert. Eva wirft nur etwas ins Gespräch ein, wenn Gábor, der in ruhigem Ton kaum ein Detail vergisst, nicht ganz präzise ist. Die drei schrieben also alle erdenklichen Verwaltungsstellen an, bis nach Budapest. Doch nichts passierte. Das Gelände der Deponie gehört eigentlich dem Heizkraftwerk des Komitats. Früher war dort einmal ein legaler Betrieb zur Gummiverarbeitung, doch der wurde längst abgewickelt. Die beiden Herren stellten sich also selbst an das Rolltor zum Betrieb und fanden heraus, dass die Lastwagen mit Altreifen aus Österreich, Slowenien und Kroatien kamen, wo man viel Geld für die „Entsorgung“ bekommt. Die Lieferungen gingen an einen Ádám Benkő. Dessen Bruder Tamás war damals Staatssekretär im Ministerpräsidentenamt von Orbán. Ádám Benkő sei oft selbst vor Ort gewesen, sagt Mester. „Und wir wissen von vier weiteren illegalen Reifendeponien, die seine Familie betreibt.“ Nach einer Blockade stoppen die illegalen Lieferungen Dann geschah, was man in Orbáns Ungarn öfter zu hören bekommt. „Wir waren bei der örtlichen Polizei, aber die hat nichts unternommen“, sagt Vamós. „Die haben gar keine Nachforschungen angestellt.“ Einer der Polizisten habe sogar mit Benkő telefoniert. „Keine Frage nach einer Berechtigung, nach einem Mietvertrag für das Gelände oder irgendwas dergleichen.“ Als sie den Katastrophenschutz dazu brachten, die Deponie zu inspizieren, sei Benkő selbst gekommen und habe sie herzlich empfangen. „Danach geschah wieder nichts.“ Bei der Staatsanwaltschaft liege seit vier Jahren ein Verfahren, und obwohl alle Tatsachen auf dem Tisch lägen, dass dort illegal Müll entsorgt würde, gehe nichts vorwärts. Einmal, erzählt Mester, sei er einem der Lkw gefolgt, bis es der Fahrer offenbar merkte und mit 90 Sachen durch die Dörfer raste. Plötzlich sei auch ein großer Geländewagen hinter ihm aufgetaucht, der ihn beinahe von der Straße gedrängt habe. Irgendwann haben die Deponiegegner einfach versucht, die Einfahrt zu blockieren und das Tor zuzuschweißen. „Von da an wurden die Lieferungen offenbar zu den anderen Deponien verlagert“, sagt Vamós. Die Reifenberge blieben. Inzwischen gibt es in dem Dorf neue Bewegung. Und das hat vor allem mit dem Erscheinen von Péter Magyar zu tun. „Seit wir wieder eine Opposition haben, ist überall Bewegung“, sagt Mester und zieht ein breites Grinsen durch sein zerfurchtes Gesicht. Der Oppositionsführer hatte früh erkannt, dass er die lange zerstrittenen Orbán-Gegner nur einen kann, wenn er alle ideologischen Fragen außen vor lässt und sich allein auf den Alltagsfrust der Ungarn über Korruption, Misswirtschaft und Straflosigkeit im Orbán-Reich konzentriert. Seither gibt der Chef der Tisza-Partei den Sorgen der Menschen nicht nur eine Stimme, sondern liefert gleich noch die wirkmächtigen Bilder dazu. Aus ganz Ungarn postet Magyar Fotos und Videos von heruntergekommenen Krankenhäusern, kaputten Schulen und Fällen wie der illegalen Deponie in Nagykölked. Magyar kam schon mehrfach in die Gegend. Vor einigen Wochen war er sogar vor dem Tor der Deponie und veröffentlichte später ein Video mit Drohnenaufnahmen, auf denen die Dimensionen der schwarzen Reifenberge erst richtig fassbar werden. Seither berichtet auch die nationale Presse über den Fall, und der riesige Reifenberg wurde zu einem der vielen kleinen Symbole dafür, was in Ungarn schiefläuft. Schon im vergangenen Herbst hatte die Regierung bemerkt, dass sie reagieren muss. Eine „Lex Nagykölked“ regelt inzwischen, dass die Reifen der Deponie mit öffentlichen Geldern entsorgt werden sollen. Kurz darauf zeigte sich auch der örtliche Fidesz-Abgeordnete Zsolt V. Németh vor der Deponie, der bei der letzten Parlamentswahl in der Gegend noch 66 Prozent der Stimmen erhalten hatte. Er verkündete, dass der Abtransport der Reifen bald beginnen werde. Für Gábor Vamós ist das nur ein weiterer Beleg für die Mechanismen in Orbáns Ungarn: „Warum sollen wir Steuerzahler haften, nachdem eine Fidesz-Familie hier reich geworden ist?“, fragt er. Die strukturelle Übermacht des Fidesz ist in Komitaten wie Vas, wo Orbáns Partei lange über 60 Prozent erhielt, nicht so leicht zu brechen. Seit Monaten tourt Oppositionsführer Magyar durch das Land und reiht einen Termin an den anderen, inzwischen sind es oft drei Auftritte an einem Tag. Denn Magyar führt zwar in fast allen Umfragen deutlich. Er weiß aber auch, dass ihm die Euphorie seiner Anhänger in Budapest wenig hilft, wenn er die Provinz nicht gewinnt. In den 16 Jahren seiner Herrschaft mit Zweidrittelmehrheit hat der Fidesz das Wahlrecht immer weiter zu seinen Gunsten verändert. 106 der 199 Mandate werden als Direktmandate mit einfacher Mehrheit vergeben. Die Wahlkreise sind so zugeschnitten, dass die ländlichen Gegenden deutlich mehr Gewicht bekommen als die städtischen Zentren. Und auch die Demoskopen wissen, dass Prognosen in den entlegenen Gegenden sehr schwierig sind. Nicht alle Aktivisten ergreifen Partei für Magyar Gerade deshalb sind regionale Anknüpfungspunkte wie der Reifenberg von Nagykölked für Magyar besonders wichtig. Auch in der nahe gelegenen Kleinstadt Körmend haben viele Menschen von der illegalen Deponie gehört, die noch dazu von der Landstraße aus deutlich sichtbar ist und den Leuten in die Augen sticht. Als Magyar im Februar auf einer kleinen Bühne vor dem alten Schloss des Städtchens auftrat, kamen einige Hundert Menschen trotz eisigen Wetters. Selbst eingefleischte Orbán-Wähler erzählen hier, dass es in ihrer Familie oder unter den Kollegen durchaus Leute gebe, die mit Magyar und seiner Tisza-Partei liebäugeln. Trotzdem gibt es viele, die weiter an Orbán glauben: Dass er Familie und Traditionen schütze, das Land sicher gemacht und „vor den Migranten“ geschützt habe, all das hört man in vielen Gesprächen. Und Korruption? Die gebe es doch anderswo auch. Je kleiner die Dörfer, desto schwieriger wird es ohnehin für die Opposition, zumal Orbáns Partei Radio, Fernsehen und Lokalzeitungen weitgehend kontrolliert. Und immer häufiger ist der Vorwurf zu hören, der Fidesz setze Gruppen wie die Roma unter Druck, Orbán zu wählen, oder kaufe schlicht deren Stimmen. Auch in Nagykölked ist die Lage alles andere als eindeutig. Mester, der Mann mit seinen Rindern, ist Feuer und Flamme für Magyar und hat sich früh in der lokalen Tisza-„Insel“ engagiert. So werden jene Graswurzelstrukturen genannt, die Magyar überall im Land ins Leben rief, um Strukturen in der tiefen Provinz aufzubauen. Im Dorf und vor seinem Hof hat Mester Plakate aufgehängt, die Magyar gemeinsam mit dem örtlichen Kandidaten zeigen. Sein Mitstreiter Gabor Vamós ist zurückhaltender. Er habe sich über den Besuch von Péter Magyar bei der Reifendeponie sehr gefreut. „Aber die Sache sollte nicht zur Parteipolitik werden“, meint er, die Worte wägend. „Das könnte uns sonst schaden.“ Er weiß, wovon er spricht. Anfangs hätten sie viele Unterstützer im Dorf gehabt, die anriefen, wenn wieder ein Lkw kam, und gegen die Deponie unterschrieben. „Aber dann meinten plötzlich einige, wir sollten nicht zu viel Aufsehen machen – man wolle doch den guten Ruf des Dorfes nicht gefährden!“ Und als sie einmal ein Logo der Tisza auf ein Flugblatt druckten, hätten die Leute nach der Kirche gesagt, sie wollten mit Politik lieber nichts zu tun haben.

Artikel lesen
4. April
taz (Öko & Co)

Parlamentswahl in Ungarn: „Es könnte ein Wendepunkt sein“

Parlamentswahl in Ungarn: „Es könnte ein Wendepunkt sein“ Viktor Orbán habe einen Mafiastaat errichtet, sagt der grüne EU-Abgeordnete Daniel Freund. Die EU solle sich gut auf dessen mögliche Abwahl vorbereiten. taz: Herr Freund, am 12. April wird in Ungarn gewählt, und Viktor Orbán und die Fidesz-Partei liegen in den Umfragen klar hinten. Wie optimistisch blicken Sie auf diese Wahl? Daniel Freund: Es stimmt, zum ersten Mal seit 16 Jahren liegt Orbán hinten, und es könnte sein, dass er diese Wahl verliert. Die große Frage ist aber, ob er das geschehen lässt. Oder ob er seine Niederlage nicht anerkennt oder vorher noch etwas macht – zum Beispiel die Wahl einfach aussetzt. Es gibt viele Leute, die sich deshalb große Sorgen machen. taz: Und Sie? Freund: Ich hoffe natürlich, dass es eine möglichst vernünftige Wahl gibt. Schon bei den letzten Wahlen wurden ja bereits Wahlkreise so zugeschnitten, wie es für Orbán am besten ist, das Wahlrecht wurde verändert, die Medien werden kontrolliert. Das ist alles schon eingepreist, das erwarten wir. Die Frage ist aber, ob es dieses Mal noch autoritärer wird. Jahrgang 1984, Grünen-Politiker aus Aachen, sitzt seit 2019 im Europäischen Parlament, wo er sich insbesondere für Rechtsstaatlichkeit und gegen Korruption in der EU einsetzt. taz: Wie versucht Orbán derzeit, die Stimmung noch zu drehen? Freund: Mit einer Kombination aus Angst einjagen und Geld verteilen. Orbán sagt, es gebe die Wahl zwischen ihm auf der einen Seite und der Achse Selenskyj–Brüssel–Berlin auf der anderen. Wenn er verliere, sei Ungarn im Krieg. Das ist die Propagandalinie. Das geht so weit, dass gerade Mitarbeiter einer ukrainischen Bank bei einem Geldtransport in Ungarn festgenommen wurden. Gleichzeitig verteilt Orbán Milliardengeschenke. Es gibt Extrazahlungen fürs Militär, für die Polizei, für Lehrerinnen und Lehrer, für Rentnerinnen und Rentner. Er probiert, die Wahl so zu kaufen. Die Frage ist, ob das noch funktioniert. Orbán hat Ungarns Wirtschaft in den letzten 16 Jahren ziemlich ruiniert. Und seine Familie und sein Freundeskreis haben sich um Milliarden bereichert. taz: Der ungarische Soziologe und ehemalige liberale Politiker Bálint Magyar spricht von einem „postkommunistischen Mafiastaat“. Teilen Sie das? Freund: Auf jeden Fall. Es ist ein Mafiastaat. Das ganze System Orbán ist auf zwei Dinge ausgelegt: Machterhalt und Selbstbereicherung. taz: In den letzten Wochen sind zahlreiche prominente Rechtsradikale aus der EU wie Geert Wilders und Marine Le Pen in Budapest angerückt, kurz vor der Wahl soll US-Vizepräsident J. D. Vance anreisen. Hilft das Orbán wirklich? Freund: In der Vergangenheit hat es geholfen. Aber inzwischen sind zum Beispiel die guten Beziehungen zwischen Orbán und Donald Trump bekannt. Und die Popularität von Trump und seinem Vize ist mit dem Irankrieg nicht unbedingt gestiegen. Aber wichtig ist natürlich: Orbán ist eine Persönlichkeit in dieser Bewegung. Die AfD, die Leute von Le Pen und eben auch aus der MAGA-Bewegung sind jahrelang nach Ungarn gefahren und haben sich angeguckt, wie Orbán Demokratie und Gewaltenteilung zerlegt. Das Project 2025 zum Beispiel ist stark von Orbán inspiriert. Für die ganze Bewegung wäre es ein herber Rückschlag, wenn er verliert. taz: Welche Bedeutung hat diese Wahl für die EU? Freund: Sie ist wahnsinnig bedeutend, nicht nur, weil Orbán die Führungsfigur der europäischen Rechtsextremen ist. Er hat wie kein Zweiter die EU an der Nase herumgeführt, viele Milliarden von den EU-Geldern abgezweigt und Entscheidungen mit seinem Veto immer wieder blockiert. Orbán hat mehr Vetos eingelegt als alle anderen Staats- und Regierungschefs zusammen seit Beginn der EU, zuletzt hat er den Krediten für die Ukraine seine Zustimmung verweigert, die er vorher bereits gegeben hatte. taz: Sehen Sie in einer Abwahl Orbáns eine Art Befreiungsschlag? Es gibt ja auch andere: Fico in der Slowakei oder Babiš in Tschechien etwa. Freund: Ja, es gibt andere, aber niemand hat sich so destruktiv verhalten wie Ungarn. Orbáns Abwahl wäre ein enormer Gewinn. Und es wäre wahnsinnig wichtig, nicht abzuwarten, was am 12. April passiert, sondern sicherzustellen, dass sich das nicht wiederholen kann. Wir müssen zum Beispiel das Einstimmigkeitsprinzip, das für viele Themen bei Abstimmungen im Rat gilt, einschränken oder gleich ganz abschaffen. taz: Ist die EU gewappnet, wenn Orbán eine Niederlage nicht hinnehmen sollte? Freund: Ich fürchte, sie ist es nicht. Die EU und die deutsche Bundesregierung müssten sich auf die verschiedenen Szenarien gut vorbereiten. Es kann sein, dass Orbán sich am Wahlabend einfach zum Gewinner erklärt, obwohl er die Wahl nicht gewonnen hat, und dass Donald Trump zum Wahlsieg gratuliert. Dann kommt es elementar auf das Verhalten der Europäer an. Darauf sollte sich die EU gut vorbereiten. Darf Orbán am nächsten EU-Gipfel teilnehmen, dürfen seine Minister im Rat weiter mit abstimmen, wenn das gar keine demokratisch legitimierte Regierung ist? taz: Was erwarten Sie von Bundeskanzler Friedrich Merz? Freund: Dass er zusammen mit der Kommission und den europäischen Partnern die Szenarien durchspielt und vorbereitet, wie man dann gemeinsam reagiert. Und dass man auch schon im Vorfeld sehr, sehr klarmacht, dass es nicht akzeptabel ist, dass mitten in der Europäischen Union eine Wahl gestohlen oder massiv manipuliert wird. taz: Nehmen wir mal an, die Opposition gewinnt und Orbán erkennt seine Wahlniederlage an. Lässt sich sein fundamentaler Rückbau von Demokratie und Rechtsstaat überhaupt wieder zurückdrehen? Freund: Orbán hatte 16 Jahre lang eine verfassungsändernde Mehrheit. Er hat sein System tief in der Verfassung verankert. Auf allen staatlichen Stellen sitzen Getreue: Staatsanwälte, Richterinnen und Richter, Vorsitzende etwa beim öffentlichen Rundfunk oder staatlichen Agenturen. Teilweise sind Leute auf Lebenszeit ernannt. Demokratie, Rechtsstaat und Pressefreiheit wiederherzustellen, wird extrem schwierig. Wir haben das bereits in Polen gesehen, und die PiS hatte nur acht Jahre Zeit. Das wird eine Riesenaufgabe für eine zukünftige ungarische Regierung, aber natürlich auch für die EU-Institutionen, die diesen Prozess unterstützen müssen. taz: Wie? Freund: Péter Magyar verspricht, sehr schnell der Europäischen Staatsanwaltschaft beizutreten. Das wäre ein guter Schritt, um anzufangen, dieses korrupte Orbán-System zu bearbeiten. Die EU könnte mit Expertise helfen, die Unabhängigkeit der Justiz wiederherzustellen. Und dann gibt es noch die EU-Gelder, die derzeit zu einem signifikanten Teil eingefroren sind oder zurückgehalten werden. taz: Sie meinen die 18 Milliarden Euro, die wegen Mängeln bei der Rechtsstaatlichkeit eingefroren wurden? Freund: 18 Milliarden Euro wurden eingefroren. Weitere 16 Milliarden für Verteidigungsunterstützung wurden bisher auch nicht freigegeben. Über diese Mittel werden wir sehr schnell eine Debatte bekommen. Ungarn steht im Grunde kurz vor der Pleite. Aber man kann die Gelder nur auszahlen, wenn Rechtsstaat und Korruptionsbekämpfung funktionieren. Wahrscheinlich brauchen wir dann einen Stufenplan. Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo. taz: Was sollte die EU aus der Causa Orbán lernen? Freund: Die Hauptlektion muss sein, dass man das Problem nicht ignoriert. Bei Orbán wurde viel zu lange gewartet, bei Polen haben wir das schon etwas besser gemacht, da gab es früher entsprechende Sanktionsverfahren und das Einfrieren von Geldern. Im Europäischen Parlament waren wir bislang bei solchen Sachen sehr klar, aber da haben sich die Mehrheitsverhältnisse inzwischen verändert. Das Problem liegt aber vor allem im Rat. Da herrscht immer noch diese Logik, dass man sich in die internen Angelegenheiten anderer Länder nicht einmischt. Das funktioniert nicht mehr bei einem gemeinsamen Markt und gemeinsamen Werten und wenn jeden Tag gemeinsam Gesetze beschlossen werden. taz: Könnte die Abwahl von Orbán ein Wendepunkt sein für den Rechtsruck, den wir im Augenblick überall sehen? Oder ist nicht viel entscheidender, dass nach Italien nicht im kommenden Jahr mit Frankreich ein weiteres wichtiges EU-Kernland kippt? Freund: Ich glaube schon, dass diese Wahl in Ungarn ein Wendepunkt sein kann: wenn wir sehen, dass Orbán selbst unter all diesen schwierigen Voraussetzungen zu schlagen ist. Malen wir mal ein positives Szenario: Orbán verliert am 12. April die Wahl. Bei den Midterms Ende des Jahres bekommen die Republikaner und Donald Trump eine Riesenklatsche. Dann haben wir im nächsten Jahr, in dem es außer in Frankreich auch in Polen extrem wichtige Wahlen gibt, eine ganz andere Stimmung. Es ist ja nicht ausgemacht, dass überall die Rechtsextremen immer stärker werden und an die Macht kommen. Von dieser Wahl in Ungarn kann eine große Signalwirkung ausgehen. Gemeinsam für freie Presse Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen meistkommentiert

Artikel lesen
© 2026 Themenlage