25. Juli Süddeutsche Zeitung
150. Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth: Ein Hügel voller Leitmotive
Noch bevor die ersten Limousinen den Grünen Hügel hinauffahren, sind die Elstern da. 150 Stück, auf Pappkarton gemalt, eine für jedes Jahr der Festspielgeschichte. Manche sehen echten Elstern erstaunlich ähnlich. Andere zeigen, dass politische Kunst nicht zwingend vom ornithologischen Realismus lebt.
Die Installation soll auf die ungleiche Verteilung von Vermögen in Deutschland aufmerksam machen. Der Ort ist günstig gewählt. Wenig später werden hier Politiker, Unternehmer und andere Festspielgäste in Abendgarderobe aus schwarzen Wagen steigen. Elstern haben den Ruf, sich für glänzende Dinge zu interessieren. Hier und heute steht neben der Musik, in diesem Jubiläumsjahr ist es Beethovens 9. Symphonie, Schillerndes im Mittelpunkt: Politprominenz, Stars, Sternchen – und jene, die gern zu einer dieser Gruppen gezählt würden.
Und schon beginnt, was andernorts roter Teppich heißt und in Bayreuth standesgemäß als „Auffahrt“ bezeichnet wird. Das Ankommen als Teil der Vorstellung. Das Ritual ist weniger Filmglamour als höfisch-bayerisches Schaulaufen: Politiker, Künstler und andere Festspielgäste richten kurz Kleidung und Gesichtsausdruck, bevor sie sich den Kameras zuwenden. Hinter einem Zaun stehen Menschen auf Zehenspitzen und versuchen zu erkennen, wer gerade aus welchem Wagen gestiegen ist.
Los geht’s also mit: Andreas Zippel (SPD). Es ist sein erster Festspielauftakt als Oberbürgermeister der Stadt Bayreuth, seit Mai ist er im Amt. Das erste Mal Auffahrt also. Trotzdem souverän und gelassen, so wirkt er zumindest. Aber ist er es auch? „Nee, also ich bin schon nervös.“ Besser wurde es, als er zum Festspielhaus fuhr, erzählt er. „Die Festspiele gibt’s ja jetzt schon seit 150 Jahren, das haben also auch schon Leute vor mir geschafft. Der Gedanke vertröstet.“
Michel Friedman gehört ebenfalls zu den ersten auf dem roten Teppich. In diesem Jahr lässt sich an der plötzlich entstehenden Hektik unter den Journalisten aber ablesen, dass an seiner Ankunft noch etwas anderes hängt: der Streit um seine zunächst abgesagte Gedenkrede, die Kritik an der Festspielleitung. Damit gemeint ist auch Katharina Wagner, Urenkelin von Richard Wagner und Geschäftsführerin der Veranstaltung, die sich nach den Turbulenzen bei Friedman entschuldigte.
Friedman selbst hält sich auf dem Teppich nicht lange auf, verschwindet vorerst zügig im Festspielhaus. Später kommt er wieder heraus und steht gemeinsam mit Wagner am Königsportal, um weitere Ehrengäste zu begrüßen. Die beiden plaudern, lachen, wirken fast schon demonstrativ vertraut.
Weiter geht’s, denn hier sind Politik und Inszenierung nahezu deckungsgleich. Ein Mann, der solche Termine liebt, ist Markus Söder. Der bayerische Ministerpräsident kommt gerne und geübt. Schnell will er auf die sonnige Seite des roten Teppichs mit seiner Frau Karin Baumüller-Söder. Die Presse ruft „Nein“, sorgt sich ums Bild. Söder hört.
Er ist an diesem Abend nicht nur Festspielgast, sondern Programmpunkt, er wird ein Grußwort sprechen. Sogar ein kurzes Interview gibt es: Zunächst geht es noch um Wagner, den Festspielauftakt, die Freude über den hochkarätigen Besuch in Bayern. Doch es dauert nur wenige Sätze, bis die Berliner Regierungsfähigkeit verhandelt wird.
Dann Ankunft Friedrich Merz: Auch der Bundeskanzler (CDU) wird später sprechen. Vor der Festrede wartet allerdings noch die demokratische Ouvertüre: aussteigen, winken, fotografiert werden, ein paar Buhrufe kassieren. Bei Söder gab es die nicht.
Lange bleibt ohnehin niemand Mittelpunkt des roten Teppichs. Schon wartet das Publikum auf die nächste Ankunft. Alt-Kanzlerin Angela Merkel soll es sein. Und es gibt… Applaus.
Dass Merkel kommt, überrascht in Bayreuth ungefähr so sehr wie das Erklingen eines Leitmotivs. Sie trägt einen ihrer zahlreichen Kanzlerinnenblazer, dazu den passenden langen Rock – jene festspielerprobte Kombination, in der sie seit Jahren erscheint und die inzwischen fast selbst zum Bayreuther Kanon gehört. Anders als bei manchem Gast beginnt der eigentliche Teil des Abends für die bekennende Wagnerianerin allerdings erst, wenn die Kameras verschwunden sind. Zur Ankunft Merkels kommt auch Wagner nochmal raus, schüttelt die Hand, sagt „Schön, dass du da bist.“
Wagners „Ring des Nibelungen“, dieser vierteilige Kampf um Gold und Macht, um gebrochene Verträge, verletzte Eitelkeiten und schwierige Familienverhältnisse, sei vom privaten bis zum politischen Leben auf die gesamte Menschheit anwendbar, hat Merkel einmal in einem Podcast gegenüber dem SWR gesagt. Bestimmte Motive habe sie auch in der Wirklichkeit wiedererkannt. Namen wollte sie damals nicht nennen.
Einer, an den man bei Machtkämpfen, verletzten Eitelkeiten und schwierigen politischen Familienverhältnissen denken könnte, wartet da bereits im Haus: Friedrich Merz. Mit ihm, dem Jetzt-Kanzler, trifft Merkel an diesem Abend auf einen Parteifreund, mit dem sie einer jener politischen Familiengeschichten verbindet, die Wagner vermutlich nicht für völlig unergiebig gehalten hätte.
Wer die Auffahrt hinter sich gebracht hat, tauscht den Komfort der Limousine gegen eine schon fast egalitäre Zumutung. Im nicht klimatisierten Festspielhaus sitzen alle mehrere Stunden auf ungepolsterten Holzstühlen. Die Abwesenheit von Polstern ist akustisch begründet, orthopädisch weniger. Und was kostet das Vergnügen für all jene, die keine Einladung bekommen haben? Beim Festakt selbst kostet ein Hörplatz ohne Sicht auf die Bühne elf Euro, der beste Platz 250. Wer „Rienzi“ oder einen einzelnen Abend des „Rings“ aus der besten Kategorie verfolgen möchte, zahlt bis zu 423 Euro; für den vollständigen „Ring“ werden 1692 Euro fällig.
Gefeiert werden soll in diesem Jahr, und zwar noch etwas ausgiebiger, als es die Bayreuther Festspiele ohnehin gebieten. 150 Jahre alt ist inzwischen jene heute alljährliche Zusammenkunft von Wagner-Fans und/oder kameraliebenden Menschen. Im August 1876 gingen die ersten Festspiele mit der ersten vollständigen Aufführung des „Rings“ über die Bühne.
Dass das Jubiläumsprogramm nun ausgerechnet mit Beethovens Neunter beginnt, ist kein Bruch mit der Tradition, sondern eher Bayreuths Form des historischen Reenactments: Wagner verehrte das Werk und dirigierte es 1872 im Markgräflichen Opernhaus, als der Grundstein für das Festspielhaus gelegt wurde.
Auch die ersten Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 1951 mit der Neunten eröffnet. Damit beginnt der erklärungsbedürftigere Teil der Tradition. Die letzte Festspielsaison vor der Pause hatte 1944 stattgefunden – in einem Bayreuth, das unter Winifred Wagner eng mit Hitler und dem nationalsozialistischen Kulturbetrieb verbunden war. Als ihre Söhne Wieland und Wolfgang die Festspiele 1951 wieder aufnahmen, sollte daraus ein künstlerisch erneuertes „Neu-Bayreuth“ werden. Der Samstag erinnert mit Beethoven also nicht nur an die Grundsteinlegung, sondern auch an einen Neubeginn, dessen Verhältnis zum Vorherigen Bayreuth bis heute beschäftigt.
Als zweite Tonspur läuft diese Geschichte natürlich mit. Denn wenn am Ende Beethovens „Alle Menschen werden Brüder“ durch das Festspielhaus klingt, dann an eben jenem Ort, der sich mit der Frage nach dem eigenen politischen Erbe bis heute beschäftigen muss.
Die große Festrede hält an diesem Abend Nike Wagner. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und darüber hinaus Urenkelin Richard Wagners und Cousine der Festspielleiterin Katharina Wagner. Und wenn in Bayreuth eine Wagner über Wagner spricht, ist das nie nur eine kulturhistorische Angelegenheit, sondern auch ein bisschen Familientherapie vor großem Publikum.
Kurz vor Beginn sammeln sich Friedrich Merz, Alexander Dobrindt und Dorothee Bär (beide CSU) nochmal auf dem Balkon des Festspielhauses. Unter ihnen verstummt langsam der rote Teppich, vor dem Eingang stehen noch immer die 150 Elstern: jede mit dem Namen eines Milliardärs, zusammen ein kleiner schwarzer Schwarm gegen die „große Vermögensordnung“.
Gleich wird Beethoven alle Menschen zu Brüdern erklären. Dass Brüder nicht zwangsläufig gleich viel erben, wusste man allerdings schon vor Wagner.