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Montag, 23. März 2026
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Bundesregierung: Das ist keine „Reform“, sondern Realitätsverweigerung

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1. Februar
FAZ (Politik)

Bundesregierung: Das ist keine „Reform“, sondern Realitätsverweigerung

Bundesregierung : Das ist keine „Reform“, sondern Realitätsverweigerung Die Koalition verkauft ihre Vorschläge zur Staatssanierung als Meilenstein der Reformbereitschaft. Aber so wird sich Deutschland in der globalen Unordnung nicht behaupten können. Ist endlich Bewegung in die Reformdebatte gekommen? Erst stellten Teile der Union das großzügige deutsche Teilzeitmodell infrage, dann versprach Arbeitsministerin Bas, die Vorschläge der Sozialstaatskommission zeitnah umzusetzen, und schließlich einigte sich der Koalitionsausschuss auf „weitere Beiträge für eine starke Wirtschaft“. Erste sprechen schon vom „Agenda-Moment“ dieser Regierung, aber ein Reformwerk im Stile Gerhard Schröders ist nicht wirklich in Sicht. Die Anti-Teilzeit-Offensive wurde im Keim erstickt, weil, wie immer in Deutschland, Landtagswahlen vor der Tür stehen. Die „Sozialreform“ zielt nicht auf Einsparungen, sondern ist im Wesentlichen eine Verwaltungsreform, die den Zugang zum Füllhorn erleichtert. Und die Absprachen zur Wirtschaftsförderung wurden von einem Beteiligten, CSU-Chef Söder, augenzwinkernd zwischen Masterplan und Prosa verortet. Wenn sich gerade ein historischer Moment wiederholt, dann der mit den 5000 Helmen. Damals, kurz vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, war die (Ampel-)Regierung überzeugt, mit der Lieferung stählerner Kopfbedeckungen ein bedeutendes Zeichen des Umdenkens zu setzen. Bekanntlich wurden schon wenig später die wahren Kosten der Zeitenwende erkennbar und Waffen- und Finanzhilfen in Milliardenhöhe geleistet. So ähnlich kann es den Versuchen ergehen, Tatkraft in Fragen der Staatssanierung zu demonstrieren. Was heute manchen als Meilenstein der Reformbereitschaft erscheint, dürfte bald schon als Wegmarke der Realitätsverweigerung gelten. Weniger Bas, mehr Bismarck Das Phänomen hat Tradition. Die zeitversetzte, also verspätete Reaktion auf Krisen ist menschlich und deshalb auch immer Teil der Politik gewesen. Als sich im Frühjahr 1914 die Kriegswolken über Europa zusammenzogen, debattierte der Reichstag in Berlin über Vermögenssteuern und Agrarzollerhöhungen. Militärisch war Deutschland zwar vorbereitet auf den Ernstfall; besser als heute. Aber vieles wurde damals, im Hoffen auf einen glimpflichen Ausgang der Krise, vernachlässigt, von der Rohstofflogistik über die Vorratshaltung bis zur Diplomatie. Erst der Krieg, der bis zuletzt verdrängt wurde, diktierte die neuen Prioritäten. Geschichte wiederholt sich nicht, und Deutschland erlebt kein zweites 1914. Aber die epochalen Veränderungen im östlichen Teil Europas und in anderen Teilen der Welt zwingen uns zu Anpassungen von erheblicher, nicht ansatzweise debattierter Tragweite. Um die eigenen Interessen gegen robuster auftretende Großmächte zu verteidigen, müssen Mittelmächte wie Deutschland nicht nur militärisch mehr auf die Waage bringen, sondern auch wirtschaftlich und technologisch. Es gilt, sich anders auszurichten: Nicht Umverteilung, Versorgungsgrad oder Klimaneutralität wird über die Zukunft unserer Gesellschaft entscheiden, sondern die Fähigkeit, wieder ökonomischen Pioniergeist zu entwickeln, andere Regionen mit Leistungen zu übertreffen und außenpolitisch strategische Entscheidungen zu treffen. Anders gesagt: Das Land braucht in dieser Phase weniger Bas und mehr Bismarck. Das war auch die vielfach unverstandene Botschaft des kanadischen Ministerpräsidenten Carney in Davos. Die Europäer applaudierten seinen Ideen, wie sich die Mittelmächte würdevoll in der globalen (Un-)Ordnung behaupten können, übersahen aber gern, dass Carney nicht nur über neue Kooperationen und alte Werte gesprochen hatte, sondern auch über harte Reformen im Innern, um zu nationaler „Stärke“ zurückzufinden. Dazu zählte er nicht nur höhere Verteidigungsausgaben, sondern auch die massive Förderung der Wettbewerbsfähigkeit: deutlich niedrigere Steuern auf Einkommen und Unternehmensinvestitionen, das Beseitigen von Hindernissen im Binnenmarkt, nicht zuletzt strategische Investitionen. Kanada, dessen Wirtschaft halb so groß ist wie die deutsche, steckt eine Billion Dollar in Energie, Künstliche Intelligenz, kritische Rohstoffe und neue Handelskorridore. Ein solches Programm ist hierzulande nur in Rudimenten zu erkennen. Bislang fehlt der Mut oder die Kraft zu tiefgreifenden Strukturreformen, zum Abbau föderaler Friktionen, zum Luftablassen aus den aufgeblähten öffentlichen Apparaten und Behörden. Vergeblich wartet man auf umfassende Steuersenkungen und Entbürokratisierungen, die den Standort mit Amerika konkurrenzfähig machen könnten. Es gibt keine konsequente Abkehr von der wirtschaftsfeindlichen Energiewende, keine ausreichenden Investitionen in die heimische KI-Industrie, keinen nachhaltigen Umbau der Sozialsysteme. Stattdessen flickt die Koalition herum und hält die Fiktion aufrecht, „ohne Leistungskürzungen“ (Bas) auszukommen, obwohl jetzt Geld an Stellen gebraucht wird, die für das Schicksal des Landes entscheidender sind. Trösten soll man sich wohl damit, dass zumindest die Rhetorik der Koalition – Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit, Anpacken – beste Absichten verrät.

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1. Februar
taz (Öko & Co)

Sozialstaatsreform: Bürgerfreundlich heißt nicht automatisch gerechter

Sozialstaatsreform: Bürgerfreundlich heißt nicht automatisch gerechter Auf den ersten Blick kann man sich über die parteiübergreifende Einigkeit bei der Reform freuen. Doch der Druck auf Sozialstaat wächst weiter. J etzt bitte mal nicht meckern! Dass sich Vertreter:innen von Union und SPD sowie aus Bund, Ländern und Kommunen in einer Kommission in wenigen Monaten auf eine „Sozialstaatsreform“ einigen konnten und alle außer der AfD das Ergebnis gut finden, ist in diesen Zeiten der Polarisierung viel wert. Die Union spricht von einer guten Grundlage. Die SPD lobt: „Wir drehen das große Rad.“ Grüne und Linke finden die Richtung richtig, ebenso Wohlfahrtsverbände. Und in der Tat: Wenn die vorgeschlagenen 26 Maßnahmen der Sozialstaatskommission umgesetzt werden, wird für viele Menschen vieles einfacher. Das Kindergeld etwa soll automatisch ab Geburt ausgezahlt werden. Bislang bekam das Baby lediglich die Steuernummer ungefragt zugeschickt. Wer zusätzlich zum – schmalen – Gehalt noch Leistungen wie Wohngeld oder Kinderzuschlag bezieht, soll nur noch eine Behörde anschreiben müssen, und zwar digital von zu Hause aus. Perspektivisch soll es ein zentrales Sozialportal geben, einen One-Stop-Shop, das Kaufhaus für den Sozialstaat. Die Grünen planten in der letzten Legislatur mal Ähnliches mit der Kindergrundsicherung, nun vollendet womöglich die schwarz-rote Koalition, was der Ampel nicht gelang. Geht doch. Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums. Aber dass fast niemand meckert, liegt natürlich auch daran, dass es, anders als der Name „Sozialstaatsreform“ suggeriert, nicht um eine grundlegende Reform des Sozialstaats geht. Der Name ist ein kleiner Etikettenschwindel, denn im Kern handelt es sich um eine Verwaltungsreform. Sie ist wichtig und nötig, schließlich geben Bund, Länder und Kommunen jährlich mehr als 260 Milliarden Euro für Systeme der sozialen Teilhabe und Förderung aus. Bei so viel Geld darf man erwarten, dass es effizient verteilt wird und ankommt, was derzeit nicht der Fall ist. Stattdessen verzichten viele Menschen darauf, zu beantragen, was ihnen eigentlich zusteht, weil es zu kompliziert und zeitraubend ist. Doch wenn der Staat bürger:innenfreundlicher wird, ist damit noch kein Kind besser vor Armut, niemand wirksamer vor Obdachlosigkeit geschützt. Die grundsätzlichen Fragen der Gerechtigkeit und Verteilung bleiben unberührt. Während der Druck auf Arbeitnehmer:innen derzeit steigt, können sich Unternehmen auf Entlastungen freuen. Im Kern geht es dabei um den systemimmanenten Konflikt zwischen Arbeit und Kapital. Die Union ventiliert vor ihrem Bundesparteitag und im Landtagswahlkampf munter Vorschläge, um Beschäftigtenrechte zu schleifen, etwa die Abschaffung des Rechts auf „Lifestyle“-Teilzeit oder die Streichung von bezahlten Krankentagen. Die Ideen aus dem Mittelstandsflügel der Union haben für Kopfschütteln gesorgt und werden wohl in der Versenkung verschwinden, aber sie folgen der grundsätzlichen Stoßrichtung, wie sie auch Friedrich Merz als CDU-Vorsitzender vorgibt. Der Kanzler findet, dass Beschäftigte zu wenig arbeiten und zu oft krankfeiern und möchte das Arbeitszeitgesetz am liebsten abschaffen. Und tatsächlich haben sich Union und SPD im Koalitionsvertrag bereits auf die Abschaffung des Achtstundentags geeinigt. Für Unternehmen, die natürlich finden, dass das bei Weitem nicht ausreicht, senkt die Koalition Steuern und Preise. Der Verband der „Familienunternehmer“, der auch für schwerreiche Unternehmerdynastien spricht und dafür laut Lobbyregister des Bundestags mehr als 9 Millionen Euro im Jahr ausgibt, fordert die Regierung zu weiteren „deutlichen“ Kostensenkungen auf. Wo bleibt die SPD? Und wer hält dagegen? Die SPD jedenfalls nicht. Als sie im vergangenen Jahr für den SPD-Parteivorsitz kandidierte, nannte Bärbel Bas das zutreffend „Klassenkampf von oben“. Als sie ein paar Monate später die Arbeitgeber angriff, erntete sie einen wahren Shitstorm und hält sich seitdem zurück. Es war die Linkspartei, die vergangene Woche eine Aktuelle Stunde im Bundestag beantragte zum Thema „Aushöhlung von Beschäftigtenrechten verhindern“ und zudem Zahlen aus dem von Bas geleiteten Arbeits- und Sozialministerium anfragte. Demnach arbeitet inklusive Überstunden rund die Hälfte der Beschäftigten bereits heute mehr als 40 Stunden pro Woche. Das Bild von der „faulen“ Arbeitnehmer:in ist als Kulturkampf verbrämter Klassenkampf. Wenn sich die Sozialdemokraten wirklich als Anwälte der „Fleißigen“ in diesem Land begriffen, wie es Co-Chef Lars Klingbeil immer wieder betont, dann würden sie dieser neoliberalen Erzählung erstens deutlich widersprechen und zweitens ihr Konzept für eine Reform der Erbschaftsteuer energischer bewerben. Beides tun sie nicht. Die Quittung dürften sie bei den Landtagswahlen bekommen. Aber dann bitte nicht meckern. Gemeinsam für freie Presse Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. 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