Friedrich Merz im ZDF: Waren seine Aussagen immer korrekt?
Sommerinterview mit dem Bundeskanzler:Friedrich Merz im ZDF: Waren seine Aussagen immer korrekt?
von Jan Henrich, Nils Metzger, Beate Seck
Bundeskanzler Friedrich Merz verteidigte im ZDF-Sommerinterview seine Reformen und forderte mehr Leistung von den Menschen. Waren seine Aussagen sachlich richtig? Der Faktencheck.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) war am Sonntag zu Gast im ZDF-Sommerinterview. Hauptstadtstudioleiterin Diana Zimmermann konfrontierte ihn dort mit niedrigen Umfragewerten und Kritik an den Reformvorhaben der Bundesregierung. Merz verteidigte seine Politik - viele Menschen würden ihm in der Sache zustimmen.
Die Aussagen des Kanzlers im Faktencheck.
Arbeiten Schweizer wirklich 200 Stunden mehr im Jahr?
Angesprochen auf seine Pläne für eine ärztliche Krankschreibung ab dem ersten Tag, verwies Merz darauf, dass die Zahl der Arbeitsstunden in Deutschland zu niedrig sei:
Die Schweizer arbeiten 200 Stunden mehr als die Deutschen. Das ist doch nicht Faulheit, die ich jemandem persönlich unterstelle. Sondern ich sage, unsere Produktivität ist zu gering, unsere Leistung ist zu gering und daran müssen wir etwas tun.
Bundeskanzler Friedrich Merz
Die Zahl lässt sich anhand von Statistiken zwar nachvollziehen, bildet allerdings nicht das Gesamtbild beim Thema Arbeitszeit ab.
Sehen Sie hier einen Auszug aus dem ZDF-Sommerinterview mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Darin deutet er eine Kabinettsumbildung an.
19.07.2026 | 0:33 minLaut einer Darstellung des Schweizer Bundesamts für Statistik lag die wöchentliche Arbeitszeit in der Schweiz 2025 bei 42,5 Stunden, in Deutschland nur bei 38,4. Auf ein Jahr gerechnet, wäre das ein Unterschied von rund 200 Stunden. Allerdings gilt das nur für den Vergleich unter Vollzeitbeschäftigten. Nimmt man den Vergleich unter allen Arbeitnehmern, gab es 2024 laut Angaben des Deutschen Statistischen Bundesamts nur noch einen Unterschied von weniger als einer Stunde bei der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit - 35,2 Stunden (Schweiz) verglichen mit 34,3 Stunden (Deutschland). Denn die Teilzeitquote in der Schweiz ist deutlich höher als in Deutschland.
Hinzu kommt, dass Schweizer früher in Rente gehen dürfen als Arbeitnehmer in Deutschland. Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt in der Schweiz bei 65 Jahren. Für Frauen, die vor 1964 geboren sind, sogar noch früher. Arbeitszeit allein sagt zudem wenig über die Wirtschaftsleistung eines Landes aus. Spitzenreiter in Europa bei der durchschnittlich geleisteten Wochenarbeitszeit inklusive Teilzeit waren 2024 laut Angaben des Statistischen Bundesamts Griechenland, Rumänien und Bulgarien.
"Kleine Paschas", "zu oft krank", "Stadtbild": Bundeskanzler Merz verteidigt im ZDF-Sommerinterview seine Kommunikation. Viele Menschen würden ihm in der Sache zustimmen.
19.07.2026 | 1:17 minStoppen die Reformen den Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge?
Steigende Sozialabgaben belasten Bürger wie Unternehmen. Gleichzeitig versucht die Bundesregierung den Kostenanstieg bei den Sozialsystemen zu bremsen. Zum Reformpaket bei Rente, Pflege und Krankenversicherung sagte Merz:
Das Wichtigste für uns war zunächst einmal, den weiteren drohenden Anstieg der Beiträge für die Sozialversicherung zu stoppen. Und das wird uns mit diesen Reformen gelingen.
Bundeskanzler Friedrich Merz
Wie belastbar diese Zusicherung des Kanzlers ist, hängt stark vom betrachteten Zeitrahmen ab. Denn für viele Arbeitnehmer, insbesondere junge Singles oder Gutverdiener, bringen die Reformen Einschnitte mit sich. Die Hoffnung ist dafür, dass ihre Beiträge in Zukunft weniger stark ansteigen als ohne Anpassungen.
Nimmt man geplante Mehrkosten und Einsparungen aus den Reformplänen zusammen, dann dürfte für viele Bürger auf dem Lohnzettel zunächst weniger übrig bleiben:
- Zusätzlicher Anstieg der Beitragsbemessungsgrenze für 2027 um 300 Euro
- Kostenlose Mitversicherung bei Eheleuten fällt vielfach weg
- Rentenbeiträge und erhöhte Pauschsteuer auf Minijobs
- Erhöhter Beitrag zur Pflegeversicherung für Versicherte ab 23 Jahren ohne Kinder
- Ab 2028 ein Zusatzbeitrag von 0,5 Prozent des Bruttolohns für eine Kapitalrente (Anstieg auf zwei Prozent bis 2031)
Diese und andere Anpassungen sollen durch eine geplante Reform der Einkommensteuer aufgefangen werden, deren Details aber noch im Bundestag entschieden werden müssen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen geht von einer Stabilisierung der Beiträge nur für eine kurze Zeit aus. "Wir haben jetzt eine solide Grundlage dafür, dass die Krankenkassenbeiträge in den kommenden zwei Jahren insgesamt stabil bleiben können", so GKV-Verbandschef Oliver Blatt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. "Luft ist da allerdings nicht."
Selbst wenn die Sozialversicherungsbeiträge ohne Reformen schneller steigen würden, dürften auf viele Bürger höhere Kosten zukommen.
Kanzler Merz hat sich besorgt über den Ton im Parlament geäußert. Von der AfD sei man das inzwischen gewöhnt, mittlerweile aber auch von Linken und Grünen: "Alles derselbe Sound", so Merz.
19.07.2026 | 1:08 minMehr Startup-Gründungen als je zuvor?
Merz kritisierte im Gespräch, dass der Standort Deutschland teils schlechtgeredet werde. Er verwies auf die Zahl neuer Unternehmen:
Wir haben eine Zahl von Unternehmensgründungen durch junge Menschen in nie gekannter Zahl. Schon im ersten Halbjahr 2026 sind fast so viele neue Unternehmen gegründet worden wie im Jahr 2025 - und das war schon ein Rekordjahr in Deutschland.
Bundeskanzler Friedrich Merz
Von Januar bis Ende Juni 2026 wurden in Deutschland 3.053 neue Startups gegründet - das geht aus einer Erhebung des Startup-Verbands von Anfang Juli hervor. "Das sind 52 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025 und mehr als im gesamten Jahr 2024", schreiben die Autoren. Es sei das gründungsstärkste Halbjahr seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2019. Laut Startup-Verband war bereits 2025 ein "Rekordjahr". Vor allem Gründungen mit KI-Bezug verzeichnen einen Boom.
Laut dem KfW-Gründungsmonitor verjüngt sich die deutsche Gründerlandschaft. "Das Durchschnittsalter der Gründerinnen und Gründer insgesamt lag 2025 in Deutschland bei 34,2 Jahren - nochmals leicht niedriger als im Vorjahr mit 34,4 Jahren", heißt es in der Pressemitteilung zum Jahresbericht 2025. "Der Anteil der Gründerinnen und Gründer unter 30 Jahren lag im vergangenen Jahr bei 40 Prozent und damit gleichauf mit dem Rekordwert von 2024."
Laut dem Statistischen Bundesamt gab es zuletzt auch bei größeren Unternehmen einen Zuwachs. Dort standen im ersten Quartal 2026 37.500 Gründungen 28.400 Geschäftsaufgaben gegenüber. Die Zahl der Gründungen stieg auch hier gegenüber dem Vorjahr, während die Zahl der Aufgaben zurückging. Insgesamt wurden in diesem Quartal 188.900 neue Gewerbe gegründet, 10,1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Die massiven Entlassungswellen insbesondere bei deutschen Industrieunternehmen dürfte der Startup-Zuwachs aber kaum ausgleichen. Im Schnitt beschäftigte ein deutsches Startup laut Startup-Verband 2025 lediglich 15,8 Mitarbeiter. 2023 waren es noch 18,9 Mitarbeiter gewesen. Kanzler Merz liegt mit seinem Verweis auf mehr Unternehmensgründungen aber grundsätzlich richtig.
Sehen Sie hier einen Auszug aus dem ZDF-Sommerinterview mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Darin geht er auf Distanz zu Jens Spahn.
19.07.2026 | 2:31 minWelche Rolle spielen Frauen in der CDU unter Merz?
Auf die Frage, ob nach dem Rücktritt von Jens Spahn auch eine Frau in die Führungsspitze der Union rücken könnte, betonte Merz, dass CDU-Frauen bereits in vielen Führungspositionen vertreten seien.
Die Zahl der Frauen unter meinem Vorsitz in der CDU (ist) eine große Zahl nach oben gegangen. Ich tue alles, um das noch besser zu machen.
Bundeskanzler Friedrich Merz
Die Aussage lässt sich nur teilweise mit Zahlen untermauern. Merz ist seit 2022 Parteivorsitzender der CDU. Der Frauenanteil unter den CDU-Mitgliedern hat sich in dieser Zeit nicht verändert und liegt konstant bei 26,6 Prozent.
Veränderungen gibt es insbesondere beim Frauenanteil in Bundesvorstand und Parteipräsidium der CDU. Er ist in der Amtszeit von Friedrich Merz deutlich gestiegen und liegt mittlerweile bei 50 beziehungsweise fast 50 Prozent. Der Anstieg geht auf eine 2022 parteiintern beschlossene Quotenregelung zurück. Der Frauenanteil bei den CDU-Bundestagsabgeordneten ist in dem Zeitraum, in dem Friedrich Merz Parteivorsitzender ist, leicht gesunken, von 23,8 auf 22,0 Prozent. Innerhalb der Bundesregierung werden drei der sieben CDU-Ministerposten von Frauen besetzt. Im letzten Bundeskabinett unter Angela Merkel waren es 2021 drei von sechs.
Nach der Debatte um die Leihmutterschaft hat Unions-Fraktionschef Spahn seinen Rücktritt bekannt gegeben. Bundeskanzler Merz hatte ihn zuvor zu diesem Schritt aufgefordert.
18.07.2026 | 2:37 minWurde eine Merz-Rede verkürzend dargestellt?
"Warum so ruppig im Ton", wollte Interviewerin Diana Zimmermann von Merz wissen. Beim Parteitag der NRW-CDU Anfang Juli hatte sich Merz über "Nörgler" und "Berufskritiker" empört. Merz kritisierte daraufhin, dass dieses Zitat verkürzend dargestellt werde.
Das ist doch nur ein kleiner Auszug aus meiner Rede gewesen. Ich habe zuvor ein Zitat von George Bernard Shaw genannt, das hätten Sie auch bringen können. Und das ist sehr freundlich gewesen. (…) Ich habe gesagt, ich übersetze das jetzt mal in eine unfreundliche Version.
Bundeskanzler Friedrich Merz
Tatsächlich leitete Merz seine Worte auf dem Parteitag am 4. Juli mit dieser Bemerkung ein: "Wir kommen vom Land und deswegen kann man es auch etwas deutlicher sagen. Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, Empörte, Berufskritiker: wegtreten."
Direkt davor zitierte er einen vielfach dem Literaturnobelpreisträger Shaw zugeschriebenen Satz: "Diejenigen, die glauben, es geht nicht, werden gebeten, diejenigen nicht zu stören, die es trotzdem versuchen."
Der vielbeachtete Parteitags-Ausruf ist also tatsächlich in einem größeren Kontext gefallen. Merz hat diese "ruppige" Formulierung aber bewusst gewählt und eine Frage nach diesem Kommunikationsstil ist legitim.
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