4. April Neues Deutschland
Colonia Dignidad | Chile: Ultrarechte Vollbremsung in der Aufarbeitung
- Politik
- Colonia Dignidad
Chile: Ultrarechte Vollbremsung in der Aufarbeitung
Die ultrarechte chilenische Regierung stoppt die mit der Bundesregierung verabredete Gedenkstätte zur Sektensiedlung Colonia Dignidad
Im Wahlkampf hatte der extrem rechte José Antonio Kast, seit März dieses Jahr Präsident, sich mit Kommentaren zum Umgang mit der chilenischen Diktatur (1973 bis 1990) aus taktischen Gründen zurückgehalten. Aus seiner Verbundenheit zum Ex-Diktator Pinochet hat er jedoch nie einen Hehl gemacht. Dass die neue, am 11. März vereidigte, chilenische Regierung auch die Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur zurückdrehen will, ist nicht überraschend. Nur zwei Wochen nach seiner Amtseinführung erklärte der Minister für Wohnungsbau, Iván Poduje, recht kaltschnäuzig im Interview mit der chilenischen Zeitung »La Tercera«, er werde »die Enteignung der Colonia Dignidad zurückdrehen und ein Dekret erlassen, das den ursprünglichen Beschluss dafür rückgängig macht«. Damit stellt er den von der Vorgängerregierung Boric geplanten Weg zur Errichtung einer Gedenkstätte und eines Dokumentationszentrums in der ehemaligen deutschen Sektensiedlung komplett infrage. Es gebe weder Geld für ein Verkehrswertgutachten noch für die Entschädigungszahlungen für das Gelände, so Poduje.
Gabriel Boric, der Mitte-Links-Präsident der Vorgängerregierung, hatte in seiner Regierungserklärung 2024 die Enteignung von Teilen der Ex-Colonia-Dignidad angekündigt, um das »frühere Gelände des Terrors und des Todes« in einen »Ort der Erinnerung und der Zukunft« zu verwandeln und um »die Botschaft des ›Nie wieder‹ in die Welt« zu senden. Doch den poetischen Worten folgten zu wenige konkrete Taten.
»Die Regierung Boric hat es der rechten Regierung Kast leicht gemacht, nun die Planungen für eine Gedenkstätte wieder zurückzudrehen.«
Evelyn Hevia Jordán Freie Universität Berlin
Regierung Boric mit undurchdachtem Konzept
Eine weitere formelle Enteignungserklärung folgte im Juli 2025, unterzeichnet von den drei Ministern für Justiz und Menschenrechte (Jaime Gajardo), für Wohnen und Stadtplanung (Carlos Montes) und für nationale Vermögenswerte (Francisco Figueroa). Doch die Regierung Boric hat während ihrer Amtszeit weder das nötige Verfahren zur Schätzung des Wertes für das Gelände abgeschlossen noch eine Stiftung oder andere Trägerorganisation zum Betreiben der Gedenkstätte ins Leben gerufen.
»Die Regierung Boric hat es der rechten Regierung Kast leicht gemacht, nun die Planungen für eine Gedenkstätte wieder zurückzudrehen«, moniert die Historikerin Evelyn Hevia Jordán, die für die Freie Universität Berlin und das Museum der Erinnerung und Menschenrechte in Santiago eine Ausstellung zu Colonia Dignidad erarbeitet. Die Leidtragenden seien die Angehörigen der verschwundenen politischen Gefangenen und andere Opfer der Colonia Dignidad, die durch solche Erklärungen retraumatisiert würden, erklärt Hevia Jordán. Es sei Verantwortung beider Staaten, die Verbrechen der Colonia Dignidad aufzuklären.
Tourismus und private Feste prägen das Bild der Villa Baviera
In der 1961 von dem deutschen Laienprediger Paul Schäfer und 300 Getreuen am Fuß der zentralchilenischen Anden gegründeten Siedlung wurden Bewohner*innen jahrzehntelang ihrer Freiheit beraubt, Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt unterworfen. Chilen*innen aus der ländlichen Umgebung der Siedlung wurden von ihrem Land vertrieben, Kinder zwangsadoptiert und misshandelt. Während der Diktatur kooperierte die Führung der Colonia Dignidad mit dem Geheimdienst DINA, der ein Gefangenenlager auf dem Gelände einrichtete. Oppositionelle wurden dort gefoltert, etwa Hundert ermordet, ihr Schicksal ist bis heute nicht aufgeklärt.
Bis heute gibt es keine Gedenk- oder Dokumentationsstätte in der Villa Baviera, wie die deutsche Siedlung seit 1988 heißt. In der Siedlung, die in Form einer Aktienholding organisiert ist, leben heute noch rund 120 Personen. Sie betreiben Land- und Forstwirtschaft, eine Hühnerfarm, Immobilienunternehmen und einen Tourismusbetrieb mit Hotel und Restaurant im bayerischen Stil. Dort ausgerichtete private Events wie Hochzeiten oder, wie kürzlich, eine Modenschau sind besonders verletzend für Angehörige von Verschwundenen.
Myrna Troncoso Muñoz, María Escobar Escanilla und Margarita Maino Canales, deren Brüder während der Diktatur entführt wurden und seitdem verschwunden sind, haben von der Entscheidung des Wohnungsbauministers aus der Presse erfahren. Diese staatliche Entscheidung zur »Rückabwicklung des Enteignungsprozesses« sei gefährlich und könne zu irreparablem Schaden führen, erklären sie in einer Petition, die sie zusammen mit ihrer Rechtsanwältin Mariela Santana von der Menschenrechtsorganisation CODEPU an die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) richten. Sie hoffen auf Druck dieser Kommission, die Teil des Interamerikanischen Menschenrechtssystems ist, der auf die chilenische Regierung mit dem Ziel der Errichtung einer Gedenkstätte in der Ex-Colonia-Dignidad ausgeübt werden soll.
Juan Rojas Vásquez, dessen Vater und dessen ältester Bruder vermutlich in der Colonia Dignidad ermordet wurden, ist entsetzt über die Erklärung des chilenischen Ministers Poduje. Er appelliert an die Regierungen von Chile und Deutschland, endlich eine Gedenkstätte zu errichten, denn für die Betroffenen werde der Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit nicht enden. Er, der seit fast 50 Jahren in Stuttgart lebt, werde weiter um Aufklärung kämpfen.
Kast und die internationalen Verpflichtungen
Der chilenische Präsident José Antonio Kast erklärte inzwischen in einem Interview im chilenischen Fernsehen, es sei »unangemessen«, ein »117 Hektar großes Areal zu einem Gedenkort zu machen«. Chile habe kein Geld und dürfe sich nicht weiter verschulden. Das bedeute aber nicht, »das Leid vieler Menschen in Chile« zu leugnen. Es sei daher nicht ausgeschlossen, eine »angemessene« Form des Gedenkens und des Austauschs zu ermöglichen, wenn die Pläne auf ein begrenztes Gebiet reduziert würden und »nicht ganz Chile verschulden«.
Die Regierungen von Chile und Deutschland hatten sich 2017 in einem gemeinsamen Memorandum zum Aufbau einer Gedenk- und Dokumentationsstätte verpflichtet und treffen sich seitdem halbjährlich in einer chilenisch-deutschen Regierungskommission. Ein von dieser Gemischten Kommission beauftragtes chilenisch-deutsches Expert*innenteam erarbeitete ein Konzept für eine Gedenkstätte und legte dieses 2021 vor.
Die Leiterin der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Elke Gryglewski, war daran federführend beteiligt. Sie betont, es sei entscheidend, dass eine Gedenkstätte errichtet werde, in der die »historisch relevanten Gebäude einbezogen werden, in denen die verschiedenen Opfergruppen Leid erfahren haben, seien es Opfer der Diktatur oder Bewohner*innen der Siedlung«. Es sei hingegen nicht entscheidend, ob die Gedenkstätte über eine Enteignung oder über einen anderen Weg zustande komme. »Aber die Gespräche mit den verschiedenen Betroffenengruppen, die wir seit 2014 führen, müssen fortgesetzt werden«, so Gryglewski.
Diese Seminare und Workshops mit Betroffenengruppen der Colonia Dignidad hatte das Auswärtige Amt finanziert. 2017 hatte auch der Bundestag einstimmig einen Antrag zur Aufarbeitung der in der Colonia Digniad begangenen Verbrechen beschlossen. Denn auch die Bundesregierungen mehrerer Legislaturperioden waren über die Verhältnisse in der Colonia Dignidad informiert, Personal der deutschen Botschaft in Chile hatte aus der Siedlung geflohene Personen teils nicht geschützt, sondern vor allem enge Beziehungen zu der Führungsriege der Sekte unterhalten. Die Sprecherin des Auswärtigen Amtes, Kathrin Deschauer, erklärte nun, die Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad »ist und bleibt ein wichtiges Anliegen für die Bundesregierung«. Die Errichtung einer Gedenkstätte werde bei der nächsten Sitzung der chilenisch-deutschen Gemischten Kommission sicher eine wichtige Rolle spielen. Diese ist für Mai oder Juni geplant.
Gedenkstätte erfordert internationalen Druck
Ob es an dem Ort von Folter, Mord, Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt eine Gedenkstätte geben wird, wird stark von internationalem Druck abhängen. »Jetzt ist der Moment, in dem die Bundesregierung ihrer Verantwortung nachkommen muss und im Rahmen der chilenisch-deutschen Kommission auf eine Errichtung der Gedenkstätte drängen muss«, sagt Jan Stehle, der zur Verantwortung der deutschen Außenpolitik im Fall Colonia Dignidad forscht. Er fordert konkrete Schritte wie die Gründung einer Stiftung oder anderen Rechtsperson zur Umsetzung der Gedenkstätte.
Dabei spielen auch Bundestagsabgeordnete – über Parteigrenzen hinweg – eine entscheidende Rolle. Michael Brand (CDU), Staatssekretär für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, spricht von einer »bitteren Ankündigung« der chilenischen Regierung, nachdem die Vorgängerregierung »Hoffnung auf konkrete Schritte für eine Gedenkstätte, mehr Aufarbeitung und Erinnerung« gegeben habe. David Schliesing (Linke), Obmann des Ausschusses für Kultur und Medien, nennt die Entwicklung »besorgniserregend«. Er erwarte, »dass die Bundesregierung sich im Dialog mit der chilenischen Seite, gegenüber der extrem rechten Regierung ausnahmsweise mal nicht kleinlaut verhält«, sondern sich vehement für die Errichtung eines Gedenk- und Dokumentationsortes einsetzt. Er selbst werde dies auch in der Gemeinsamen Kommission aus Bundestag und Bundesregierung zur Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad einfordern.
Die Debatte um Aufarbeitung der deutsch-chilenischen Geschichte und Verantwortung wird mindestens so lange andauern, bis die Geschichtsschreibung am historischen Ort der ehemaligen Colonia Dignidad nicht mehr von folkloristischem Tourismus geprägt ist, sondern dort eine angemessene historische Aufarbeitung in einem Dokumentationszentrum stattfindet. Und bis dort ein Ort des Gedenkens und Erinnerns für die Opfer von Folter und Verschwindenlassen sowie von Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt offen zugänglich ist.
Wir haben einen Preis. Aber keinen Gewinn.
Die »nd.Genossenschaft« gehört den Menschen, die sie ermöglichen: unseren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die mit ihrem Beitrag linken Journalismus für alle sichern: ohne Gewinnmaximierung, Medienkonzern oder Tech-Milliardär.
Dank Ihrer Unterstützung können wir:
→ unabhängig und kritisch berichten
→ Themen sichtbar machen, die sonst untergehen
→ Stimmen Gehör verschaffen, die oft überhört werden
→ Desinformation Fakten entgegensetzen
→ linke Debatten anstoßen und vertiefen
Jetzt »Freiwillig zahlen« und die Finanzierung unserer solidarischen Zeitung unterstützen. Damit nd.bleibt.