21. Juli Süddeutsche Zeitung
Landkreis Würzburg: Schwere Gewaltattacke auf Mann mit Israel-Anstecker
Womöglich wegen eines Israel-Ansteckers am Revers soll ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Würzburg (DIG) in der Nacht auf Montag Opfer einer schweren Gewaltattacke geworden sein. Nach Angaben von Ermittlern soll der Beschuldigte nach einer zunächst verbalen Auseinandersetzung einen 65-jährigen Deutschen körperlich angegriffen und ihm dabei Schläge und Fußtritte auch im Kopfbereich versetzt haben.
Aufgrund bestehender Anhaltspunkte für eine israelfeindliche und islamistische Tatmotivation hat die Generalstaatsanwaltschaft München die Ermittlungen übernommen. Mehrere Polizeistreifen gelang es, den 20-jährigen Tatverdächtigen noch vor Ort vorläufig festzunehmen. Dabei soll sich der Mann zur Wehr gesetzt haben. Er wurde demnach zu Boden gebracht und gefesselt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde ein Polizeibeamter dabei leicht verletzt.
Nach Angaben der DIG erlitt der Geschädigte eine Kopfverletzung, er soll zunächst auf der Intensivstation einer Klinik behandelt worden sein. Derzeit ist er noch in stationärer Behandlung. „Ein Israel-Anstecker. Fast tödlich“, postete die Gesellschaft auf Instagram. Ermittler bestätigten im SZ-Gespräch, dass an der Kleidung des 65-Jährigen ein Israel-Anstecker zu sehen war - und er auf offener Straße attackiert worden sein soll. Allerdings müsse man für Details noch weitere Zeugenvernehmungen abwarten.
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Würzburg erließ ein Ermittlungsrichter Haftbefehl wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung gegen den 20-Jährigen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft handelt es sich um einen syrischen Staatsangehörigen. Er war bereits in der Vergangenheit strafrechtlich in Erscheinung getreten, unter anderem wegen Körperverletzungsdelikten. Er befindet sich in Untersuchungshaft in einer bayerischen Justizvollzugsanstalt.
Der Angreifer habe den Tod des Geschädigten zumindest billigend in Kauf genommen, erklärt die Generalstaatsanwaltschaft. Man prüfe nun Hinweise auf ein religiös motiviertes Handeln oder auch ein israelfeindliches beziehungsweise antisemitisches Motiv des Mannes.
Bereits am frühen Abend des 19. Juli 2026 war der Mann von einer Polizeistreife auf dem Marktfest in Höchberg kontrolliert worden. Dort soll er Zeugenaussagen zufolge Personen belästigt haben. Zu strafbaren Handlungen war es dort – nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen – jedoch nicht gekommen.
Oberstaatsanwalt Andreas Franck, der Zentrale Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Justiz, teilte auf Anfrage mit, „eine israelfeindliche und nicht ausschließbar eine islamistische Tatmotivation“ sei möglich. Angesichts der Schwere der Tat und der möglichen israelfeindlichen Tatmotivation des Beschuldigten habe er die Ermittlungen bei der Generalstaatsanwaltschaft übernommen.
Die Deutsch-Israelische Gesellschaft Würzburg ging mit dem Vorfall scharf ins Gericht. „Palästina-Flaggen hängen aus Fenstern, werden auf Demos geschwenkt, Parolen werden skandiert. Ein Israel-Anstecker am Revers reicht für die Intensivstation. Das ist Deutschland 2026.“ Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft erlitt der 65-Jährige zahlreiche Hämatome und einen Wirbelbruch.
Nach DIG-Angaben registrierte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, die Rias, im vergangenen Jahr 8725 antisemitische Vorfälle, mehr als 23 pro Tag. Darunter vier Fälle von extremer Gewalt, 178 Angriffe, 257 gezielte Bedrohungen. Allein 1551 Vorfälle wurden allein im Freistaat Bayern dokumentiert. Auch registriere die Rias einen wachsenden israelbezogenen Antisemitismus und eine Zunahme gezielter Bedrohungen gegen jüdische und israelische Einrichtungen.
„Wer als Feind markiert wird“, analysiert die DIG, „gilt nicht mehr als Mensch mit anderer Meinung, sondern als Ziel. Das Ressentiment verschafft sich so die vermeintliche Erlaubnis zuzuschlagen.“
Die Deutsch-Israelische Gesellschaft Würzburg hat zu einer Mahnkundgebung gegen antisemitische Gewalt aufgerufen. Sie soll am Freitag um 17 Uhr, am Unteren Markt in Würzburg stattfinden. Es brauche „klaren Widerspruch – auf der Straße, in politischen Bündnissen und überall dort, wo Antizionismus als legitimer Protest ausgegeben wird“, heißt es in der Einladung.
DIG-Präsident Volker Beck sagte der dpa, er sei schockiert über den Angriff, und forderte eine „rasche und harte Bestrafung“ des Angreifers. „Wer sich als Freund oder Freundin Israels oder als jüdisch erkennbar macht, muss um sein Leben bangen“, sagte Beck. „Das darf nicht mehr toleriert werden und dem Klima, das solche Taten begünstigt, muss von Demokratinnen und Demokraten klipp und klar entgegengetreten werden.“
In einer Stellungnahme verurteilte Würzburgs Oberbürgermeister Martin Heilig (Grüne) den „feigen und menschenverachtenden Angriff in Höchberg auf ein in Würzburg lebendes Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aufs Schärfste“. Er wünsche dem 65-Jährigen „von Herzen eine schnelle und vollständige Genesung“.
Werde ein Mensch „offenbar schon wegen des Tragens eines Israel-Ansteckers angegriffen“, so sei dies ein unerträglicher Angriff „auf unsere demokratischen Grundwerte und unsere offene Gesellschaft“. Für die Würzburger Stadtgesellschaft gelte: „Antisemitismus, Hass und Gewalt haben in Würzburg und unserer Region keinen Platz.“
Die Stadt trete „jeder Form von religiös oder ideologisch motiviertem Hass“ entgegen und stehen an der Seite jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger „sowie aller, die sich für Demokratie und Toleranz einsetzen“.
Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, betonte, er erwarte, „dass die Möglichkeiten des Rechtsstaats zur Ahndung eines solchen Verbrechens vollumfänglich ausgeschöpft werden“. „Dieser Ausbruch brutaler Gewalt geschieht nicht im luftleeren Raum.“ Alle einschlägigen Statistiken belegten eine Verfestigung antisemitischer Vorfälle auf Rekordniveau, so Schuster. Eine Trendumkehr werde Politik und Zivilgesellschaft enorme Anstrengungen abverlangen. Dem Opfer des Angriffs wünschte Schuster eine schnelle und vollständige Genesung.