1. Februar Neues Deutschland
Fussball | Der DFB will die Debatte um einen WM-Boykott im Keim ersticken
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Der DFB will die Debatte um einen WM-Boykott im Keim ersticken
Trotz der Todesfälle in Minnesota ist ein Fernbleiben der Nationalmannschaft für den Deutschen Fußball-Bund kein Thema
Eine echte Kontroverse hat es auf der Präsidiumssitzung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) am Freitag nicht gegeben. So einmütig dort die Vertragsverlängerung von Bundestrainer Christian Wück und seinen Assistentinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak bei den DFB-Frauen bis in den Spätsommer 2029, also inklusive Heim-EM, beschlossen wurde, so geschlossen entschied die Führungsspitze, dass die DFB-Männer an der WM 2026 teilnehmen. Mag der unberechenbare US-Präsident Donald Trump noch so eine aggressive Politik betreiben.
»Das DFB-Präsidium ist sich einig, dass sportpolitische Debatten intern und nicht öffentlich geführt werden. Ein Boykott der Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada ist, wie bereits von DFB-Präsident Bernd Neuendorf öffentlich erklärt, derzeit kein Thema. Der DFB ist in Vorbereitung auf das Turnier mit Vertretern aus Politik, Sicherheit, Wirtschaft und Sport im Austausch«, ließ der Verband nach der Sitzung wissen.
Fußball und Politik sollen klar getrennt werden
Der größte Einzelsportverband der Welt ist der Meinung, dass es sich um eine Scheindebatte handelt, die insbesondere dem Aushängeschild des deutschen Fußballs nur schadet. Neuendorf steht auf dem Standpunkt, dass der Sport, insbesondere die Nationalmannschaft, nicht die Probleme der Weltpolitik lösen kann. Das sei die Lehre aus dem Streit um die Regenbogen-Spielführerbinde bei der WM 2022 in Katar. Nach dem peinlichen Vorrundenaus und der »Mund-zu-Geste« der Spieler stand der DFB auf allen Ebenen als Verlierer da. Sportdirektor Rudi Völler machte gleich bei Amtsantritt klar, Fußball und Politik klar trennen zu wollen.
Ganz in diesem Duktus hieß es nun: »Wir wollen uns im kommenden Sommer in einem fairen Wettkampf mit den anderen qualifizierten Teams messen. Und wir wollen, dass die Fans weltweit im Stadion und auf den Fanmeilen ein friedliches Fest feiern – so, wie wir es bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 im eigenen Land erlebt haben.« Die Diskussion ist also beendet, ehe sie so richtig begonnen hat. Vor allem das harte Vorgehen gegen Einwanderer und die tödlichen Schüsse der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis hatten Oke Göttlich, den politisch meinungsfreudigen Präsidenten des FC St. Pauli dazu veranlasst, vergangenen Montag auf dem DFL-Neujahrsempfang öffentlich zu empfehlen, »nicht zu fahren, aufgrund der jetzigen Situation, wie es sich jetzt in dem Land darstellt«.
Deutschland spielt fast ausschließlich in den USA
Göttlich hatte zudem die »Propagandashow« kritisiert, die Fifa-Präsident Gianni Infantino mit der Verleihung eines Friedenspreises an Trump bei der WM-Auslosung abgezogen hätte. Die USA sind die Herzkammer dieses Mammutturniers. Die deutsche Nationalelf schlägt ihr Quartier in Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina auf und bestreitet bis auf die zweite Vorrundenpartie in Toronto alle WM-Partien in US-Städten.
Das Oberhaupt der Kiezkicker hatte sich für seinen öffentlichen Vorstoß noch im Frankfurter Palmengarten einen Rüffel der versammelten Funktionärsriege eingefangen. Der Zeitpunkt sei »völlig verfehlt«, stellte Neuendorf verärgert fest. Und spitzzüngig schob der ehemalige SPD-Politiker in Richtung des erst vergangenen Sommers ins DFB-Präsidium gerückten Hamburgers nach: »Es ist eine Stellungnahme eines einzelnen Vertreters aus dem Präsidium, der Kollege ist noch nicht so lange dabei.« Ligapräsident Hans-Joachim Watzke äußerte sich ähnlich. Überdies habe es »noch nie eine WM gegeben, die boykottiert worden wäre«, merkte Bayern-Vorstand Jan-Christian Dreesen an.
Glauben an die positive Wirkung des Sports
Auch der vierfache Weltmeister Deutschland wird nicht den Vorreiter geben. Im Gegenteil. »Wir glauben an die verbindende Kraft des Sports und an die weltweite Wirkung, die eine Fußball-Weltmeisterschaft entfalten kann. Unser Ziel ist es, diese positive Kraft zu stärken – nicht sie zu verhindern«, hieß es in dem Statement nach der Sitzung des 16-köpfigen Gremiums. Obwohl die Bundesregierung inzwischen Reisenden zu erhöhter Vorsicht geraten hat, sind aus Deutschland Ticketbestellungen in fünfstelliger Zahl eingegangen – die meisten hinter den Gastgeberländern USA, Kanada und Mexiko. Offenbar ist das Interesse an der WM groß. Trotz Trump.
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