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Samstag, 1. August 2026
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Lage in der Ukraine: Drohnen gegen »russisches Amazon«

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31. Juli
Die Zeit (Politik)

Lage in der Ukraine: Drohnen gegen »russisches Amazon«

Am 18. Juli gerät nach Einschlägen ukrainischer Drohnen in Elektrostal, 50 Kilometer östlich von Moskau, eine Lagerhalle von 230.000 Quadratmetern Fläche in Brand. Der Brand wird vier Tage lang dauern und das zweitgrößte Lager von Wildberries, Russlands größter Online-Versandplattform, zerstören. Es ist der Beginn einer neuen koordinierten Angriffskampagne der Ukraine. Ähnliche Angriffe gab es schon auf Treibstofftransporte in der besetzten Südukraine und auf russische Frachter im Asowschen Meer. Diese Kampagne hat ein Ziel: Wildberries-Lagerhallen in ganz Westrussland. Seitdem haben ukrainische Drohnen zehn Lagerhallen zerstört und fünf weitere beschädigt. Mit mehr als einer Million Quadratmetern Gesamtfläche ist etwa ein Fünftel der Lagerkapazitäten des »russischen Amazon«, wie Wildberries oft genannt wird, vernichtet. Die Sachschäden belaufen sich auf mehr als zwei Milliarden Euro. Schäden in vergleichbarem Ausmaß hat die Ukraine bisher entweder nur dem russischen Militär zugefügt – oder den staatlichen Energiekonzernen, deren Erträge dieses Militär mitfinanzieren. Die Ukraine sieht in dem Konzern ein legitimes Kriegsziel. Die Begründung: Über die Logistikzentren werde das russische Militär unter anderem mit Navigationssystemen und Drohnenkomponenten versorgt, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach dem ersten Angriff mit, ohne das attackierte Unternehmen beim Namen zu nennen. Wildberries sei eine »lebensnotwendige« Komponente der russischen Militärlogistik, sagte Analyst Serhij Kusan vom ukrainischen Thinktank USCC dem Sender BBC. Russische Soldaten oder Freiwillige, die dem Militär mit Sachspenden helfen, könnten dort Ausrüstung kaufen. Und tatsächlich: Mit wenigen Klicks lassen sich auf der Plattform kugelsichere Westen, Militärhelme, FPV-Drohnen finden – oder auch Spezialausrüstung wie kilometerlange, aufgerollte Glasfaserkabel, mit denen Drohnen vor gegnerischen Störsignalen geschützt werden können. Russischen Medienberichten zufolge entfernte Wildberries nach Beginn der Angriffe die Kategorie »Alles für die SMO« von seiner Website. Mit »SMO« ist »Spezielle Militär-Operation« gemeint, wie der Krieg in Russland genannt wird. Die darunter laufenden Waren werden jedoch weiterhin verkauft. Wie wichtig sie für die Versorgung der russischen Truppen sind, ist jedoch eine andere Frage. Der exilrussische Militärexperte Ruslan Lewijew zweifelt die Angaben aus Kyjiw an. So beschwerten sich russische Militärblogger seit Monaten über immer weniger Sachspenden aus der Bevölkerung, auch Soldaten hätten über weniger Hilfe bei der Selbstversorgung geklagt. Für die Front habe dies keinen Effekt gehabt. Die militärische Ausrüstung, die auf Wildberries gekauft werden kann, fülle lediglich eine kleine Nische. In den Augen Lewijews heißt das: Die ukrainischen Attacken auf Wildberries seien genauso illegitim wie frühere, ebenfalls systematische Angriffe Russlands auf Filialen der ukrainischen Post. Auch die seien seinerzeit mit der angeblichen Rolle der Post bei der Versorgung der ukrainischen Truppen begründet worden. Dennoch betrachte er die russischen Attacken als Kriegsverbrechen – und die ukrainischen dementsprechend auch. Ohnehin dürfte der Verkauf von militärisch nutzbaren Gütern über Wildberries nur eine nachrangige Rolle für die ukrainischen Angriffe spielen. Das Unternehmen ist ein Flaggschiff der russischen Wirtschaft. Geführt wird es von Gründerin Tatjana Kim, mit einem Vermögen von sieben Milliarden Euro Russlands reichste Frau. Die Hälfte des russischen E-Commerce-Sektors entfällt auf die Firma, die im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast 70 Milliarden Euro generierte, zwei Drittel mehr als 2024. Wildberries hat nach eigenen Angaben 79 Millionen Kunden und bietet eine Plattform für Hunderttausende Verkäufer im ganzen Land. Der Anteil von Wildberries am gesamten russischen Einzelhandel wird auf bis zu 13 Prozent geschätzt. Die Verkäufer wiederum luden in den vergangenen Wochen vielfach Videos ins Netz, in denen sie verzweifelt über ihre Verluste klagen. Zwar hat das Unternehmen inzwischen Entschädigungen angekündigt, die jedoch nur einen Bruchteil der Verluste decken. Die Regierung will offiziell nichts von Hilfsmaßnahmen wissen – wobei laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters Vorbereitungen für ein Hilfsprogramm laufen sollen. Der Staat nimmt die Angriffe ernst. Und auch Vertreter der Ukraine verbergen nicht, dass sie vor allem Russlands Wirtschaft schaden wollen. Breche Wildberries finanziell ein, würde dies auch Russlands Bankensektor schwer treffen, sagte zuletzt etwa Denys Shtilerman, der Chefentwickler des größten ukrainischen Drohnenherstellers Fire Point. Grund dafür seien die Milliardenkredite, die das Unternehmen bei seinem Wachstum aufnahm, sowie die Rolle der zweitgrößten staatlichen Bank VTB. Diese hatte jüngst eine strategische Partnerschaft mit Wildberries angekündigt. Durch einen Einstieg bei dem Unternehmen will sich VTB Zugang zur Kundenbasis des Konzerns erkaufen, an welche die firmeneigene Wildberries Bank Kleinkredite vergibt. Wie es um die Eigentumsverhältnisse bei Wildberries steht, ist derweil schwierig einzuschätzen. Spätestens seit September 2024 kommt es immer wieder zu Spekulationen, die Firma wecke Interessen bis in die Spitze des russischen Regimes. Damals kam es zu einem Streit zwischen der Gründerin Kim und ihrem damaligen Ehemann Wladislaw Bakaltschuk über eine geplante Fusion. Der Streit eskalierte: Mithilfe 30 Bewaffneter verschaffte sich Bakaltschuk Zugang zum Sitz von Wildberries, es fielen Schüsse, zwei Sicherheitsbeamte wurden getötet. Unterstützung erhielt Bakaltschuk dabei von Ramsan Kadyrow, dem autoritären Machthaber Tschetscheniens und engen Weggefährten von Staatschef Wladimir Putin. Um Vertraute Putins finanziell zu treffen, braucht die Ukraine keine Angriffe auf Lagerhallen – schließlich geschieht dies schon seit Jahren mit den Attacken auf die Anlagen der russischen Rohstoffkonzerne, die von Putin-nahen Geschäftsleuten gesteuert werden. Wahrscheinlicher ist daher eine Art Gießkannentaktik: Ebenso wie durch die von den Angriffen auf den russischen Ölsektor provozierte Treibstoffkrise in Russland soll auch so das Leben der Zivilisten immer mehr vom Krieg betroffen werden. Ein strauchelndes Vorzeigeunternehmen, Hunderttausende finanziell bedrohte Kleinverkäufer und Millionen betroffene Kunden sollen den Grad an Unzufriedenheit mit dem Regime weiter steigern. Das geschieht nicht im luftleeren Raum. Wenige Wochen vor der Parlamentswahl im September sind die Umfragewerte Putins auf einem Tiefpunkt. Repressive Maßnahmen wie die Sperre von Messengerdiensten und Abschaltungen des Mobilfunks tragen ebenfalls nicht zum gesellschaftlichen Frieden bei. Mit bislang unbelegten Gerüchten über eine nahende Mobilmachung unmittelbar nach der Wahl, die von der Ukraine aktiv angeheizt werden, wird die Stimmung in Russland weiter getrübt. Ob das fruchten wird, zweifeln Experten wie der Militäranalyst Lewijew an. Die Angriffe Russlands auf das ukrainische Stromnetz hätten ebenfalls das Ziel gehabt, die ukrainische Gesellschaft zu destabilisieren und den Druck auf die Führung in Kyjiw zu erhöhen – vier Winter nacheinander ohne Erfolg. Ebenso werde es sich jetzt in Russland verhalten. Der Preis wiederum könne hoch sein, warnt Lewijew. Nicht ohne Grund: So haben russische Angriffe auf Frachter im Schwarzen Meer, mutmaßlich eine Antwort auf die ukrainischen Attacken gegen die Versorgung der Krim, den ukrainischen Getreideexport in den vergangenen Wochen nahezu lahmgelegt. Energienetze, Tankstellen, zivile Frachter, Postfilialen, Lagerhallen – die Liste möglicher Ziele für die schleichende Ausweitung der Kampfzone auf den mindestens halb zivilen Sektor beider Länder ist nahezu endlos. Nicht endlos, aber im Wachstum begriffen sind die Möglichkeiten der Ukraine, den Krieg auch auf russisches Gebiet zu verlagern. Stand Mitte Juni hat die Ukraine nach einer Zählung unabhängiger russischer Medien seit Jahresbeginn mindestens 37.756 Drohnen gegen Ziele in Russland eingesetzt. Es sind mehr als in den Jahren 2023, 2024 und 2025 zusammengenommen. 1619 Tage seit Beginn der russischen Invasion Die Zitate: Trumps patriotischer Rückzieher In diesem Juli hat Russland die Ukraine neben Tausenden Drohnen und zahlreichen Marschflugkörpern auch mit 128 ballistischen Raketen attackiert. Nur ein Bruchteil davon konnte abgeschossen werden. Der Grund: Ballistische Raketen kann die Ukraine nur mit Patriot-Abwehrsystemen zuverlässig abwehren. Doch deren Bestände sind knapp. Weltweit werden jährlich weniger als 800 Abfangraketen für die Systeme produziert, bislang nur in den USA. US-Präsident Donald Trump sagte dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj zuletzt zu, Lizenzen freizugeben, damit die Raketen künftig auch in der Ukraine produziert werden können. Nach einem Treffen mit Selenskyj im Weißen Haus schien Trump an den Plänen festhalten zu wollen – doch ließ wenige Tage später überraschend Zweifel an der eigenen Zusage erkennen. So sagte der US-Präsident der Financial Times, er sei noch »nicht sicher«, ob er zu diesem Schritt bereit wäre: Bei der Produktion von Abfangraketen in der Ukraine handelt es sich ohnehin um ein langfristiges Projekt, dessen Umsetzung Jahre dauern könnte. Die Ukraine blickt derzeit jedoch dem Herbst und Winter entgegen, in denen Russland seine Angriffe auf das Stromnetz des Landes erneut ausweiten dürfte. Selenskyj bat Trump daher nach eigenen Angaben um 300 Abfangraketen für den Winter – und verdeutlichte die Dringlichkeit seiner Anfrage: Die wichtigsten Meldungen: Rumänien, Polen, EU Drohnen: Rumänische Kampfjets haben am vergangenen Wochenende an drei Tagen hintereinander russische Drohnen im Luftraum des EU- und Nato-Landes abgeschossen. Nato-Ostgrenze: In Polen ist während russischer Luftangriffe auf die Westukraine ein Flugobjekt abgestürzt. Die polnische Regierung bestätigte Angaben aus Kyjiw, wonach es sich um einen russischen Marschflugkörper handelt. Regierungschef Donald Tusk geht nicht von einem absichtlichen Angriff aus. Unklar ist bislang, warum der Marschflugkörper fast 90 Kilometer weit hinter die ukrainisch-russische Grenze geflogen ist. Asyl: Die EU hat Einschränkungen bei der Aufnahme wehrfähiger Männer aus der Ukraine angekündigt. Dabei werden die vereinfachten Aufnahmeregeln für Flüchtlinge aus der Ukraine für Männer zwischen 23 und 60 Jahren aufgehoben. Sie müssen künftig individuelle Asylanträge stellen. Männer, die bereits einen Schutzstatus haben, verlieren ihn dabei nicht. Die Regierung in Kyjiw hatte die EU zu den Verschärfungen aufgefordert. Das Politikteil - Der Politikpodcast der ZEIT: Die Ukraine im 5. Kriegssommer: »Leute, die Wohnungen suchen und Familie gründen. Das gibt Hoffnung« Die vergangene Folge des Wochenrückblicks finden Sie hier. Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog.

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31. Juli
FAZ (Wirtschaft)

Angriff auf Wildberries: Russlands Onlineversand geht in Rauch auf

Angriff auf Wildberries : Russlands Onlineversand geht in Rauch auf Die russische Internetplattform Wildberries und ihre riesigen Warenlager wurden Ziel ukrainischer Angriffe. Aus einem wachsenden Konzern wird eine Belastung für den Staatshaushalt – und Kleinunternehmer stehen am Abgrund. Die ukrainischen Drohnenangriffe auf Logistikzentren von Wildberries häufen sich. In der Nacht auf Freitag ging ein Lager des größten russischen Online-Marktplatzes in Wolgograd in Flammen auf. Auch eines in Selenodolsk in Tatarstan wurde angegriffen, schon zum zweiten Mal, indes vermutlich erfolglos. Erst am Donnerstag waren Lager im Gebiet Pensa, im udmurtischen Sarapul und in Perm im Ural attackiert worden, Brände brachen aus. Seit die Ukraine am 18. Juli die Serie mit Attacken begann, die das Wildberries-Logistikzentrum in Elektrostal nahe Moskau zerstörten und das in Kotowsk 430 Kilometer südöstlich der Hauptstadt beschädigten, sind etliche weitere Lager mindestens so getroffen worden, dass sie die Arbeit einstellen mussten, so im westrussischen Gebiet Woronesch sowie in Krasnodar und Newinnomyssk in Südwestrussland. Auch aus Sankt Petersburg, wo zwei Lager getroffen wurden, stieg der tiefschwarze Rauch auf, der zu einem apokalyptischen Bild dieses Sommers geworden ist. Die Ukrainer folgen mit ihren Angriffen der Taktik der russischen Aggressoren, die seit Langem die ukrainischen Anbieter Ukrposhta und Nova Post attackieren. Dabei werden immer wieder Zivilisten getötet, wie jetzt auch in Russland. Kiews Streitkräfte begründen das neue, zivile Ziel damit, dass über Wildberries von den Invasoren genutzte Waren wie Schutzwesten, Helme und Glasfaserkabel für Drohnen vertrieben werden. Doch der Chef des ukrainischen Rüstungsunternehmens Fire Point, Denys Schtilerman, hat weitergehende Ziele angedeutet: Er hebt hervor, es gelte, einen „Zusammenbruch des russischen Bankensystems“ zu verursachen. Wildberries sei einer der größten Schuldner des Landes. Insbesondere für die Staatsbank VTB, die ganz auf Wildberries setze, seien Kredite in Höhe von umgerechnet vielen Milliarden Euro „unwiederbringlich verloren“. Ein erschüttertes Geschäftsmodell Tatsächlich erschüttern die Angriffe das Geschäftsmodell von Wildberries zutiefst. Der Konzern handelt mit den Waren Hunderttausender „Seller“, meist kleiner und mittlerer Unternehmer, die den „Marketplace“ (in Russland werden diese Anglizismen gebraucht) für alle Dienstleistungen bezahlen. So dafür, dass die Waren angenommen, aufbewahrt, an ein Netz von im Franchise-System von Kleinunternehmern betriebenen Ausgabepunkten oder direkt an Kunden ausgeliefert und gegebenenfalls zurückgenommen werden. Zwar können die „Seller“ ihre Waren auch selbst aufbewahren und ausliefern. Doch bisher hat Wildberries diese „Fulfillment by Seller“ genannte Option unattraktiv gemacht und das „Fulfillment by Operator“ begünstigt, also durch sich selbst. Der Konzern errichtete dafür rund 25 große „Fulfillment-Zentren“, auf die es die Ukraine nun besonders abgesehen hat. Auch andere Online-Marktplätze wie Wildberries’ Hauptwettbewerber Ozon haben enorme Summen in solche Logistik investiert. Bisher beschränken sich die ukrainischen Angriffe unter den E-Commerce-Akteuren aber auf Wildberries, wiewohl Fire-Point-Chef Schtilerman fordert, sie auf Ozon auszuweiten. Die Attacken verwandeln den Effizienzvorteil in einen Nachteil: In den Hallen werden die Waren, von denen viele selbst leicht entflammbar sind, dicht an dicht in Pappe, Plastik oder Holz verpackt, auf Paletten gelagert. Ein Feuer, wie es durch mit Sprengstoff bestückte Drohnen entsteht, kann sich in den gut belüfteten Gängen rasch ausbreiten. Immer wieder versuchen Fachleute, das Ausmaß der bisherigen Schäden zu schätzen. Mal sollen zehn, dann 14 Prozent der Lagerkapazitäten von Wildberries betroffen sein. Aber die Zahlen veralten sofort, die Angriffe dauern an, die Luftabwehr wirkt lückenhaft. Vermutlich sind die Schäden nicht versichert, das ist für Drohnenattacken nicht üblich. Genauso hält es Wildberries gegenüber seinen „Sellern“: Kurz vor Beginn der Angriffe hat der Konzern in seinen AGB klargestellt, dass man nicht für Schäden durch Drohnen im Sinne einer „höheren Gewalt“ hafte. Wettbewerber wie Ozon zogen nach. Eine Fusion und viele Schulden Um welche Summen es geht, zeigt ein Vorfall aus dem Januar 2024. Damals ging das Wildberries-Lager in Schuschary, Sankt Petersburg, in Flammen auf; es wurde instand gesetzt, fing jüngst aber wieder Feuer, nun nach einer Attacke. Seinerzeit zahlte Wildberries „Sellern“ umgerechnet knapp 360 Millionen Euro Entschädigung, viele klagten gegen die aus ihrer Sicht zu geringe Summe, teils mit Erfolg. Der Vorfall gilt als eine mögliche Erklärung dafür, dass Wildberries im Juli 2024 mit Russ fusionierte, Russlands größtem Anbieter für Außenwerbung. Diesem gehören die Werbetafeln, die dieser Tage in Moskau dazu aufrufen, die Unternehmer, die über Wildberries ihre Produkte verkaufen, „mit einer Bestellung zu unterstützen“. Einer Theorie zufolge half die Führung von Russ Wildberries seinerzeit bei Problemen mit Aufsichtsbehörden und Sicherheitskräften; eine weitere Theorie schrieb der Wildberries-Chefin Tatjana Kim, die seinerzeit noch den Nachnamen ihres damaligen Mannes Wladislaw Bakaltschuk trug, mit dem sie das Unternehmen 2004 gegründet hatte, eine entsprechende Affäre zu. Bald entstand mit Präsident Wladimir Putins Plazet eine neue Gesellschaft mit beschränkter Haftung namens RWB. 65 Prozent der Anteile daran hält eine GmbH von Tatjana Kim, die restlichen eine andere GmbH, die viele mit den mächtigen Kreml-Funktionären Anton Wajno, Alexej Gromow sowie mit dem Unternehmer, Milliardär und Parlamentsoberhausmitglied Sulejman Kerimow verbinden. Das könnte erklären, dass exilrussischen Medienberichten zufolge fast der gesamte 2025 erzielte Gewinn von RWB als „Dividende“ in Höhe von umgerechnet knapp 570 Millionen Euro an diese Struktur abgeführt wurde, während Kims GmbH nichts bekommen habe. Für Aufsehen sorgte seinerzeit, dass Wladislaw Bakaltschuk die Fusion bekämpfte, Rückhalt bei dem gefürchteten Tschetschenen-Herrscher Ramsan Kadyrow fand, im September 2024 mit Bewaffneten zum Moskauer Wildberries-Sitz kam, wo zwei Wachleute erschossen wurden. Dafür, dass Bakaltschuk auf freiem Fuß blieb, dankte er Kadyrow, der seinerseits Kerimow „Blutrache“ schwor, ehe sich die beiden Anfang dieses Jahres öffentlich aussöhnten. Die Ehe der Bakaltschuks wurde geschieden, Tatjana Kim der Ein-Prozent-Anteil ihres Mannes an Wildberries gerichtlich zugesprochen, und RWB setzte voll auf Expansion, kaufte unter anderem die Kosmetikkette Rive Gauche, den Flughafen von Magas in Inguschetien, den Reiseanbieter Fun & Sun, Hotels in der Türkei und Ägypten sowie Anteile an der usbekischen Post. Zudem will der Konzern bis 2030 das mit 398 Metern höchste Gebäude des Moskauer Geschäftsviertels Moscow City bauen. Auf diese Weise wuchsen die Schulden. Ende 2025 hätten die Verbindlichkeiten von RWB bei umgerechnet mehr 14 Milliarden Euro gelegen, berichtet das exilrussische Portal The Bell, davon mehr als 5,4 Milliarden Euro allein bei der VTB. Diese zweitgrößte Staatsbank ist seit Kurzem auch Teilhaber an Wildberries, die größte Staatsbank Sber dagegen beim Wettbewerber Ozon. So soll offenbar eine von Putin geforderte „gerechte Lösung“ in einem Streit zwischen Online-Marktplätzen und Banken aussehen, der dadurch entstand, dass Wildberries und Ozon eigene Banken gründeten und Kunden, die mit deren Karten bezahlten, günstigere Preise gewährten. Hilferufe an die Machthaber Anfang Juni traten Tatjana Kim und VTB-Chef Andrej Kostin bei Putins Internationalem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg dann demonstrativ Hand in Hand auf. Putin selbst pries in seiner Rede dort russische E-Commerce-Plattformen als „Entwicklungstreiber“ auch in Partnerländern. Schon Kerimow soll dem Herrscher die Fusion 2024 damit schmackhaft gemacht haben, dass RWB ein globaler Akteur nach dem Muster von Amazon, Alphabet und Alibaba sei und man zudem ein Bezahlsystem schaffen werde, mithilfe dessen man weltweit mit Rubel bezahlen und den internationalen Zahlungsdienstleister Swift umgehen könne, von dem die meisten russischen Banken mittlerweile ausgeschlossen worden sind. Stattdessen dürfte der Hoffnungsträger Wildberries nun zu einem weiteren Kostgänger des durch den Angriffskrieg ohnehin gebeutelten russischen Budgets werden. Politisch aber dürfte der Boden für die Unterstützung, die infolge der ukrainischen Angriffe nötig wird, durch die Staatsbanken und letztlich die Zentralbank bereitet sein: Die Regierung prüfe Wege, Wildberries und die mit dem Konzern verbundenen Unternehmer zu unterstützen, meldete die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Putins Sprecher bestätigte einen „Dialog“, es gebe aber „noch keine konkreten Entscheidungen“. Auch aus den Reihen der „Seller“ kommen Hilferufe. Anfang der Woche appellierte die Kosmetikunternehmerin Marina Gorschkowa an „die Führung unseres Landes, unsere Beamten“, sich der „sehr kritischen“ Lage anzunehmen. Ein Großteil der Wildberries-Verkäufer habe durch die Brände in den Lagern Verluste erlitten, und wenn ihre Unternehmen schließen müssten, verliere der Fiskus viele Steuereinnahmen, sagte Gorschkowa auf Instagram; die Plattform wird in Russland seit 2022 blockiert und so als Direktvertriebsweg für viele Kleinunternehmer entwertet (was Wildberries zugutekam), aber weiter von vielen über VPN-Umweg benutzt. Kim hatte nach den ersten Attacken angekündigt, die „Seller“ freiwillig, ohne Anerkennung einer Rechtspflicht, zu entschädigen. Ein „Verkaufssimulator“ soll die Summe ausrechnen, die durch eine Veräußerung der Waren erzielt worden wäre. Bald kamen Gutschriften, aber viele Partner von Wildberries waren enttäuscht; manchen wurden bis zu zehn Prozent des Verkaufspreises der Ware gutgeschrieben, vielen weniger. Putins Sprecher pries dennoch die „beispiellose“ Hilfe durch Wildberries, das dazu „de jure“ nicht verpflichtet sei. Die Unternehmerin Gorschkowa, die klagte, allein in drei Wildberries-Lagern seien mehr als 50 Prozent aller ihrer Waren vernichtet worden, hofft nicht auf die Entschädigung. Sondern auf den Staat, der „Seller“ wie sie –„und sei es für ein Jahr“ – von Steuern befreien und die Banken ersuchen solle, Darlehen zu stunden, „damit man sich in Ruhe wieder aufrichten und seine Kredite normal abbezahlen kann“. Geschäftspartner in Not Schätzungen zufolge hangeln sich etwa 60 Prozent der „Seller“ von Kredit zu Kredit, trotz hoher Zinsen; der Leitzins liegt seit Mitte Juni bei 14,25 Prozent. Sie erhielten ihr Geld von Wildberries schon vor den Attacken erst rund einen Monat nach Verkauf ihrer Waren. Der Impuls vieler Unternehmer ist nun, ihre Waren aus den Wildberries-Lagern, die noch nicht zu Zielen geworden sind, zurückzuholen. Früher sei die Rücknahme für eine Gebühr von umgerechnet zwei Euro je Wareneinheit möglich gewesen, jetzt verweigere Wildberries die Herausgabe, klagte Gorschkowa. So geht es vielen. Offenkundig besteht eine Sorge Kims darin, dass Wildberries die Produkte ausgehen. Zugleich zwingen die Angriffe den „Marketplace“ dazu, seine „Logistik rasch umzubauen“, wie Kim ankündigte: Man beziehe „Tausende Sortierzentren im ganzen Land“ ein, leite Warenströme um. Das bedeutet einen Bruch mit dem alten Geschäftsmodell, längere Lieferzeiten, höhere Preise. Für die Russen also auch: noch mehr Inflation.

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31. Juli
Der Spiegel

Wildberries in Russland: Warum die Ukraine Russlands größten Onlinehändler attackiert

Warum greift die Ukraine das »russische Amazon« an? In sozialen Medien werden seit einiger Zeit Bilder und Videos geteilt, die zeigen, wie Lagerhäuser vom Online-Marktplatz »Wildberries« brennen oder zerstört sind. Und das betrifft viele Menschen in Russland: Christina Hebel, SPIEGEL: »Das Unternehmen mit dem pink lilanen Logo – ist überall, auch in Moskau vertreten. Allein hier in meiner Region, in meinem Viertel, sind es sechs dieser Abholpunkte. Und fast jeder Russe und jede Russin bestellen hier alles, was es braucht zum Leben: Zahnpasta, Toilettenpapier, Kleidung.« Etwa die Hälfte des Onlinehandels in Russland läuft über Wildberries. Und in weniger als zwei Wochen hat die Ukraine schon 16 Logistikzentren des Unternehmens attackiert – mit Schäden in Milliardenhöhe. Christina Hebel, SPIEGEL: »All das kostet sehr viel Geld und Wildberries hat jetzt einfach kein Geld, um die Verkäufer für ihre verbrannten Waren zu entschädigen. Das sorgt für Unmut. Wir haben hier in den sozialen Medien unzählige Videos schon gesehen, auf Instagram, auf Telegram, wie Verkäuferinnen und Verkäufer weinend sagen, sie hätten alles verloren und sie wüssten nicht, wie es weitergeht.« Inna Marchenko, Verkäuferin: »Ich habe mein Konto geöffnet und festgestellt, dass alles zerstört worden war. Ich habe mich hingesetzt und bin in Tränen ausgebrochen.« Anna Starostina, Verkäuferin: »Ich rechne gar nicht erst mit einer Entschädigung, weil ich nicht enttäuscht werden möchte. Natürlich würde ich mir eine Form der Entschädigung wünschen.« Christina Hebel, SPIEGEL: »Sie haben das getan an einige wenige Tausende, zehntausende kleinere Unternehmen, die über die Plattformen ihre Waren verkauft haben. Aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.« Also warum macht die Ukraine das? Wolodymyr Selenskyj erklärte, dass sie Infrastruktur zerstören wollen, die wichtig für die Kriegsausrüstung ist. Christina Hebel, SPIEGEL: »Und in der Tat, man kann auf Wildberries zum Beispiel Helme kaufen, was Soldaten auch machen, oder aber auch sogenannte Dual-Use-Güter. Das sind hier zum Beispiel Glasfaserrollen, die für Drohnen gebraucht werden können, die eben halt auch im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden. Allerdings sagen Experten, dass der Anteil dieser Waren, die für den Krieg genutzt werden können, klein ist im Vergleich zu den anderen zivil genutzten Waren.« Also will die Ukraine mit den Wildberries-Attacken wohl mehr bezwecken, als den Russen den Zahnpastakauf oder die Militärausstattung zu erschweren: Christina Hebel, SPIEGEL: »Viele Russinnen und Russen, tun immer noch so, als ob der Krieg sehr weit weg ist. Und ich glaube, das Allerwichtigste ist, dass die Russen und Russland das Gefühl bekommen, dass sie nicht nur schutzlos sind, sondern auch nicht auf Hilfe aus dem Kreml hoffen können. Denn der hat sich bisher sehr bedeckt gehalten, was die Hilfe und Unterstützung der Unternehmerinnen und Unternehmer angeht.«

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30. Juli
Handelsblatt

Ukraine-Krieg: Warum Kiew Russlands Online-Händler Wildberries attackiert

Ukraine-Krieg: Warum Kiew Russlands Online-Händler Wildberries attackiert Rjasan. Riesige schwarze Rauchwolken quellen aus dem Lager des russischen Online-Händlers Wildberries in Rjasan. Augenzeugen filmen, wie Kampfdrohnen auf ihrem Weg zum Ziel durch die Häuserschlucht der Großstadt manövrieren. Vor den rauchenden Ruinen des Lagers klagt eine Frau, Wildberries habe sie trotz des Brandes aufgefordert, ihre Waren auszuladen, ansonsten werde sie bestraft. „Wohin soll ich sie ausladen - etwa direkt ins Feuer“, fragt sie auf ihrem Blog. Das Lager in Rjasan war nach Medienangaben bereits das elfte Logistikzentrum von Wildberries, das die ukrainischen Truppen in weniger als zwei Wochen angegriffen haben. Mindestens acht davon sind mindestens teilweise ausgebrannt. In der Nacht zu Donnerstag setzte die Ukraine ein weiteres Lager in der Region Pensa in Brand. Nach den Angriffen auf Raffinerien stellt Kiew damit nun erneut die Hilflosigkeit der russischen Flugabwehr zur Schau. Milliardenverluste nach Treffern in Großlagern Der Schaden ist gewaltig. Weil die Ukraine vor allem die Großlager traf, sind inzwischen mehr als eine Million Quadratmeter ausgebrannt - etwa 20 Prozent der Gesamtlagerfläche des Unternehmens. Nach Berechnung des unabhängigen Wirtschaftsportals „The Bell“ vernichteten die Flammen - noch vor der Attacke auf Rjasan - allein Lagerräume im Wert von umgerechnet 400 Millionen Euro. Die dort gelagerten und zerstörten Waren hatten noch einmal einen Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro. Für das als russisches Pendant zu Amazon geltende Wildberries sind die Angriffe eine existenzielle Bedrohung. Das Unternehmen versuchte zuletzt mit Hilfe von Krediten massiv zu wachsen, baute die Lagerflächen im Eiltempo aus, gründete eine Online-Bank und ein Reisebüro. Diese Strategie könnte nun zum Bumerang werden. Kiew wirft Wildberries Handel mit Rüstungsgütern vor Doch warum hat die Ukraine Wildberries ins Visier genommen? Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Das ukrainische Militär selbst begründete die Attacken damit, dass auf der Online-Plattform Rüstungsgüter gehandelt würden wie FPV-Drohnen, Glasfaserkabel für deren Steuerung, Panzerplatten und Schutzwesten. Die Version ziehen aber selbst der Ukraine wohlgesonnene Beobachter in Zweifel. Wildberries sei kein militärisches Ziel, sagte der Journalist Wladislaw Gorin in seinem Podcast beim russischen Exil-Medium „Meduza“. Die Argumentation sei mit der Moskaus vergleichbar, als das russische Militär im Winter Kraftwerke in der Ukraine bombardierte, weil die angeblich auch Wärme und Strom für ukrainische Soldaten produzierten, sagte Gorin. Große Schäden mit geringem Einsatz Tatsächlich ist der Anteil der bei Wildberries gehandelten militärischen Güter gering. Wichtiger scheint die wirtschaftliche Komponente. Immerhin ist Wildberries Russlands größter Online-Händler und erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro. Der Gewinn lag bei etwas unter zwei Milliarden Euro - ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Der größte Konkurrent in Russland, Ozon, kam auf gut 50 Milliarden Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn. Etwa die Hälfte des russischen E-Commerce läuft über Wildberries. Mit relativ wenig Aufwand kann die Ukraine russischen Unternehmern damit riesigen Schaden zufügen. Zusammenbrechen wird die Wirtschaft dadurch freilich nicht. Getroffen werden vor allem Klein- und Kleinstunternehmen. Bis zu 400.000 Russen sind als Händler auf der Online-Plattform unterwegs - und erleiden enorme Verluste, die der Internetriese ihnen nur zu einem Bruchteil ersetzt. In den sozialen Netzwerken sind die Klagen groß. Soziale Unzufriedenheit als Druckmittel Kurz vor der Duma-Wahl in Russland ist diese Unzufriedenheit ein Druckmittel, auf das Kiew im Krieg setzt. Das ist zynisch, entspricht aber dem Kalkül Moskaus beim Beschuss ukrainischer Kraftwerke. Die Kehrseite: Die Probleme der Russen spielen für Kremlchef Wladimir Putin nur eine untergeordnete Rolle. Der Machtapparat hat über Medien, Zensur und Sicherheitskräfte genügend Hebel, um Unzufriedenheit zu unterdrücken oder zu kanalisieren. Es könnte Putin eher dazu bewegen, seinerseits den Krieg weiter zu eskalieren. Zielten die Angriffe auf Besitztümer von Putin-Vertrauten? Es gibt noch eine weitere Theorie, warum Kiew ausgerechnet auf Wildberries zielt: 2024 gab es um das 20 Jahre zuvor von einem Ehepaar als Start-up gegründete Unternehmen einen schmutzigen und sogar blutigen Scheidungskrieg. Firmengründerin Tatjana Kim warf ihren Mann Wladislaw Bakaltschuk aus dem Unternehmen. Der verbündete sich nach dem Rauswurf mit dem mächtigen Tschetschenen-Chef Ramsan Kadyrow und wollte mit Bewaffneten ins Hauptquartier von Wildberries eindringen - seinen Angaben nach zu Verhandlungen. Bei der daraus resultierenden Schießerei mit dem Wachdienst kamen zwei Männer ums Leben. Verwandte Themen Kim fusionierte den Konzern anschließend mit der Reklameagentur Russ. Die Fusion musste im Kreml abgesegnet werden - und angeblich sind seither hochrangige Putin-Vertraute wie der Chef der Präsidialverwaltung Anton Waino und sein Stellvertreter Alexej Gromow an Wildberries beteiligt. Offiziell gibt es keine Angaben dazu. Auffällig ist aber, dass der Machtapparat keine Anstalten macht, Wildberries zu Schadenersatz für die bei den Angriffen auf seine Lager ruinierten Kleinunternehmer zu drängen. Stattdessen gab es Lob aus dem Kreml und wohl Überlegungen, dem Unternehmen mit Hilfe einer Staatsbank zu helfen, den Bankrott zu umgehen.

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29. Juli
Handelsblatt

+++ Ukraine-Krieg +++: Selenskyj warnt vor neuem russischem Luftschlag

Sberbank befürchtet Kreditausfälle nach ukrainischen Angriffen auf Online-Händler Russlands größtes Kreditinstitut Sberbank erwägt wegen der ukrainischen Drohnenangriffe auf Lagerhäuser des Online-Handelsriesen Wildberries eine höhere Risikovorsorge. Die Bonität von Online-Händlern und deren Lieferanten habe sich nach den Attacken verschlechtert, teilte die Bank am Mittwoch mit. Rund 300 Unternehmen hätten bereits eine Umschuldung ihrer Kredite beantragt. „Deren finanzielle Lage und der künftige Cashflow haben sich natürlich verschlechtert“, sagte Finanzvorstand Taras Skworzow in einer Telefonkonferenz mit Analysten. „Ziehen wir eine Erhöhung der Rückstellungen in Betracht? Ja, das tun wir.“ Eine Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen. Für Händler auf der Wildberries-Plattform, die von den Angriffen betroffen sind, hat die Sberbank ein Umschuldungsprogramm aufgelegt. Skworzow zufolge geht die Bank davon aus, dass Wildberries und seine Kunden über eine ausreichende Finanzkraft verfügen, um die Störungen zu überwinden. Die Sberbank vergibt Kredite sowohl an Wildberries als auch an den Konkurrenten Ozon, dessen Standorte nicht von der Ukraine angegriffen wurde. Die ukrainischen Drohnenangriffe hatten mindestens sieben Lagerhäuser von Wildberries, das als russisches Pendant zu Amazon gilt, beschädigt und rund zehn Prozent der Lagerkapazität des Unternehmens zerstört. Dies führte zu Betriebsstörungen und Verlusten für Zehntausende kleiner Unternehmen, die ihre Waren über die Online-Plattform verkaufen.

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29. Juli
Der Spiegel (Wirtschaft)

Russland: Sberbank fürchtet Kreditausfälle nach ukrainischen Angriffen auf Online-Händler

Drohnenattacken auf Onlinehändler Sberbank fürchtet Kreditausfälle nach ukrainischen Angriffen Das größte Kreditinstitut in Russland, die Sberbank, erwägt wegen der ukrainischen Drohnenangriffe auf Lagerhäuser des Onlinehandelsriesen Wildberries eine höhere Risikovorsorge. Die Bonität von Onlinehändlern und deren Lieferanten habe sich nach den Attacken verschlechtert, teilte die Bank mit. Rund 300 Unternehmen hätten bereits eine Umschuldung ihrer Kredite beantragt. »Deren finanzielle Lage und der künftige Cashflow haben sich natürlich verschlechtert«, sagte Finanzvorstand Taras Skworzow in einer Telefonkonferenz mit Analysten. »Ziehen wir eine Erhöhung der Rückstellungen in Betracht? Ja, das tun wir.« Eine Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen. Zerstörtes Wildberries-Lager Foto: REUTERSFür Händler auf der Wildberries-Plattform, die von den Angriffen betroffen sind, hat die Sberbank ein Umschuldungsprogramm aufgelegt. Skworzow zufolge geht die Bank davon aus, dass Wildberries und seine Kunden über eine ausreichende Finanzkraft verfügen, um die Störungen zu überwinden. Zehntausende Kleinunternehmen betroffen Die Sberbank vergibt Kredite sowohl an Wildberries als auch an den Konkurrenten Ozon, dessen Standorte nicht von der Ukraine angegriffen wurden. Die ukrainischen Drohnenangriffe hatten mindestens sieben Lagerhäuser von Wildberries beschädigt und rund zehn Prozent der Lagerkapazität des Unternehmens zerstört. Dies führte zu Betriebsstörungen und Verlusten für Zehntausende kleiner Unternehmen, die ihre Waren über die Onlineplattform verkaufen. Das Unternehmen gilt als russisches Pendant zu Amazon. Die Ukraine hatte die Angriffe damit begründet, dass Wildberries das russische Militär beliefere. Ein Manager des führenden ukrainischen Rüstungsproduzenten erklärte diese Woche zudem, der Einzelhändler sei auch wegen seiner wichtigen Rolle in der russischen Wirtschaft ins Visier genommen worden. Die Sberbank, die einen Anstieg des Nettogewinns im zweiten Quartal um 21 Prozent meldete, kann die Folgen möglicher Kreditausfälle auf das Jahresergebnis noch nicht beziffern. Die Bank erwartet für das laufende Geschäftsjahr einen Rekordgewinn. Zugleich senkte sie ihre Prognose für das russische Wirtschaftswachstum 2026 auf null bis 0,5 Prozent, von zuvor 0,5 bis ein Prozent.

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28. Juli
taz (Öko & Co)

Russischer Angriffskrieg: Kriegslogik oder Kriegsverbrechen?

Russischer Angriffskrieg: Kriegslogik oder Kriegsverbrechen? Der wichtigste russische Onlinehändler Wildberries wird immer öfter Ziel ukrainischer Angriffe – um die Kriegslogistik des Kreml zu treffen. Tagelang stiegen riesige grau-schwarze Rauchwolken Hunderte Kilometer weit in den Himmel über der Stadt Elektrostal bei Moskau und an vier anderen Orten. Zehnmal wurde der größte russische Onlinehändler Wildberries allein in der vorigen Woche von ukrainischen Drohnen getroffen. Als „Staatsterrorismus“ hat die russische Führung die wiederholten Angriffe auf die riesigen Warenlager verurteilt. Wieder einmal warf der Kreml der Ukraine vor, was er selbst seit Jahren massiv tut: Angriffe auf zivile Infrastruktur. Doch Wildberries, das als „russisches Amazon“ bezeichnet wird, ist weit mehr als ein Onlinehändler. Die EU hat in ihrem jüngsten, 21. Sanktionspaket am Donnerstag auch jegliche Geschäfte mit der Wildberries Bank untersagt, einer Art Alternative zum internationalen Zahlungsdienstleister Swift. Dazu kommt, dass Wildberries die wohl effizientesten Logistikketten zwischen Kaliningrad und Kamtschatka im Riesenreich aufgebaut hat – die auch für militärische Lieferungen genutzt werden. Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten. „Alles für die SWO“ (wie die Spezielle Militäroperation abgekürzt wird, als die der Kreml seinen Krieg verbrämt) – diese besondere Kategorie für Bestellungen hat Wildberries nach den jüngsten Drohnenangriffen jetzt abgeschafft. Versucht man jetzt, diesen Suchbegriff auf der Website oder in der App einzugeben, kommt die Meldung: „Es wurden keine passenden Artikel gefunden.“ Kriegsausrüstung bestellen, Sanktionen umgehen Aber die gut 200.000 Waren dieser Kategorie bleiben weiter bestellbar. Drohnen sind nach wie vor erhältlich, ebenso Glasfaserkabel (Made in China, da die Ukraine die russische Glasfaserfabrik zerstört hat) und Splitterschutzwesten. Mit den Glasfaserkabeln steuern russische Militärs Drohnen bei Angriffen in der Ukraine. Schutzwesten oder Helme sind nun in der Kategorie „Sport“ einsortiert. Drohnen und Zubehör in der Kategorie „TV, Audio, Foto, Videotechnik“. Wildberries werde auch gezielt zur Umgehung von Sanktionen eingesetzt, sagen Russland-Fachleute in der EU. Produkte von Adidas, Bosch, Philips und andere bekannte westliche Marken werden weiter bei Wildberries angeboten – auch von Firmen, die ihr Russlandgeschäft eingestellt haben. Bei den Angriffen auf Wildberries-Lager wurden laut russischer Medienberichte Waren für über eine Milliarde Dollar vernichtet. Nun tobt ein heftiger Streit, ob der größte Einzelhandelskonzern des Landes Zehntausende kleine Firmen, die Waren über Wildberries vertreiben und in deren Lagern vorrätig halten, entschädigen werden. Verheerende Folgen für die russische Wirtschaft Für die russische Wirtschaft sind die Drohnenattacken auf den Riesenkonzern verheerend: Denn viele Unternehmen im geografisch größten Land der Erde können ihre Produkte ohne einen solch großen Onlinehändler nur lokal vertreiben. Mit der Zerstörung der Vertriebszentren fällt bei ohnehin durch Steuererhöhungen zum Füllen der klammen Kriegskasse gebeutelten Mittelständlern das Geschäft weg. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die getroffenen Lager und Versandzentren seien „zur Versorgung der russischen Armee mit Drohnenkomponenten, Navigationsausrüstung und Militärausrüstung“ genutzt worden. Zuvor waren von der russischen Armee die ukrainischen Logistikkonzerne Nowa Poschta und Ukrposchta mehrfach angegriffen worden, die bis kurz vor die Frontlinie Waren ausliefern. Wildwest bei Wildberries Offiziell gehört Wildberries seiner Gründerin Tatjana Kim, die die Plattform als eine Art elektronischen Flohmarkt 2004 gegründet hatte. Mit der Handelsplattform wurde sie zur reichsten Russin mit einem vom US-Magazin Forbes auf 8,1 Milliarden Dollar geschätzten Vermögen. Und wer in Russland Erfolg hat, bekommt ungewollte Aufmerksamkeit. So wurde Wildberries in Juni 2024 mit dem Außenwerber Russ fusioniert, der dem umstrittenen Oligarchen Suleiman Kerimow zugerechnet wird. Der von Forbes auf 25,7 Milliarden Dollar taxierte, seit März 2022 auf der EU-Sanktionsliste stehende Gold-, Kali- und Medienunternehmer sitzt seit 2008 für seine Heimatregion Dagestan als Senator im russischen Oberhaus (Föderationsrat). Zuvor hatte sich der für seine besondere Brutalität bekannte Ramsan Kadyrow, Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien, in den Übernahmekampf eingemischt. Im September 2024 kam es – ganz wie in den „wilden“ 1990ern des Umbruchs in Russland – im Moskauer Hauptquartier von Wildberries zu einem tödlichen Schusswechsel zwischen Wachleuten und bewaffneten Angreifern. Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. 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