Deep Read: Porsche-Chef macht für größeren Jobabbau Zugeständnisse – und bringt VW in die Bredouille
Der riskante Deal des Porsche-Chefs
Stuttgart, Düsseldorf. Kurz sind die Wege bei Porsche
Am Mittwoch kommt der Porsche-Aufsichtsrat zusammen, um über ein zweites Zukunftspaket des Autobauers zu entscheiden. Für den neuen Porsche-Chef Michael Leiters, erst seit diesem Jahr in dieser Funktion, geht es um nichts weniger als eine Vollsanierung: Tausende Stellen soll er bei Porsche abbauen – zusätzlich zu den 3900 Jobs, die noch sein Vorgänger Oliver Blume zur Streichung freigegeben hatte.
Für Leiters könnte es die wohl wichtigste Sitzung seiner noch jungen Amtszeit werden. Und doch birgt sie einiges an Konfliktpotenzial.
Große Zugeständnisse an Mitarbeiter
Nach Informationen des Handelsblatts aus Konzernkreisen plant der Porsche-Chef, den Arbeitnehmern weit entgegenzukommen. So soll die Beschäftigungssicherung für die deutschen Standorte bis Ende 2035 verlängert werden.
Zudem dürfte weitgehend auf Eingriffe in tarifliche Leistungen verzichtet werden. Die sogenannte Steinkühlerpause, die auf den ehemaligen IG-Metall-Gewerkschafter Franz Steinkühler zurückgeht und Bandarbeitern pro Stunde fünf Minuten zur Erholung und drei Minuten für den Toilettenbesuch erlaubt, soll unangetastet bleiben.
Auch könnte die zuletzt restriktiver gehandhabte Homeoffice-Regelung wieder stärker gelebt werden. Sie soll Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis zu acht Tage mobiles Arbeiten im Monat erlauben, bislang sind zwölf Tage möglich. Leiters hatte die Option zum Homeoffice zuletzt jedoch deutlich eingeschränkt.
Im Gegenzug wäre die Arbeitnehmerseite bereit, einen deutlich tieferen Personalabbau mitzutragen, heißt es. Aus Konzernkreisen ist zu hören, dass Leiters dabei mehr anstrebe als die zuletzt diskutierten rund 4000 zusätzlichen Stellen, die gestrichen werden sollen.
Noch ist das Paket nicht beschlossen. Aus Unternehmenskreisen heißt es, Leiters habe in den vergangenen Tagen zahlreiche Einzelgespräche mit Aufsichtsräten führen müssen, um seinen Kurs näher zu erläutern. Die Abstimmung gilt intern als offen, einzelne Punkte könnten noch verändert werden.
Sosehr der Porsche-Chef die Arbeitnehmer auf seine Seite ziehen konnte, hat er dabei einen Aspekt offenbar unterschätzt – die Wechselwirkungen mit dem Volkswagen-Konzern
Gefährliche Wechselwirkung mit Volkswagen
Im Porsche-Aufsichtsrat sitzen nicht nur Vertreter der Familien Porsche und Piëch, sondern auch Spitzenmanager des Volkswagen-Konzerns. In beiden Lagern dürfte der Deal, der Leiters vorschwebt, nicht unbedingt auf Wohlwollen stoßen. Auch weil die Aufsichtsräte beantworten müssten, welche Folgen eine Standortsicherung bis Ende 2035 für die laufenden Sanierungen bei Volkswagen und Audi bedeuten würde.
Aus Arbeitnehmerkreisen im Konzern ist bereits eine klare Bewertung zu hören: „Eine Standortgarantie bis 2035 fänden wir natürlich auch gut.“ Für den Sparkurs von Oliver Blume wären solche Forderungen hochgefährlich. Was Leiters bei Porsche den Rücken stärkt, könnte seinem Vorgänger im Volkswagen-Konzern zum Problem werden.
Die Wechselwirkung mit Volkswagen reicht bis in strategische Fragen: Ein Porsche 911 kann wegen seines hohen Verkaufspreises auch bei geringeren Stückzahlen hohe Erträge liefern. Doch dieses Ertragsmodell aus dem Luxussegment lässt sich auf Konzernebene kaum übertragen. Für Massenmodelle von Volkswagen oder Audi ist ein Rückzug in die Exklusivität keine Option.
Doch auch bei Porsche stehen in der Produktplanung wichtige Entscheidungen noch aus, etwa zur Zukunft des ersten Elektromodells, des Porsche Taycan oder verschiedener Derivate. Deshalb will Leiters die Personalfrage schnell geklärt haben, um sich solchen Zukunftsfragen zu widmen.
Am 7. Oktober will der Porsche-Chef beim Kapitalmarkttag seine „Strategie 2035“ vorstellen. „Wir werden greifbar machen, wohin wir uns entwickeln“, kündigte er bereits zur Hauptversammlung im Juni an. Ziel ist eine operative Rendite zwischen zehn und 15 Prozent. Das frühere Ideal von 20 Prozent hat Porsche nun aufgegeben.
Bis Oktober soll möglichst auch die neue Führungsmannschaft stehen. In den vergangenen Wochen und Monaten zeigte Leiters bereits, was für ihn „Kopffreiheit“ auch heißt: ein schlankeres Unternehmen, vor allem an der Spitze.
Misstrauen und Angstkultur
Zuerst trennte er sich vorzeitig vom langjährigen Designchef Michael Mauer und ersetzte ihn durch Tobias Sühlmann, einen Weggefährten aus McLaren-Zeiten. Dann löste Porsche das unter Blume geschaffene Car-IT-Ressort auf, Vorstand Sajjad Khan musste gehen. Produktionschef Albrecht Reimold soll zum 1. September ebenfalls das Unternehmen verlassen, mehrere Monate vor Ablauf seines Vertrags. Wer sein Nachfolger wird, dürfte am Mittwoch klar sein.
Inzwischen erreicht der Umbau auch die Ebenen unterhalb des Vorstands. Im Vertrieb wurden Regionen zusammengelegt und Führungspositionen gestrichen: Drei Topmanagerinnen verloren ihre bisherigen Funktionen.
Vor Kurzem verkündete das Unternehmen in einer internen Mitteilung, dass auch Finanzmanagerin Kerstin Hess zum 1. August Porsche verlässt. Die von ihr geleitete Hauptabteilung wird aufgelöst. Aufgebaut hatte sie noch der damalige Finanzchef Lutz Meschke. Hess galt als enge Vertraute des streitbaren Ex-Porschianers.
Im Topmanagement hat Leiters damit vorgelegt. „So kann er zeigen, dass er handelt“, sagt ein Unternehmensinsider. Andere Führungskräfte sprechen von Misstrauen, manche sogar von einer Angstkultur. Entscheidungen würden in kleinen Kreisen vorbereitet und anschließend rasch vollzogen. Jeder könnte der Nächste sein.
Wie nötig tiefe Einschnitte bei Porsche sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Im ersten Halbjahr lieferte der Sportwagenbauer 122.306 Fahrzeuge aus, 16 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Schnelle Erholung ist nicht in Sicht.
Demnächst läuft die Produktion von Verbrennermodellen wie beim Macan aus – eine Erblast der zu optimistischen Elektrostrategie von Vorgänger Blume. Die Elektroversion des Modells hat bislang nicht wie gewünscht Ersatz geschaffen.
Auch alle Werke und Organisationseinheiten, einst auf bis zu 400.000 Autos unter Blume ausgerichtet, müssen sich auf ein Volumen in Richtung 200.000 orientieren. Leiters setzt auf weniger Modelle und Varianten, schlankere Strukturen und mehr Ertrag je Fahrzeug.
Besonders dramatisch ist die Lage in China. Dort wurden nur noch 14.501 Autos im ersten Halbjahr verkauft, rund ein Drittel weniger als ein Jahr zuvor. Setzt sich der Trend fort, dürfte Porsche auf dem größten Automobilmarkt deutlich unter 30.000 Auslieferungen bleiben. Vor wenigen Jahren zielte das Unternehmen in China noch auf mehr als 100.000 Fahrzeuge. Intern sprechen Manager inzwischen nur noch von einem „Liebhabervolumen“. Entsprechend wird das Vertriebsnetz gerade zurückgebaut.
Schon das Renditeziel von zehn bis 15 Prozent ist damit anspruchsvoll. Porsche musste Teile seiner Elektrostrategie zurückdrehen, hohe Abschreibungen belasten das Ergebnis. Zölle verteuern das US-Geschäft, anders als BMW und Mercedes verfügt Porsche dort über kein eigenes Werk.
Der Sonderweg aus Zuffenhausen
Den Arbeitnehmern um Gesamtbetriebsratschef Ibrahim Aslan ist der Ernst der Lage bewusst. Doch auch der Betriebsrat muss den wachsenden Frust auffangen. Der entlud sich am 9. Juli, als die IG Metall an deutschen Konzernstandorten zu Protesten aufgerufen hatte. Porsche-Beschäftigte blockierten zunächst den Kreisverkehr vor der Zentrale und skandierten: „Solidarität gewinnt.“ Solche Bilder sah man bei Porsche bislang höchst selten.
Die Belegschaft ist an hohe Gewinne, Sonderzahlungen und weitreichende Sicherheiten gewöhnt. Nach internen Angaben verdienen rund 40 Prozent der Beschäftigten mehr als 100.000 Euro im Jahr. Nun fürchten Tausende um ihre Arbeit. Für 2025 gibt es erstmals seit Jahren keine Sonderzahlung.
Eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2035 würde zumindest jenen Perspektive geben, die nach dem Stellenabbau im Unternehmen bleiben. Der Tausch – weniger Beschäftigte gegen mehr Sicherheit – ist in der deutschen Autoindustrie nicht unüblich. Ungewöhnlich ist jedoch die Laufzeit. Bei VW gilt eine Jobgarantie bis Ende 2030, bei Audi sogar bis 2033.
Der Autozulieferer Mahle hat gerade nach Abschluss eines Abbauprogramms einen Kündigungsschutz bis 2029 vereinbart, aber die für 2026 vorgesehene tarifliche Lohnerhöhung verschoben und damit insgesamt auf über sieben Prozent ihres Bruttolohnes verzichtet. Geht Leiters’ Langzeitplan durch, würde sich Porsche an die Spitze der Industrie setzen – und das in einer Phase, in der niemand seriös vorhersagen kann, wie viele Fahrzeuge das Unternehmen 2035 noch baut.
In Wolfsburg blickt man deshalb besonders kritisch auf Zuffenhausen. Der Porsche-Stammsitz zählt nach Angaben aus Konzernkreisen zu den teuersten Produktionsstandorten im gesamten VW-Verbund. Enge Platzverhältnisse, kleinteilige Strukturen und hohe Personalkosten machen die Fertigung aufwendig. Auf Porsche-Seite argumentiert man, der Sportwagenbauer könnte durch den Stellenabbau seine Kostenbasis deutlich senken.
Das Dilemma der Eigentümerfamilien
Normalerweise wird ein Paket, auf das sich Vorstand und Arbeitnehmerseite verständigt haben, im Aufsichtsrat nicht mehr grundsätzlich aufgeschnürt. Diesmal tut sich ausgerechnet die Kapitalseite schwer. In Kreisen der Familien Porsche und Piëch gelten langfristige Standortgarantien als kaum noch zeitgemäß. Leiters müsse da „aufpassen“, hieß es zuletzt aus deren Umfeld. Ein ernster Warnschuss.
Wolfgang Porsche führt den Aufsichtsrat der Porsche AG und sitzt ebenso wie Hans Michel Piëch und Oliver Porsche im Kontrollgremium des Volkswagen-Konzerns. Die Familien waren maßgeblich an Leiters’ Berufung beteiligt und stehen deshalb vor einem Dilemma: Lehnen sie sein Paket ab, wäre das ein Affront, den sie sich eigentlich nicht leisten können. Stimmen sie zu, müssen sie erklären, warum bei Porsche andere Maßstäbe gelten als in anderen Teilen des Konzerns. Von einem „problematischen Präzedenzfall“ für das Sparprogramm bei VW ist schon die Rede.
Zugleich vertreten VW-Finanzchef Arno Antlitz und Volkswagen-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch im Porsche-Aufsichtsrat die Interessen des Gesamtkonzerns. Volkswagen-Managerin Hauke Stars sitzt nicht nur im Aufsichtsrat von Porsche, sondern auch von Audi. Damit werden die Probleme aus Wolfsburg und Ingolstadt zum Elefanten im Raum der Porsche-Sitzung am Mittwoch. So soll Pötsch nach Angaben aus Konzernkreisen genau beobachten, wie sich die Familien positionieren. Noch sei offen, ob sie Leiters stützen oder auf Nachverhandlungen drängen.
Wie eng Personal- und Produktfragen zusammenhängen, zeigen interne Produktionsszenarien. Demnach könnten zusätzliche Modelle die Produktion in Leipzig künftig auslasten. Noch in diesem Monat läuft in Sachsen die Fertigung des Verbrenner-SUV Macan aus.
Eine Verlagerung des Cayenne aus Bratislava, wie zuletzt in Berichten kolportiert, gilt wegen der höheren Kosten in Leipzig jedoch als schwierig. Auch ein Umzug des Taycan von Zuffenhausen nach Leipzig wäre politisch heikel. Erwägt wird deshalb auch andere Modelle in die Porsche-Fertigung nach Sachsen zu holen. Noch sind es Prüfaufträge und keine Beschlüsse – aber sie zeigen, welche Folgeprobleme eine Standortgarantie bis 2035 mit sich brächte.
Auch beim Modellprogramm fehlen einfache Lösungen. In den elektrischen Nachfolger von Boxster und Cayman sind bereits mehrere Hundert Millionen Euro geflossen. Ein Abbruch brächte Abschreibungen, eine Fortsetzung erforderte weitere Investitionen bei unsicheren Absatzchancen. Zudem will Audi auf der Plattform seinen Hoffnungsträger Concept C bauen. Auch hier ist Leiters’ Bewegungsfreiheit begrenzt.
Leiters muss daher möglichst vor dem Kapitalmarkttag Klarheit über das Personalpaket schaffen. Eine Vertagung wäre nicht automatisch ein Scheitern. Sie würde jedoch zeigen, dass seine Sanierung politisch komplizierter ist als der Austausch einzelner Manager. Ohne belastbare Verständigung mit Arbeitnehmern und Eigentümern fehlte seiner „Strategie 2035“ ein entscheidendes Fundament.
An der Börse scheint das Vertrauen ohnehin schon angeknackst. Die Porsche-Aktie liegt rund 45 Prozent unter ihrem Ausgabepreis. Zugleich wetten so viele Investoren wie bei keinem anderen europäischen Autobauer auf weiter fallende Kurse. Rund jede vierte frei handelbare Aktie ist nach Daten der Bank of America leer verkauft.
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So kurz die Wege zwischen Stammwerk, Konzernzentrale und Eigentümerholding auch sein mögen – wie viel „Bein- und Kopffreiheit“ Michael Leiters auf diesen wenigen Hundert Metern wirklich hat, dürfte sich nach diesem Mittwoch zeigen.
Erstpublikation: 21.07.2026, 15:53 Uhr.