22. Juli FAZ (Wirtschaft)
In der Krise: Gläubiger zerschlagen Varta
In der Krise : Gläubiger zerschlagen Varta
Der angeschlagene Batteriehersteller Varta wird in Einzelteile gespalten. Die Hauptgläubiger um die Deutsche Bank wollen sich die profitable Sparte Haushaltsbatterien sichern. Es ist das Ende aller Natrium-Ionen-Pläne.
Die Rettung des Batterieherstellers Varta ist endgültig gescheitert. Die Deutsche Bank und die drei in London sitzenden Investmentfonds Blantyre, Bluebay und Whitebox als Hauptgläubiger haben sich am Mittwochmittag entschieden, ihre Rechte aus den Finanzierungsvereinbarungen geltend zu machen: Sie gliedern den Geschäftsbereich Haushaltsbatterien aus und suchen eine neue Eigentümerstruktur für das Unternehmen.
Als Grund führen die Gläubiger „einen operativen Liquiditätsbedarf im mittleren zweistelligen Millionenbereich“ an, „verbunden mit erheblichen Kapitalmaßnahmen, die umgesetzt werden müssen, um den Betrieb nachhaltig“ fortzuführen. „Trotz intensiver Gespräche mit allen Stakeholdern ist von keiner Seite eine Zusage zur Bereitstellung der erforderlichen zusätzlichen Finanzmittel eingegangen“, sagte ein Sprecher der Ad-hoc-Gläubigergruppe um Blantyre, Deutsche Bank, RBC Bluebay und Whitebox.
Aktionäre verloren Anteile
Damit enden auch die Versuche von Varta-Chef Michael Ostermann, den Konzern zusammenzuhalten, um mit dem Wissen aus allen Sparten des Herstellers eine Natrium-Ionen-Fertigung aufzubauen. In die Krise gerutscht ist Varta im Herbst 2022, weil das Unternehmen vor allem auf wiederaufladbare Knopfzellen für Apple setzte. Das Unternehmen nahm Schulden auf, baute die Produktion in großem Maße aus. Als sich Apple dann aber entschied, einen zweiten Zulieferer zu suchen, brachen die Abrufe bei Varta ein. Das Unternehmen wurde im Rahmen des Gesetzes über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen (StaRUG) neu aufgestellt. Dabei verloren alle bisherigen Aktionäre einschließlich Mehrheitsaktionär Tojner ihre alten Anteile.
Die neuen Probleme begannen im November 2025. Durch den schwächeren Dollarkurs brachten die Geschäfte mit Apple, die Varta in Dollar abrechnete, weniger Geld in die Kasse. Das Unternehmen riss beim Gewinn (Ebitda) die Finanzierungsverpflichtungen („Covenants“). Hinzu kam im Frühjahr ein zweiter Covenant-Verstoß – und zwar in der Prognose, dass die langfristige Finanzierung von Varta, wie sie im StaRUG-Verfahren festgelegt war, stark gefährdet sei, weil Apple zwischenzeitlich angekündigt habe, die Bestellungen bei Varta ganz einzustellen. Die Investmentgesellschaften und die Deutsche Bank hatten wegen der Covenant-Verstöße seitdem die Möglichkeit, ihre Sicherheiten zu verwerten, was sie mit dem aktuellen Schritt nun getan haben.
Allswiss wollte Varta stabilisieren
Im Juni hatte die Schweizer Allswiss-Gruppe noch versucht, genau das zu verhindern und Varta als Ganzes zu erhalten. Der Investor erklärte, die gesamten Schulden der Gläubiger in Höhe von 298 Millionen Euro zum Nominalwert übernehmen zu wollen, um den Hersteller zu stabilisieren und den Lithium-Ionen-Plan doch noch umzusetzen. Zuletzt hatte Allswiss-Gründer Pino Sergio die Landesbank Saar gewonnen, die in einem Brief zugesichert hatte, die finanztechnische Begleitung der Transaktion zu übernehmen. „Als Ergebnis können wir festhalten, dass das von ihnen vorgesehene Projekt Forderungskauf der Gläubiger der Varta AG gegen Überlassung gestellten Sicherheitenpakete für uns schlüssig nachvollziehbar ist, besonders vor dem Hintergrund, welche Zukunftsperspektive sich für die Varta-Gruppe als nationaler Player auf dem europäischen Markt für Batterien und Speicher ergeben wird“, heißt es in dem vom Vorstandsvorsitzenden der Bank, Jochen Sutor, unterschriebenen Brief. Direkte Verhandlungen zwischen Allswiss und den Gläubigern über den Kauf der Forderungen waren aber trotzdem nicht mehr zustande gekommen.
In einer ersten Reaktion auf die Entscheidung der Hauptgläubiger griff Allswiss die Deutsche Bank und die drei Investmentfonds scharf an. „Wer die vollständige Rückzahlung nach eigenen Worten begrüßen würde und zugleich jedes Gespräch darüber ablehnt, will nicht verkaufen, sondern verwerten — auf Kosten des Unternehmens, seiner Beschäftigten und der übrigen Gläubiger“, sagte Allswiss-Gründer Pino Sergio der F.A.Z. „Wir haben die Gläubigergruppe und den Sicherheitentreuhänder heute schriftlich aufgefordert, die eingeleiteten Schritte zur Verwertung der Sicherheiten und zur Zerschlagung der Gruppe einzustellen und uns bis Freitag mitzuteilen, zu welchen Bedingungen sie zum Verkauf der Forderungen bereit sind.“
In das Ringen um den Batteriehersteller haben sich seit einigen Tagen auch die Landesregierung Baden-Württemberg und die Landesregierung des Saarlands eingeschaltet. Südwest-Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sprach unter anderem mit dem Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Ziel sei es, Varta als Ganzes zu erhalten, um das industrielle Potential für den Standort zu nutzen, hieß es im Ministerium. Der saarländische Wirtschaftsminister Jürgen Barke (SPD) vermittelte Allswiss den Kontakt zur Landesbank Saar.
Auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hatte das Thema auf seinem Schreibtisch, er ist von mehreren Seiten auf die drohende Gefahr einer Varta-Zerschlagung hingewiesen worden. Für das Institut und die drei Investmentgesellschaften könnte sich die Zerschlagung nun als sehr lukrativ herausstellen, weil sie sich die Sparte Haushaltsbatterien sichern. Der Geschäftspreis hat 2025 ein Ergebnis von 65 Millionen Euro erwirtschaftet. Bei einem Verkaufspreis zwischen dem Fünf- und Siebenfachen des Gewinns könnten die Gläubiger zwischen 325 und 455 Millionen Euro erlösen, was eine sehr gute Rendite wäre, da sie nur mit einem Bruchteil des Nennwertes ihrer Darlehen eingestiegen sind.
Während die britischen Fonds offenbar von Anfang an auf diese Lösung spekulierten, ist sie für die Deutsche Bank eine argumentative Herausforderung. Am Dienstag erst hat Sewing eine Zwischenbilanz der von der Deutschen Bank mit angestoßenen Initiative „Made for Germany“ gezogen. Das Ziel: die Stärkung des Industriestandorts Deutschland.