Fast Fashion: Kann die EU die Textilflut bremsen?
Keine Neuware im Textilmüll mehr:Fast Fashion: Kann die EU die Textilflut bremsen?
von Arlette Geburtig
Billigmode landet vermehrt im Altkleider-Container und Recycling funktioniert nicht immer. Neue EU-Regeln sollen die Branche nachhaltiger machen. Was Experten noch fehlt.
Rund sieben Millionen Tonnen Altkleider sind 2020 laut der Europäischen Umweltagentur in Europa angefallen, gleichzeitig überschwemmt immer mehr Billigmode aus Asien den Markt. Mit neuen Regeln will die Europäische Union (EU) die Textilindustrie nachhaltiger machen.
Für große Unternehmen gilt ab dem 19. Juli 2026 ein Vernichtungsverbot für unverkaufte Neuware. Schätzungen der EU-Kommission zufolge werden jedes Jahr vier bis neun Prozent der unverkauften Kleidung vernichtet. Ab spätestens April 2028 sollen Hersteller EU-weit zudem die Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling ihrer Produkte mittragen.
Für Waren außerhalb der EU fällt eine neue Zollgebühr von drei Euro pro Produkttyp an. Die EU reagiert auf täglich rund 16 Millionen Pakete von Billiganbietern wie Shein, Temu oder AliExpress.
01.07.2026 | 1:40 minQualitätsverlust bei Kleidung verschärft das Problem mit Textilmüll
Ob nie verkauft oder schnell aussortiert, zu viele Textilien werden zu Abfall. Beim Textilverwerter Texaid im thüringischen Apolda werden jedes Jahr Tausende Tonnen Altkleider sortiert. Geschäftsführer Thomas Böschen beobachtet seit Jahren einen deutlichen Qualitätsverlust.
Wenn ein T-Shirt weniger kostet als ein Kaffee, dann ist die Wertigkeit einfach nicht gegeben.
Thomas Böschen, Textilrecycling-Unternehmen Texaid
Viele der extrem günstigen Kleidungsstücke seien nach kurzer Zeit verschlissen und kaum noch weiterverwendbar.
Der Onlinehandel boomt, und es gibt immer mehr Retouren. Hinter den Kulissen arbeiten Händler daran, benutzte und defekte Artikel wieder fit zu machen. Wie nachhaltig ist das?
09.01.2022 | 28:35 minAltkleider als Second Hand seltener wiederverwendet
Das zeigt sich auch in den Zahlen: Während bis etwa 2018 noch rund 60 bis 65 Prozent der gesammelten Altkleider als Second-Hand-Ware weiterverwendet werden konnten, sind es laut Fachverband Textilrecycling des Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) 2023 nur noch 44 Prozent.
Weitere 35 Prozent werden beim sogenannten Downcycling zu Putzlappen, Dämm- oder Vliesmaterial verarbeitet, 21 Prozent müssen inzwischen verbrannt werden.
Decathlon ist die Nummer Eins der Sportartikel-Discounter - und legt Wert auf Nachhaltigkeit. Aber kann ein Rucksack für 13 Euro nachhaltig sein?
12.10.2025 | 44:06 minKreislaufwirtschaft: Fast-Fashion-Kleidung kaum recyclebar
Für Henning Wilts, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut, beginnt das Problem, lange bevor ein Kleidungsstück im Altkleidercontainer landet. Viele Textilien bestehen heute aus Mischgeweben, Kunstfasern, Beschichtungen und anderen Materialkombinationen, die sich nur schwer wieder trennen lassen.
Wir brauchen andere Produkte. Den Müll, der uns da angedreht wird, den kann man auch nicht sinnvoll recyceln.
Henning Wilts, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut
Zwar wird häufig über Recycling gesprochen, tatsächlich kann bislang aber nur ein kleiner Teil der Alttextilien so recycelt werden, dass daraus wieder neue Kleidung entsteht. Das sogenannte Faser-zu-Faser-Recycling funktioniert vor allem bei hochwertigen und möglichst sortenreinen Materialien.
Dabei scheitert es nicht allein an der Technik. Moderne Sortierverfahren, KI-gestützte Systeme und neue Recyclingverfahren existieren bereits. "Das ist alles da. Es rechnet sich halt zurzeit nur überhaupt nicht", so Wilts. Weil Recyclingfasern und gebrauchte Kleidung derzeit oft weniger wert sind, als ihre Aufbereitung kostet.
Plastik ist überall, auch in den Ozeanen. adidas bewirbt einen teilweise aus Meeresplastik gefertigten Schuh. Das große Ding in Sachen Nachhaltigkeit oder nur Greenwashing?
07.04.2024 | 29:10 minNeue EU-Regeln: Hersteller sollen stärker in die Pflicht
Genau hier setzt die geplante Herstellerverantwortung an. Uwe Feige, Vizepräsident des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), hält sie für dringend notwendig.
Produktion, Verwertung und Recycling werden immer noch komplett getrennt gedacht und nicht als zusammenhängender Kreislauf.
Uwe Feige, Vizepräsident des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU)
Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft müsse laut Feige schon bei der Produktentwicklung berücksichtigt werden, wie ein Textil später wiederverwendet oder recycelt werden kann.
Dafür brauche es mehr Transparenz über die Materialzusammensetzung, digitale Produktpässe und Anreize für besser recycelbare Produkte. Auch Wilts sieht darin einen wichtigen Hebel. Künftig könnten Textilien, die sich leicht recyceln lassen, geringere Gebühren zur Finanzierung von Sammlung und Recycling verursachen.
In Griechenland ist Anfang Juli nahe Thessaloniki ein Brand in einer Recyclinganlage und einer Textilfabrik ausgebrochen. Dichter Rauch hüllte weite Teile der Stadt ein. Nahegelegene Häuser wurden evakuiert.
05.07.2026 | 0:21 minBranche kritisiert Bürokratie bei neuen EU-Vorgaben
Grundsätzlich unterstützt auch die Textilindustrie das Ziel einer Kreislaufwirtschaft. So sieht der Leiter für Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz beim Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie, Jonas Stracke, Schwächen bei der Umsetzung: "Die Regulierung ist gut gedacht, vielleicht schlecht bei der Umsetzung gemacht."
Unter Ultra Fast Fashion versteht man ein Geschäftsmodell der Modebranche, bei dem Unternehmen wie Shein oder Temu neue Modetrends in kürzester Zeit und zu sehr niedrigen Preisen auf den Markt bringen. Die Kollektionen wechseln ständig und orientieren sich an aktuellen Trends aus sozialen Medien.
Viele Unternehmen hätten künftig mehr Verwaltungsaufwand, weil sie Art, Materialzusammensetzung und Recycelbarkeit ihrer Textilien dokumentieren müssten. Gleichzeitig müsse verhindert werden, dass sich Ultra-Fast-Fashion-Anbieter aus Drittstaaten ihrer Verantwortung entziehen, während europäische Hersteller die Kosten tragen, erläutert Stracke.
Trainingsanzüge - früher einfach Sportkleidung, heute Modestatement, auch auf der Straße. Versehen mit viel Glitzer und Glamour. Der neue Look hat aber auch seine Schattenseiten.
04.08.2024 | 28:41 minEU-Regeln gegen Textilmüll: Kontrolle entscheidet über Erfolg
Mit den neuen Vorgaben will die EU die Textilbranche stärker in Richtung Nachhaltigkeit lenken und Hersteller stärker in die Verantwortung nehmen.
Doch Experten bemängeln: Allein werden die neuen Regeln die Altkleiderkrise nicht lösen. Entscheidend wird sein, ob sie konsequent umgesetzt und kontrolliert werden - und ob auch Ultra-Fast-Fashion-Anbieter tatsächlich in die Pflicht genommen werden.
Arlette Geburtig ist Redakteurin in der ZDF-Umweltredaktion.
Zirkuläres Bauen für Häuser:Zweites Leben für alte Türen und Beton auf der Bauteilbörse
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